Mittwoch, 11. Oktober 2017

Von Grenzen und Wissenschaft

Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften 
Die strategischen Ziele des Bundesrates sind gesetzt, die Digitalisierung soll Wachstum und Wohlstand sichern. Der Aktionsplan steht. Kurzum, es herrscht eine Goldgräberstimmung, die sich auch in der Wissenschaft abzeichnet – Fortschritt ohne Grenzen. Im Zeitgeist der Digitalisierung beschleunigt sich auch der Erkenntnisdrang der Menschheit. An der Universität Bern haben Forschende in einer interdisziplinären Vorlesungsreihe des Collegium generale über die aktuelle Fortschrittseuphorie nachgedacht. Der Grundgedanke der Veranstaltung war, dass jede Disziplin aufzeigt, wo und was sie einschränkt und welche Forschung bis jetzt unüberwindbar erscheint. In der Physik wird es immer schwieriger, in das Innerste der Materie vorzudringen. In der Ökonomie begrenzt die Komplexität der Phänomene die Möglichkeiten, genaue Vorhersagen zu liefern. Oder die Fremdheit anderer Denkmuster limitiert den Zugang zu anderen Kulturen. Mit den Beiträgen aus unterschiedlichen Disziplinen entstand ein Band der Berner Universitätsschriften mit dem Titel „Grenzen in den Wissenschaften“ (Haupt Verlag Bern, 2017). Der Physiker Claus Beisbart sucht in seinem Beitrag beispielsweise nach Grenzen der Wissbarkeit und landet in der Philosophie bzw. Epistemologie. Zur Bestimmung der Wissensgrenzen genüge der Wissensbegriff einer binären Ja-Nein-Logik nicht, schreibt Claus Beisbart. Diese Logik könne die Vielschichtigkeit der Gründe, die für oder gegen eine Hypothese sprechen, niemals widerspiegeln.

Ohne Tunnelblick
Die Nähe zur Geisteswissenschaft findet auch der ETH Präsident Lino Guzzella. Er beschreibt in der NZZ (25.9.2017), wie die Geisteswissenschaften den Perspektivenwechsel in den Naturwissenschaften ermöglichen, die es für eine ganzheitliche Sicht brauche. „Nicht alles, was technisch machbar ist, ist gesellschaftlich wünschbar oder ökonomisch finanzierbar. Geisteswissenschaften verhindern den Tunnelblick und stellen Technik in einen historisch-kulturellen Kontext.“ In Zeiten des beschleunigten Wandels dürfe das historische Bewusstsein nicht verloren gehen. „Eine kritische Haltung sich und der Welt gegenüber macht den Menschen widerstandsfähiger – sowohl gegen Weltuntergangspropheten wie auch gegen die quasireligiösen Schalmeienklänge unkritischer Technologie-Apologeten. Kritisches Denken gehört zum Wesen wissenschaftlichen Arbeitens.“

Selbsterkenntnis
„Den meisten Studierenden und Forschenden der Naturwissenschaften fehlt die Kultur der Geistes- und Sozialwissenschaften. Die Einrichtungen bleiben in ihren Disziplinen verhaftet, und die Wissenschaftsforschung fällt zwischen Stuhl und Bank“, sagt Bruno Strasser. Der Professor für Wissenschaftsgeschichte an der Universität Genf ist auch ausserordentlicher Professor in Yale. Er beschäftigt sich mit Citizen Science und geht im neusten Forschungsmagazin Horizonte streng ins Gericht mit der akademischen Welt. Er bedauert, dass sich die Wissenschaftsforschung in der Schweiz nur zögerlich entwickelt, da es nur wenige Institutionen gebe. Ein Lehrstuhl zur Wissenschaftsforschung wurde sogar vor drei Jahren an der Universität Basel geschlossen. Bruno Strasser betont, dass die Wissenschaftsforschung schmerzhafte Fragen zur Funktionsweise der Forschung stellt.

Das Diktat des Biologismus
„Die Kernkompetenzen der Geisteswissenschaften – Analysieren, Einordnen und Infragestellen – wären derzeit also dringend gebraucht. Stattdessen sind die Geisteswissenschaften unter Beschuss. Ein kruder Biologismus hält Einzug“, schreibt Min Li Marti in der NZZ (25.9.2017). Sie ist SP-Nationalrätin, Verlegerin und Chefredaktorin der Wochenzeitung «P. S.». Das Problem sei dieser «oberflächlich-mechanistische evolutionspsychologische Ansatz», der davon ausgehe, «dass Ingenieurwissenschaften schwierig seien und menschliche Beziehungen einfach», zitiert Min Li Marti die amerikanisch-türkische Soziologin Zeynep Tufekci. Es werde den Geisteswissenschaften auch vorgeworfen, sich im Elfenbeinturm in unverständlichem Jargon um irrelevante Dinge zu kümmern. „Tatsächlich sind etwa poststrukturalistische Studien etwas schwer verständlich. Allerdings bezweifle ich, dass der Mann oder die Frau von der Strasse quantenphysikalische Abhandlungen oder ökonometrische Berechnungen besser versteht“, präzisiert Min Li Marti. „Dennoch gelten Letztere als Wissenschaft und Erstere als Zeitverschwendung. Wissenschaft ist unter den Zwang der Nützlichkeit gestellt.“

Nur mit Grenzerweiterung
„Für alle wissenschaftlichen Disziplinen gilt, dass sie nicht nur in ihre autonomen Fachkulturen, sondern auch in die Gesellschaft eingebettet sind. Die Kultur ist das übergreifende und umfassende Erzeugungssystem, innerhalb dessen auch alle Wissenschaften ihren Platz haben.“ Dies schreibt Aleida Assmann in ihrem Beitrag zur Vorlesungsreihe des Collegium generale in Bern (siehe „Grenzen in den Wissenschaften“, Haupt Verlag 2017). Der Auftrag der Kulturwissenschaft sei eine präzise Selbstbeobachtung, deshalb sei diese Disziplin von vornherein auf Grenzerweiterung und -überschreitung angewiesen, im Gegensatz zu anderen Disziplinen. Aleida Assmann, emeritierte Professorin für Anglistik, hat zusammen mit Jan Assmann, emeritierter Professor für Ägyptologie, den hoch dotierten internationalen Balzan Preis 2017 gewonnen. Sie konnten mit ihrem Konzept des „kulturellen Gedächtnisses“ aufzeigen, was das Zeit- und Geschichtsbewusstsein, sowie das Selbst- und Weltbild des Menschen prägt. Mit dem Konzept des „kulturellen Gedächtnisses“ müsste sich der ETH-Präsident Guzzella weniger sorgen, dass in Zeiten des beschleunigten Wandels das historische Bewusstsein verloren geht...



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