Mittwoch, 29. Juli 2015

Verfügbare und bezahlbare Kinderbetreuung als Antwort auf den Fachkräftemangel

Nadine Hoch, kibesuisse

Dank der Anstossfinanzierung des Bundes zur Schaffung neuer Betreuungsplätze hat sich die Verfügbarkeit von Plätzen im Vorschul- und im Schulbereich in den vergangenen 12 Jahren verdoppelt. Nun kann zum ersten Mal, zumindest in einigen grösseren Städten, mit dem vorhandenen Angebot die Nachfrage der Eltern gedeckt werden.
Nach wie vor problematisch sind jedoch die Tarife, welche von den Eltern für die Betreuung bezahlt werden müssen. Vor allem bei höheren Familieneinkommen lohnt sich die Arbeitstätigkeit des Zweitverdieners kaum, da die meisten Anbieter ihre Tarife einkommensabhängig gestalten und Gemeinden sehr oft nur die Betreuungskosten von Eltern mit tiefen Einkommen subventionieren. Bereits vor 10 Jahren hat Monika Bütler von der Uni St.Gallen auf diesen Missstand hingewiesen: Sobald Kinder betreut werden müssen und keine Gratis-Grosseltern zur Verfügung stehen, verschlingen die Betreuungskosten meist die Mehreinkünfte. Dies sei bereits bei mittelständigen Einkommen der Fall.

Das steht natürlich konträr zu den Forderungen einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf!
Doch wie lösen wir dieses Problem? Die am 1. Juli dieses Jahres veröffentlichte Studie mit einem Kostenvergleich von Schweizer Kitas gegenüber solchen im benachbarten Ausland zeigt, dass die Vollkosten vergleichbar sind und Einsparungen zu einem Qualitätsverlust oder zu kürzeren Öffnungszeiten führen würden.

Also kann nur auf der Ertragsseite eines Angebots geschraubt werden. Wollen wir die Vereinbarkeit von Familie und Beruf fördern, so muss die Gesellschaft sich bereiterklären, die Kosten der familien- und schulergänzenden Betreuung in den Gesamtbildungskosten von Kindern mit einzurechnen und die öffentliche Hand einen höheren Finanzierungsanteil leisten. Dies gilt selbstverständlich auch für den Vorschulbereich. Ob die Arbeitgeber ebenfalls Beiträge leisten sollen, ist eine weitere Frage, die breit in der Gesellschaft diskutiert werden muss. Verschiedene Westschweizer Kantone sind bereits zu einem solchen System übergegangen. Eine Dreiteilung der Kosten zwischen Eltern, öffentlicher Hand und Wirtschaft ist ein zukunftsfähiger Weg, der dem Fachkräftemangel entgegenwirken kann. Solange wir die Finanzierungsfrage jedoch auf dem Rücken der Eltern diskutieren, werden wir keinen Schritt weiter kommen.

Weitere Informationen
«Vereinbarkeit Elternschaft und Erwerbsarbeit – Fakten und Diskussionsbeiträge»
SAGW-Blogbeitrag von Monika Bütler: «Simones Erbe»
www.sagw.ch/generationen

Tagung

Von Tagesstrukturen zu Tagesschulen – Entwicklungsperspektiven
Mittwoch 16. September 2015 , 14.15 - 18.30 — Kornhausforum, Bern






Dienstag, 21. Juli 2015

ERC-Beteiligung und Wissenschaftssprache Englisch - Alles eine Frage der Wissenschaftskultur?

