Montag, 15. Oktober 2018

Altersfreundliche Umgebungen: Eine Chance für alle Generationen

Lea Berger, SAGW, Projekt «Ageing Society»

Altersfreundliche Umgebungen ©Atelier Nordföhn
2015 hat die WHO ihre neue Strategie „Global Strategy and Action Plan on Ageing and Health“ veröffentlicht, in der sie unter anderem eine Ausrichtung der Gesundheitspolitik auf eine dynamische, kontextbezogene Stabilisierung der Lebensqualität fordert, sowie einen differenzierten Altersbegriff einführt, der Altersstigmatisierungen entgegenwirken soll. Eines der fünf strategischen Handlungsfelder betrifft die Entwicklung von „age-friendly environments“ (altersfreundliche Umgebungen).

Was bedeutet „age-friendly“?

Altersfreundlich bedeutet niederschwellig zugänglich, gerecht, integrierend, sicher und fördernd. Altersfreundliche Umgebungen helfen somit, Altersdiskriminierungen zu vermeiden, ermöglichen die gesellschaftliche Partizipation der älteren Bevölkerung und bieten besonders vulnerablen Personen Sicherheit. Angesichts des hohen Einflusses sozialer Ungleichheit und dem damit einhergehenden sozialen Ausschluss, der sich negativ auf den Gesundheitszustand auswirkt, ist dieses Ziel für das gesundheitliche Wohlbefinden der älteren Bevölkerung zentral. Es wurde somit in die inhaltlichen und strategischen Prioritäten der „a+ Swiss Platform Ageing Society“ aufgenommen (www.ageingsociety.ch).

Altersfreundliche Umgebungen als umfassendes und generationenübergreifendes Konzept
Nebst den verschiedenen Lebensbereichen, die von diesem strategischen Ziel der WHO betroffen sind (das Gesundheits- und Wohlfahrtssystem, der öffentliche Raum, das Wohnen, der Arbeitsmarkt...), sollen altersfreundliche Umgebungen alle Generationen unterstützen und integrieren. Tatsächlich betreffen die Chancen und Herausforderungen einer Gesellschaft des langen Lebens all ihre Altersgruppen. Trotz Heterogenität der älteren Bevölkerung kann festgestellt werden, dass sich soziale und wirtschaftliche Vulnerabilität sowie die körperliche Fragilität grösstenteils bereits in jüngeren Jahren konstruiert – beziehungsweise dass ihr mit Hilfe einer generationenübergreifenden Perspektive präventiv entgegengewirkt werden kann. Ganz im Sinne von P. Bourdieu und in einer Lebenslagenperspektive beschreiben Prof. Dr. Carlo Knöpfel und sein Team (FHNW) im Pro Senectute Bericht „Erst agil, dann fragil“ (2015) das Leben als Prozess der Kapitalansammlung: „Die Lebenslage älterer Menschen (ist) Spiegelbild ihres Lebenslaufs (...), die Summe ihres Verhaltens und der Verhältnisse, in denen sie bisher gelebt haben“ (S. 34).

Generationenpolitische Forderungen am Beispiel der Betreuungsfrage

Die SAGW hat 2012 die Publikation „Was ist Generationenpolitik? Eine Positionsbestimmung“ herausgegeben und drei zentrale Ziele der Generationenpolitik definiert: die Vereinbarkeit von Familien- und Erwerbsarbeit, die aktive Beteiligung aller Generationen am gesellschaftlichen Leben und die Überwindung der Bindung von Handlungsmöglichkeiten an einzelne Lebensphasen. Dabei wurden in relevanten Politikbereichen konkrete Massnahmen vorgeschlagen: etwa in der Familienpolitik, der Bildungspolitik, der Organisation des Erwerbslebens oder der Sozialpolitik. Im Kontext einer alternden Gesellschaft, unter anderem im Hinblick auf den wachsenden Bedarf an Betreuung älterer Menschen, sind diese Ansätze hochaktuell, obwohl sie zum Zeitpunkt ihrer Publikation kaum politische Beachtung fanden. Im Sinne der Ermöglichung eines würdigen Alterns und der Verhinderung einer Zweiklassengesellschaft plädiert der kürzlich veröffentlichte Bericht der Paul Schiller Stiftung, „Gute Betreuung im Alter“ (2018, C. Knöpfel et al.), für eine ganzheitliche Sicht auf die Betreuungsfrage, welche Aspekte wie die Einbindung aller Betroffenen, die Einkommensunterschiede, die Aufwertung und Anerkennung der (informellen) Betreuungsarbeit, die Entlastungsmöglichkeiten der Betreuenden, die Vernetzung aller Lebensbereiche sowie die Gesundheitsförderung mitberücksichtigt.



