Montag, 17. Dezember 2018

Transformative Geistes- und Sozialwissenschaften – Mögliche Beiträge zu den SDGs

PD Dr. Flurina Schneider, Integrative Geographer, Centre for Development and Environment, Universität Bern und SAGUF

Sozial- und Geisteswissenschaften sollen eine wichtige Rolle bei der Umsetzung der UN Nachhaltigkeitsziele spielen (17 SDGs der Agenda 2030). Diese Forderung wird jüngst verstärkt vorgebracht, prominent im Zusammenhang mit dem IPCC Sonderbericht über 1,5 °C globale Erwärmung. Bei der Publikation dieses Berichtes wurde betont, dass die naturwissenschaftlichen Fakten zum Klimawandel inzwischen bekannt sind. Was es nun braucht, sind Beiträge aus den Sozial-und Geisteswissenschaften. Die im Detail erwarteten Beiträge entsprechen aber häufig nicht dem Forschungsinteresse oder Selbstverständnis von sozial- und geisteswissenschaftlichen Disziplinen. Entsprechend sind ihre VertreterInnen in öffentlichen Debatten und wissenschaftlichen Beiräten zu Nachhaltigkeitsfragen oft untervertreten.

Neue Herangehensweisen
Wie könnten sozial- und geisteswissenschaftliche Beiträge aussehen, welche den eigenen disziplinären Selbstverständnissen entsprechen? Und inwiefern müssen diese Selbstverständnisse weiterentwickelt werden, um transformativ Wirkung in Richtung Nachhaltigkeit zu entfalten? Um diese Fragen näher zu beleuchten, organisierte die SAGUF eine Nachmittagsveranstaltung mit drei Vorträgen (Prof Urs Wiesmann, Prof Christoph Küffer, Dr. Kerstin Krellenberg) und einer moderierten Plenumsdiskussion mit über 40 Teilnehmenden. Die RednerInnen und Teilnehmenden waren sich grösstenteils einig, dass die Sozial- und Geisteswissenschaften verstärkt zur Transformation der grossen gesellschaftlichen Herausforderungen im Zusammenhang mit den SDGs beitragen sollten, und dass es dazu eine Erweiterung der traditionellen Herangehensweisen bedarf. Es wurde aber intensiv darüber debattiert, was wesentliche Beiträge und legitime Rollen der Wissenschaft und Formen der Zusammenarbeit mit der Gesellschaft sein könnten.

Im Folgenden möchte ich fünf der diskutierten Praktiken und dazugehörende Veränderungstheorien kurz skizzieren:

1.    Evidenz und Kontingenz

Die Generierung von Evidenz zu sozio-kulturellen und ökonomischen Aspekten (un)nachhaltiger Entwicklung ist für verschiedene empirisch arbeitende WissenschaftlerInnen ein wichtiges Ziel. So untersucht beispielsweise die Psychologie menschliches Verhalten in Bezug auf Umweltschutz oder Massnahmen für eine verbesserte Kommunikation. Die Diskussion machte aber klar, dass sozial- und geisteswissenschaftliche Beiträge weit über die Produktion von Evidenz hinaus gehen können. Eine Historikerin betonte beispielsweise, dass die historische Analyse nicht einfach nur beschreiben und erklären will, wie Transformation in der Vergangenheit abgelaufen ist, sondern Transformation in ihrer Kontingenz aufzeigen kann. Mit anderen Worten, es geht auch darum, den Verlauf der Geschichte zu hinterfragen und Möglichkeitsräume aufzuzeigen, wie es anders hätte verlaufen können. Dadurch können die gesellschaftlichen Akteure ihre Sichtweisen auf die Welt und ihre Handlungsmöglichkeiten verändern.

