Montag, 25. März 2019

Die Schweiz und die Frankophonie

Dr. Manuela Cimeli und Fabienne Jan, SAGW

Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) und die Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren der Westschweiz und des Tessins (CIIP) haben am 14. März 2019 die 24. Ausgabe der Semaine de la langue française et de la francophonie (slff) eröffnet. Rund um den internationalen Tag der Frankophonie am 20. März, zelebrieren viele Länder weltweit die Vielfalt der Frankophonie.

300 Millionen Französischsprachige weltweit
Die Frankophonie besteht zunächst aus den Frauen und Männern, die eine gemeinsame Sprache teilen. Der letzte Bericht des Observatoire de la langue française, der 2018 veröffentlicht wurde, schätzt die Anzahl der Französischsprachigen auf 300 Millionen Personen. Französisch ist, gemeinsam mit Englisch, die einzige Sprache, die auf allen fünf Kontinenten präsent ist. Im Jahre 1970 erfolgte die Gründung der Organisation internationale de la Francophonie (OIF) und seither verfügen die Frankophonen über eine institutionelle Einrichtung, welche die französische Sprache sowie die Zusammenarbeit unter den Mitgliedländern der OIF fördert. Aufgabe der OIF ist es, die aktive Solidarität zwischen den 88 Mitglied-Staaten und den ihr angegliederten Regierungen zu unterstützen (61 vollberechtigte Mitglieder und 27 mit Beobachterstatus). Die Schweiz trat der OIF im Jahre 1996 als vollberechtigtes Mitglied bei. Seither wird auch bei uns um den 20. März herum die slff festlich begangen.

Sensibilisierung gegenüber der französischen Sprache
Dieses Jahr finden in fünfzehn Schweizer Städten, die auf 9 Kantone verteilt sind, Veranstaltungen statt. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Themen zur Frankophonie in Afrika. Das vielfältige Programm, welches immer auch die Möglichkeit des gegenseitigen Austausches beinhaltet, geht von musikalischer Unterhaltung, gemeinsamen Kochkursen, Märchen- und Filmabenden bis hin zu Vorträgen und Lesungen. Ziel ist die Sensibilisierung gegenüber der französischen Sprache und der frankophonen Kultur, welche gerade in der Schweiz eine besondere Bedeutung haben. So ist beispielsweise die Zweisprachigkeit in Biel/Bienne seit 2013 in die Liste der lebendigen Traditionen der Schweiz eingeschrieben.

Förderung der Zweiprachigkeit
Die 1996 in Biel/Bienne gegründete Stiftung zugunsten der Sprachverständigung Forum für die Zweisprachigkeit / Forum du bilinguisme hat am 18. März die Stadtbibliothek Biel bereits zum zweiten Mal für ihre Bemühungen zur Förderung der Zweisprachigkeit ausgezeichnet. Das Label für die Zweisprachigkeit misst deren Qualität auf drei Ebenen: Hinsichtlich der Kommunikation und Dienstleistungen gegen aussen, in Bezug auf die sprachliche Zusammensetzung und die Sprachkompetenzen der Mitarbeitenden sowie bezüglich der betriebsinternen Kommunikation und der Sprachkultur des Unternehmens.

Offene Baustellen
Verblüffend ist die Unsensibilität gewisser Bundesämter für das Thema der Zweisprachigkeit: Unlängst hat ein schon länger dauernder Zwist zwischen der Stadt Biel, dem Forum für Zweisprachigkeit, dem Rat für französischsprachige Angelegenheiten des Verwaltungskreises Biel/Bienne (RFB) und dem UVEK ein neues Kapitel erhalten. Grund des Zwistes ist die Forderung nach einer zweisprachigen Beschilderung auf dem Ostast A5. Die Diskussionen ziehen sich bereits seit 2017 hin und wurden nun durch einen überparteilichen Vorstoss auf kantonaler Ebene unterstützt. Es besteht Hoffnung, dass die neue Leitung des UVEK ein Einsehen hat.