Montag, 8. Oktober 2018

Gesundheitssystem: Die Macht des Geldes

Beatrice Kübli, SAGW, Kommunikation

184 Millionen Franken. So viel gewann ein Schweizer vor ein paar Tagen bei «Euro Millions». Dass sich dadurch sein Leben verändern wird, steht fest. Mit so viel Geld kann man sich einiges leisten. Nur Gesundheit nicht. – Oder doch? Mit der Privatabteilung eines Spitals liegt etwas Luxus drin, aber wird man auch medizinisch besser versorgt? Oder ordnen die Ärzte bei reichen Patienten gar Behandlungen an, die gar nicht nötig sind? Wir haben uns gemeinsam mit der medizinischen Akademie (SAMW) vorgenommen, die Macht im Gesundheitsbereich in all ihren Facetten zu beleuchten. Welcher Einfluss das Geld hat, diskutieren wir in diesem Blogbeitrag und – ganz analog – am 25. Oktober in Bern.

Geld und Macht
Wenn der Nachwuchs verkündet, er wolle «Philosophie» oder «Kunstgeschichte» studieren, macht das die Eltern bisweilen etwas nervös. Bei «Medizin» hingegen, sind sie beruhigt. Ein gutes Einkommen scheint gesichert. Je nach Spezialisierung liegt sogar das ganz grosse Geld drin. Da fragt es sich, inwiefern monetäre Anreize die Studien- oder Spezialisierungswahl beeinflussen. Und ob Spezialisten, die viel Geld verdienen, auch mehr Macht haben. Früher galt die Medizin als freie Kunst und die Patienten entschieden darüber, wie viel sie dem Arzt geben können. Haben sich damals andere Menschen für den Arztberuf entschieden als heute? Haben heutzutage Hausärzte andere Werte als Herzchirurgen? Fest steht, dass man den Hausarzt ohne Versicherung vielleicht noch bezahlen könnte, den Spezialisten hingegen nicht.

Zeit ist Geld
Das Gesundheitssystem hat Einfluss auf die Beziehung zwischen Arzt und Patient. Ein Blick auf die Arztrechnung zeigt: Im Tarmed-System wird im 5-Minuten-Takt abgerechnet. Da ist im Vorteil, wer sich kurzfassen kann. Zeit ist Geld. Obwohl, meist bezahlt es der Patient ja über eine hohe Franchise selbst. Die Sache ist nicht unproblematisch, denn wir sind auf wirtschaftliches Denken ausgerichtet. Wer viel Krankenkassenprämie bezahlt und eine hohe Franchise hat, will etwas für sein Geld. Wenn eine Behandlung möglich ist, dann soll sie auch angeordnet werden. Nur ist dies nicht immer sinnvoll. So ist beispielsweise für Hustenmedizin keine eindeutige Wirkung nachgewiesen, wie unlängst eine Studie der Universität Basel belegte. Die von der medizinischen Akademie (SAMW) unterstützte Choosing-Wisely-Initiative setzt sich dafür ein, dass nur Behandlungen empfohlen werden, die auch sinnvoll sind. Das bedingt, dass die Tarifsysteme keine falschen Anreize setzen. Zurzeit ist es durch die Fallpauschalen gewinnbringend, gewisse Operationen durchzuführen. Und die Behandlungszeit ist beschränkt. Wichtiger wäre aber – wenn auch gemäss Tarifsystem weniger lukrativ –, dass sich der Arzt Zeit nimmt und auf seine Patienten eingeht.