2.    Dekonstruktion und Hoffnung
Kritik, Reflexion, und Antizipation sind weitere zentrale Bestandteile von sozial- und geisteswissenschaftlichen Arbeiten. Teilnehmende betonten deren Wichtigkeit, um bestehende Ungerechtigkeiten und Machtungleichgewichte aufzudecken, ethische Fragen zu reflektieren oder vor negativen Entwicklungen zu warnen. Es wurde jedoch auch betont, dass Kritik alleine nur selten zu den gewünschten Veränderungen führt. Herrschende Zustände und Diskurse müssen nicht nur dekonstruiert werden, es braucht auch konstruktive, aufbauende, und emanzipatorische Beiträge, welche Orientierung und Hoffnung für gesellschaftliches Handeln vermitteln. Dies ist besonders wichtig in einer Zeit, wo sich negative Nachrichten zur Entwicklung der Welt überschlagen.

3.    Transdisziplinäre Verbindung zwischen System-, Ziel- und Handlungswissen
Seit der Lancierung des ProClim/CASS Berichts (1997) beteiligen sich empirisch orientierte Sozial- und GeisteswissenschafterInnen an der transdisziplinären Erforschung von Nachhaltigkeitsproblemen. Sie gehen davon aus, dass die Lösung dieser Probleme nur gelingen kann, wenn man die Dynamiken versteht, welche zu ihrem Entstehen führen (Systemwissen), die Werte und Ziele einer nachhaltigeren Welt klärt und verhandelt (Zielwissen), sowie handlungsrelevantes Wissen erzeugt, welches effektive Veränderungen ermöglicht. Damit das erarbeitete Wissen Wirkung entfalten kann, braucht es eine Zusammenarbeit mit diversen gesellschaftlichen Akteuren. Diese transdisziplinären Prozesse zu gestalten und zu analysieren, ist ein weiterer wichtiger Beitrag.

4.    Förderung von Fähigkeiten
Die drei Wissensformen sind auch für Vertretende der Environmental Humanities relevant. Für sie stehen aber weniger die erzeugten Wissensbestände im Zentrum, sondern die Förderung von Fähigkeiten: Beim Systemwissen geht es um die Befähigung zum kritischen Denken und Reflektieren der Zusammenhänge, aber auch der historischen Wurzeln; Zielwissen beinhaltet die Pflege der Vielfalt als Fundament; Handlungswissen generiert die Fähigkeit, mit den grossen Veränderungen umzugehen und gesellschaftliches Zusammenleben zu erhalten. Es wird betont, dass Transformation nicht als ein rein wissensbasierter Prozess betrachtet werden soll, sondern dass es auch um Emotionen und konkretes Erleben geht.

5.    Räume für kreative und reflexive Interaktion

Um innovative Möglichkeiten auszuloten, wo wissenschaftliche Beiträge mit Emotionen und konkretem Erleben verbunden werden, braucht es aus Sicht einiger Teilnehmenden neue Ansätze wie Reallabore oder Living Labs, wo WissenschaftlerInnen mit gesellschaftlichen Akteuren an neuen Ideen und konkreten Veränderungen arbeiten. Dazu gehören auch Kunstprojekte oder die Zusammenarbeit zwischen Künstlern und Wissenschaftlern wie z.B. am Eco Film Festival in Zürich oder an der Ausstellung Sounding Soil (bis vor Kurzem im Zentrum Paul Klee).


Was sind weitere Beiträge der Sozial- und Geisteswissenschaften zur Erreichung der UN Nachhaltigkeitsziele? Wir, das SAGUF Organisationsteam mit Olivier Ejderyan, Basil Bornemann, Andreas Kläy und mir, freuen uns über eine Weiterführung dieser Diskussion.

Montag, 10. Dezember 2018

Der «Umgang mit der Lawinengefahr» als immaterielles Kulturerbe

Dr. Manuela Cimeli, SAGW, Projekt «Sprachen und Kulturen»

Am 29. November 2018 hat die UNESCO die gemeinsam eingegebene Kandidatur der Schweiz und Österreichs zum Umgang mit der Lawinengefahr in die repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen.

