Donnerstag, 12. Juli 2018

Das Leben ist kurz – Stunden sind lang


Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften 
Im kommenden Herbstsemester wird Peter Stamm als Friedrich Dürrenmatt Gastprofessor für Weltliteratur an der Universität Bern unterrichten. In seinem wöchentlichen Seminar „Das Leben ist kurz, aber die Stunden sind lang“ diskutiert der Autor mit seinen Studierenden über die Bedeutung der Zeit in der Literatur und in der Kunst. Stamm wird mit ihnen nicht nur über theoretische Konzepte aus Physik, Philosophie und Religion nachdenken, sondern auch in Übungen mit der Zeit experimentieren – etwa mit Hilfe von Albert Einsteins Relativitätstheorie.

Wie sich das Geheimnis der Zeit lüftet
Ist eine Sekunde immer eine Sekunde? Sind Zeit und Raum unveränderlich? Einstein hatte entdeckt, dass die Zeit langsamer fliesst und der Raum schrumpfen kann. Damit öffnete der theoretische Physiker das Tor in eine andere Welt bzw. jenseits der menschlichen Wahrnehmung: Scheinbar unerreichbar und doch zum Greifen nah. Sind Raum und Zeit etwa keine Naturkonstanten? Wie ist das mit dem Licht – breiten sich Photonen 299’792 Meter pro Sekunde aus? Für Einstein war schnell klar, dass Zeit nur das ist, was eine Uhr misst. Er dachte, dass Bewegung die Zeit verlangsame – seine Annahme wurde 50 Jahre später durch die Funktion der Atomuhr bewiesen. Nach Einstein geht eine Uhr im Flugzeug langsamer – wenn auch nur eine Milliardstel Sekunde – als am Boden. Immerhin! Diese Zeitdifferenz wird grösser je schneller das Flugzeug fliegt. Auf eine spielerische Art lässt sich Einsteins Gedanken zur Relativitätslehre im folgenden Video nachvollziehen: 

Wie das Ende der Zeit beginnt
Wer etwa denkt, dass die sogenannte „Echtzeit“ als stehender Begriff aus der Digitalisierung stammt, der täuscht sich um Jahre: 1850 wollte Julius Reuter Börsennachrichten aus Paris sieben Stunden schneller als auf dem üblichen Weg mit der Eisenbahn nach Deutschland bringen. Der Weg in die Echtzeit begann mit einer 200-köpfigen gurrenden Brieftauben-Staffel. Eine Sensation, weil damals die Zeit noch vor Einstein (1905) eine unveränderliche Gewissheit im Leben der Menschen war. Alles brauchte seine Zeit, das Leben wurde vom Lauf der Sonne und dem Wechsel der Jahreszeiten bestimmt. Als das erste Untersee-Kabel eine direkte Telegrafenverbindung zwischen den Börsen in London und Paris erlaubte, mietete Reuters 1851 ein kleines Büro in London. Unternehmer Reuter verfolgte eine einfache Geschäftsidee: Sammeln und verkaufen von Informationen, schnell und weltweit – inklusive Echtzeit. Seither lässt Echtzeit sogar den Raum zwischen Sehnsucht und Erfüllung verschwinden – Aktion und Reaktion können durchaus simultan verlaufen.

Wie sich Zeit aufschichten lässt
Es bleibt die Frage, ob diese Echtzeit den Menschen nicht überlastet. Immerhin ist für Physiker Zeit eine Art Illusion, die das gängige menschliche Denken überfordert. Ökonomen haben auf Zeit pragmatisch reagiert, in ihrem Fachbereich ist Zeit meistens als Ressource definiert: Mit Zeit lässt sich Geld verdienen – „time is money“. Für manchen Sozialwissenschafter hingegen ist Zeit ein komplexes Ordnungssystem der Vergänglichkeit. Dazu gehörte der österreichische Soziologe Alfred Schütz, welcher ein Doppelleben als Finanzjurist und Wissenschafter führte (1899-1959). Er sprach von einer lebensweltlichen Zeit: In Überschneidungen der subjektiven Zeit als empfundene Dauer mit den Rhythmen des Körpers (biologische Zeit), wie auch mit den Jahreszeiten, desgleichen mit der Welt-Zeit und einem Kalender der sozialen Zeit. Wir leben alle in diesen Dimensionen, so Schütz (Alfred Schütz, Thomas Luckmann, Strukturen der Lebenswelt). In der subjektiven Zeit des Bewusstseins werde das gegenwärtige „Jetzt“ in unabwendbarer Abfolge in ein „gerade Vorhin« und schliesslich zum „vergangenen Jetzt“. Ebenso enthalte das „Jetzt“ eine Vorausschau auf die unmittelbare, nähere und fernere Zukunft. Über die Uhr und den Kalender werden diese subjektiven Zeitdimensionen mit der „sozialen Zeit“ verknüpft bzw. werden so mit den subjektiven Zeitdimensionen anderer Menschen vergleichbar. Schütz erkannte in der Lebenswelt des Alltags eine Aufschichtung von unterschiedlichen Zeitstrukturen, welche mittels Reichweiten in den jeweiligen Lebenswelten geordnet werden können: Da wäre einerseits die Gegenwart, die der unmittelbaren Erfahrung, hinzu kommt die Vergangenheit, eine wiederherstellbare Reichweite in den entsprechenden Lebenswelten und letztendlich existiert auch eine Zukunft, also Alltagswelten, die noch ausserhalb der Reichweite liegen.

Wie Zeit aus den Fugen gerät
Den deutschen Soziologen Hartmut Rosa interessiert, wie sich veränderte Zeitstrukturen auf den Menschen auswirken, deshalb schreibt er eine Zeitsoziologie mit dem Titel „Beschleunigung“. Rosa definiert Beschleunigung kurzerhand als Mengenzunahme pro Zeiteinheit. Nach Rosa hat Beschleunigung jedoch nichts mit der Arbeitszeit, etwa acht Stunden, zu tun, sondern mit der Zahl der Handlungsepisoden pro Zeiteinheit. Dieses Steigerungsdiktat der Handlungen gilt nicht nur im Job, sondern auch in der Familie und Freizeit – das Gefühl stellt sich früher oder später ein, dass man es nicht mehr schafft vor lauter Handlungen – die sogenannte Temporalinsolvenz stellt sich ein. „Die Wahrnehmung der progressiven Dynamisierung und Verkürzung von ereignis-, prozess- und veränderungsbezogenen Zeitspannen ist vom Beginn der Neuzeit an – gleichsam seit Hamlets Klage, die Zeit sei aus den Fugen – konstitutiv für die Grunderfahrung von Modernisierung...“ (Hartmut Rosa, Beschleunigung, Seite 460, Suhrkamp 2005).