Geld steuert
Dass etwas getan werden muss, ist offensichtlich. Wie üblich, wurde auch in diesem Herbst eine Prämienerhöhung angekündigt. Die Frage, wie das Gesundheitssystem neu erfunden werden könnte, wurde am Wochenende in Genf diskutiert. Letztlich müssen «alle Akteure in die Pflicht» genommen werden, wie Bundesrat Alain Berset es in seinem Paket zur Kostendämpfung vorsieht. Denkbar ist auch, dass er mit einem Globalbudget in die Steuerung eingreift. Geld kann vieles bewirken.

Auf welchem Weg auch immer, wenn die Gesundheitskosten gebremst oder gar gesenkt werden könnten, würde für alle etwas mehr in der Kasse bleiben. Keine 184 Millionen, aber für einen Lottoschein würde es reichen.


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Medical-Humanities-Tagung: Die Macht des Geldes
Donnerstag, 25. Oktober 2018, Eventfabrik, Bern
13.15-17.15 Uhr

Roadmap «Nachhaltiges Gesundheitssystem» der Akademien der Wissenschaften Schweiz: http://www.roadmap-gesundheitssystem.ch

Montag, 1. Oktober 2018

Umweltpolitik ist ein Thema der Geisteswissenschaften

Beatrice Kübli, SAGW, Kommunikation
 
Wozu braucht es die Geisteswissenschaften? Mit dieser Frage sieht sich die SAGW so oft konfrontiert, dass wir längst eine Website mit Antworten online gestellt haben. Dabei ist es einfach: Die Geisteswissenschaften haben überall dort etwas beizutragen, wo es um Menschen geht. Also auch in der Medizin (medical humanities) oder in den Umweltwissenschaften (environmental humanities). In politischen Debatten werden sie bisher allerdings noch nicht ausreichend einbezogen, wie Markus Zürcher am Berner Phil-hist-Forschungstag kritisierte. Aber zur Lösung drängender Gesellschaftsprobleme braucht es neue Ansätze und die kommen (auch) von den Geistes- und Sozialwissenschaften.

Geisteswissenschaften in der Umweltpolitik
Wie die Gesellschafts- und Politikrelevanz der Geisteswissenschaften zu Umweltthemen gestärkt werden kann, war Gegenstand des Berichts «Applying the Environmental Humanities: Ten steps for action and implementation». Die Autoren Christoph Kueffer, Katharina Thelen Lässer und Marcus Hall kommen zum Schluss: «Environmental Humanities sind auf viele Umweltfragen besser vorbereitet als die Umweltwissenschaften, z.B. bei Themen wie Gerechtigkeit, Armut, dem kulturellen und historischen Kontext von Umweltproblemen und bei Fragen, die sich mit sozialem Handeln, Verstehen, Bedeutung oder Werten befassen. Solche Fragen sollten gleichberechtigt wie die naturwissenschaftlich geprägten Fragen der Umweltwissenschaften als Prioritäten in der Forschung, Praxis und Umweltpolitik angesehen werden.» Die Autoren haben den «ten steps for action and implementation» des Berichts nun «ten steps to strengthen the environmental humanities» hinzugefügt.

Komplexe Themen erfordern Interdisziplinarität
Ob Umwelt oder andere Themen: Die grossen Herausforderungen der heutigen Gesellschaft lassen sich nicht in Probleme der Natur- oder Geisteswissenschaften einteilen. Es braucht verschiedene Perspektiven, auch wenn die Zusammenarbeit nicht immer einfach ist. Oft fehlt es an Zeit, an gegenseitigem Verständnis. Dennoch ist es gerade auch im Hinblick auf die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung der UNO-Agenda 2030 wichtig, interdisziplinäre Wege zu gehen.


Wie erleben Sie die Zusammenarbeit zwischen Geistes- und Naturwissenschaften? Wo sehen Sie Potenzial? – Wir haben übrigens bereits einen Anfang gemacht: Im Haus der Akademien trennt uns nur ein Stockwerk von den Naturwissenschaften...