Neue Anforderungen an den Umgang mit Lawinen
Aus der Theorie wissen wir, dass Lawinen im schneebedeckten Gelände ab einem Neigungswinkel von 30° abgehen können. Allerdings müssen auch Faktoren wie die Exposition eines Hanges, die Schnee-, Wetter und Windverhältnisse der letzten Tage oder Wochen, die Hangform, die Topographie und beispielsweise auch die Kammnähe eines potentiellen Lawinenhangs beachtet werden. Eine einfache Faustregel lautet daher: «Je steiler ein Hang, desto gefährlicher ist er.»
Lawinen fordern seit Jahrhunderten unzählige Menschen- und Tierleben. Viele Text- und Bildzeugnisse aus vergangenen Zeiten erzählen von dieser Naturgefahr oder bilden sie ab. Wer im Alpenraum leben oder sich aufhalten will, musste und muss sich zwangsläufig mit der Lawinengefahr auseinandersetzen. Der Umgang mit der weissen Gefahr wurde in den letzten Jahrzehnten immer wissenschaftlicher. Durch das gewachsene Freizeitangebot halten sich immer mehr Personen in potentiellen Lawinengebieten auf, müssen immer mehr Schutzmassnahmen für exponierte Verkehrswege gebaut werden und sind auch die Siedlungs- und Raumplaner gefordert, Lawinenverbauungen aufzustellen bzw. möglichst lawinensichere Gebäude zu errichten.

Lawinen als immaterielles Kulturerbe
Das Wissen, welche Lawinenzüge erfahrungsgemäss ins Tal donnern, wird meist mündlich von einer Generation zur nächsten weitergegeben. Die Leute haben den verschiedenen Lawinenzügen bzw. den Lawinen auch Namen gegeben, welche dann an die nachfolgenden Generationen tradiert werden. Und trotzdem geschehen immer wieder Lawinenunglücke: Trotz des täglich zweimal aktualisierten Lawinenbulletins des Schweizerisches Lawinenforschungsinstituts (SLF) in Davos, trotz präziser Wettermodelle, trotz kompetenter Risikoeinschätzung und trotz des grossen Wissens, das wir von früheren Generationen her überliefert bekommen haben, ist die Gefahr des weissen Todes nicht gebannt und es sterben im Schnitt im Winter jährlich 25 Menschen in der Schweiz bei Lawinenunfällen. Es gibt die populäre Redewendung «Die Lawinen kommen dort, wo sie immer kommen; aber auch dort, wo sie nie kommen.». Sie zeigt sehr deutlich, dass bei allem Erfahrungswissen und trotz der Expertisen von ausgewiesenen Fachleuten der Umgang mit der Lawinengefahr auch für künftige Generationen eine sehr aktuelle Thematik bleiben wird, ein immaterielles Kulturerbe, das nun auch auf der UNESCO-Liste steht.

Lebendige Traditionen in der Schweiz
Die Schweiz hat sich am 16. Oktober 2008 durch die Ratifikation des UNESCO-Übereinkommens zur Bewahrung des immateriellen Kulturerbes (IKE) verpflichtet, ein „Inventar des immateriellen Kulturerbes in der Schweiz“ zu erarbeiten, zu führen und periodisch zu aktualisieren. Dieses Inventar ist seit Herbst 2012 unter dem Titel „Liste der lebendigen Traditionen in der Schweiz“ in Form einer umfassenden Dokumentation des immateriellen Kulturerbes der Schweiz in Wort, Bild und Ton auf www.lebendige-traditionen.ch zugänglich.

Montag, 3. Dezember 2018

Isaak Iselin : entre destin contrarié et œuvre d’envergure

Fabienne Jan, ASSH, responsable « commissions et curatoriums »

Si l’on ne craint pas les anachronismes, on peut aisément imaginer que le philosophe bâlois Isaak Iselin (1728 – 1782) aurait apprécié qu’une Académie de son temps se souciât de l’avenir des post-doctorants comme lui en publiant un rapport « Next Generation : pour une promotion efficace de la relève », lui dont l’avenir académique (ou non) dépendait tout bonnement du résultat arbitraire d’un simple tirage au sort. Et le sort a choisi, en l’occurrence, et à plusieurs reprises, de ne pas lui octroyer la chaire professorale à l’Université de Bâle qu’il souhaitait obtenir. Cela ne l’a pas empêché, fort heureusement pour lui comme pour nous, de devenir un grand penseur de son temps et de laisser à la postérité une œuvre importante dont l’édition commentée vient d’être terminée.