Mehr zum Thema «Sprachen und Kulturen»



Montag, 18. März 2019

Monitoring zu altersfreundlichen Umgebungen in den Schweizer Gemeinden

Lea Berger, SAGW, Projekt "Ageing Society"

In der föderalistischen Schweiz kommen den Gemeinden in der Gestaltung der unmittelbaren Lebensräume der Individuen und Gemeinschaften eine wichtige Rolle zu. So sind die Schweizer Gemeinden ausschlaggebende Akteure für die Förderung und den Erhalt der Lebensqualität aller Altersgruppen. Herausforderungen entstehen gegenwärtig vor allem im Zusammenhang mit der demografischen Alterung. Diese erfordert Neuorientierungen und Massnahmen in zahlreichen Lebensbereichen, die unter anderem im Kompetenzbereich der Gemeinden liegen: das Wohnen, der öffentliche Raum, die Mobilität, die soziale Integration und Teilhabe, die Beschäftigungsmöglichkeiten, die Kommunikation und Information sowie Gesundheit, Pflege und Betreuung.

Strategy and Action Plan on Ageing and Health: Was bedeutet «altersfreundliche Umgebungen»?
Die WHO-Strategie «Strategy and Action Plan on Ageing and Health» (2015) liefert dazu wichtige Impulse und fordert die Ausrichtung der Gesundheitspolitik auf eine dynamische, kontextbezogene und individuelle Stabilisierung der Lebensqualität. Unter den fünf strategischen Handlungsfeldern, die in der Strategie identifiziert werden, befindet sich die «Schaffung von altersfreundlichen Umgebungen». Dieses Handlungsfeld ist für die Gemeinden besonders relevant, da es den unmittelbaren Lebensraum der Individuen betrifft: «Altersfreundliche Umgebungen schaffen» bedeutet, ein Umfeld zu errichten, welches den Bedürfnissen der älteren Generationen gerecht wird und somit ihre Gesundheit, Autonomie, Selbstständigkeit und Partizipation fördert. Ziel ist es daher, die Lebensbedingungen so zu gestalten, dass auch Menschen mit eingeschränkten Ressourcen ihr Leben nach ihren Vorstellungen und Zielen führen können.

Ziele, Umsetzung und Perspektiven

Im Auftrag der a+ Swiss Platform Ageing Society startet die SAGW in diesem Jahr ein schweizweites Monitoring zu «altersfreundlichen Umgebungen» auf Gemeindeebene. Dazu wurde in Zusammenarbeit mit einer Expertengruppe ein Fragebogen erstellt, welcher sich an die WHO-Strategie orientiert. Ziel ist es, möglichst flächendeckend zu erheben, wie die Gemeinden in Sachen Alterspolitik und Gestaltung altersfreundlicher Umgebungen aufgestellt sind. Unter anderem sollen folgende Fragen beatwortet werden: Wie viele Schweizer Gemeinden verfügen bereits über eine Altersstrategie? Wie wird die Alterspolitik in der Gemeinde koordiniert und umgesetzt? Spielen zivilgesellschaftliche oder private Partner eine wichtige Rolle? Inwiefern werden die Bedürfnisse der älteren Bevölkerung auf Gemeindeebene durch partizipative Prozesse untersucht und in die politische Planung eingebunden? Der Schlussbericht wird voraussichtlich Anfang 2020 veröffentlicht. Um die längerfristigen Entwicklungen festzuhalten und zu analysieren, wird die Umfrage und deren Auswertung möglichst alle drei bis vier Jahre durchgeführt werden. Das Projekt wird vom Schweizerischen Gemeindeverband (SGV) und vom Schweizerischen Städteverband (SSV) unterstützt und durch das Forschungsbüro gfs.bern umgsetzt.



