Donnerstag, 26. Oktober 2017

Wie Journalisten zu Informationsfischer werden – und untergehen

Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften
Digital first! In der Schweiz informieren sich bereits 41 Prozent der Bevölkerung hauptsächlich über Newssites oder Social Media. Am 23. Oktober haben Wissenschaftler des Forschungsinstitutes Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög) der Universität Zürich ihre neusten Befunde in Bern präsentiert. Seit acht Jahren observieren sie Medien und ihre Auswirkung auf die Gesellschaft und publizieren jeweils ihre Erkenntnisse in einem Jahrbuch (Schwabe Verlag). So ist es jetzt nach fög wissenschaftlich erwiesen, dass der Schweizer Markt für digitale News hoch konzentriert ist.
 https://www.foeg.uzh.ch/de/jahrbuch.html

Droge „News“
Es ist auch unbestritten, dass sich die Schweizer Bevölkerung im Zeitalter der schnellen Kommunikation und Informationsflut zum News-Junkie entwickelt hat. Bereits 40 Prozent der 18- bis 24-Jährigen wählt für ihren Newskonsum Social-Media-Plattformen und Suchmaschinen, dabei verschmähen sie zunehmend die herkömmlichen Medienmarken. Kurz gesagt, es ist den jüngeren Newskonsumenten wurst, ob die Meldung von NZZ, Blick oder 20-Minuten stammt. Darum spricht fög in seiner Studie auch von einer Plattformisierung, die den professionellen Journalismus unter Druck setzt.

Untreu und alles gratis
Den Online-Lesermarkt kontrollieren in unserem Land nur wenige Medienhäuser, die sich den Unterhalt einer Newssite leisten wollen oder können: In der Deutschschweiz sind es Tamedia AG, Ringier AG und SRG SSR mit einem Anteil von 71 Prozent. Mit 88 Prozent bestimmen in der Suisse romande die Tamedia, SRG SSR und Swisscom den Onlinemarkt – im Tessin mit 88 Prozent Ticinoonline, Società Editrice del Corriere del Ticino und SRG SSR. Diese Medienhäuser erkennen, dass ihr Geschäft zunehmend ins Internet abwandert. Viele LeserInnen sind ihnen weniger treu und seltener bereit, professionelle Inhalte zu berappen. Nur 11 Prozent der Schweizer Mediennutzer haben letztes Jahr für Online-News bezahlt.

Keine Informationsdienstleistung
In der Informationsflut fragt man sich mit den vielen „Real-Time-News“, wo der praktische Nutzen bleibt. Wie schnell und stetig muss alles aktualisiert werden, damit der moderne Mensch informiert ist? Beispiel am 23.10.2017 Ausland-News von 20-Minuten: „Ups – Macrons Hund pinkelt ans Cheminée – Frankreichs Präsident ist mitten im Gespräch, als «First Dog» Nemo die Aufmerksamkeit auf sich zieht – mit einem plätschernden Geräusch“.
Im Grunde geht es auch im Zeitalter der Digitalisierung immer noch darum, dass im Journalismus nicht alles einfach wiedergegeben wird, sondern JournalistInnen Themen aufbereiten, etwa in einen neuen Kontext stellen, vergleichen, abwägen und in einer verständlichen Art für ein breites Publikum darstellen. Gedankenanregende Geschichten passen als publizistisches Format auch ins Internet und nicht nur gedruckt in die Feuilleton-Rubrik.