Wie die Schweiz Zeit verbringt
Die Krankenkasse KTP wollte es genau wissen. Sie beauftragte 2017 die Forschungsstelle sotomo, insgesamt 7958 Menschen über ihr Zeitbudget zu befragen. Leider ist über Bias oder Verzerrung der offenen Online-Befragung in der Studie nichts nachzulesen (Datenerfassung auf Online-Newsseiten „Blick“ und „Le Matin“). Die Antworten zur Pünktlichkeit sind jedoch überraschend. In der Schweiz ist Pünktlichkeit immer noch eine Tugend bzw. das Klischee „pünktlich wie eine Schweizeruhr“ hat eine gewisse Aktualität bewahrt. Immerhin akzeptiert in der Deutschschweiz 54 Prozent eine Wartezeit von 10 Minuten oder auch mal mehr, in der Romandie sind es nur 47 Prozent und im Tessin nur noch 40 Prozent.

Wie Realität und Fiktion verschmelzen
„Sie war nie pünktlich, aber das macht mir nichts aus, je weniger Zeit mir bleibt, desto mehr Zeit lasse ich mir“, schreibt Peter Stamm in seinem neusten Roman "Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“ (Seite 7). Stamm erzählt vom verlorenen Gleichgewicht eines Mannes, der in die Jahre gekommen ist. Christoph, so heisst der Protagonist, inszeniert seine Glückssuche mit Doppelgängermotiven und Déjà-vu, dem Gefühl, eine Situation schon erlebt zu haben, begleitet von einem Gefühl der Unwirklichkeit. Eigentlich ist in dem Roman vieles stimmig aber auch vieles ziemlich verrückt. In der Geschichte von Christoph schlummern jedoch auch philosophische Fragen: Was wäre, wenn wir die Geschichte unseres Lebens schon als Buch vor uns hätten? Würde sich das Schicksal wiederholen, würden wir gleich reagieren… Wie können wir dem Schicksal entkommen? „Das autobiografische Ich des Romans betritt die Welt als Doppelgänger des Autors, und alles geht noch einmal von vorne los“, schreibt die NZZ (21.2.2018). Stamm schreibt auch: „Wenn der alte Mann stirbt, wird alles in den Müll geworfen, weil er keine Angehörigen hat, oder weil niemand sich für seine Sachen interessiert, nicht einmal für die paar Schwarzweissfotos, die er besessen hat von längst verstorbenen Menschen, von seinen Eltern…“ (Seite154). Das Thema „das Leben ist kurz“ ist nicht nur in seinem Seminar als Friedrich Dürrenmatt Gastprofessor für Weltliteratur an der Universität Bern präsent, sondern auch in seinem neuen Roman.


Donnerstag, 5. Juli 2018

Mehr Wissen über Wissensproduktion


Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften „Mit den Thesen des Wissenschaftstheoretikers Hans-Jörg Rheinberger vor Augen könnte man sogar sagen: Wir leben in einer Wissensgesellschaft, sind aber voll von falschen Vorstellungen davon, wie diese Gesellschaft funktioniert“, schreibt die NZZ (18.6.2018). „Wir leben in einer Gesellschaft, die Milliarden für Bildung und Forschung ausgibt, wissen aber nicht, wofür das Geld ausgegeben wird“. Hans-Jörg Rheinberger ist Honorarprofessor für Wissenschaftsgeschichte an der TU Berlin und analysiert seit Jahren das Treiben in Labors und das Denken an Schreibtischen in Universitäten. In seinem neuen Buch „Experimentalität“ publiziert der gebürtige Lichtensteiner Gespräche mit 19 Persönlichkeiten von Hochschulen und Wissenschaftsredaktionen aus Österreich, Deutschland, England, Spanien, aus den USA und der Schweiz. „Rheinbergers Ausführungen lassen sich als ein mit vornehmer Zurückhaltung formulierter Angriff auf das Forschungsmanagement der öffentlichen Wissenschaftsinstitutionen lesen, also der Hochschulen, Forschungsförderungsorganisationen und der Wissenschaftsverwaltung“, schreibt die NZZ. „Denn dort wird Forschung zunehmend programmatisch und projektförmig organisiert, auf dass sie richtig funktioniere und praxisrelevante Resultate liefere, zu den Themen, die gerade im Schwang sind.“

Das Masslose in der Wissenschaft
Forschung sei Anarchie – sie stürze die Menschen, die sie betreiben in Abenteuer. Sie führe zu Gutem wie zu Schlechtem, zu umwerfenden Techniken und ungehörigen Gedanken. Wissen sei nicht dazu da, uns zu trösten, zitiert Hans-Jörg Rheinberger den französischen Philosophen Michel Foucault. Mit Elfie Miklautz, Professorin für Soziologie der Wirtschaftsuniversität Wien diskutiert Rheinberger auch über die Neugierde. Grundsätzlich müsse man sich fragen, ob es so etwas wie freieschwebende Neugier gäbe (Seite 248). „Die Wissenschaft ruht auf einem Komplex von bereits akkumuliertem Wissen, das man nicht einfach beiseiteschieben kann, auch nicht beiseiteschieben soll.“ Es gehe eher darum, sich nicht völlig vereinnahmen zu lassen. Und er definiert Neugierde als etwas Massloses im doppelten Sinn, da wäre einerseits die Gier, und hinzu kommt noch das Neue – das Masslose ist also auch etwas Unvermessenes. Rheinberger bringt Aspekte auf den Tisch, etwa, dass für ihn als Wissenschaftshistoriker die Trennung zwischen Natur- und Geisteswissenschaft nicht überall Sinn macht (Seite 182). Seine Disziplin, die Wissenschaftsgeschichte, sei so etwas wie ein Ferment, um über die Wissenschaft nachzudenken. Bei der Reflexion sei es jedoch wichtig, weder die Natur- noch die Geisteswissenschaft auszublenden. „Es geht nicht ohne beide Momente. Beide Grossbereiche sind somit präsent, Natur- sowie Geisteswissenschaften, und das, finde ich, ist das Spannende – es schafft Reibungspotentiale im Sinn produktiver Energien.“ Dort wo Unsicherheiten entstehen, wo Selbstvergewisserungsvorgänge eine Rolle spielen, gebe es immer auch Potentiale zur Neuerung. „An dem, was wir Krise nennen, ist nicht das Negative, sondern die Chance interessant“ (Seite 184).