Montag, 11. März 2019

Diversifizierung der Karrierewege an Hochschulen - Welche Bedürfnisse an qualifiziertem Personal sind durch das gewachsene Wissenschaftssystem entstanden?

Dr. Marlene Iseli, SAGW, Thema "Wissenschaftssystem"

Unlängst hat actionuni, der Dachverband der Schweizer Mittelbauvertretungen, in einem Positionspapier wirksame Massnahmen zur Nachwuchsförderung eingefordert. Als erster Punkt des Massnahmenkatalogs wird die «Diversifizierung der Karrierewege innerhalb der Hochschule und alternative Karrieren» aufgeführt, eine nächste Forderung betrifft ein «Professionelles Personalmanagement», schliesslich wird auch ein «Doppeltes Kompetenzprofil Forschung/ Praxis» gefordert.

Von der Publikation...

Zweifellos ist das aktuelle Hochschulsystem ineffizient: Nach wie vor gilt das Gebot «up or out», durchlässige Karrierewege oder interessante Optionen zur Professur für fortgeschrittene Akademikerinnen und Akademiker sind eher selten, meist befristet, wenig planbar. Die SAGW hat im Sommer 2018 die Publikation «Next Generation: Für eine wirksame Nachwuchsförderung» veröffentlicht, in der eine modernisierte Personalstruktur, insbesondere der Universitäten, eingehend thematisiert wird. In den vergangenen Jahrzehnten waren die Universtäten gekennzeichnet von einer bemerkenswerten Mengenausweitung, die sich in Studierendenzahlen niederschlägt und durch zunehmende Finanzierungsmittel für Projekte, einen grösseren Mittelbau sowie durch ein exponentielles Wachstum des Publikationsausstosses ausdrückt. Im Forschungsbereich haben digitale Errungenschaften neue Möglichkeiten geschaffen, die digitale Datenbanken und Infrastrukturen auch in den Geistes- und Sozialwissenschaften entsprechend zu wichtigen Forschungsressourcen machen. Auch dafür braucht es hochqualifiziertes Personal, die die Datenbestände entsprechend aufbereiten und nachhaltig betreuen können.

In der Publikation «Next Generation: Für eine wirksame Nachwuchsförderung» werden neben der Professur zwei weitere Karrierewege in die Diskussion gebracht: Der eine Karriereweg betrifft den oberen Mittelbau, der in unbefristeten Anstellungen verantwortungsvolle wissenschaftliche Tätigkeiten verrichtet (wie etwa die oben angesprochene Betreuung von forschungsrelevanten Infrastrukturen). Ein weiterer Bereich ist im oberen Kader des Managements und Supports angesiedelt, wobei hier der Begriff des Third Space einfliesst.

...zur Diskussion:
Der Third Space definiert sich in der Literatur als wissenschaftsnah und serviceorientiert. In der Praxis wird er oft der Verwaltung zugeschrieben und wird gelegentlich hinter vorgehaltener Hand in Opposition zum Kerngeschäft der Wissenschaft gestellt.
  • Sind Third Space Stellen tatsächlich serviceorientiert und forschungsnah?
  • Welche Beispiele für Karrierewege neben der Professur gibt es an unseren Hochschulen und wie sieht es in England aus?
  • Welche erfolgreichen Beispiele für die Durchlässigkeit zwischen den verschiedenen Karrierewegen lassen sich bezeichnen?
Mit der Veranstaltung «Third Space – Lehre und Forschung als kollektive Leistung» vom 22. März wird das Ziel verfolgt, die mit dem Wissenschaftssystem wachsenden Bedürfnisse für zunehmend kollektiv zu erbringende wissenschaftliche Leistungen unter dem Blickwinkel neu geschaffener/ zu schaffender anspruchsvoller Positionen zu identifizieren und die damit verbundenen Herausforderungen, Dilemmata und Chancen zu diskutieren. Es gibt noch freie Plätze.