Wenn Gedanken zu Abfall werden
Unbestritten ist auch, dass die Produktion von gedankenanregenden Artikeln mehr Zeit braucht, als eine Meldung über den „First Dog“ Frankreichs. Der Merksatz „Zeit ist Geld“ stammt nicht aus der Digitalisierung, sondern ist eine Plattitüde von Benjamin Franklin. Im Jahr 1748 schrieb er einen Ratgeber für junge Kaufleute. Eine gründliche Recherche für einen gedankenanregenden Text kostet Geld und das geht der Branche langsam aus. Ihre Prognose ist teilweise düster, Redaktionen werden zusammengelegt, Budgets gekürzt und Stellen gestrichen. Der „Rückbau“ wird geschickt vertuscht – Kündigungen lassen sich auch häppchenweise organisieren. Medienökonomen durchforsten Personallisten, besonders die kostenintensiven Ressorts sind im Fokus. Der „Output“ des Journalisten und sein Alter sind weitere Faktoren – und die Chemie zwischen ihm und dem Chef muss stimmen. Welche Mächte bei der Entlassung des NZZ-Feuilleton-Redaktors Uwe Justus Wenzel gewirkt haben, darüber kann nur spekuliert werden, was jedoch eine Protestwelle von engagierten Geisteswissenschaftlern auslöste. Auch Thomas Maissen, Leiter des Deutschen Historischen Instituts Paris, schreibt für die NZZ und hat den Protestbrief unterzeichnet. Ein Mandat, auf die Anfrage von persönlich.com zu antworten, habe er nicht: «Bedauern und Verständnislosigkeit über Wenzels Entlassung haben zu einer intensiven Maildiskussion der Angeschriebenen geführt», sagt Maissen. Das Resultat war ein kritisches Schreiben an die NZZ-Spitze.

Blauer Brief nach 30 Jahren
„Dieses Mass an Solidarität wünscht sich wohl jeder Angestellte. Als die NZZ kürzlich einem Feuilleton-Redaktor gekündigt hat, der knapp 30 Jahre für die Zeitung gearbeitet hatte, bekamen seine Vorgesetzten Post der besonderen Art. 69 Geisteswissenschaftler, fast alle Professoren aus dem deutschsprachigen Raum, wandten sich vergangene Woche in einem Brief an den Verwaltungsrat der Zeitung, an Chefredaktor Eric Gujer sowie an Feuilleton-Chef René Scheu“, berichtet auch der Tages-Anzeiger über den Fall (20.10.2017). Die Geisteswissenschaftler unterstreichen, dass der Betroffene «zu jung für eine Frührente, aber voraussichtlich zu alt für eine neue Stelle anderswo» sei. Und sie würden die personellen Veränderungen politisch deuten, als «Öffnung am rechten Rand des Liberalismus oder hin zu einem bemüht unkonventionellen Libertarismus». Die Tages-Anzeiger Redaktoren sind selber im Tsunami einer Strukturreform. Im vergangenen August hat der Medienkonzern Tamedia angekündigt, seine Zeitungsredaktion neu aufzustellen. Ab 2018 sollen zwei überregionale Redaktionen als Kompetenzzentren in der Deutsch- und der Westschweiz den Mantel für verschiedene Zeitungen liefern. „Laut Tamedia sind bis zur Einführung am 1. Januar 2018 keine Kündigungen vorgesehen“, schreibt persönlich.com zur aktuellen Strukturkrise.

Andere Formen der Öffentlichkeit
„Die Strukturkrise im professionellen Journalismus begünstigt das Entstehen kontrovers diskutierter alternativer Medien, die sich in unmittelbarer Opposition zu den etablierten Informationsmedien positionieren“, das ist ein weiterer Befund in der fög-Studie. Die Autoren loben jedoch die zunehmende Qualität der Newssite der Abonnementspresse wie auch der Pendlerzeitungen. „Das hohe Vertrauen in professionelle Medien schränken die Verbreitung von alternativen Medien in der Schweiz derzeit noch ein.“ Der digitale Strukturwandel ermöglicht neue Formen der Öffentlichkeit und senkt die Hürde für andere Informationsangebote. Es bleibt zu hoffen, dass sich fög von Reichweiten und etablierten Konzernen nicht blenden lässt und im Jahrbuch 2018 ein Auge auf die „neuen Wilden im Netz“ hat. Das war auch damals der kapitale Fehler der Verleger, als sie die verrückten Jungs im Silicon Valley lange Zeit ignorierten. In den frühen 1970er Jahren galten Computer noch als Insignien der Macht für Konzerne, Banken und Regierungen. Einige Freaks träumten davon, dass jeder, der es wollte einen Computer besitzt. Diese Technologie sahen sie als Mittel, um die Welt zu verbessern, es ging ihnen letztlich um Selbstbestimmung, Befreiung und Freiheit. Um was geht es heute?