Montag, 24. September 2018

Islam in der Schweiz

Dr. Manuela Cimeli, SAGW, Schwerpunkt «Sprachen und Kulturen»

© Kara - fotolia.com
Wir leben in einer multikulturellen und multireligiösen Gesellschaft. Religiöse und kulturelle Traditionen können Identität stärken, Menschen verbinden oder aber Ängste schüren und Konflikte hervorrufen. Heute begegnen viele der Religion Islam mit Ablehnung, Skepsis oder zumindest Desinteresse. Wie eine Anfang September veröffentlichte Studie zeigt, gibt es in den Medien immer mehr Berichte, die Distanz gegenüber Muslimen erzeugen. Der Fokus liegt auf Beiträgen zur Radikalisierung und zum Terrorismus. Daraus erwachsen Vorurteile und Pauschalisierungen, welche eine religiöse Minderheit unter ständigen Rechtfertigungsdruck stellen. Besonders betroffen sind junge Musliminnen und Muslime, die im Alltag mit negativen Stereotypen konfrontiert werden und sich für ihre Religionszugehörigkeit rechtfertigen müssen, unabhängig davon, ob sie selbst praktizierend sind oder nicht. Dass der Islam Unbehagen auslöst, zeigte sich gestern wieder: Überaus deutlich hat St. Gallen das Verhüllungsverbot angenommen.

Anerkennung
Es ist wichtig, dass die gesellschaftliche Anerkennung von Musliminnen und Muslimen in der Schweiz verbessert wird, darin sind sich die muslimischen Gemeinschaften einig. Eine Möglichkeit wäre der Weg über eine rechtliche Anerkennung ihrer Religionsgemeinschaften. Aber nicht nur gesellschaftlich, auch juristisch ist das Verfahren schwierig. Auf der Bundesebene gibt es keine Möglichkeit der rechtlichen Anerkennung. Dies liegt in der Verantwortung der Kantone. Um öffentlich-rechtlich anerkannt zu werden, braucht es eine Änderung der Kantonsverfassung. Daher hat beispielsweise der Kanton Basel-Stadt 2006 die Möglichkeit einer kleinen Anerkennung eingeführt. Sie hat grösstenteils symbolischen Charakter, die anerkannte Religionsgemeinschaft bleibt weiterhin privatrechtlich organisiert und kann vom Kanton keine Kirchensteuern erheben. Dass die verschiedenen Kantone unterschiedliche Anerkennungsbegriffe verwenden, erschwert die Diskussion und führt zu Verwirrungen. Dabei kommt es zeitweise zu Vorstellungen, die mit der Realität wenig zu tun haben. So werden beispielsweise nie «Religionen» (z.B. das Christentum oder der Islam) anerkannt, sondern einzelne religiöse Gemeinschaften oder Institutionen (z.B. die Römisch-Katholische Kirche, die Israelitische Gemeinde Basel).

Integration
Bei der Frage, ob die Anerkennung (einzelner) muslimischer Gemeinschaften der richtige Weg sei, teilen sich die Meinung der Musliminnen und Muslimen. Einige wünschen sich zuerst eine Stärkung des innerislamischen Dialogs. Die muslimischen Religionsgemeinschaften sind sehr unterschiedlich organisiert. Es gibt Kantone ohne muslimische Vereinsstrukturen, solche mit rudimentären Strukturen oder dann Kantone mit gut ausgebauten muslimischen Dachverbänden wie der Kanton Waadt. Hilfreich und realistisch können pragmatische Kooperationen sein, wie beispielsweise die Dachverbände stärker in die Gesellschaft zu integrieren.

Diskussion
Eine breite und differenzierte Diskussion rund um die Anerkennungsfrage muss auf nationaler Ebene geführt werden. Die Debatte darum könnte sogar helfen, einen Kulturkampf zu verhindern: Es gilt, die Motive und die Funktionen von Islamfeindlichkeit aufzudecken, die reine Symbolpolitik zu entlarven und die Diskussion um eine Leitkultur diffuser «Werte» zu hinterfragen.


Hintergrundinformationen gibt es in der Online-Publikation «Islam in der Schweiz», welche auf Berichten aus der Veranstaltungsreihe «La Suisse existe – La Suisse n’existe pas» basiert.