Aufbruch ins Ungewisse
„Abenteuer mit Langzeitwirkung“, lautet ein Titel (Seite 12) im aktuellen Forschungsmagazin GLOBE der ETH Zürich (2/2018). „Sich forschend auf unbekanntes Terrain zu begeben, ist ein Unterfangen mit offenem Ausgang. Forschende, die ihrem Entdeckergeist folgen, können irren – oder sie schaffen Grundlagen, die Wege in die Zukunft eröffnen. Manchmal gelingt es erst nachfolgenden Generationen, diese Wege fruchtbar zu machen“, schreibt GLOBE. Albert Einstein mit der theoretischen Erklärung des photoelektrischen Effekts (1905) wird als Vorzeigemann im Magazin abgebildet: Wer die Biografie des theoretischen Physikers gelesen hat, der weiss, welch abenteuerliche Umwege Einstein einschlagen musste, etwa als Hauslehrer oder technischer Experte im Patentamt Bern. Vergessen sind die Absagen für eine Assistentenstelle des damaligen Polytechnikums. Der Wissenschaftshistoriker Hans-Jörg Rheinberger betont im Gespräch mit der Soziologin Elfie Miklautz in „Experimentalität“ (Seite 251): „Um eine Wissenschaft zu betreiben, braucht es ein gewisses Moment an Überschiessbereitschaft, es soll ja über das Bestehende hinausgegangen werden. So verstehe ich jedenfalls wissenschaftliches Arbeiten, sofern es mit Forschung verknüpft ist. Es ist mit Unsicherheiten behaftet, weil man in der Regel das Ziel nicht genau angeben kann.“

Wissensproduktion
„Das wissenschaftliche Wissen hat das religiöse Wissen, das Naturwissen und das Wissen der Vorfahren verdrängt. Der wichtigste Ort der Wissensproduktion sind die Hochschulen. Hier erwerben Tausende junger Frauen und Männer die Fähigkeit, mit neuem Wissen umzugehen und es hervorzubringen. Oder sie erwerben zumindest ein Papier, das ihnen den Besitz dieser Fähigkeiten bescheinigt“ sagt Hans-Jörg Rheinberger. „Wir leben in der Wissensgesellschaft, aber ahnungslos. Wir wissen nur wenig über die Technik, die unseren Alltag durchdringt – jedes Kind kann ein Smartphone bedienen, aber niemand kann erklären, wie es funktioniert. Wir wissen nichts über die unbewussten Mechanismen der Kommunikation, die am Werk sind, wenn wir uns mit anderen unterhalten. Und wir wissen vor allem nichts darüber, wie das Wissen entsteht.“







Donnerstag, 28. Juni 2018

Wie effizient ist Bildung...


Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften 
Eine empirische Studie aus der Bildungsforschung, die zum Klassiker avancierte, stammt aus den 1960er-Jahren – „der Coleman-Report“. Das US-Department of Education bestellte damals eine Studie über Bildungsungleichheit von schwarzen Kindern bei James S. Coleman. Der Soziologe befragte 632'000 Schüler von 4000 Schulen. Seine Erkenntnisse? Die Ausstattung von Schulen beeinflussen kaum oder nur marginal die Lernleistungen schwarzer Kinder. Coleman fand allerdings andere Faktoren, die den Lernerfolg bestimmen – etwa die Bildung der Eltern, die Zahl der Geschwister oder die wirtschaftliche Situation der Familie. Colemans Fazit passte jedoch den US-Bildungspolitikern nicht in den Kram. Sie wollten den geringen Ausstattungseffekt nicht anerkennen, da sie sich mit der Durchsetzung der Bürgerrechte für Schwarze bezüglich der Bildungsgleichheit eine simple Lösung vorstellten: Dass mit einem Sack voller Dollars bzw. der Verbesserung der Ausstattung an Schulen für schwarze Kinder die Ungleichheit in den USA vom Tisch wäre (vgl. Andreas Dieckmann, Empirische Sozialforschung, Seite 41-46). http://www.rowohlt-theaterverlag.de/fm90/131/Diekmann_Empirische.pdf

Bildungspolitische Fragen der Schweiz
Soeben wurde der Bildungsbericht Schweiz 2018 auf 330 Seiten mit mehr als 500 bildungspolitischen Fragestellungen publiziert. Er ist zugleich ein Rückblick auf acht Jahre Bildungsberichterstattung und präsentiert die Schweizer Bildungslandschaft in einer hohen Detailgenauigkeit. „Das Team um den Berner Bildungsökonomen Stefan Wolter hat im Auftrag des Bundes und der Kantone hunderte Statistiken und Studien verarbeitet“, schreibt die NZZ (19.6.2018). „Daraus ergibt sich ein detaillierter Überblick über den derzeitigen Stand des Bildungswesens und über noch vorhandene Wissenslücken. Der Bildungsbericht ist vor allem ein Arbeitsinstrument für Bildungsfachleute und -politiker, lässt aber auch generelle Aussagen zu.“ Die zentrale Aussage ist gemäss NZZ: „Das Bildungsniveau in der Schweiz steigt, gemessen in Abschlüssen, laufend an.“ Wer sich den Bericht genauer ansieht, findet jedoch überraschendere Fakten und Aussagen.

Kosten-Wirksamkeits-Analyse
„Effektivität“, „Effizenz“ und „Equity“, das sind die drei Schlüsselwörter der Berner Bildungsforscher im Bericht. Mit der Effektivität wird der sogenannte Zielerreichungsgrad der bildungspolitisch festgelegten Bildungsziele analysiert. Mit der Effizienz werden monetäre aber auch nichtmonetäre Ressourcen bestimmt, etwa die Zeit im Verhältnis zur Leistung des Bildungstypes – kurzum es ist eine gefällige Kosten-Nutzen-Relation aus dem Fachbereich der Ökonomen. Und in Unterkapiteln zur Equity gehen die Forschenden zum Kern der Sache bzw. der Frage nach, wie die Bildungsleistung von der Herkunft und vom Geschlecht beeinflusst werden. Der gedruckte Bericht kostet 60, die Online-Version 39 Franken: https://shop.skbf-csre.ch/de/ 

Neue Zahlen – neue Denkmuster
Im Kapitel Universitäre Hochschulen ist die Effektivität ein wichtiger Schwerpunkt, zumal der Arbeitsmarkterfolg für die Bewertung der Hochschulausbildung als zentral erachtet wird. Gemäss der Absolventenbefragung von 2015 sind ein Jahr nach dem Studienabschluss 88 Prozent erwerbstätig. 91 Prozent von ihnen hat eine adäquate Beschäftigung gefunden, die ihren Qualifikationen entspricht. In einer Grafik (Seite 214) ist die Arbeitsmarktsituation bzw. der Anteil der Erwerbstätigen mit einer adäquaten Beschäftigung aufgezeichnet: Zwischen den Fachbereichen gibt es deutliche Unterschiede. Und es sind nicht etwa die Geistes- und Sozialwissenschaften, die als Schlusslicht blinken, so wie es gewisse bildungspolitische Parolen immer noch zementieren wollen: Die knappen Verlierer in der Bildungslandschaft sind die Naturwissenschaften – Gewinner die Pharmazie. Historische- und Kulturwissenschaften geben sich ein Kopf an Kopf Rennen, wohlverstanden hinter den Sozial- und Sprach- wie auch Literaturwissenschaften. Es ist unbestritten, dass dieser Bildungsbericht frischen Wind in verkrustete Denkmuster bringen kann.