Donnerstag, 19. Oktober 2017

Über Burka, Hidschab und Frau am Steuer

Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und SozialwissenschaftenSeit 1. Oktober gilt in Österreich ein Anti-Verhüllungsgesetz, das sich vor allem gegen verschleierte Musliminnen richtet. Burka tragen kostet 150 Euro Busse. Warum regt sich die westliche Gesellschaft derart über ein Stück Stoff auf? Die Debatte um den Islam und seine Symbole füllt beinahe täglich die Kommentarspalten der Presse. Und bis Ende November sind in Bern, Zürich, Basel, Luzern und Lausanne nicht weniger als neun interessante Diskussions-Veranstaltungen über den Islam angesagt. Siehe Veranstaltungsreihe des SAGW: http://www.lasuissenexistepas.ch/

Unsere Überempfindlichkeit
„Die 106’000 Unterschriften für die Initiative sind beisammen, bald dürfen wir freiheitsliebenden Schweizer die Burka verbieten. Schade, dass uns die Österreicher noch zuvorgekommen sind, aber die haben den Landvogt ja in den Genen. Doch auch wir werden vor dem Schleier den Hut nicht ziehen. Zwar ist die Burka weder gefährlich noch hierzulande sichtbar. Aber sie ist ein Symbol, und bei Symbolen spassen wir nicht“, mokiert sich der Schweizer Historiker Thomas Maissen in der NZZ am Sonntag (8.10.2017) über die Schweizer Empfindlichkeit gegenüber dem Islam. In der globalisierten Welt müssten wir nach gewaltlosen Spielregeln suchen, damit alle miteinander auskommen. Diese Einstellung hätte auch nichts mit naiver Multikultivision zu tun. Kurzum die Verbannung fremder Bräuche sei der falsche Weg, betont Thomas Maissen.

Das islamische Kopftuch ist ein Symbol des Patriarchats
„Es steht ausser Frage, dass viele gläubige muslimische Frauen das Kopftuch freiwillig tragen – und zweifellos muss ihre Entscheidungsfreiheit respektiert werden. Gleichzeitig aber kann nicht weggeredet werden, dass das Kopftuch ein Werkzeug der Geschlechterungleichheit darstellt. Grad und Häufigkeit der Verschleierung weisen im Islam aus, wie konservativ und antiliberal eine Gesellschaft eingestellt ist. Wir können immer noch gegen das Kopftuch sein, während wir gleichzeitig das Recht unterstützen, es tragen zu dürfen. Aber wir müssen es nicht anpreisen oder popularisieren. Wer den islamischen Schleier als Symbol von Selbstbestimmung und kultureller Identität versteht, ist naiv.“ Diese Meinung vertritt der marokkanische Schriftsteller Kacem El Ghazzali in der NZZ (12.10.2017). Weil er sich öffentlich zum Atheismus bekannte, wurde er in seiner Heimat bedroht; seit sechs Jahren lebt er in der Schweiz.