Montag, 4. März 2019

Migration als Schlüssel für die Zunahme der Mehrsprachigkeit

Dr. Manuela Cimeli, SAGW, Thema „Sprachen“

Jährlich am 21. Februar wird der internationale Tag der Muttersprache begangen. Die UNESCO setzt sich für die Förderung von Sprachen als Zeichen der kulturellen Identität der Sprechenden ein. Zudem sollen Fremdsprachenunterricht und Mehrsprachigkeit als Schlüssel des gegenseitigen Respekts und Verständnisses gefördert werden. Gut die Hälfte aller weltweit gesprochenen Sprachen sind vom Aussterben bedroht, weil sie nicht mehr an die nächsten Generationen weitergegeben werden. Als Gründe für das weltweite Sprachensterben gelten die Globalisierung mit all ihren Auswirkungen sowie die Digitalisierung. Parallel zur Abnahme der Anzahl der weltweit gesprochenen Sprachen ist jedoch eine Zunahme der Mehrsprachigkeit feststellbar. Intensive Migrationsbewegungen und die Dominanz des Englischen in der digitalen Welt gelten hier als Hauptfaktoren.

Zunahme des Französischen in der Schweiz
Laut dem Bundesamt für Statistik (BFS) hat sich die Verteilung der Landessprachen in der Schweiz in den letzten vier Jahrzehnten verändert. Obwohl immer noch 63% der Bevölkerung regelmässig Deutsch oder Schweizerdeutsch spricht, ist deren Anzahl zwischen 1970 bis 2017 leicht gesunken Ebenfalls gesunken sind Rätoromanisch (von 0.8% auf 0.5%) und Italienisch (von 11% auf 8%) als Hauptsprache. Der Anteil der französischsprachigen Personen ist hingegen von 18% auf 23% angestiegen. Das BFS definiert die Hauptsprache als die Sprache, in der wir denken und die wir am besten beherrschen. Seit 2010 können bei den BFS-Umfragen mehrere Hauptsprachen angegeben werden. Dadurch hat der Anteil von Personen, die eine Nichtlandessprache als Hauptsprache angeben, stark zugenommen. Die am meisten gesprochene Nichtlandessprache ist Englisch mit 5.4% gefolgt von Portugiesisch mit 3.7%.

Einfluss der Wirtschaft
Knapp ein Viertel der ständigen Schweizer Wohnbevölkerung stammt aus dem Ausland. Der Einfluss der Wirtschaft auf die gesprochenen Sprachen eines Landes ist markant. So ist die gestiegene Bedeutung des Englischen in der Schweiz vor allem den internationalen privatwirtschaftlichen Unternehmen geschuldet, deren Firmensprache meist Englisch ist. Die tendenziell schnellere (sprachliche) Integration von Eingewanderten in der Westschweiz erklärt die Sprachwissenschaftlerin Renata Coray hingegen damit, dass es sich meistens um Personen aus dem romanischen Sprachraum handle. Ihnen falle es relativ leicht, Französisch zu lernen.

Das Duell der Fremdsprachen

Auch wenn die Strukturerhebungen des BFS kleine statistische Ungenauigkeiten aufweisen können, die daher stammen, dass nur ein Teil der Bevölkerung befragt wird, geben die erhobenen Daten ein interessantes Gesamtbild der Situation unserer Landessprachen sowie deren Schwankungen. In Zeiten, in denen immer wieder auf die Vorherrschaft des Englischen verwiesen wird, ist die Zunahme des Französischen ein erfreuliches Signal.


Mehr zum Thema Sprachen finden Sie auf unserer Website: http://www.sagw.ch/sagw/laufende-projekte/Sprachen.html

Montag, 25. Februar 2019

Die Krux mit der Innovation

Dr. Heinz Nauer, SAGW, Redaktor

Quelle: http://r-urban.net/
Ein Psychiater in Harare leidet darunter, dass die grosse Mehrheit der Bevölkerung Simbabwes keinen Zugang zu psychiatrischen Dienstleistungen hat. 2006 gründet er deshalb das Programm «Friendship Bench»: Er und sein Team bilden Hunderte von Grossmüttern zu Therapeutinnen aus, die kostenlose Gesprächstherapiesitzungen anbieten. Der Erfolg des Programms ist enorm: Sogenannte «Freundschaftsbänke» stehen mittlerweile auch in Malawi, den USA oder Kanada.