Montag, 17. September 2018

Kulturerbe und politische Machtkämpfe

Dr. Cordula M. Kessler, Kunsthistorikerin und Geschäftsführerin der nationalen Informationsstelle zum Kulturerbe NIKE, Boris Schibler, Redaktor bei NIKE

Der Wert von Kulturerbe liegt hauptsächlich in seiner gesellschaftlichen Bedeutung. Diese wandelt sich stetig und wird nicht selten auch politisch vereinnahmt. Solche Vorgänge fanden und finden auch hierzulande regelmässig statt – wie eine kleine Fallstudie aus Bern zeigt.

Aufstieg und Fall des Christoffelturms
Christoffelturm reloaded © ADB/afca. ag
Der Berner Christoffelturm war Teil der Toranlage, die den westlichen Zugang zur mittelalterlichen Stadt Bern bildete. Ursprünglich im 14. Jahrhundert rund 15 Meter hoch errichtet, erhob er sich nach seiner 1454–1470 erfolgten Erweiterung auf eine Höhe von 55 Metern – eine der monumentalsten Toranlagen der Eidgenossenschaft. Seinen Namen erhielt er von der 11 Meter hohen Figur des heiligen Christophorus, die in einer Wandnische auf der Stadtseite angebracht war. Das beeindruckende Bauwerk wurde 1865, nach heftigen Kontroversen, abgebrochen. Heute erinnern nur noch Fundamentreste sowie ein Abguss des spätgotischen Christophoruskopfes bei der Christoffelpassage, dem Südausgang der Bahnhofsunterführung, an das mächtige Bauwerk.

Symbol politischer Machtkämpfe
Die Monumentalisierung der Toranlage im 15. Jahrhundert erfolgte nicht aus militärischen Gründen. Vielmehr war sie Mittel zur Selbstdarstellung. Besucher der Stadt sollten schon von weitem erkennen, dass es sich bei Bern um einen mächtigen, selbstbewussten Stadtstaat handelte. Rund 400 Jahre später bestand diese Funktion nur mehr in der Erinnerung der Bevölkerung. Diese aber war umso bedeutender, da die junge Demokratie des knapp 20-jährigen Bundesstaats auf der Suche war nach einem angemessenen Selbstbild. Der Christoffelturm wurde zum Gegenstand, an dem sich die politischen Auseinandersetzungen zwischen Konservativen und Radikalen kristallisierten. Sahen Erstere in ihm einen Zeugen der grossen Zeit Berns (an die anzuknüpfen wäre), so galt er andererseits als «alter Zopf» der Patrizierzeit. Folglich plädierten die Konservativen für die Erhaltung des Turms, die Radikalen jedoch für dessen Abbruch, da er dem Fortschritt im Wege sei. Die Entscheidung am 15. Dezember 1864 erfolgte äusserst knapp. Gerade einmal vier Stimmen gaben den Ausschlag: Mit 415 zu 411 Stimmen wurde der Abbruch des Christoffelturms beschlossen. Der Christoffelturm wurde zum Symbol, an dem sich die politische Haltung zu den Herrschaftsverhältnissen der Vergangenheit und der eigene Umgang damit zeigen sollte. Konkret hiess das, entweder den Turm und damit einen Zeugen der feudalen Herrschaft zu erhalten, oder aber ihn zu beseitigen und so zu signalisieren, dass man sich mit Nachdruck davon distanzierte.

Abriss – ein Opfer für die Demokratie

Exemplarisch dafür ist die Person Jakob Stämpflis. Stämpfli (1820–1879) war als Berner Regierungs-, National-, kurzzeitig Stände- und schliesslich Bundesrat politisch tätig. Er gilt als einer der bedeutendsten Schweizer Politiker des 19. Jahrhunderts, der den modernen Bundesstaat massgeblich prägte. Er kämpfte an vorderster Front gegen den Christoffelturm, weil er sich für Rechtsgleichheit und Ausweitung der politischen Mitsprache der Bevölkerung einsetzte. Der Christoffelturm war somit letztlich ein Opfer für die Demokratie. So gesehen ein Umgang mit dem Kulturerbe, mit dem wir uns heute identifizieren könnten. Indes fragte man sich schon bald nach dem Abriss der Toranlage, ob die Entscheidung richtig gewesen war. Die Entfernung des Symbols hinterliess eine reale Leerstelle im Stadtgefüge.