Un philosophe progressiste et engagé
Ses études de philosophie et de droit terminées et son doctorat en poche, ce n’est donc pas comme professeur d’université qu’Isaak Iselin a gagné sa vie, mais comme Secrétaire du Conseil de la Ville de Bâle, fonction qu’il devra occuper un peu contre son gré jusqu’à sa mort. Une fois encore, les aléas de la vie ont en effet contrarié ses ambitions et l’ont empêché d'accéder au gouvernement. Six fois délégué à la Diète fédérale, Iselin devint bientôt le porte-drapeau d'une opposition progressiste : il se battit pour étendre l'accès à la bourgeoisie, réformer l'école, le budget de l'État et l'économie publique. Mais ses démarches devaient régulièrement se heurter au conservatisme de la république bâloise, comme nous l’apprend le Dictionnaire historique de la Suisse. Malgré ces différents vents contraires, Iselin réussit à mener à bien plusieurs projets philanthropiques. Ainsi, entre 1761 et 1762, il co-fonde avec un cercle d’amis et d’esprits éclairés la Helvetische Gesellschaft (Société Helvétique), dont l’objectif était notamment de promouvoir l’amitié et la concorde au sein de la Confédération des XIII cantons. Ce faisant, il a exercé une influence importante en tant que médiateur culturel entre les régions linguistiques francophone et germanophone. En 1777, dans le but de promouvoir au niveau local l’éducation et lutter contre la pauvreté des couches les plus défavorisées de la population, il fonde à Bâle la Gesellschaft zur Aufmunterung und Beförderung des Guten und Gemeinnützigen, qui existe toujours de nos jours sous l’appellation Gesellschaft für das Gute und Gemeinnützige ou GGG (Société de bienfaisance et d’utilité publique).

Une œuvre aux multiples facettes

Bien que très lourd en termes de charge de travail, son emploi (ainsi que sa famille de neuf enfants) lui permettra néanmoins de poursuivre au fil des années l’écriture d’une œuvre d’envergure qui témoigne de sa conception chrétienne humaniste des Lumières. Traitant de questions tout à la fois éthiques, politiques, sociales, économiques ou encore pédagogiques, ses écrits débutèrent avec Träume eines Menschenfreundes et culminèrent avec son œuvre maîtresse, Geschichte der Menschheit, où sa philosophie de l’histoire dessine un progrès linéaire vers l’humanité et s’inscrit ainsi en faux contre le dénigrement rousseauiste de la civilisation. Malgré de nombreux efforts, Iselin n’a jamais réussi à publier de son vivant ses œuvres majeures. Il était donc plus que temps, quelque 230 ans plus tard, de remédier à cette lacune. A cet effet, l’ASSH a fondé en 2010 un curatorium scientifique qui a contribué à développer le projet d'édition et l'a accompagné depuis ses débuts. Le curatorium a été présidé d’abord par le Prof. Kaspar von Greyerz, puis, après son départ à la retraite en novembre 2013, par la Prof. Claudia Opitz-Belakhal (tous deux de l'Université de Bâle). Les œuvres centrales d’Iselin ont été réparties en quatre volumes (1. Schriften zur Politik, 2. Schriften zur Ökonomie, 3. Schriften zur Pädagogik, 4. Geschichte der Menschheit) qui ont tous été publiés entre 2014 et 2018 chez Schwabe.

