Freitag, 30. Juni 2017

Heiraten, Scheiden und Schulabschluss

Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften
Seit mehr als zehn Jahren betreut Zuza Speckert die Rubrik «Just married» der NZZ am Sonntag. Sie schreibt über Frauen und Männer, die sich das Ja-Wort gaben. Die frisch Vermählten trifft die Hochzeitsreporterin meistens am Ort des Geschehens: Im Zürcher Stadthaus wartet die Journalistin auf Brautpaare, die glücklich aus dem Heiratszimmer stürmen.

Liebe und Ja-Wort
Die Rubrik «Just married» wird gerne gelesen. Es sind keine Fake-News, keine Kopfgeburten von Autoren, sondern wahre Liebesgeschichten aus dem Leben – alle mit Foto versteht sich. „Sozial und kulturell verbleiben Hochzeitsfeste bei jungen Menschen populär. Was sich bei Hochzeiten seit den 1970 Jahren verändert hat, ist ihre soziale Ausrichtung: Waren Heirat und Hochzeit früher primär eine Familiensache, sind Heirat und Hochzeit heute stärker freundschaftsorientiert (Freunde und Freundinnen sind ebenso, wenn nicht sogar stärker involviert als Verwandte)“, schreibt Professor François Höpflinger im neuen Familienbericht 2017. https://www.admin.ch/gov/de/start/dokumentation/medienmitteilungen.msg-id-66484.html

Nicht jede Liebe hält ein Leben lang
Die Soziologin Simone Villiger der Universität Zürich interessiert sich für das Leben nach den Hochzeitsfestivitäten – für den Zusammenhang von Scheidungsverhalten und Bildungsniveau der Frauen. Die Bildung der Frauen orientiert sich am höchst erworbenen Bildungsabschluss: Das tiefste Niveau ist die obligatorische Schule, gefolgt von der Berufslehre oder Mittelschule und als höchstes Niveau die Tertiärbildung.

4522 Frauen
Als Grundlage der Studie dienen Simone Villiger Fakten von der Volkszählung (Bundesamt für Statistik): Sie verwendet Daten aus der thematischen Erhebung „Familie und Generationen“ mit Fragebogen und telefonischem Interview. Die Soziologin analysiert insgesamt 4522 Frauen, die in der Schweiz geboren wurden und mindestens einmal verheiratet waren.

Scheiden mit viel und wenig Bildung
Villigers Analyse zeigt, dass von 1952 bis 1999 die Scheidungswahrscheinlichkeit für Frauen mit Tertiärbildung am höchsten war. Ab dem Jahr 2000 wurde der Einfluss des Bildungsniveaus abgeschwächt und ab 2004 ist dieser Einfluss im Scheidungsverhalten der Frauen einfach verschwunden. Die Erklärungen zu diesem Verschwinden sind vielschichtig: Etwa Liberalisierung des Scheidungsrechtes, steigende Arbeitsmarktbeteiligung der Frauen, Abnahme der Religiosität, wie auch neue Lebensformen und Rollenverteilung der Geschlechter.

Massives Armutsrisiko
Die Soziologin hat ihre Resultate mit europäischen Studien verglichen und gesehen, dass in Schweden oder Grossbritannien im Laufe der Zeit sogar eine Umkehrung zwischen Bildung und Scheidungsverhalten stattfand. Frauen mit tiefer Bildung lassen sich jetzt am häufigsten scheiden – trotz massiv erhöhtem Armutsrisiko.

Trotz Arbeit arm
Gemäss Familienbericht 2017 wurden im Jahr 2014 ein Fünftel der alleinlebenden Eltern in der Schweiz als armutsgefährdet eingestuft. Trotz zumeist hohen Erwerbspensen haben alleinlebende Mütter ein kleines Einkommen, das unter oder nur wenig oberhalb der Armutsgrenze liegt. Sollte sich das Scheidungsverhalten nach der Studie von Simone Villiger wie in Schweden oder Grossbritanien entwickeln, werden noch mehr Mütter mit tiefer Bildung beim Sozialamt landen und ihre Kinder müssten das Stigma der Armut ertragen.

Spiegel der Gesellschaft
Zum Glück fehlt in der Medienlandschaft die Rubrik des Scheidungsreporters. Der Journalist würde im Bezirksgericht warten bis frisch geschiedene Paare aus dem Gerichtssaal kommen – aber auch diese Geschichten würden gelesen.

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Donnerstag, 22. Juni 2017

Von Münzen, Volkskunde und Jutzen

Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften
Was hat der Diminutiv mit unserem Geld zu tun? Es mag seltsam klingen, aber wir Schweizer haben die Eigenart, unserer Währung einen Kosenamen zu geben – etwa fünf Fränkli. Die offizielle Münzprägestätte Swissmint in Bern, weiss diese nationale Eigenart zu nutzen. Darum prägt sie seit 81 Jahren Sondermünzen zur Erinnerung an historische, wie auch kulturelle Anlässe – besonders geehrt wird das typisch schweizerische Kulturgut.