Renaissance – Christoffel reloaded
Die Geschichte des Christoffelturms ist nicht zu Ende – in naher Zukunft wird sie um ein Kapitel reicher. Dann wird der Turm mit Hilfe modernster holografischer Technik erlebbar gemacht und somit virtuell auferstehen. Eine weitere Form des Umgangs mit dem Kulturerbe schliesst sich den bisherigen an. Und macht einem bewusst, dass dessen Bedeutung für uns alle sich wiederum gewandelt hat. Beständig ist indes die Bedeutung an sich. Sie geht weit über das Materielle hinaus und kann eigentlich kaum überschätzt werden.

Die virtuelle Wiederaufersteheung des Christoffelturms miterleben!
Christoffel reloaded – die virtuelle Wiederauferstehung des Christoffelturms beim Berner Bahnhof:
29. September 2018, 20. Oktober 2018, 3. November 2018, jeweils 19.30 – ca. 22 Uhr.
https://www.nike-kulturerbe.ch/de/kulturerbe-total/christoffel-reloaded-die-virtuelle-wiederauferstehung-des-christoffelturms-beim-berner-bahnhof/

Donnerstag, 6. September 2018

Von Papizeit und der numerischen Realität


Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften
Unser Datenmanager Staat ist bei der aktuellen Debatte um Elternzeit am Rechnen: Addieren, Prozentzahlen bestimmen und mit anderen Ländern vergleichen. Die numerische Abbildung der Realität in Schweizer Familien ist Grundlage und zugleich Legitimierung für Strategien, Forderungen und politische Vorstösse. Die latente Gefahr, dass im Binärcode ein Schwarzweiss-Denken schlummert, wird in der Hektik der Debatte kaum wahrgenommen. Mit einer buchhalterischen Exaktheit soll der Status Quo in unserer Gesellschaft angestrebt werden. Tatsache ist, dass 1'256'578 Familienhaushalte mit Kindern in der Schweiz leben. Sieben von zehn Frauen (70%) und knapp zwei Drittel der Männer (64%) im Alter von 25 bis 80 Jahren sind Eltern von einem oder mehreren Kindern. Die Geburtenziffer liegt bei 1,55 (Jahr 2016). Eine Zahl, die angibt wie viele Kinder eine Frau im Verlaufe ihres Lebens im Durchschnitt zur Welt bringt. Und! Eine weitere Erhebung zu Familien und Generationen (EFG) ist dieses Jahr am Laufen – erste Resultate werden 2019 erwartet.
https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/bevoelkerung/familien/kinderwunsch-elternschaft.html
https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/bevoelkerung/familien/formen-familienleben.assetdetail.4582780.html

Eine Familienaffäre
Kinder auf die Welt bringen, Nachwuchs pflegen, unsere Zukunft absichern – alles schön und gut, aber sobald sich die Debatte um Elternzeit dreht, dann kochen Emotionen hoch. Es scheint, dass Kinderkriegen keine Privatsache ist. Oder doch? Mit Ach und Krach wurde im Jahr 2005 ein Mutterschaftsurlaub von 14 Wochen eingeführt. Bis 2005 durften Mütter während acht Wochen nach der Geburt nicht arbeiten, es gab jedoch keine finanzielle Absicherung – obwohl seit 1945 ein Verfassungsauftrag an den Bund zur Einführung einer Mutterschaftsversicherung bestand. Und jetzt, 13 Jahre später, liegt der Wunsch nach Vaterschaftsurlaub auf dem Tisch. In Bern wird derzeit über mehrere Vorschläge beraten: Etwa eine Volksinitiative für 20 Tage Vaterschaftsurlaub oder ein Vorschlag der Christlichdemokratischen Volkspartei (CVP) für 2 Wochen Vaterschaftsurlaub wie auch von der Freisinnig-Demokratischen Partei (FDP) ein Gegenvorschlag für einen Elternurlaub von 16 Wochen. Der auffälligste Vorschlag jedoch stammt von der Eidgenössischen Koordinationskommission für Familienfragen (EKFF), eine ausserparlamentarische Kommission und beratendes Organ des Bundesrates: Empfohlen ist eine Elternzeit von 38 Wochen mit einem Erwerbsersatz von 80 Prozent.