Verschleiert
Das Magazin der Universität Freiburg setzte im letzten April den Titel: Le voile – Hinter dem Schleier. Sarah Progin-Theuerkauf, Professorin für Migrationsrecht, und Pahud de Mortanges, Professor für Rechtsgeschichte, fragen sich, welche Gesetze rund um die religiöse Verhüllung existieren. Jeder trage, was ihm gefällt und bei religiöser Kleidung gelte die Religionsfreiheit. Nur wenn zwei Rechtsprinzipien miteinander kollidieren, müssten Richter entscheiden, welches höher zu gewichten sei. Beispiel Schule: Es bestehe ein öffentliches Interesse, dass staatliche Schulen religiös neutral seien. Das sei wichtiger, als das persönliche Interesse einer Lehrerin, die ihren Glauben über die Kleidung ausdrücken möchte. Die Folge? Kopftücher sind an öffentlichen Schulen tabu. Auch eine Nonne darf keines tragen. Es sei denn, sie tut es im Religionsunterricht oder an einer katholischen Privatschule. Bei Schülerinnen sind die Regeln anders: Sie repräsentieren weder die Schule, noch stören sie im Allgemeinen mit Kopftüchern den Unterricht.

Mit 13 Jahren trug sie ein Kopftuch
Esma Isis-Arnautovic kam als Kriegsflüchtling 1993 mit ihrer Familie in die Schweiz. Sie studierte Islamwissenschaften, wie auch Medien- und Kommunikationswissenschaften und arbeitet am Schweizerischen Zentrum für Islam und Gesellschaft (SZIG) der Universität Freiburg. Als Muslimin trägt sie den Hidschab, ein kapuzenartiges Kopftuch: „Mit Kopftuch ist die Präsenz Gottes ein ständiger Begleiter im Alltag. So überlege ich mir doppelt, ob ich etwas mache oder unterlasse. Hier kommt in der Tat der Schutz ins Spiel, jedoch nicht vor Männern, sondern vor mir selbst. Es hilft mir dabei, mich nicht zu spontanen Aktionen hinreissen zu lassen, die ich später womöglich bereuen würde.“ (Siehe Interview im Magazin der Universität Freiburg)

Die vermeintliche Bedrohung
„Während der Islam längst Teil der gesellschaftlichen Realität in der Schweiz ist, hat in den letzten Jahren eine zunehmende Islamisierung des Migrationsdiskurses stattgefunden. Die virulenten Diskussionen um Minarette und Burkas bezeugen die Entwicklung des Islams zu einem politischen Streitthema. “, schreibt der Politikwissenschafter Philipp Lutz der Universität Bern im SAGW-Bulletin 2/2017. „Muslime wurden zur primären Projektionsfläche identitätspolitischer Strömungen – zum bedrohlichen Fremden, anhand dessen die schweizerische Identität kontrastiert wird.“ Diese unterschwellige Islamfeindlichkeit lasse sich nur überwinden, wenn die Lebenswirklichkeit der Schweizer Muslime in der Öffentlichlichkeit wahrgenommen wird. Siehe Dossier im SAGW-Bulletin 2/17 «Islam in der Schweiz / Islam en Suisse».
  
„Als Mädchen habe ich mir oft gewünscht, ein Junge zu sein“
Während die Schweiz über Burka debattiert, fordern mutige Frauen ihre Rechte in Saudi-Arabien, einem Land, das nach der Scharia lebt. Was in der westlichen Gesellschaft selbstverständlich ist, müssen sich Aktivistinnen hart erkämpfen. Beispiel: Die Frau am Steuer. Bei uns ist die Fahrprüfung längst ein moderner Aufnahmeritus in die Gesellschaft. Manal al-Sharif liess sich vor sechs Jahren von einer Freundin beim Autofahren filmen und veröffentlichte das Video auf der Plattform YouTube:
 https://www.youtube.com/watch?v=sowNSH_W2r0
Drei Tage nach ihrer Tour landete Manal al-Sharif im Gefängnis. Heute lebt sie in Australien und tritt für die Rechte von Frauen in der islamischen Welt ein.Der Alltag als Frau besteht aus einem ständigen Abwägen, Umgehen, Erfüllen von Verboten, religiösen Vorschriften, Gesetzen. Nicht alles, was Frauen untersagt ist, steht auch im Gesetzbuch. Manche Verbote, wie etwa das Augenbrauenzupfen, habe Gott verfügt, heisst es. Mädchen dürfen nicht Rad fahren, damit sie ihre Jungfräulichkeit dabei bloss nicht verlieren. Auch das ist kein Gesetz. Männer und Frauen werden in Restaurants, Banken, Schulen getrennt. Das ist Gesetz. Auch, dass ich ohne schriftliche Erlaubnis meines Vaters nicht arbeiten, studieren oder das Land verlassen kann. Aber am für Muslime heiligsten Ort der Welt, der Kaaba in Mekka, laufen Männer und Frauen durcheinander. Das zeigt die ganze Absurdität der Verbote“, sagt Manal al-Sharif in einem Interview mit dem Tages-Anzeiger (28.9.2017). Dank Manal al-Sharif werden ab Juni 2018 Frauen in Saudi-Arabien Auto fahren dürfen – mit Kopftuch versteht sich – und falls es ihr Vater oder Mann erlaubt.


