Donnerstag, 25. Januar 2018

Sündenbock Wilhelm Humboldt

 Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften
„Als unabhängiger Think Tank entwickelt Avenir Suisse Ideen für die Zukunft der Schweiz, basierend auf wissenschaftlichen Studien und liberalen Prinzipien, inspiriert von der Marktwirtschaft. “So steht es auf der homepage. Der Direktor, zwei Autoren und eine wissenschaftliche Mitarbeiterin haben letzte Woche eine Studie mit dem Titel „Exzellenz statt Regionalpolitik im Hochschulraum Schweiz“ publiziert. Auf 100 Seiten beschreibt die Denkfabrik ein 10-Punkte-Programm für wettbewerbsfähige Hochschulen. Avenir Suisse enttäuscht dieses Mal: Gefordert wird „more of the same“ und der Aufguss von Bekanntem (Exzellenz, Clusters, Wettbewerb) hinterlässt eine Ratlosigkeit.

Mehr Geist – weniger Kantönli
Die NZZ beschreibt die Studie auch als Fitnessprogramm. Die Schweizer Hochschulen würden sich verzetteln, in die Breite wachsen und die Qualität aus den Augen verlieren, lautet auch die Diagnose von Avenir Suisse. Sportlich locker gibt sich die Denkfabrik mit dem Spruch „Nicht jedem Täli sein Vorlesungssäli“. Im Bildungssystem habe sich in den letzten 20 Jahren eine Art „Service Public“ entwickelt, besonders betroffen sei die Ausbreitung der Fachhochschulen. Es drohe eine Nivellierung und eine Abnahme der Qualität – verursacht durch Doppelspurigkeit und regionale Ansprüche. Eine Verzettelung anstelle von Exzellenz sei vorprogrammiert. Zugleich und im Widerspruch wird unter dem Titel „Exzellenzcluster“ (Seite 87) die hohe Bedeutung einer engen Zusammenarbeit mit Unternehmen hervorgehoben. Aber gerade die breite Präsenz von Hochschulen hat massgeblich zur wirtschaftlichen Entwicklung zahlreicher Regionen beigetragen. Hochschulen bieten zweifellos einen Standortvorteil für die Ansiedlung neuer Firmen und nicht zuletzt auch die vielen Start-ups, die zur Innovation der Schweiz beitragen.

Reformbremse Humboldt
Die Anpassung der Universitäten an den Arbeitsmarkt liegt den Ökonomen der Denkfabrik besonders am Herzen: Die mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer würden die Nachfrage von Unternehmen mangelhaft befriedigen können, da bei den Disziplinen der Geistes- und Sozialwissenschaften eine wahre Invasion stattgefunden habe. Das Fächerangebot in der Schweiz sei „das Ergebnis verzerrter und oft unmotivierter Studienwahlentscheide sowie politischer Vorgaben“. Studien und Statistiken über den Fachkräftemangel zeigen jedoch, dass in allen Bereichen, nicht nur im Mint-Bereich, zu wenig hochqualifizierte Fachkräfte auf dem Arbeitsmarkt sind. Ebenfalls spiegelt die Geringschätzung der individuellen Präferenzen keine liberale Position. Ferner ist der aktuelle Bericht des Arbeitsmarktes kein guter Richtwert, wie dies Lord Ralf Dahrendorf schon vor Jahrzehnten moniert hat: Zwei Drittel der neu ausgebildeten Personen werden in einem Beruf arbeiten, den es heute noch gar nicht gibt.
Gemäss Avenir Suisse erschwere die Verflechtung von Bund und Kanton die Bildung einer Wettbewerbskultur zwischen den Hochschulen. Bekanntlich ist der Wettbewerb das Hausmittel der Ökonomen, das jetzt auch für eine gesunde und finanzierbare Hochschullandschaft herhalten muss. Die Politik soll sich in Zukunft in den Hochschulgremien verabschieden und die Autonomie der Hochschulen respektieren. Avenir Suisse hat jedoch noch einen weiteren Sündenbock gefunden. „Humboldtsches Ideal als Hemmschuh der Hochschulentwicklung,“ schreiben die Autoren (Seite 20). Das Ideal fordert eine Einheit zwischen Forschung und Lehre, was mit der Zunahme der Studierenden nicht möglich sei. „Exzellenter Unterricht muss nicht in jedem Fall durch eigene Forschung gestützt, sondern kann auch anders sichergestellt werden.“ Was die Denkfabrik ignoriert, dass die Vision Humboldts eine erstaunliche Aktualität besitzt. Ihm ging es nicht um das Vermitteln von Stoff, sondern um das Aufzeigen eines Denkprozesses, welcher zu neuen Einsichten und Ideen führt. Kurzum, Humboldt verlangte schon damals Bildung statt Wissensvermittlung, zumal heute auch die meisten Fakten gegoogelt werden können.