Fin des travaux d’édition
Avec la parution récente du volume 4, les œuvres majeures d'Isaak Iselin sont donc désormais disponibles dans leur intégralité. Une manifestation de clôture des travaux aura lieu le 15 décembre prochain à Bâle pour présenter au public l’ensemble de l'édition. Si l’ASSH est bien sûr arrivée trop tard pour aider le Bâlois à faire carrière au sein de son alma mater, au moins aura-t-elle pu contribuer à ce que ses œuvres centrales soient enfin réunies et publiées dans une édition accompagnée d’un commentaire détaillé. Une manière de rendre à Isaak Iselin, l'une des personnalités bâloises les plus remarquables du XVIIIe siècle et l'un des représentants suisses majeurs des Lumières, ce qui lui revient de plein droit. L’ASSH remercie toutes celles et ceux qui ont rendu possible ce beau projet d’édition et qui l’ont mené à bien grâce à leur précieux engagement.

Montag, 26. November 2018

Wenn die Vergangenheit aus dem Gletscher schmilzt

Dr. Manuela Cimeli, SAGW, Projekt «Sprachen und Kulturen»

Frühbronzezeitliche Scheibenkopfnadel
© Archäologischer Dienst des Kantons Bern
Kathrin Glauser
Aufgrund des Klimawandels und der damit einhergehenden steigenden Temperaturen schmelzen die Gletscher rasch ab und einzelne Eisfelder oder bisher von Eis zugedeckte Höhleneingänge geben immer wieder archäologisch interessante Funde frei. Die bekannteste Entdeckung in diesem Kontext stellt der Fund der Eismumie Ötzi im Südtirol dar – dies war gleichzeitig die Geburtsstunde der bisher im europäischen Alpenraum unbekannten Fachrichtung der Gletscherarchäologie. Das Arbeitsgebiet der Gletscherarchäologen befindet sich auf über 2500 m Höhe. Archäologisch interessante Funde sind menschliche, tierische oder pflanzliche Überreste, Textilien (z.B. Wolle), Holz oder Leder, Metall (z.B. Münzen) oder auch Steinfunde (z.B. Pfeilspitzen).

Zugang zum Alltag in der Frühzeit
Von besonderem Wert sind die organischen Fundstücke, die in tieferen Lagen in den seltensten Fällen konserviert bleiben. Die besondere Bedeutung der Fundstücke liegt darin, dass wir dank ihnen Zugang erhalten zu bisher weitgehend unbekannten sozialen Bereichen der Frühzeit wie beispielsweise der Bekleidung und Ausrüstung von neolithischen, bronze- und eisenzeitlichen oder keltischen Reisenden (Händlern, Jägern, Bauern), oder dann auch römischen Soldaten. Zudem erfahren wir, welche hochalpinen Wege bereits in der Frühzeit begangen wurden und wir können daraus auch Rückschlüsse ziehen auf die damals herrschenden klimatischen Bedingungen. Für einmal ermöglichen uns archäologische Funde einen Blick auf einen Teil der breiten Bevölkerung und nicht nur auf Vertreter einer privilegierten Oberschicht. Eine Kontextualisierung und Interpretation der Fundstücke ermöglicht uns kurze Momentaufnahmen in den Alltag einer grösstenteils unbekannten Geschichte unserer hochalpinen Regionen. Insofern ist die kulturgeschichtliche Bedeutung der Funde von unermesslichem Wert.

Gletscherschmelze mit Folgen
Allerdings stellt der rasante Gletscherschwund das junge Fachgebiet der Gletscherarchäologie vor gewaltige Herausforderungen. Einerseits zersetzen sich oder zerfallen die organischen Funde, welche während Jahrzehnten, Jahrhunderten oder Jahrtausenden im Eis unter mehr oder weniger konstanten Umweltbedingungen lagerten, sehr schnell, wenn sie an die Luft kommen. Andererseits sind die Gletscherarchäologen nicht immer vor Ort, wenn ein Fund aus dem Eis ausschmilzt.
Im Geschichtsmuseum Wallis ist noch bis zum 3.3.2019 die Ausstellung «Aus dem Eis: Spuren in Gefahr» zu besichtigen. Sie vereint Gletscherfunde von neolithischer Zeit bis in die Neuzeit und gibt einen spannenden Einblick in die Thematik der Gletscherarchäologie.