Ist das Innovation?

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In Bern stören sich zwei junge Männer am verschwenderischen Umgang mit Konsumgütern. Die Menschen sollten Dinge nicht achtlos wegwerfen, sondern gratis weitergeben, denken sie sich. 2017 gründeten sie die Plattform nimms.ch. Sie soll helfen, dass Angebot und Nachfrage von gebrauchten Gegenständen besser zueinanderfinden.

Ist das Innovation?

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Eine Projekt-Community in der französischen Industriestadt Colombes experimentiert unter dem Stichwort «urban resilience» mit nachhaltigen Lebensstilen. Sie legt Gärten an, betreibt Mikro-Landwirtschaft, bietet günstigen Wohnraum.

Ist das Innovation?

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Soziale und technologische Innovation


Das Feld dessen, was man gemeinhin unter «Sozialer Innovation» fasst, ist breit. Es beinhaltet vielfältige Formen von sozialen Praktiken und Kooperationen, mit denen Gesellschaften rund um den Globus den grossen Herausforderungen der Zeit entgegentreten: Viele dieser Initiativen setzen sich einen nachhaltigeren Konsum zum Ziel, andere möchten in der Zivilgesellschaft vorhandene Kompetenzen nutzen und vernetzen. Im deutschen Sprachraum werden Soziale Innovationen – eigentlich eine etwas missverständliche wörtliche Übersetzung des englischen Begriffs «social innovations» – spätestens seit den 1970er Jahren diskutiert. Im allgemeinen Diskurs über Innovation und insbesondere in der Forschungsförderpolitik blieben sie freilich eine Randerscheinung. Wer nach mehr Innovation ruft, meint in aller Regel nicht soziale, sondern technologische Innovation. So sprach beispielsweise der ehemalige Schweizer Wirtschafts- und Bildungsminister Johann Schneider-Ammann («Bei der Innovation sind wir Weltspitze») zwar gerne und viel von Innovation, dachte dabei aber an die Forschung an den Technischen Hochschulen, an digitale Technologien, an Produkte, Patente und Wirtschaftswachstum und eher nicht an Know-how aus den Geistes- und Sozialwissenschaften, nicht an nachhaltigen Konsum und nicht an neue Formen kooperativen Wirtschaftens.

Uneingelöste Versprechen

Dieses Verständnis von Innovation als Teil einer theoretischen Kausalkette bestehend aus Wissenschaft, Innovation und Wirtschaftswachstum hat seine Wurzeln im sogenannt «goldenen Zeitalter der Innovation» zwischen etwa 1920 und 1960. Seither trat der Innovationsbegriff rhetorisch zunehmend an die Stelle des Fortschrittsbegriffs und ist in der Förderpolitik zu einer Art Beschwörungsformel geworden, eine Formel, die ihre grossen Versprechungen indes häufig nicht einlösen kann. Der Schweizer Historiker Caspar Hirschi merkte dazu in einem Aufsatz kritisch an: «Abgesehen von der Kommunikationsindustrie leben wir im Zeitalter der grossen Versprechungen und kleinen Verbesserungen.» Unser Alltag beruhe nach wie vor auf Einrichtungen, die mittlerweile 50 bis 150 Jahre alt sind. Die engführende Konzentration auf Innovation stehe echter Innovation geradezu im Weg, so Hirschi. Denn das ist die Krux mit der Innovation: Wo sie entsteht, lässt sich nicht voraussagen, da sie sich nicht vom Bestehenden ableiten lässt.