Exzellenzcluster
Was einst „sehr gut“ war, muss heute „exzellent“ sein. Das verlangen auch die Autoren von der Hochschullandschaft Schweiz: Sie haben eine idealtypische Hochschulkarte gezeichnet mit dem Fokus auf eine internationale Ausrichtung im globalen Wettbewerb. Der optimale Einsatz von Ressourcen verlangt Schwerpunkte mit sogenannten Exzellenzclustern. Forschungsinstitutionen mit Unternehmen desselben Sektors verbinden sich mit Wertschöpfungsketten bzw. die akademische nähert sich der ökonomischen Welt an. Die Politik solle sich nur noch auf Rahmenbedingungen konzentrieren und die Steuerung den Universitäts- und Institutsleitungen überlassen. Diese wüssten am besten, wo ihre jeweiligen Stärken liegen. In der idealtypischen Karte sind sieben Exzellenzclustern eingezeichnet. Unlängst hat Avenir Suisse vorgeschlagen, Gebirgs- wie auch Randregionen sich selber zu überlassen. Dazu würde also auch der Kanton Graubünden gehören; nächster Schritt wäre gemäss „Exzellenzcluster“ ihre Fachhochschule auf eine Disziplin zu reduzieren – Tourismus. Offensichtlich sieht die Denkfabrik die Zukunft der Schweiz unter einer Hochnebeldecke im Mittellandtrog. Im Mittelland und auch in der Westschweiz formiert sich ein eigentlicher Brain-Hotspot. Einige Kantone müssen ohne Geist auskommen, etwa das Wallis (Seite 87). Was genau hinter diesen sieben Exzellenzcluster steht, wird nicht begründet. Offensichtlich ist, dass aus dem Nichts eine Planwirtschaft kreiert wird. Mit der Exzellenz wird auch ein alter Socken aus der Deutschen Wissenspolitik hervorgezogen. Das beeindruckende Resultat der deutschen Initiative wurde damals zur Posse: In Deutschland waren einfach ALLE exzellent.