Archäologische Funde nicht anfassen
Um möglichst wenige Funde für immer zu verlieren, setzen die Archäologen auf die Sensibilisierung von Personen, die sich regelmässig im Hochgebirge bewegen, sei es aufgrund ihrer Arbeit, oder während der Freizeit. Die Konferenz der Schweizer Kantonsarchäologinnen und Kantonsarchäologen (KSKA) ist daran, eine Informationswebsite zu erstellen. Es geht darum, der breiten Bevölkerung zu vermitteln, was getan werden muss, wenn man auf archäologisch interessante Funde stösst:
  • Funde nicht anfassen
  • Funde und Kontext fotografieren
  • Lokalisieren (GPS)
  • Ort markieren, damit er wiedergefunden werden kann
  • Kantonsarchäologie informieren – bei menschlichen Überresten auch Polizei

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Save the Date: SAGW-Tagung zur Gletscherarchäolgie, Montag 6. Mai 2019, Alpines Museum Bern
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Montag, 19. November 2018

Santé et médecine : les défis d’une société vieillissante

Lea Berger, SAGW, projet «Ageing Society»

Ageing Society ©Viacheslav Iakobchuk – fotolia.com
Quelle influence l’augmentation de l’espérance de vie a-t-elle sur les coûts de la santé ? Comment concevoir, dans le contexte du vieillissement démographique, une médecine d’avenir durable ? Comment assurer la viabilité de notre système, non seulement dans une perspective économique, mais aussi d’un point de vue social ? Le 7 novembre 2018, des experts se sont réunis à Pully (VD) lors de l’événement « Forum santé : les défis de la longévité » (organisé par le quotidien Le Temps) afin de débattre et d’échanger sur ces questions. Inspirés par ces discussions, nous nous penchons, dans cet article du blog de l’ASSH, sur la question du système de santé d’une société vieillissante.

Longévité et coûts de la santé : un facteur surestimé
Notre système de santé nous coûte de plus en plus cher, tant en chiffres absolus qu’en comparaison avec d’autres indicateurs économiques. Effectivement, depuis 1996 (introduction de l’assurance obligatoire des soins), la croissance des coûts de la santé a été deux fois plus importante que celle du PIB en Suisse. Mais qu’en est-il de la corrélation entre longévité et augmentation des coûts de la santé ? Souvent nommée comme cause importante de la hausse des coûts, la longévité n’en est de loin pas la seule. Effectivement, selon plusieurs études micro- et macro-économiques citées dans un rapport de l’OFS, le vieillissement démographique a une importance relativement faible sur les coûts de la santé en comparaison avec d’autres facteurs comme le progrès technique ou l’augmentation du volume de prestations. Aussi, des facteurs structurels entre autres liés à des systèmes de tarification générant des incitations coûteuses sont considérés comme importants pour l’évolution des coûts de la santé, comme le relève un rapport d’experts mandatés par l’OFSP. (Cf. également le colloque du 25 octobre 2018 intitulé « Pouvoir et médecine : Le pouvoir de l’argent » organisé par l’ASSH et l’Académie suisse des sciences médicales dans le cadre du projet « Medical Humanities » et le blog «Gesundheitssystem: Die Macht des Geldes».)

Vers une nouvelle définition de la santé
Malgré ces considérations, l’évolution démographique nous force à nous poser la question d’une « bonne » prise en charge des soins et de l’accompagnement des personnes âgées. La recherche sur la fin de vie, au travers du rapport de synthèse du PNR 67, livre des impulsions précieuses à ce sujet. Le rapport insiste fortement sur la notion de « dignité » et donc sur des aspects qui dépassent une vision médicale réduite à des symptômes physiques isolés. Dans ce contexte, les efforts entrepris en Suisse pour développer les soins palliatifs généraux sont certainement une chance et une voie à poursuivre (cf. https://www.plattform-palliativecare.ch). En outre, il est grand temps de lancer le débat sur une nouvelle définition de la santé basée sur le concept de la qualité de vie fonctionnelle, tel que le propose la stratégie de l’OMS sur le vieillissement démographique (« Global Strategy and Action Plan on Ageing and Health »), et d’adapter le système de santé et l’accompagnement des personnes âgées en conséquent.