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Lesen Sie zum Thema «Soziale Innovation» das Dossier des soeben erschienenen SAGW-Bulletins. 12 Texte von Autoren aus den Geistes- und Sozialwissenschaften liefern einen vielstimmigen Beitrag zur Debatte.

Dienstag, 19. Februar 2019

Islam, Medien, Wissenschaft - Wie hast Du’s mit der Komplexität?

Dr. Heinz Nauer, SAGW, Redaktor

Ein Satiriker streitet in einer Talk-Sendung im Schweizer Fernsehen mit dem Moderator über den Koran. Der Name eines ermordeten saudi-arabischen Journalisten wird in Radio und Fernsehen systematisch falsch ausgesprochen. Ein zum Islam konvertierter französischer Fussballer schläft mit einer minderjährigen Prostituierten. Sollen sich Islamwissenschaftlerinnen hier zu Wort melden? Sollen sie die Öffentlichkeit aufklären, wie muslimische Gelehrte den Koran interpretieren, weshalb man «Chaschuqdschi» sagt und nicht «Kaschoggi» und wie es der Islam eigentlich so mit der Prostitution hält?

Komplexität abbilden oder reduzieren?
Auf einem Podium im Rahmen der Tagung «Komplexität abbilden – Medien, Wissenschaft und die Darstellung von Islam & Nahem Osten»  diskutierten am 14. Februar in Zürich Vertreterinnen und Vertreter aus den Islamwissenschaften und aus den Medien über das Verhältnis der beiden Welten Forschung und Journalismus. Sollen Journalistinnen die Komplexität von wissenschaftlicher Forschung in ihrer Arbeit abbilden oder reduzieren? Betreiben Geisteswissenschaftler ihrerseits eine «höhere Form des Journalismus», bloss «ohne Publikum», wie der Historiker Hans Conrad Peyer einmal über sein eigenes Fach sagte? Soll die Wissenschaftlerin journalistische Seitensprünge wagen?
Stefan Weidner, Islamwissenschaftler und Schriftsteller, zeigte sich pessimistisch gegenüber den Möglichkeiten der Wissenschaft, ihre Erkenntnisse via Massenmedien adäquat in die öffentliche Debatte einzubringen. «Lassen Sie ruhig alle Hoffnung fahren», sagte er. Wie über den Islam gesprochen und berichtet werde, lasse sich nicht ändern, denn «die Leute suchen sich die Diskurse, die sie haben wollen». Oder noch zugespitzter: Was sollen die Bemühungen um Wissenstransfer und das Reden von «third mission», wenn das Publikum dann doch zu den zweifelhaften Bestsellern von Autoren wie Thilo Sarrazin (Deutschland schafft sich ab, 2012) oder Douglas Murray (Der Selbstmord Europas, 2018) greifen?
Katia Murmann, Journalistin bei der Blickgruppe, sieht es ganz anders und identifizierte eine steigende Bereitschaft bei der Leserschaft, sich auf längere Texte einzulassen, die komplexe Inhalte abbilden. Ein Erklärstück zum Islam in der Onlineausgabe des Blicks beispielsweise erreiche eine Aufmerksamkeit von mitunter bis zu sieben Minuten – ein für Onlinemedien sehr hoher Wert.