Evidenzbasierte Erkenntnisse
Die Empfehlung der Eidgenössischen Koordinationskommission für Familienfragen (EKFF) ist mutig und benötigt daher ein Feuerwerk von Argumenten zur Legitimierung ihres Vorschlages. Für eine Literaturanalyse haben sie INTERFACE, ein privates Institut für Politstudien, Forschung und Beratung in Luzern beauftragt. Das Resultat des Auftrages ist eine Fleissarbeit mit dem sperrigen Titel Evidenzbasierte Erkenntnisse zu Wirkungen von Elternzeit sowie Mutterschafts- und Vaterschaftsurlaub. Die publizierten Studien stammen aus der ganzen Welt und zeigen ein Abbild, wie sich Elternzeit auf insgesamt neun gesellschaftliche Bereiche auswirkt: Elternzeit fördert die Gesundheit des Kindes, unterstützt die Entwicklung des Kindes, fördert auch die Gesundheit der Mutter, stärkt die Vater-Kind-Beziehung, erhöht den Kinderwunsch und die Erwerbsarbeit der Mutter… Elternzeit lohnt sich sogar für Unternehmen, ist volkswirtschaftlich ein Gewinn und fördert nicht zuletzt die Gleichstellung zwischen Frau und Mann. Auf der umfassenden Literaturanalyse basiert ein Modellvorschlag mit maximal 38 Wochen für die Eltern (siehe Elternzeit – weil sie sich lohnt!“): 14 Wochen sind für die Mutter reserviert, acht Wochen für den Vater und die restlichen Wochen lassen sich in drei Optionen aufteilen. Die Eltern dürfen jedoch nur zwei Wochen gleichzeitig beim Neugeborenen sein. Diese Elternzeit soll der Schlüssel sein zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Zumal die Schweiz gemäss OECD zu den Schlusslichtern vom bezahlten Urlaub für Mutter und Vater gehört: Die Schweiz steht vor Mexiko – definitives Schlusslicht ist die USA (oder es fehlen die Daten?). Interessant ist, dass auf diesem Ranking das Land Ungarn auf Rang drei steht. Niemand will 'Genderologen' anstellen, infolgedessen braucht man auch keine auszubilden, sagte der stellvertretende ungarische Ministerpräsident Zsolt Semyen dem Nachrichtenportal atv.hu im August 2018. Der Entwurf einer Ministerialverfügung untersagt Universitäten, künftig Lehrgänge im Fach Geschlechterforschung anzubieten – aber bei der OECD stehen sie auf Rang drei in der Frage der Elternzeit.
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https://www.newsd.admin.ch/newsd/message/attachments/53290.pdf
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Scheinkorrelationen
Obwohl es im Ranking der OECD keine Daten über die USA gibt, sind in der Literaturanalyse für EKFF sehr wohl US-Studien aufgeführt. Die amerikanische Studie von Rossin-Slater 2011 basiert auf einer Analyse des 1993 eingeführten Family and Medical Leave Act (FMLA). Die Einführung des FMLA führte zu einer leichten Zunahme des Geburtsgewichtes von Kindern, zu einer leichten Abnahme des Risikos von frühzeitigen Geburten und zu einer Abnahme der Kindersterblichkeit für Kinder von gut ausgebildeten Frauen. Diese Ergebnisse werden von einer neueren Studie von Stearns 2015 bestätigt. Darin werden die Auswirkungen eines kurzen, bezahlten Mutterschaftsurlaubes, welcher auch pränatal bezogen werden kann, in fünf US-Staaten auf das Geburtsgewicht der Kinder über einen Zeitraum von 13 Jahren analysiert. Durch die Einführung dieses Mutterschaftsurlaubes reduzierte sich der Anteil an Kindern mit tiefem Geburtsgewicht um etwa 3,2 Prozent zwischen 1972 und 1985, schreiben die Autoren. Man kann sich fragen, ob der schwache Einfluss auf das Geburtsgewicht nicht etwa auf medizinische Fortschritte basiert. Solch schwache Ergebnisse sind jedoch kaum ein gutes Argument für eine starke Lobby, etwa für die Arbeitgeber und können sehr schnell als Scheinkorrelationen verstanden werden.