Nah am Markt
Zwar verlange Avenir Suisse nicht eine Senkung der öffentlichen Beiträge, schreibt der Tages-Anzeiger. „Doch sollen vor allem Bundesgelder nicht mehr so üppig als Basisbeiträge fliessen, sondern den Wettbewerb beleben, indem sie an Forschungsprogramme und Projekte gekoppelt werden. Wer Geld will, muss sich also darum bemühen und eine Jury überzeugen. Damit wird es für Hochschulen attraktiver, erfolgreiche, international vernetzte Akademiker anzulocken.“ In den SBFI News vom Dezember 17 / Januar 18 zeigt ein Balkendiagramm von 2007 bis 2016 den massiven Anstieg von kompetitiven Projektfinanzierungen (Seite 15). Die Folge ist, dass Forschende primär mit Schreiben von Gutachten und Anträgen beschäftigt sind. Zudem ist jedes Projekt mit Laufzeiten limitiert. Oft reicht die vorgegebene Laufzeit nicht für ein umfassendes Projekt, was  bedeutet, dass ein Projekt segmentiert wird – eine Art Salamitaktik, die noch nach mehr Administration verlangt. Avenir Suisse schlägt auch vor, dass sich die Hochschulen um Geld aus der Privatwirtschaft bemühen müssen. Die Gefahr, dass damit die Unabhängigkeit der Forschung gefährdet wird, soll mit einem Code of Conduct entschärft werden. Mit dieser Forderung ist Humboldts Vision in der Studie gestorben: Die universitäre Bildung sollte einst keine berufsbezogene, sondern eine von wirtschaftlichen Interessen unabhängige Bildung sein. Das Durcharbeiten der 87 Seiten könnte sogar einem Homo oeconomicus den Sinn für Rationalität rauben. Als Fazit zur Studie würde Mark Twains Aphorismus passen – Sobald dein einziges Werkzeug ein Hammer ist, wirst du jedes Problem als Nagel betrachten.
Weit weg von Wilhelms Weltenbürger
Und wer noch exzellente 34,25 Minuten mit dem lifestream der Medienkonferenz von Avenir Suisse erleben möchte (siehe Link). Die Eröffnung der Konferenz darf die wissenschaftlichen Mitarbeiterin halten. Sobald es jedoch um Fakten und zur Sache geht, dann ergreifen die drei Herren das Wort und die Frau verschwindet im Hintergrund. Zurück zu Humboldts-Bildungsideal: Universitäten bevölkerten einst autonome Individuen und Weltbürger, die sich mit den grossen Fragen der Menschheit auseinandersetzen – Frieden, Gerechtigkeit, Kulturen und auch mit der Frage zum Geschlechterverhältnis...

Donnerstag, 18. Januar 2018

Unsere Gender-Fabrik und die Agenda 2030 der UNO

Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften
Der Vorstoss von Nationalrätin Maya Graf für eine angemessene Vertretung der Geschlechter im Bundesrat ist missglückt. Wird der Kampf um eine Frauenquote im Bundesrat weitergehen? Die Fraktionschefin der BDP, Rosmarie Quadranti, beispielsweise findet es einfach nur tragisch, wenn es am Schluss eine gesetzliche Regelung brauche, bis diese Männerwelt im Parlament endlich begreife, dass gemischte Gremien viel erfolgreicher seien (NZZ 12.1.2018). Die Leier zur Gleichstellung der Frau ist ein Thema, das manche in Wut versetzt, andere zum Gähnen bringt. Die Vereinten Nationen, die UNO verlangt von seinen Mitgliedstaaten, dass sie das Ziel für nachhaltige Entwicklung Nummer 5 „Geschlechtergleichheit“ bis ins Jahr 2030 erreicht haben. Tatsache ist, dass es in der Schweiz noch viel zu tun gibt...

Gläserne Decke
Die Diskussion um die Geschlechterverteilung im Bundesrat ist nicht zuletzt auch Spiegel der Gesellschaft – von der Welt der Politiker – zur Welt der Banker. Knapp die Hälfte der Bankangestellten sind weiblich. Im mittleren Management beträgt der Anteil der Frauen 19, im Topmanagement 11 Prozent. Nadia Aebli hat im Rahmen ihrer Masterarbeit am Swiss Finance Institute 1000 Frauen, die in Schweizer Banken arbeiten, befragt: Was hält Frauen von einer Führungsaufgabe in der Bankindustrie ab? 94 Prozent von ihnen sehen als eines der Hindernisse die männlich geprägte Kultur mit harten Diskussionen, Machtdemonstrationen in Sitzungen und kaum Rücksicht auf Emotionen. Aeblis Befund klärt auf, weshalb die Anstrengungen der Banken mit Förderprogramm, Mentoring und internen Quotenziele ins Leere laufen. Ein weiteres Problem ist auch die sogenannte Face-Time-Kultur: Engagement und Leistung werden mit Anwesenheit im Büro gleichgesetzt. Frauen mit Kindern, die öfters auf Teilzeitpensen angewiesen sind, haben in diesem Deutungsmuster keine Chance. Zudem können sie mit der Doppelrolle Mutter und Bankerin auch weniger Zeit in die Pflege eines beruflichen Netzwerkes investieren (SonntagsZeitung, 14.1.2018).