Hinter den Zahlen
Interessant sind die Unterkapitel „Equity“ des Bildungsberichtes: So werden beispielsweise im Kapitel Gymnasium die primären Effekte von Bildungsdisparitäten bzw. herkunfts- und geschlechtsbezogener Ungleichheiten in den Bildungsabschlüssen besprochen. In Grafiken wird veranschaulicht, dass rund doppelt so viele Kinder mit sehr hohen Leistungen, die im 11. Schuljahr ins Gymnasium übertreten wollen, aus privilegiertem Haus stammen. Sozusagen hat sich diese Erkenntnis seit dem Coleman-Report der 1960er-Jahren nicht wesentlich verändert. Und im Unterschied zu Coleman wurde die Datenverarbeitung im Zeitalter der Digitalisierung mit Big-Data revolutioniert – es gibt heute Statistiken ohne Ende – in der Interpretation liegt jedoch noch ein riesiges Potential bzw. eine grosse Unbekannte. Die Berner Bildungsforscher beschreiben im Bericht korrekterweise auch den sekundären Effekt, indem leistungsschwächere SchülerInnen aus privilegiertem Haus zulasten der leistungsstärkeren Kinder aus benachteiligten Haushalten die begrenzten Plätze an Gymnasien beanspruchen. Im Bildungsbericht (Seite 159) steht: „Eine solche Konkurrenz ist allerdings schwer zu belegen, da eine Entscheidung für oder gegen das Gymnasium auch von den individuellen Bildungspräferenzen der Eltern oder Schülerinnen und Schüler selbst abhängen kann.“ Die empirische Relevanz könnte durchaus noch mit theoretischen Erklärungsansätzen für Bildungsdisparitäten ergänzt werden – ein Klassiker wäre zum Beispiel die Theorie von Pierre Bourdieu. Bourdieu unterteilte das akkumulierte Kapital von Familien in drei Kapitalarten: das soziale, ökonomische und kulturelle Kapital. Schüler aus benachteiligten Familien werden wegen ihrer defizitären Kapitalausstattung benachteiligt. In ökonomischer Sprache ausgedrückt – aus familialen Ressourcen ergeben sich für Kinder Bildungsdisparitäten bei einer sogenannten Unterinvestition der Eltern in Sozialisation, Erziehung und Vorbereitung auf die Schule.

Fachliche Kompetenzen statt Ellbögeln
„Unser Bildungssystem hat in der Mädchen- und Frauenförderung einen blinden Fleck“, titelt der Tages-Anzeiger-Online (19.6.2018). „Manchmal fördert Forschung unangenehme Zusammenhänge zutage. Dieser gehört mit Sicherheit dazu: Mädchen suchen den Wettbewerb weniger offensiv als Knaben. Darum fehlen Frauen später in gut bezahlten Berufen und auf der Führungsetage. Es kommt noch schlimmer: Je talentierter, desto deutlicher ist der Unterschied zwischen den Geschlechtern, zeigt eine aktuelle Schweizer Forschungsarbeit. Knaben mit guten Noten wollen es erst recht wissen, während Mädchen mit guten Noten sogar weniger risikofreudig sind als weniger begabte.“ Am nächsten Tag steht es gross auf der Front des Tages-Anzeigers (Printausgabe): „Junge Frauen meiden Wettbewerb in Schule und Beruf – Erkenntnisse im Bildungsbericht stellen die Strategie des Bundes zur Förderung von Mädchen in Frage.“ Was sich medial zusammenbraut wird im Interview mit Sylvie Durrer, Direktorin des Eidgenössischen Büros für die Gleichstellung von Frau und Mann, relativiert (Seite 5): „Wir sollten aufhören, Wettbewerb als männlich zu definieren. Mädchen sind sehr wohl ambitioniert, aber für sie ist eben auch Kooperation wichtig“, sagt Sylvie Durrer. Sie erwähnt positive Beispiele aus der Medizin, die beweisen sollen, dass sich Frauen dem Wettbewerb stellen sobald es um fachliche Kompetenzen gehe – und nicht ums „Ellbögeln“.


Freitag, 22. Juni 2018

Von Pflästerlipolitik, Kostendämpfer und Wettbewerb


Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften 
In rund 20 Privatkliniken übernimmt die Grundversicherung schon jetzt knapp die Hälfte der Kosten für eine Behandlung – jene Versicherung für die alle mit ihren Krankenkassenprämien bezahlen. Den Rest der Kosten begleichen die Patienten aus ihrer Zusatzversicherung (gemäss SRF-news, 17.6.2018). Diese Kostenverteilung könnte sich bald ändern: Neu soll die Grundversicherung nämlich drei Viertel der Kosten für eine Behandlung im Privatspital übernhemen. Ob es soweit kommt, wird das Parlament entscheiden. Werden Luxuskliniken die neuen Prämientreiber? Im Herbst wird die Debatte darüber weitergehen.
https://www.srf.ch/news/schweiz/umstrittene-gesetzesplaene-luxuskliniken-als-neue-praemientreiber

Rezept Kostendämpfer
Gelesen bei bag.admin.ch (18.5.2018): „Um die steigenden Gesundheitskosten im Bereich der obligatorischen Krankenpflegeversicherung abzubremsen, setzt das EDI ein Kostendämpfungsprogramm basierend auf einem Expertenbericht um.“ Damit sollen Prämien- und Steuerzahlenden entlastet werden. Das Kostendämpfungsprogramm hat der Bundesrat Ende März 2018 verabschiedet. „Es nimmt alle Akteure des Gesundheitswesens in die Verantwortung und soll dafür sorgen, dass die Kosten nur in dem Umfang steigen, wie sie medizinisch begründbar sind.“ Die Massnahmen werden geprüft und in zwei Etappen umgesetzt. Unter anderem werden Tarifregelungen, und ein Referenzpreissystem bei Arzneimitteln angestrebt. Die Vernehmlassung startet im Herbst 2018. Und 2019 soll ein zweites Paket mit Kostendämpfungsmassnahmen folgen. Oberstes Ziel ist, die obligatorische Krankenpflegeversicherung (OKP) zu entlasten.