Arbeitgeber für Mamis und Papis
Gelesen in der NZZ (25. 8.2018): Die politische Kontroverse über den Vaterschaftsurlaub wirft ein Schlaglicht auf die Praxis in der Wirtschaft. Die Arbeitgeber haben laut Fachleuten in Sachen Familienfreundlichkeit noch viel Luft nach oben. Kinder machen Freude. Doch diese bekommt man nicht umsonst. Kinder bedeuten für Eltern auch Kosten einschliesslich Zeitbedarf. Die laufende politische Kontroverse betrifft die Frage, welcher Anteil dieser Kosten von den Eltern auf die Allgemeinheit zu überwälzen ist. Etwas mehr als heute, fordert die von Arbeitnehmer- und Familienorganisationen lancierte Volksinitiative für einen Vaterschaftsurlaub, schreibt die NZZ. Der Vorstoss verlange einen bezahlten Vaterschaftsurlaub von 20 Tagen. Bezahlt würde er via Lohnabzüge. Der Arbeitgeberverband ist nicht grundsätzlich gegen den Vaterschaftsurlaub, will aber keinen gesetzlichen Zwang; die Sache sei vielmehr auf Betriebs- oder Branchenebene auszuhandeln. Das Postulat der Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist in der öffentlichen Diskussion zwar schon ein Heiligtum, doch vom Postulat zur gelebten Praxis kann es ein grosser Sprung sein“, mahnt die NZZ.
https://www.nzz.ch/wirtschaft/arbeitgeber-fuer-papis-und-mamis-ld.1414478

Bankkonto Papi
Rosinen in der Literaturrecherche von EKFF sind schwedische Erkenntnisse: Almqvist/Duvander 2014 analysieren in ihrer Studie die Auswirkungen des Daddy Month, welcher in Schweden im Jahr 1995 eingeführt wurde. Der Daddy Month ist eine einmonatige Elternzeit, die exklusiv von Vätern in Anspruch genommen werden kann. Im Jahr 2002 wurde noch ein weiterer Monat hinzugefügt, Väter können aber auch mehr Elternzeit in Anspruch nehmen, wenn sie wollen. Die Autoren zeigen, dass Väter, die eine lange Elternzeit in Anspruch nehmen (definiert als Urlaub länger als 2 Monate), im Durchschnitt mehr zu Haus- und Familienarbeit beitragen als Väter, die einen kurzen Urlaub (kürzer als 2 Monate) in Anspruch nehmen. Gemäss einer Trendstudie von Väter GmbH 2012 wirkt sich der Bezug von Elternzeit auf die Vaterrolle aus. Auch wenn die Aspekte Geld verdienen und Absicherung der Familie für den Grossteil der befragten Väter nach wie vor sehr wichtig sind, gibt es immer weniger Männer, die sich lediglich mit ihrer Rolle als reiner Ernährer zufriedengeben.  Genau diese Rolle als reiner Ernährer könnte ein gutes Argument für Arbeitgeber sein, die Elternzeit zu unterstützen. Zumal in Schweizer Chefetagen Männer das Sagen haben. Welcher Mann möchte nur noch als Geldsack für Frau und Kind dastehen? Leider ging dieses Argument im Abstract von EKFF Elternzeit – weil sie sich lohnt!  vergessen. Und im vorgeschlagenen Modell von EKFF würden einem alleinerziehenden Vater 24 Wochen zustehen – einer alleinerziehenden Mutter 30 Wochen. Für alle Alleinerziehende ist es schon schwer genug, Akzeptanz in unsere Gesellschaft zu finden…
https://www.newsd.admin.ch/newsd/message/attachments/53290.pdf