Doing Gender
Junge Frauen treten nach ihrer Ausbildung in einen Arbeitsmarkt, der Kompetenzen in frauentypischen Berufen geringer schätzt als in männertypischen. Diese selektive Weichenstellung ist diskriminierend und „genderungerecht“. Unser Schulsystem fördert tatsächlich immer noch Grundlagen für einen Lebensverlauf, der Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern zementiert. Das Schulsystem kümmert sich auch um keine systematische Gleichstellungspolitik, etwa um eine gerechtere Verteilung für die „Vereinbarkeit“ von Familie und Beruf. Entsprechend findet auch die weibliche Berufswahl im Kontext eines von traditionellen Geschlechterrollen geprägten Systems statt. Frauen wählen häufig eine Ausbildung, die Teilzeitarbeit ermöglicht und sie auf ihre Mutterrolle vorbereitet, etwa im Bereich der Pflege und Erziehung. Diese in jungen Jahren getroffenen „Entscheidungen“ haben nachhaltige Auswirkungen und verstärken die Verletzbarkeit von Frauen im Fall einer Scheidung. Farinaz Fassa, der Autor der Studie „Filles et garçons face à la formation –
Les défis de l'égalité“ (2016) schreibt nicht nur Klartext, sondern hat auch Lösungsvorschläge, die Politiker und Verantwortliche im Bildungssystem ernst nehmen müssten. Die Zeit drängt! Die Vereinten Nationen, die UNO verlangt von der Schweiz, dass sie das Ziel Nummer 5 „Geschlechtergleichheit“ bis 2030 einlöst. Und ein Bildungssystem zu reformieren in unserem föderalistischen Land, das ist ein zeitraubendes Projekt, wie aktuelle Beispiele beweisen.

Schlusslicht Schweiz
Die Gleichstellung der Geschlechter ist ebenfalls in London ein aktuelles Thema: 160 Banken und Versicherungen mit 600 000 Angestellten haben sich der Charta zur Förderung der Frauen angeschlossen. Die höheren Kader sollten bis in drei Jahren mit einem Drittel Frauen besetzt sein. Jede vierte Firma verschreibt sich sogar selber eine Quote von 50 Prozent. Auch die Schweizer Konzerne Credit Suisse und Zurich sind an der Charta beteiligt: Sie wollen in zwei Jahren die Frauenquote im Management auf 35 Prozent hochschrauben – aber nur in England! Gemäss einer Studie der Executive-Search-Firma Heidrick & Struggles liegt die Durchschnittsquote in Geschäftsleitungen im Finanzsektor bei 17 Prozent. Für dieses Resultat hat die Firma 14 europäische Länder analysiert. Norwegen liegt an der Spitze mit 38 und die Schweiz am Schluss mit 5 Prozent Frauen.
(Gelesen in der NZZ am Sonntag, 7.1.2018) 

#MeToo
Die Gleichstellungsdebatte hat sich in London City ausserdem durch die #MeToo-Bewegung zugespitzt. „Die berechtigten Anliegen hinter einer Bewegung wie #MeToo müssen diskutiert werden – unter Beachtung des medienethischen Grundsatzes allerdings, wonach Verdacht und erwiesene Schuld deutlich zu unterscheiden sind. Sonst wird aus #MeToo schon bald ein mediales #WeDo, eine Mitschuld durch Instrumentalisierung, die sich im Zeitalter von Wikileaks und Online-Prangern und einem stetig wachsenden Kreis von Akteuren schnell verselbständigt,“ schreibt Claudia Schwartz in der NZZ (13. 1.2018). Der Weinstein-Skandal hat viel dazu beigetragen, dass eine breite Öffentlichkeit darüber nachdenkt, welche Werte zwischen Frauen und Männern gelten müssen. Mit dieser Debatte ist auch das Ziel für nachhaltige Entwicklung Nummer 5 der UNO in den Fokus geraten. Sicherlich ist Hollywood als Soziotop für Glanz, Jugend, Schönheit und Macht besonders gefährdet für Missbräuche – aber auch in unserem Land existiert sexuelle Ausbeutung, Menschenhandel, häusliche Gewalt und Zwangsheirat. In einer Tagung der SAGW-Veranstaltungsreihe „UN Sustainable Development Goals“ am 15. Februar wird die Gewalt gegen Frauen in der Schweiz thematisiert.
https://www.nzz.ch/feuilleton/metoo-die-medien-und-die-liebe-zum-skandal-ld.1346791