Mehr als nur Geld
Münzen sind ausgezeichnete Datenträger, die auf kleinstem Raum viel über die Geschichte der Menschheit verraten. Um das wissenschaftliche Potential der Münzen zu nutzen, gründete die Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW) 1992 das Inventar der Fundmünzen der Schweiz (IFS). Es garantiert eine Dokumentation aller Münzen, die bei Ausgrabungen oder durch Zufall in unserem Land und in Lichtenstein entdeckt werden. Münzen faszinieren nicht nur Numismatiker, sondern auch Archäologen, Historiker und Volkskundler.
https://www.fundmuenzen.ch/

Volkskunde in Silber
Swissmint hat im Mai, nur wenige Wochen vor dem 30. Eidgenössischen Jodlerfest, eine 20-Franken-Silbermünze herausgegeben. Sie wiegt 20 Gramm, hat einen Durchmesser von 33mm und kostet 30 Fränkli. Im online-shop von Swissmint wird das Jodel-Sammlerstück beschrieben: „Der Ruf von Berg zu Berg, die Kommunikation von Alp zu Alp bilden den Ursprung des Jodelns. Die Liebe zur Natur und Heimat sind bis heute zentrale Themen dieser besonderen, bereits nach den ersten Tönen erkennbaren Alpenmusik. Geschichtlich gesehen stand am Anfang der Naturjodel, der sich einst als Kommunikationsform in gebirgigen und unwegsamen Regionen entwickelte und auch beim Eintreiben der Kühe half...“
www.swissmintshop.admin.ch 

30. Eidgenössisches Jodlerfest
15'000 stimmkräftige Frauen und Männer treffen sich vom 22. bis 25. Juni in Brig-Glis:150'000 Besucher werden erwartet. Es wird gejodelt, gejutzt und gefeiert, mit von der Partie sind Alphorn und Schwyzerörgeli. Die Darbietung der Fahnenschwinger ist ein urtümliches, patriotisches Spektakel mit 90 verschiedenen Schwüngen, alles ist streng reglementiert. Traditionelles Shopping in der sogenannten „Jodlermeile“ darf nicht fehlen: Armstulpen, Unterrock oder Trachtenschmuck? Die Auswahl ist gross. Gemäss Schweizer Tradition gibt es 700 unterschiedliche Trachten nebst der modernen Trachtenmode, die sich jedoch nicht um das kulturelle Erbe kümmert.
https://www.jodlerfest-brig.ch/


Urbanes Jutzen
Interessant ist die Entwicklung des Jodelgesanges – im 19. Jahrhundert hat sich das Jodeln zum Lied entwickelt bzw. der Jodel tritt als Kehr- und Schluss-Refrain von Volksliedern auf. «Das Jodeln in der Schweiz erfreut sich einer anhaltend grossen und sogar steigenden Beliebtheit», sagt Karin Niederberger, Präsidentin des Jodlerverbandes, der Zeitung Schweiz am Sonntag. Dennoch jammern viele Jodelklubs über Nachwuchsprobleme. In Städten jedoch formt sich eine neue Jutzbewegung: In Kursen, die meistens ausgebucht sind, wird gelernt, was ein urtümlicher Jutzer ist. Darum besteht Hoffnung, dass im Jahr 2020, am nächsten Eidgenössischen in der Stadt Basel, die ländlichen Jodelchöre gegen urbane Jutzer antreten werden.


Jodel-Pop fürs Eidgenössische
DJ Antoines Superhit «Ma Chérie» haben die Walliser für sich interpretiert: „When I look into your eyes...“ Der lüpfige Jodel-Pop macht Werbung für das Eidgenössische in Brig-Glis. Auf dem Videoportal Youtube steigen die Aufrufe gegen 450'000. Unsere Tradition profitiert von der Digitalisierung. Das macht auch Hoffnung für das typisch schweizerische Kulturgut. https://www.youtube.com/watch?v=ltXpMuH8SI4

Freitag, 16. Juni 2017

Über Roboter, Jobvernichter und Panikmache

Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften
Wie viele Arbeitsplätze wird die digitale Revolution vernichten? Diese zukunftsweisende Frage hat in den letzten Monaten eine weltweite Debatte ausgelöst. Die Väter der Debatte sind keine Politiker, sondern anerkannte Professoren aus England und den USA. Mit wenigen Studien haben sie Szenarien mit einer Tendenz zur Schwarzmalerei publiziert. Als Resonanzverstärker amtieren ausgewählte Journalisten, welche einen weltweiten Rudeljournalismus mobilisieren. 