Dr. Marlene Iseli, SAGW

Anfang Mai hat der Nationalfonds in einem Communiqué bestätigt, dass er an seiner Entscheidung festhält, dass ab Oktober 2015 die SNF Gesuche in den Politikwissenschaften in Englisch eingereicht werden müssen. In begründeten Fällen würde man jedoch einen Antrag für eine Gesuchseingabe in einer der Amtssprachen machen können. Hauptargumente für diesen Entscheid sind die zunehmend schwierige Suche von valablen Experten für die Begutachtung der Gesuche, wie auch die Absicht, im Zuge der beobachtbaren Internationalisierung der Wissenschaftsgemeinschaft die „grenzüberschreitende Wettbewerbsfähigkeit der Forschenden in der Schweiz zu stärken“. Obwohl bis anhin bereits über 80% der politikwissenschaftlichen Gesuche in Englisch verfasst wurden, gab es nicht ganz unüberraschend einen deutlichen Widerstand gegen diesen SNF Entscheid. 
Der SNF steht mit dieser vorerst eingegrenzten Ausweitung des Englischobligatoriums nicht alleine da. Deutlich weiter ging der Wissenschaftsfonds FWF, das österreichische Pendant in der Forschungsförderung, der Englisch (mit wenigen Ausnahmen) als offizielle Antragssprache erklärte. Und deutlich heftiger rüttelte dies am Fundament des geisteswissenschaftlichen Selbstverständnisses. Die Argumentation des österreichischen Forschungsförderer gleicht derjenigen in der Schweiz: Internationalisierung steht ganz oben auf der Agenda.

Dabei rückt assoziativ auch die europäische Forschungsförderung in den Fokus. Kürzlich wurde bekannt, wer in den Augen der ERC exzellente Forschung betreibt. Und wiederum schneidet die Schweiz zwar gut ab, wobei jedoch die Geistes- und Sozialwissenschaftler kaum vertreten sind. Hat das etwas mit der Antragssprache zu tun? Oder liegen die Gründe anderswo? Es gibt mehrere interessante Thesen dazu. Deren drei werden hier im Kontext aktueller Debatten kurz erläutert:

These 1: Für die mehrsprachigen Geisteswissenschaftler ist Englisch nicht zwangsläufig die Forschungssprache Nr. 1

Diese Ursache für die bescheidene Teilnahme der Geistes- und Sozialwissenschaften an den Europäischen Forschungsprogrammen allgemein scheint der SNF in einer seiner Untersuchungen als wichtig zu erachten, sonst würde er nicht folgern, dass die Gesuchstellenden in Zukunft zur Gesuchseingabe in englischer Sprache aufgefordert werden sollen, „um die Schweizer Forschenden an die europäischen Standards heranzuführen (vgl SNF 30.7.14)

These 2: Die Forschenden sehen sich aus finanzieller Sicht nicht dazu gedrängt, zusätzliche Drittmittel in Europa abzuholen

Inwiefern dies auch die Nachwuchsproblematik befeuert, hat Caspar Hirschi unlängst in seinem NZZ-Beitrag zur Post-doc Blase geschildert. Der SNF will den Wachstum der Projektförderung etwas drosseln, dafür mehr in die Karriereförderung investieren. 

These 3: Es fehlen gerade in den Geisteswissenschaften thematische Zentren und  Forschungsstrukturen, die eine aufwändige und von den Erfolgschancen her prozentual nicht aussichtsreiche ERC-Eingabe erleichtern dürften

Die oftmals stark in die Lehre eingebundenen, auf individualisierte Forschung ausgerichteten Geisteswissenschaftler verfügen – gerade in den kleineren Fächern –oftmals nicht über eine personell breite Basis für die Forschungsarbeit. Wie überall sind die zeitlichen Ressourcen knapp und eine faktisch bescheidene Erfolgsquote dürfte in der Priorisierung der Arbeiten kein Anreiz zu einer grösseren Beteiligung darstellen. 
Für die wissenschaftliche Community sind gemäss der kürzlich veröffentlichten Studie „Förderung der Geisteswissenschaften 2017/2020“ zurzeit andere Zieldimensionen prioritär anzugehen, was eine Intensivierung der internationalen Forschung jedoch keineswegs ausschliesst.

Selbstverständlich kann hier kein Anspruch auf Vollständigkeit möglicher Ursachen für die bescheidene geistes- und sozialwissenschaftliche Teilnahme und Erfolgsquote bei den ERC-Grands geltend gemacht werden. Da ein Blog als interaktives Gefäss konzipiert ist, sind weitere Thesen sehr willkommen.

Um abschliessend nochmals auf die Sprachdebatte zurückzukommen, bleibt zu erwähnen, dass der österreichische Wissenschaftsminister kürzlich auch im Namen der Gleichbehandlung aller Disziplinen den Entscheid verteidigt hat. Gleichbehandlung unterschiedlicher Wissenschaftskulturen – mehr als verständlich oder vorwiegend problematisch?