Donnerstag, 11. Januar 2018

Von virtuellen Welten und Debatten über die Digitalisierung

Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften
Die Zeit „zwischen den Jahren“ ist gut zum Sinnieren. Darum schreiben Journalisten, Zukunftsforscher und andere Experten in epischer Länge, was uns noch alles erwarten wird. Ende 2017 richtet sich der Fokus auf die Digitalisierung. Am Silvester lesen wir in der NZZ am Sonntag, dass Japan das Labor der Zukunft ist. Mit einer Geburtenrate von 1,5 Kindern und einer restriktiven Einwanderungspolitik ist Japans Demografie aus dem Lot geraten. Die Nation setzt nicht mehr auf Nachwuchs, sondern auf Roboter. Nicht zu unterschätzen ist die Technologieverliebtheit der 127 Millionen Japaner, etwa Aibo, der Hund von Sony, der nie Gassi gehen will und 1999 auf den Markt kam – damals eine Weltsensation.

Aktionsangebot Liebe
Der Jahresrückblick des Tagesanzeigers beginnt mit Hashtag, einem Metadaten-Marker: Das digitale Produkt – Best-of-App #12 – wird als Magazin gedruckt. Darin spricht der Zukunftsforscher Matthias Horx über Datingplattformen. „Sie suggerieren, dass Partnersuche eine Art Konsumaktion ist: Nimm dir das Beste zum günstigsten Preis. Man wählt vom Sofa aus einen Kandidaten aufgrund von rationalen Kriterien, die von Matching-Algorithmen generiert werden. Es ist der Versuch, die Liebe zu planen und zu kontrollieren.“ Dieser Konsummodus löse eine Vergleichspanik aus, die zur „Liebesunerlöstheit“ führe. Es könnte ja noch ein Besserer um die Ecke kommen. Liebe ist aber das Abenteuer, das Einmalige in einer Person zu sehen – ohne ihn oder sie ständig zu vergleichen.“ Mit Algorithmen lässt sich das Liebesgeheimnis nicht lösen, so die Einschätzung des Zukunftsforschers und Romantikers Horx.

Langeweile ist die Signatur unserer digitalen Zeit
Manfred Schneider, ein emeritierter Literaturwissenschafter, sorgt sich im Zeitalter der Digitalisierung um die politische Langeweile, weil sich die Politik nur noch als öffentliches Theater präsentiere (NZZ). Es gehe um Gut und Böse – Richtig oder Falsch. Mit diesen Bedingungen lassen sich politische Unterhaltungen steigern: „Wenn jetzt die Politiker in einem Atem nach beschleunigter und verbesserter Digitalisierung rufen, wofür ja einiges spricht, dann arbeiten sie auch mit an der Uniformierung der Wirklichkeit.“ Wir sollten die verschiedenen Wirklichkeiten, die gleichförmig über unsere Bildschirme laufen, nicht gedankenlos nach ihrem Unterhaltungswert absuchen, sondern nach Bedeutung für unsere persönliche Erfahrung und Einsicht unterscheiden.