Das Panikorchester
Die rasche Automatisierung werde die Arbeitswelt auf den Kopf stellen und berge die Gefahr sozialer Konflikte, sagte MIT-Professor Erik Brynjolfsson von Boston USA in einem Interview mit der NZZ am Sonntag. Und Carl Benedikt Frey, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Oxford GB, hat mit seinem Kollegen Michael Osborne eine Studie mit dem Titel „Die Zukunft der Beschäftigung“ publiziert. Die Frankfurter Allgemeine (FAZ) schreibt über Frey: „... so sieht also der Mann aus, der Millionen Beschäftigte rund um den Globus in Angst und Schrecken versetzen kann.“

Panikattacken
Da wäre auch noch Martin Ford, ein 53-Jähriger IT-Unternehmer mit seinem Bestseller „Rise of the Robots“. Der „Silicon Valleyianer“ hat erkannt, dass Roboter und künstliche Intelligenz viele Angestellte aus ihren Jobs drängen werden. „Wissensjobs sind oft einfacher und billiger zu automatisieren“, sagte Ford der NZZ am Sonntag. Er beschreibt, wie etwa ein Radiologe künftig vom Computer ersetzt werden kann. Fords Botschaft ist gemeinverständlich: Dem Mittelstand wird es an den Kragen gehen!

Recycling-Modell
Joël Luc Cachelin, ein Ökonom der Universität St. Gallen, hat sich als Experte zur Digitalisierung einen Namen gemacht. Er sucht in den digitalen Unsicherheiten nach neuen Wegen, und er landet beim Grundeinkommen, ein Konzept aus den 1970er-Jahren. Die Ökonomen Wolfram Engels, Joachim Mitschke und Bernd Starkloff entwickelten für Deutschland ein Konzept, welches auf der von Milton Friedman seit den 1960er-Jahren propagierten Idee einer negativen Einkommensteuer basiert. Demnach würde das Finanzamt jedem Steuerpflichtigen eine Pauschale von der Steuerschuld abziehen und bei einem negativen Endbetrag diesen auszahlen. Am 5. Juni 2016 haben jedoch die Schweizer StimmbürgerInnen die Volksinitiative „Für ein bedingungsloses Grundeinkommen“ abgelehnt.

Schon wieder neue Arbeit
Gemäss Joël Luc Cachelin werden Beruf und Arbeitsvertrag in der Digitalisierung an Bedeutung verlieren, das eigene Potenzial muss deshalb gefördert werden: Die arbeitslose Kassiererin könnte Vorleserin werden und der ausgemusterte Buchhalter könnte sich beim Fotografieren verwirklichen. Wer kennt die Bewegung „New Work“ von Frithjof Bergmann nicht? In den 1980er-Jahren gründete er das erste Zentrum für Neue Arbeit in der Automobilstadt Flint in Michigan (USA). Bergmann berät neben Regierungen, Firmen, Gewerkschaften und Kommunen auch Jugendliche und Obdachlose in Fragen der Zukunft der Arbeit und der Innovationsfreudigkeit.

Eine Landkarte der Arbeit
Im Echo der weltweiten Digitalisierungs-Debatte sind auch in unserem Land Studien entstanden. So hat etwa die Beratungsfirma Deloitte untersucht, wie knapp die Ressource Mensch für verschiedene Berufe werden wird: Ein Drittel der Jobs lassen sich automatisieren. Gemäss Deloitte sind sogenannte „Geistesarbeiter“ nur schwer ersetzbar: Beispiel Ärzte! Also wird im Gegensatz zu Martin Fords Warnung in dieser Studie der Mittelstand gestärkt. Auch sogenannte „Humane Kräfte“ wie Lehrer und Pfleger dürften ihren Job behalten.

Es fehlt an Klarheit
Die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW hat 600 Fach- und Führungskräfte der Schweiz befragt, um ein „unaufgeregteres Bild“ der Transformation zu erhalten: Mehr als drei Viertel glauben nicht daran, dass ihr Job durch Maschinen bzw. Roboter ersetzt werden wird. Alle Befragten verfügen jedoch über ein hohes Bildungsniveau. Und es gebe noch keine klare Definition, was man unter Digitalisierung oder Arbeiten 4.0 überhaupt zu erwarten hat...


Aufmerksamkeit ohne Schwarzmalerei
Im Januar 2017 hat auch der Bundesrat mit dem „Bericht über die zentralen Rahmenbedingungen für die digitale Wirtschaft“ auf die Debatte reagiert: Der Bericht ist sehr vorsichtig formuliert, ohne Panikmache: „Für die Schweiz gelangt Deloitte zum Schluss, dass bis 2025 netto rund 270‘000 neue Stellen entstehen werden. Die Schaffung neuer Arbeitsplätze nimmt im Gegensatz zum arbeitssubstituierenden Effekt in der Regel längere Zeit in Anspruch. Der Grund dafür ist, dass die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle und der Aufbau von Know-how in neuen Bereichen typischerweise langfristige Prozesse sind. Sobald hingegen eine arbeitssubstituierende Technologie verfügbar ist, kann diese in der Regel schnell eingesetzt werden. Kurz- bis mittelfristig sind deshalb negative Effekte des technologischen Fortschritts auf die Beschäftigung nicht auszuschliessen.“