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Mittwoch, 11. Oktober 2017

Von Grenzen und Wissenschaft

Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften 
Die strategischen Ziele des Bundesrates sind gesetzt, die Digitalisierung soll Wachstum und Wohlstand sichern. Der Aktionsplan steht. Kurzum, es herrscht eine Goldgräberstimmung, die sich auch in der Wissenschaft abzeichnet – Fortschritt ohne Grenzen. Im Zeitgeist der Digitalisierung beschleunigt sich auch der Erkenntnisdrang der Menschheit. An der Universität Bern haben Forschende in einer interdisziplinären Vorlesungsreihe des Collegium generale über die aktuelle Fortschrittseuphorie nachgedacht. Der Grundgedanke der Veranstaltung war, dass jede Disziplin aufzeigt, wo und was sie einschränkt und welche Forschung bis jetzt unüberwindbar erscheint. In der Physik wird es immer schwieriger, in das Innerste der Materie vorzudringen. In der Ökonomie begrenzt die Komplexität der Phänomene die Möglichkeiten, genaue Vorhersagen zu liefern. Oder die Fremdheit anderer Denkmuster limitiert den Zugang zu anderen Kulturen. Mit den Beiträgen aus unterschiedlichen Disziplinen entstand ein Band der Berner Universitätsschriften mit dem Titel „Grenzen in den Wissenschaften“ (Haupt Verlag Bern, 2017). Der Physiker Claus Beisbart sucht in seinem Beitrag beispielsweise nach Grenzen der Wissbarkeit und landet in der Philosophie bzw. Epistemologie. Zur Bestimmung der Wissensgrenzen genüge der Wissensbegriff einer binären Ja-Nein-Logik nicht, schreibt Claus Beisbart. Diese Logik könne die Vielschichtigkeit der Gründe, die für oder gegen eine Hypothese sprechen, niemals widerspiegeln.

Ohne Tunnelblick
Die Nähe zur Geisteswissenschaft findet auch der ETH Präsident Lino Guzzella. Er beschreibt in der NZZ (25.9.2017), wie die Geisteswissenschaften den Perspektivenwechsel in den Naturwissenschaften ermöglichen, die es für eine ganzheitliche Sicht brauche. „Nicht alles, was technisch machbar ist, ist gesellschaftlich wünschbar oder ökonomisch finanzierbar. Geisteswissenschaften verhindern den Tunnelblick und stellen Technik in einen historisch-kulturellen Kontext.“ In Zeiten des beschleunigten Wandels dürfe das historische Bewusstsein nicht verloren gehen. „Eine kritische Haltung sich und der Welt gegenüber macht den Menschen widerstandsfähiger – sowohl gegen Weltuntergangspropheten wie auch gegen die quasireligiösen Schalmeienklänge unkritischer Technologie-Apologeten. Kritisches Denken gehört zum Wesen wissenschaftlichen Arbeitens.“