Mehr Ökonomie als Humanität
„Die Politik hat auf die ökonomischen Probleme mit der Einführung von künstlichen Wettbewerben, Scheinprivatisierungen und echten Privatisierungen reagiert“, schreibt Professor Andreas Kley der Universität Zürich in seinem NZZ-Gastkommentar (14. Juni 2018). „Neue Wettbewerber, namentlich internationale Konzerne, drängen in den Markt und nehmen diesen Ball dankbar auf. Dabei kommt es zu grundlegenden Strukturveränderungen. In diesem Umfeld sind die Anbieter von Gesundheitsleistungen die einzigen, die realisieren, wie man sparen kann und wie sich damit die Gewinne erhöhen lassen“. Das schweizerische Gesundheitssystem sei geprägt durch Unterfinanzierung von Betreuung und Pflege – investiert werde in Technik, IT und Medikamente. „In der Schweiz verletzen Parlament und Bundesrat ihre Schutzpflichten grob, indem sie in Gesetzgebung und in Finanzierung strikt am Grundsatz festhalten, dass die Ökonomie der Humanität vorgeht“, analysiert der Professor für öffentliches Recht, Verfassungsgeschichte sowie Staats- und Rechtsphilosophie. Und als Kritiker meint er, dass mit dieser Entwicklung unser Land die Menschenrechte verletze.

Wettbewerb und GWL
„Der Wettbewerb in einem System mit regulierten Preisen kann nur effizient funktionieren, wenn vergleichbare Leistungen auch vergleichbar vergütet werden“ schreibt Avenir Suisse in der Studie „Ein Damoklesschwert im Spitalsektor“ (April 2018). „Seit 2012 werden stationäre Spitalaufenthalte mittels Fallpauschalen finanziert, die in der ganzen Schweiz nach einer einheitlichen Struktur definiert sind.“ Zusätzlich dürften die Kantone zur Sicherstellung der Forschung, der universitären Lehre und zur Aufrechterhaltung von Spitalkapazitäten aus regionalpolitischen Gründen sogenannte „gemeinwirtschaftliche Leistungen“ (GWL) ausrichten. Angesichts unterschiedlicher und intransparenter Handhabung von GWL sei die Voraussetzung für einen fairen Wettbewerb zwischen den Spitälern nicht erfüllt. Das GWL müsste durch Zustimmung der kantonalen Parlamente und über Ausschreibungen transparent und überprüfbar werden.

Nebenwirkung Unterversorgung
Lesenswert ist ein Kommentar in der Schweizer Ärztezeitung (18.4.2018):
„Das Gesundheitswesen ist infolge der Solidarität der Gesunden mit den Kranken kein üblicher Markt, wo sich Angebot und Nachfrage selber regeln. Und wer krank ist, hat oft keine Kraft, verschiedene Angebote zu vergleichen. Also braucht es Regulatoren! Wer übernimmt diese Funktion? Politik? Versicherer? Ökonomen? Versicherte? Patienten? Investoren? Die Ärzteschaft wird dabei kaum erwähnt. Warum wohl? Eine der wesentlichsten, vertrauensbildenden Fragen kann oft nur durch Ärztinnen und Ärzte beantwortet werden: «Welche Massnahmen im Gesundheitswesen dürfen wir alle mit ruhigem Gewissen weglassen, ohne uns gesundheitlich zu schaden?» Mit der Ablehnung der ManagedCare-Vorlage im Juni 2012 hat sich die Ärzteschaft selber aus dieser Rolle zurückgezogen. Die Frage wird bis heute nur ansatzweise gestellt, und die (wenigen) Antworten sind kaum kommuniziert. (Immerhin ist «smarter medicine» ein zaghafter Hoffnungsschimmer.) Was Wunder also, wenn die nichtärztlichen Beteiligten im Gesundheitswesen Ersatzlösungen aus ihrer Optik vorschlagen! Die Ärzteschaft hat angesichts der immensen Entwicklungen im Gesundheitswesen neben der fachlichen zunehmend auch eine ökonomische Mitverantwortung. Wenn wir Ärztinnen und Ärzte uns dieser Zusammenarbeit verschliessen, dürfen wir uns nicht wundern, wenn eins zu eins umgesetzte Globalbudgets gefordert werden, trotz der bekannten Nebenwirkung der Unterversorgung...“ https://saez.ch/de/article/doi/bms.2018.06681/

Gesundheitsziele
Nicht weniger als 17 nachhaltigen Ziele, Sustainable Development Goals (SDGs), müssen von allen UNO-Mitgliedstaaten bis 2030 erreicht werden. Ausgerechnet die Nummer drei könnte in Vergessenheit geraten in der aktuellen Gesundheitspolitik: „Ein gesundes Leben für alle Menschen jeden Alters gewährleisten und ihr Wohlergehen fördern.“ Nach Art. 117a Abs. 1 der Bundesverfassung haben Bund und Kantone „für eine ausreichende, allen zugängliche medizinische Grundversorgung von hoher Qualität zu sorgen. Einen Beitrag zu diesem wesentlichen Ziel will auch die von der SAGW aufgebaute Plattform Ageing Society erreichen. http://www.sagw.ch/sagw/laufende-projekte/Platform-Ageing-Society.html
Professor Andreas Kley bringt es in der NZZ auf den Punkt (14. Juni 2018): „Die eidgenössische Politik hat wenig in diese Richtung unternommen. Der Bundesrat beschränkt sich auf kosmetische Massnahmen, etwa eine Imagekampagne für Pflegeberufe; er glaubt, das löse dieses gravierende Problem. Die Ausbildung qualifizierter Pflegefachpersonen ist kein Thema. Tatsächlich nimmt die Qualität der Pflege entgegen dem Massnahmenkatalog des Bundesrates ab, das Betreuungsverhältnis zwischen Patientinnen und Patienten und Pflegefachpersonen verschlechtert sich laufend, und die Kantone bilden aus Spargründen zu wenige Pflegefachpersonen aus. Dafür fahren sie die Apparatemedizin, die Informatik und die Pharmaversorgung hoch. Deren Lobby hat sich durchgesetzt.“

Gesundheitspolitik im Spannungsfeld der Interessen
Pascal Strupler, Direktor des Bundesamts für Gesundheit (BAG) kommentiert postwenden die Kritik des Rechtsprofessor Andreas Kley (NZZ 20.6.2018). Es helfe nichts, ökonomische Anreize im Gesundheitswesen pauschal zu verunglimpfen. Man müsste sie nur richtig einsetzen. „Der Autor spricht wichtige gesundheits- und gesellschaftsrelevante Fragen an, die in Politik und Fachkreisen intensiv diskutiert werden und ausserdem zurzeit im Rahmen der Pflegeinitiative zur Debatte stehen. Die Darstellung ist jedoch stark verkürzt und einseitig und schliesst mit einem unhaltbaren Vorwurf an Bund und Kantone ab“, schreibt Pascal Strupler. „Eine hohe Pflegequalität ist ein zentrales Anliegen von Bund und Kantonen. Daher wurde schon vor Jahren der Masterplan «Bildung Pflege» ins Leben gerufen.“

Samstag, 16. Juni 2018

Next – not lost Generation...


Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften 
„Das Doktorat ist längst nicht mehr ein Wunderwuzzi aus der Kiste, der den Weg für eine akademische Karriere ebnet“, schreibt die Tageszeitung Standard in Österreich (28. Mai 2018). „Weniger Stellen für Einsteiger, befristete Verträge und prekäre Arbeitsbedingungen –  all das trifft freilich nicht nur auf den akademischen Bereich zu. Eine geistesaristokratische Angelegenheit nannte der Soziologe Max Weber das Forschen und Lehren an Hochschulen. Wolle man der inneren Berufung zum Wissenschafter folgen, müssten Unsicherheiten in Kauf genommen werden, sagte er damals im Jahr 1917.“ https://derstandard.at/1369361894934/Nachwuchs-zwischen-Prestige-und-Prekariat


Junge Akademie Deutschland
Kündigt sich eine Revolution an deutschen Universitäten an, fragt der Tagesspiegel (5. Juni 2018). Die Junge Akademie will in Deutschland das traditionelle Lehrstuhlprinzip kippen und verlangt klare Karrierewege. Die scientific community diskutiert das Modell der amerikanischen Universitäten mit „Departmentstrukturen“. Mit diesen soll der wissenschaftliche Nachwuchs früher eine klare Perspektive auf eine Karriere bzw. auf eine Dauerstelle an Hochschulen bekommen. Als Alternative können sich die Promovierten rechtzeitig für eine Stelle ausserhalb der Hochschulen umsehen, anstelle in der Warteschleife von befristeten Stellen auszuharren. In einer „Departmentstruktur“ bekommen Professoren ein grösseres Kollegium mit breiteren Themenspektren, und die Last der Verwaltungs- wie auch Gremienarbeit wird verteilt. Der Mittelbau erhält dadurch bessere Karrierebedingungen und die Studierenden werden individueller betreut.

Schweizer Studie „Next Generation“
Nicht nur in Österreich und Deutschland liegt das Thema „akademischer Nachwuchs“ in der Luft. Zeitgleich hat Thomas Hildbrand, Zentrum für Hochschulentwicklung, ZHE Zürich, an der Jahresversammlung der SAGW eine Studie mit dem Titel „Next Generation“ vorgestellt. Im Auftrag der SAGW und in enger Zusammenarbeit mit der Arbeitsgruppe „Geisteswissenschaften“ werden die Befunde in der Reihe swiss academis reports (Vol 13. No 1/2018) publiziert. Analysiert wird nicht nur die aktuelle Situation der jungen Forschenden, sondern man sucht nach Modellen und empfiehlt Massnahmen, damit der Nachwuchs im Wissenschaftssystem wirksamer gefördert wird. Es mangle nicht etwa an Ideen zur Lösung des Problems, dennoch blieb bis anhin die Umsetzung auf der Strecke, notiert Hildbrand.

Junge Generation fordert mehr
ETH-Rat-Präsident Fritz Schiesser im Interview (NZZ am Sonntag, 3. Juni 2018): „Die Akademien der Geisteswissenschaften fordern verbindlichere Karriereperspektiven für Forscher, was sagen Sie dazu?“ Fritz Schiesser antwortet: „Es ist sicherlich richtig, dass Forschende mit Doktorat die schwierigste Position haben. Hier wäre es wichtig, mehr Sicherheit zu schaffen.“ Schiesser gibt zu bedenken: „Die junge Generation ist sehr leistungswillig, aber verlangt dafür auch mehr Mitsprache. Sie will mehr Transparenz und Austausch. Man nimmt Hierarchien nicht mehr so hin wie noch vor dreissig Jahren. Viele Professoren müssen da umdenken“. Fritz Schiesser mag es nicht, wenn sich junge Forscher über Abend- und Wochenendarbeit beklagen – an einer Institution von Weltruf gehöre das dazu. „Wenn jemand den akademischen Weg gehen will, weiss er, dass das mit gewissen Risiken und Mühen verbunden ist. Es können nicht alle bis auf die oberste Stufe einer wissenschaftlichen Laufbahn kommen. Dafür gibt es nicht genug Stellen“, sagt Schiesser.

Rezept – frühe Selektion
Was geschieht mit all den jungen Forschenden, die auf dem Abstellgleis landen bzw. keinen gesicherten Platz finden im Wissenschaftssystem und sich als „ewige“ Postdocs verdingen. In der Studie „Next Generation“ wird ein differenziertes Karrieresystem sowie Leitprinzipen vorgeschlagen (Seite 43). Anhand dieser Prinzipien wurden 24 Empfehlungen formuliert, die zugleich als Grundlage für einen Massnahmen-Katalog dienen. Nur schon die Umsetzung von drei Massnahmen würden aktuelle Situation entspannen. Erste Priorität hätte eine frühe Selektion: „Ein Verbleiben im akademischen Bereich mit dem Ziel einer weiteren Qualifizierung soll vor allem für jene Personen eine Option sein, die nach dem Doktorat gute bis sehr gute Chancen auf eine erfolgreiche Berufung auf eine Professur haben. Dies bedeutet, dass die jungen Forschenden schon beim Abschluss ihres Doktorats ein klares Votum zu einem möglichen Weiterverfolgen einer wissenschaftlichen Karriere und des Verbleibens im Wissenschaftssystem erhalten“, verlangt Hildbrand. http://www.sagw.ch/de/sagw/oeffentlichkeitsarbeit/publikationen/publis-schwerpunkte/publis-wiss-tech.html