Die Schweiz hängt das Silicon Valley ab
Titelt am Silvester die NZZ am Sonntag. Die Regierung im Kanton Zug kennt keine Langeweile, in der Region entwickelt sich im Blockchain-Boom ein „Crypto Valley“. Wöchentlich reisen Delegationen aus USA und China nach Zug. Diese Experten glauben an Blockchain als weitere Erleuchtung am Digitalisierungshimmel. Die Bundesräte Schneider-Ammann und Maurer lancieren vorsorglich eine Task-Force. Werden die Behörden mit dem beschleunigten Tempo der Branche mithalten können? Gefordert sind liberale Regulierungen, die Risiken mindern und Rechtssicherheiten ermöglichen: „Wir setzen so weit als möglich auf Selbstregulierung“, sagt der Zuger Regierungsrat Michel. „So kann rascher und effizienter auf Veränderungen in diesem sehr dynamischen Geschäftsfeld reagiert werden.“

Digitalisierung revolutioniert den Handel
Seit Weihnachten ist das SAGW-Bulletin 4/17 „Auswirkungen der Digitalisierung“ im Netz und gedruckt. Thomas Rudolph, Professor für Betriebswirtschaftslehre und Marketing der Universität St. Gallen, macht sich Gedanken über den Handel der Zukunft. „Neben den zusätzlichen Online-Vertriebskanälen, einer personalisierten Kommunikation und noch besseren Serviceleistungen durch eine stärkere Vernetzung vieler Computer (das sogenannte Internet of Things) erweitern sich auch die Ertragsmodelle.“ Das Warengeschäft mit üppigen Margen bekommt Konkurrenz: Was sich bei Autos in Form von Car-Sharing-Angeboten längst etabliert hat, wird sich auch in anderen Wirtschaftszweigen etablieren. Das Abo-Modell, bei dem sich der Kunde nicht mehr aktiv in den Kaufprozess einbringt, wird bei Inspirationskäufen von Kosmetik, Schmuck und Kleider wichtig. Das Geld fliesst dann vor allem über Monatsraten, Transaktionsgebühren, Zusatzverkäufen in Online-Shops und durch den Verkauf von Kundendaten an Zulieferer. Die Digitalisierung revolutioniert die Handelstätigkeit mit einer neuen Vielfalt – die Tage des einfachen Ankaufs und Verkaufs gegen Geld sind gezählt.

#digitale 21
Trotz all den Berichten von Journalisten, Zukunftsforschern und Experten lässt sich die Zukunft kaum erahnen. Ein Glücksfall, sonst hätte die Langeweile nach Professor Schneider das Ausmass einer Pandemie. Unbestritten ist, dass wir mitten in einer spannungsreichen Transformation stecken, die den privaten und beruflichen Alltag umgestaltet und die Forschung zu Höchstleistungen antreibt. Die Auswirkungen der Digitalisierung auf Ausbildung, Lernen und Arbeiten im 21. Jahrhundert thematisiert der Kongress #digitale21 im kommenden April in Lugano. Protagonisten aus Wirtschaft, Politik und Forschung werden sich austauschen – nicht virtuell, sondern face-to-face: https://www.digitale21.ch/

Nein Danke!
Zukunftsforscher Matthias Horx bestätigt, dass in Japan 70 Prozent der ledigen Männer und 60 Prozent der Frauen zwischen 18 und 34 Jahren kein Liebesverhältnis haben. Sie leben ihre Sexualität meistens in virtuellen Welten. Männer finden Frauen anstrengend, teuer und fremd. Umgekehrt langweilen sich Frauen mit den Männern. „In der Kollektivgesellschaft Japans zählen vor allem Pflicht, Ehre und Rituale, in denen das Selbst kaum vorkommt...“, sagt Horx. In der romantischen Liebe lebt jedoch die Idee von einem Selbst. Ist die Digitalisierung der Impfkristall der Gender-Isolation in Japan? Wohl kaum. Ist Japan wirklich das Labor der Zukunft? Nein Danke! Darum treffen wir uns am Kongress #digitale21 in Lugano.

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