Selbsterkenntnis
„Den meisten Studierenden und Forschenden der Naturwissenschaften fehlt die Kultur der Geistes- und Sozialwissenschaften. Die Einrichtungen bleiben in ihren Disziplinen verhaftet, und die Wissenschaftsforschung fällt zwischen Stuhl und Bank“, sagt Bruno Strasser. Der Professor für Wissenschaftsgeschichte an der Universität Genf ist auch ausserordentlicher Professor in Yale. Er beschäftigt sich mit Citizen Science und geht im neusten Forschungsmagazin Horizonte streng ins Gericht mit der akademischen Welt. Er bedauert, dass sich die Wissenschaftsforschung in der Schweiz nur zögerlich entwickelt, da es nur wenige Institutionen gebe. Ein Lehrstuhl zur Wissenschaftsforschung wurde sogar vor drei Jahren an der Universität Basel geschlossen. Bruno Strasser betont, dass die Wissenschaftsforschung schmerzhafte Fragen zur Funktionsweise der Forschung stellt.

Das Diktat des Biologismus
„Die Kernkompetenzen der Geisteswissenschaften – Analysieren, Einordnen und Infragestellen – wären derzeit also dringend gebraucht. Stattdessen sind die Geisteswissenschaften unter Beschuss. Ein kruder Biologismus hält Einzug“, schreibt Min Li Marti in der NZZ (25.9.2017). Sie ist SP-Nationalrätin, Verlegerin und Chefredaktorin der Wochenzeitung «P. S.». Das Problem sei dieser «oberflächlich-mechanistische evolutionspsychologische Ansatz», der davon ausgehe, «dass Ingenieurwissenschaften schwierig seien und menschliche Beziehungen einfach», zitiert Min Li Marti die amerikanisch-türkische Soziologin Zeynep Tufekci. Es werde den Geisteswissenschaften auch vorgeworfen, sich im Elfenbeinturm in unverständlichem Jargon um irrelevante Dinge zu kümmern. „Tatsächlich sind etwa poststrukturalistische Studien etwas schwer verständlich. Allerdings bezweifle ich, dass der Mann oder die Frau von der Strasse quantenphysikalische Abhandlungen oder ökonometrische Berechnungen besser versteht“, präzisiert Min Li Marti. „Dennoch gelten Letztere als Wissenschaft und Erstere als Zeitverschwendung. Wissenschaft ist unter den Zwang der Nützlichkeit gestellt.“

Nur mit Grenzerweiterung
„Für alle wissenschaftlichen Disziplinen gilt, dass sie nicht nur in ihre autonomen Fachkulturen, sondern auch in die Gesellschaft eingebettet sind. Die Kultur ist das übergreifende und umfassende Erzeugungssystem, innerhalb dessen auch alle Wissenschaften ihren Platz haben.“ Dies schreibt Aleida Assmann in ihrem Beitrag zur Vorlesungsreihe des Collegium generale in Bern (siehe „Grenzen in den Wissenschaften“, Haupt Verlag 2017). Der Auftrag der Kulturwissenschaft sei eine präzise Selbstbeobachtung, deshalb sei diese Disziplin von vornherein auf Grenzerweiterung und -überschreitung angewiesen, im Gegensatz zu anderen Disziplinen. Aleida Assmann, emeritierte Professorin für Anglistik, hat zusammen mit Jan Assmann, emeritierter Professor für Ägyptologie, den hoch dotierten internationalen Balzan Preis 2017 gewonnen. Sie konnten mit ihrem Konzept des „kulturellen Gedächtnisses“ aufzeigen, was das Zeit- und Geschichtsbewusstsein, sowie das Selbst- und Weltbild des Menschen prägt. Mit dem Konzept des „kulturellen Gedächtnisses“ müsste sich der ETH-Präsident Guzzella weniger sorgen, dass in Zeiten des beschleunigten Wandels das historische Bewusstsein verloren geht...