Tadel für das Wissenschaftssystem
Die Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur des Ständerats (WBK-S) beauftragte im Jahr 2012 eine Gruppe junger Forschenden, in dem Positionspapier „Vision 2020“ eine Reform der universitären Karrierewege zu empfehlen. „Will man fünf Jahre nach „Vision 2020“ Bilanz ziehen, muss man von einer gescheiterten Initiative sprechen“, schreibt Caspar Hirschi im SAGW-Bulletin 3/17 (Dossier „Akademische Karrierewege nach dem Doktorat“). Hirschi leitete damals die Gruppe der jungen Forschenden: „Die Forderungen von „Vision 2020“ waren denn auch so formuliert, dass sie für Bildungspolitiker in Bern unmittelbar nachvollziehbar sein würden“. Sie verlangten damals 1000 zusätzliche Assistenzprofessuren mit „Tenure Track“ an Schweizer Universitäten im Zeitverlauf von sechs Jahren. Weitere Forderungen waren etwa die Anhebung der Doktorandensaläre, wie auch die Trennung von Begutachtung und Betreuung bei Promotionen sowie die finanzielle und organisatorische Förderung von Frauen mit Familien auf befristeten Stellen. „Da der Bund Hauptadressat unserer Forderungen war, beauftragte die WBK-S das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation mit einer Prüfung unserer Forderungen. Diese fand in ernsthafter Weise nie statt“, beanstandet Hirschi. „Der Staatssekretär äusserte als überzeugter Föderalist und Liberalist von Anfang an prinzipielle Einwände gegen ein Anreizprogramm.“ Und auch die Rektorenkonferenz sah in der Bundesinitiative zur Förderung junger Forschenden einen Präzedenzfall, der universitäre Autonomie einschränken würde.

Wissenschaft im Wandel
Nach der Präsentation des Berichtes „Next Generation“ setzen sich am 1. Juni an der SAGW-Jahresversammlung Matthias Egger (Präsident Schweizerische Nationalfonds), Michael Hengartner (Präsident swissuniversities), Simona Pekarek Doehler (Arbeitsgruppe «Wissenschaftskultur der Geisteswissenschaften») mit zwei jungen Forschenden an einen Tisch. Walter Leimgruber (Vizepräsident SAGW) moderiert die Debatte über Nachwuchsförderung in der Schweiz. Die vorgesehenen 75 Minuten reichen kaum für eine gemeinsame Offensive. Michael Hengartner kann sich beispielsweise kleinere Professuren ohne Assistenz vorstellen. Eine Simulation der Handlungsmöglichkeiten wäre in einer Machbarkeitsstudie ­eine gute Basis für strukturelle Reformen. Zur Sprache kommt wieder die föderalistische Hürde in der Schweizer Hochschullandschaft. Strukturelle Massnahmen, die in den Zuständigkeitsbereich der kantonalen Hochschulen fallen, benötigen einen langwierigen Prozess. Gefragt sind Sofortmassnahmen, welche die Universitäten schnell umsetzen können. Beim „third space“ wird einstimmig mehr Fantasie und Gestaltungswille gefordert. Ein offeneres Konzept kann durchaus erfolgreich sein, oder die Macht des Ungefähren als Chance für Gestaltungsfreiheiten genutzt werden. Je mehr Details in Pflichtenheften fixiert sind, desto grösser wird die jeweilige Angriffsfläche. Die junge Forschende Jasmine Lorenzini (Project leader Ambizione, Université de Genève) bringt ihre Erfahrung und klare Forderungen in die Runde – mehr Aktion, weniger Debattitis – verbale Unterstützung bekommt sie von Florian Lippke (Co-Präsident actionuni). Der empfohlene Kulturwandel sollte durch die Verlagerung des Mitteleinsatzes von befristeten zu unbefristeten Anstellungsverhältnissen erreicht werden. Desgleichen wird der Schweizerische Nationalfonds seine Tätigkeiten überprüfen und auf die Bedürfnisse der Hochschulen abstimmen. Forschen an Hochschulen ist eine geistesaristokratische Angelegenheit, Max Weber sprach über die Wissenschaft als Beruf. Sein Vortrag hielt er vor 100 Jahren – nicht wenige Gedanken sind aktueller denn je. https://www.textlog.de/2333.html




Donnerstag, 7. Juni 2018

Vorsicht Papiertiger DSGVO

Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften Von 87 Millionen Menschen hat die politische Beratungsfirma Cambridge Analytica die persönlichen Daten ausgewertet und zu Geld gemacht. Dieser Supergau brachte sogar die Silicon Valley Ikone Mark Zuckerberg in Bedrängnis. Der Missbrauch der immensen Datenmenge ermöglichte Zuckerbergs soziales Netzwerk Facebook. Nur wenige Wochen später, als ob jetzt die Zeit reif dafür wäre, ist am 25. Mai die Datenschutz-Grundverordnung DSGVO der EU in Kraft getreten. Das neue Regelwerk der EU ist ein gigantisches Werk in elf Kapiteln in den Sprachen Deutsch und Englisch geschrieben. Kurzum, im Prinzip geht es darum, dass bei der Verarbeitung personenbezogener Daten die Grundrechte und Grundfreiheiten von natürlichen Personen beachtet werden. https://dsgvo-gesetz.de/

Urliberales Gut
„Prinzipiell hätte es die DSGVO nicht gebraucht, allein in Europa gibt es seit Jahren mehr als 200 verschiedene Datenschutzgesetze“, schreibt die NZZ (25. Mai 2018). Auch in der Schweiz besteht schon seit einem Vierteljahrhundert ein solches Gesetz, das sich derzeit in der Revision befindet. Das Schweizer Datengesetz hat jedoch einen Haken: Es kann nur national regeln, und die Globalisierung kommt in unseren Vorschriften nicht vor. „Einerseits bedeuten die strikteren Vorschriften eine Stärkung der informellen Selbstbestimmung, eines urliberalen Guts, das es zu verteidigen gilt. Andererseits haben sie für die betroffenen Unternehmen einen Mehraufwand zur Folge“, doppelt die NZZ nach.
https://www.nzz.ch/wirtschaft/strengerer-datenschutz-auch-in-der-schweiz-ld.1388558
Wissensgesellschaft
Daten sind Rohmaterial, aus dem Informationen und nicht zuletzt auch Wissen generiert werden kann. Die These, dass Daten zugleich auch Motor der Wissensgesellschaft sind, liegt auf der Hand. Was sich im Zeitalter der Digitalisierung manifestiert stammt jedoch aus dem Zeitalter der Aufklärung. Im Jahr 1620 schilderte Francis Bacon in seinem philosophischen Werk „Novum organum scientiarum“ – „Neues Werkzeug der Wissenschaften“, wie sich Wissen und Macht verbinden. Und wo Macht ist, besteht die Gefahr, dass diese missbraucht wird. Auf diese Gefahr reagiert etwa auch die Akademie der Sozial- und Geisteswissenschaft. Im Mai-Newsletter steht: „Die SAGW speichert und verarbeitet Ihre veröffentlichten bzw. uns mitgeteilten Kontaktdaten. So haben Sie bisher diesen Newsletter wie auch Ankündigungen von Tagungen und Publikationen von der SAGW erhalten. Möchten Sie dieses Angebot künftig nicht mehr
nutzen, dann könnten Sie sich mit dem Link in der Fusszeile unserer Mailings jederzeit abmelden. Die Verarbeitung Ihrer personenbezogenen Daten erfolgt vertraulich und ausschliesslich für die Zustellung von Informationen über die Aktivitäten der SAGW. Zudem sind ihre gespeicherten, persönlichen Daten in unseren Systemen vor Missbrauch und unberechtigtem Zugriff gesichert. Zugleich steht Ihnen das Recht auf Auskunft über Ihre bei uns verarbeiteten persönlichen Daten zu. Gerne können Sie Ihre Daten berichtigen, löschen oder für die Verarbeitung einschränken, soweit sie nicht berechtigten Interessen oder Verpflichtungen der SAGW entgegenstehen.“ http://www.sagw.ch/de/sagw/Datenschutzerklaerung.html   