Die vereindeutigte Welt
Reinhard Schulze, emeritierter Professor für Islamwissenschaft an der Universität Bern und Gründer des Forums Islam und Naher Osten (FINO), äusserte sich grundsätzlicher und ortete Hürden für die Vermittlung von komplexen Inhalten in den Tiefen des modernen Denkens: Es sei uns die Fähigkeit abhandengekommen, Komplexität, Uneindeutigkeit und enttäuschte Erwartungshaltungen sprachlich vermittelbar und für den Rezipienten erträglich zu machen, so Schulze.
2018 ist im Reclam-Verlag unter dem sperrigen Titel «Die Vereindeutigung der Welt» ein schmales Büchlein erschienen, das in eine ähnliche Richtung argumentiert. Sein Verfasser, der Islamwissenschaftlers Thomas Bauer, zeichnet darin nach, wie die Vielfalt, das Mehrdeutige und Unerwartete in Europa in den letzten 200 bis 300 Jahren sukzessive zurückgedrängt wurde. Ob in der Natur (Artensterben) oder in der Kultur (Sprachensterben): überall habe die Vielfalt nachgelassen, so Bauer. Er schliesst daraus: «Es muss so etwas wie eine moderne Disposition zur Vernichtung von Vielfalt geben.» Das gelte auch für den Bereich der Religionen: Traditionelle gelebte Religiosität weiche zunehmend entweder religiöser Gleichgültigkeit oder religiösem Fundamentalismus, so Bauer. Beiden Phänomenen gemein sei, dass sie sich schwer damit täten, Mehrdeutigkeit, Transzendenz und Komplexität auszuhalten. Die religiöse Mitte verliere an Einfluss und Sichtbarkeit. Es macht sich eine «Sainte Ignorance», eine «Heilige Einfalt» breit, wie der französischer Islamwissenschaftler Olivier Roy das Phänomen bezeichnete.
Ein Hang zur Reduktion, ein Drang zum «Auf-den-Begriff-bringen» zeigt sich auch im medialen Diskurs über den Islam. Muslime würden medial als Korane auf zwei Beinen dargestellt, sagte Reinhard Schulze, der Islam als Einheit. Ein konkretes Votum gab Christoph Keller, Kulturjournalist beim Schweizer Radio ab: Er plädierte auf dem Podium für den «Eigensinn» der Medien und der Wissenschaften: Erstere seien im öffentlichen Diskurs für das «und» zuständig, Letztere aber für das «aber».

Weitere Informationen: http://www.sagw.ch/sagw/laufende-projekte/islam.html

Montag, 11. Februar 2019

Internationalität der Wissenschaften im Ländervergleich – fast schon etwas widersprüchlich

Dr. Marlene Iseli, SAGW, Thema Wissenschaftssystem

Ist die Schweizer Fussballmannschaft schweizerisch genug? Darf man als Schweizer Bürger stolz sein darauf, dass die Schweiz im neu erfundenen Unterhaltungsprogramm der UEFA «Nations League» unter den vier besten Ländern weilt? Oder nur dann, wenn die Spieler von der Nachwuchsförderung des Schweizerischen Fussballverbands profitieren durften? Wie viel Migrationshintergrund liegt drin, um die Identifikation mit der eigenen Nationalmannschaft zu sichern? Und inwiefern spielt dabei die Heterogenität der Herkunftsländer eine Rolle? Solche (insgesamt befremdende) Fragen stellen sich in den Wissenschaften so wenig wie in der Champions-League, bei der Landesgrenzen und nationale Ranglisten keine Rolle spielen. Hier zählt lediglich die Exzellenz...

«Switzerland: 12 points»!
Interessanterweise finden wir in der Wissenschaftsadministration dennoch immer mal wieder Ranglisten, die an geographische Grenzen gebundenen sind. Zuweilen ist es ganz unterhaltsam, mittels Ländervergleiche zu eruieren, wie z.B. der Forschungsplatz Schweiz in Sachen Produktivität, Drittmittelakquise, Patentanmeldungen und so weiter abschneidet. Damit einher geht oft eine Bilanzierung der internationalen Ausstrahlung und Sichtbarkeit, der internationalen Kooperation sowie des Erfolgs im Wettbewerb um Fördergelder der EU. Hier wird deutlich: Es handelt sich um ein hochschulpolitisches Monitoring, das eine nationale Governance im Blick hat. Und wo gesteuert (und investiert) wird, wird auch evaluiert. Und umgekehrt.