Nicht nur Amtsschimmel
„Bislang ist das Datenschutzrecht ein Papiertiger, obwohl in Europa die Privatsphäre als Menschenrecht verankert ist. Allerdings merkt man der DSGVO an, dass sie das Werk von 28 beteiligten Mitgliedstaaten und zahlreichen weiteren Beteiligten – auch vielen Lobbyisten der Wirtschaft – mit unterschiedlichen Interessen ist. Die DSGVO ist deshalb teilweise weitschweifig und widersprüchlich“, sagt Martin Steiger, ein Schweizer Jurist und Experte auf dem Gebiet. „Es wird sich zeigen, wie Aufsichtsbehörden und Gerichte mit der DSGVO umgehen werden. Gleichzeitig hat die DSGVO aber bereits dazu geführt, dass der Datenschutz deutlich an Bedeutung gewonnen hat, was mich – gerade auch als Mitglied der Digitalen Gesellschaft – freut.“ Von der DSGVO sind auch Selbstständige und private Webseiten-Betreiber betroffen, wenn sich Besucher registrieren müssen, um kostenlose Angebote zu beziehen. Es spiele keine Rolle, ob jemand Personendaten als Einzelperson oder als Unternehmen bearbeite. Wenn sich eine Einzelunternehmerin mit der Website an Personen in der EU richte und diesen beispielsweise Newsletter oder Whitepaper anbiete, dann sei die DSGVO anwendbar, sagt Martin Steiger. http://www.netzwoche.ch/news/2018-05-02/martin-steiger-blogger-sind-auch-nur-bearbeiter-von-personendaten

Worauf sich Blogger einlassen müssen
Sie bearbeiten oft auch Personendaten, erfassen Nutzer in Server-Logdateien, lassen sich online kontaktieren, nutzen Spamfilter, ermöglichen das Veröffentlichen von Kommentaren, versenden Newsletter usw. „Blogger benötigen deshalb immer eine Datenschutzerklärung und müssen teilweise auch Einwilligungen einholen. Bei Einwilligungen ist zu beachten, dass die Anforderungen an die Gültigkeit hoch sind und eine erteilte Einwilligung jederzeit widerrufen werden kann. Es ist deshalb bei einem Kontaktformular häufig weder notwendig noch sinnvoll, eine Einwilligung vorzusehen. Es ist ein populärer Irrtum, dass die DSGVO immer eine Einwilligung verlangt. Man kann die Bearbeitung von Personendaten beispielsweise mit der Vertragserfüllung oder mit den eigenen überwiegenden berechtigten Interessen – dazu zählen Direktwerbung und Informationssicherheit – rechtfertigen“, sagt Martin Steiger auf netzwoche-news (2. Mai 2018). http://www.netzwoche.ch/news/2018-05-02/martin-steiger-blogger-sind-auch-nur-bearbeiter-von-personendaten

Auskunftsrecht mit Medienprivileg
Damit das Recht auf freie Meinungsäusserung und Informationsfreiheit nicht im Schlund des Papiertigers landet, dürfen etwa Fernseh- und Radiosender in Deutschland weiterhin personenbezogene Daten ohne Einwilligung von Betroffenen verarbeiten bzw. für journalistische Zwecke erheben. Aber nur die grossen Massenmedienkonzerne profitieren vom datenschutzrechtlichen Medienprivileg und können bei Bedarf das Auskunftsrecht verweigern. Dem selbständig, journalistisch tätigen Blogger etwa ist dieser Weg nach aktueller Gesetzeslage verwehrt. Ihm bleibt die Möglichkeit abzuwägen, ob sein Grundrecht auf freie Meinungsäusserung im konkreten Fall überwiegt und riskiert dabei, die Auskunftserteilung zu Unrecht zu verweigern. In diesem Bereich ist Handlungsbedarf, zumal vermehrt Journalisten auch als Blogger im Netz unterwegs sind. Man kann sich fragen, weshalb sich der Deutsche Presserat nicht äussern konnte beim Gesetzesentwurf – zumal die Medien mitten in der Transformation der Digitalisierung stecken. Die Selbstregulierung der Branche mit dem journalistischen Kodex bzw. den Rechten und Pflichten eines Journalisten, darauf sollten sich auch Blogger und freiberufliche Journalisten berufen können. Diese Selbstregulierung besteht in der Schweiz seit 1977 mit dem Presserat in Bern. Die Standesorganisation der schreibenden Zunft, etwa der Dachverband Impressum.ch, wie auch die Politik, ist gefordert – der EU-Papiertiger darf in der Schweiz, die sich formierende Publikative im Zeitalter der Digitalisierung nicht vertilgen. Medienwissenschafter Bernhard Pörksen schildert in seinem Buch „Die grosse Gereiztheit – Wege aus der kollektiven Erregung“ (Hanser-Verlag 2018), wie sich eine neue, eine fünfte Gewalt, namens Publikative entwickelt – nebst der Exekutive, Judikative, Legislative und der vierten Gewalt, des traditionellen Journalismus. Mit dieser fünften Gewalt bekommt die redaktionelle Gesellschaft als Bildungsziel eine neue Dimension, dazu gehören auch Blogger und investigativ, freischaffende Online-Journalisten. Die digitale Moderne kann die Öffnung des kommunikativen Raums begleiten und entsprechend mit Normen und Prinzipien eine Plattform-Ethik vorantreiben – dafür braucht es ein adäquates, papiertigerfreies Regelwerk. https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/die-grosse-gereiztheit/978-3-446-25844-0/