Internationale Wissenschaften – ein Pleonasmus!?
Dennoch stehen solch nationale Ranglisten irgendwie schief da im Wissen um eine akademische Praxis, bei der die Nationalität ihrer Akteure als irrelevant betrachtet wird. Es ist allgemein bekannt, dass schon nur das Personal des Schweizer Hochschulsystems höchst international aufgestellt ist. Caspar Hirschi spricht in einem seiner Artikel von einer «eingeübten wissenschaftspolitischen Praxis: jener des brain gain durch Forscher-Import». Auch ein Blick auf den jüngsten Blog-Eintrag zum Repertorium Academicum Germanicum zeigt, dass sich internationale akademische Netzwerke bereits im Mittelalter bildeten.

«Nicht alles, was zählt, ist zählbar, und nicht alles, was zählbar ist, zählt» (Albert Einstein)
Problematisch werden solche Statistiken dann, wenn unter Berücksichtigung weniger quantifizierbarer Indikatoren suggeriert wird, dass die wissenschaftliche Leistung allgemein und die internationale Aufstellung im Spezifischen objektiv vermessen werden kann und direkte Rückschlüsse auf die Qualität der Forschung (und nur der Forschung, obwohl weitere Leistungsdimensionen ebenso valorisiert werden sollten) zulässig sind. Selbstverständlich wird eine solch kurzgreifende Interpretation auch erst durch eine übereifrige Leserschaft alimentiert.

Kooperation über Landesgrenzen und über andere Grenzen hinaus
Woher kommt aber dieser Ruf nach Internationalisierung? Und welche Versprechen sollen damit eingelöst werden? Im Bericht «Internationale Kooperation und Vernetzung in den Geisteswissenschaften» der SAGW wird aufgezeigt, dass das Augenmerk vielmehr auf grenzüberschreitende Kooperationen im allgemeinen Sinn gelegt werden müsste, seien sie geografischer, disziplinärer oder institutioneller Natur. Mittels einer explorativen Studie im erweiterten Umfeld der SAGW wurde der Versuch unternommen, die filigranen Netzwerke und vielschichtigen Kooperationsformen der Geistes- (und Sozial-)Wissenschaften über diese Grenzen hinaus wie auch deren Bedeutung zu erfassen. Deutlich wird, dass Internationalität ein relatives und von anderen Gesichtspunkten abhängiges Gütekriterium ist und damit nur eines von mehreren kontextabhängigen Kriterien darstellt, die letztlich die Qualität der Forschung beurteilen lassen. Wie sich die Prozesse der Wissensgenese zwischen verschiedenen Akteuren ausgestalten, ist wohl nur durch qualitative Forschungsansätze zu rekonstruieren.

Antworten auf die Frage, wie durch sinnvolle Kooperationen Grenzen aufgelöst werden, dürften eine ebenso wichtige Zieldimension darstellen wie die Internationalisierung der Wissenschaften selber. Denn anders als im Fussballbusiness sollte es in einem modernen Wissenschaftsbetrieb immer mehr um Zusammenarbeit, gegenseitige Kenntnisnahme, Überblickbarkeit und einen stimulierenden Austausch gehen als um Wettbewerb, Konkurrenz und Kräftemessen.


Neu erschienen:
Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (2019): «Internationale Kooperation und Vernetzung in den Geisteswissenschaften. Swiss Academies Report 14 (3). https://doi.org/10.5281/zenodo.2537674

Weitere Quellen:
Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (2018): Zur Diskussion: Qualität vor Quantität. Swiss Academies Communication 13 (5).
Link: https://doi.org/10.5281/zenodo.1409674

Caspar Hirschi (2010): Bilaterale Internationalität. Die Schweiz im Lichte von Ben-Davids 'Wissenschaft in einem kleinen Land'. In: Nach Feierabend. Zürcher Jahrbuch für Wissensgeschichte (2010), Nr. 6, 191-215.
https://www.alexandria.unisg.ch/214701/1/Hirschi__PDF_des_Aufsatzes_Bilaterale_Internationalit%C3%A4t.pdf