La santé : un bien qui se construit tout au long de la vie en société
Il est primordial de souligner que la santé ne pourra pas faire face seule aux défis que pose notre société vieillissante en termes de coûts de la santé. En effet, ce n’est pas la médecine qui « construit » la santé des individus en premier lieu, mais bien la société dans son ensemble et au travers de toutes les générations (cf. C. Burton Jeangros, Trajectoires de santé, inégalités sociales et parcours de vie, 2016).


Montag, 12. November 2018

Big Data – Status quo eines grossen Versprechens

Dr. Heinz Nauer, SAGW, Redaktor

Es ist noch nicht lange her, da war „Big Data“ das grosse Versprechen für die Zukunft. Mittlerweile machen sich Skeptiker einen Spass daraus, lange Liste mit gescheiterten Big Data-Initiativen zu erstellen. Immer wieder gerne zitiert wird der Psychologe Dan Ariely, der Big Data mit Teenage-Sex verglich: Jeder spricht davon, aber niemand weiss wirklich, wie es geht. Und die Website Tylervigen.com hat aus Daten Grafiken zusammengestellt, die sich zwar zufällig gleich verhalten, aber eigentlich nichts miteinander zu tun haben: beispielsweise die Scheidungsrate im amerikanischen Bundesstaat Maine und der dortige Konsum von Margarine (Korrelation über 99%). Die Unterscheidung zwischen zufälligen Korrelationen und Kausalitäten bleibt eine der vornehmsten und schwierigsten Aufgaben im Umgang mit Daten, auch im Zeitalter von Big Data.

Und wie gehen die Sozialwissenschaften im Jahr 2018 mit Big Data um? Wo liegen die Chancen, wo die Herausforderungen? Diese Fragen stellte eine Tagung der SAGW, die am 09. November in Bern stattfand. Ob Politik- oder Kommunikationswissenschaften, Psychologie oder Soziologie – die Probleme und Herausforderungen sind weitgehend dieselben.

Hier eine Auswahl von vier Aspekten, die an der Tagung diskutiert wurden:

1. Kompetenzen
Der Sozialwissenschaftler, der mit grossen Datenmengen arbeitet, muss verstehen, wie Daten entstehen, für welche Forschungsfragen sich deren Auswertung eignet, wie die Daten erhoben, analysiert, langfristig archiviert und kuratiert werden können. Vor allem die ersten beiden Punkte seien in der sozialwissenschaftlichen Forschung und Lehre noch zu wenig etabliert, sagte Frauke Kreuter, Professorin für Statistik an der Universität Mannheim.

2. Kooperation

Sozialwissenschaftler, die sich mit Data Science beschäftigen, Statistiker und Computer Science-Spezialisten müssen voneinander lernen und so etwas wie eine gemeinsame Sprache entwickeln. Es gehe dabei nicht nur um die nackten Daten, sondern um eine verstärkte Zusammenarbeit aller Akteure auch auf methodologischer Ebene, sagte Georges-Simon Ulrich, Direktor des Bundesamts für Statistik. In diesem Zusammenhang gelte es auch die Ausbildung der Studierenden neu zu denken, so Rainer Diaz-Bone, Soziologe an der Universität Luzern.

3. Datenqualität

Es genügt nicht, einfach viele Daten zu haben. Die Qualität der Daten ist entscheidend. Häufig erheben Forschende ihre Daten nicht mehr selbst, sondern schöpfen sie aus dem digitalen Datenstrom. Die Qualität solcher Daten zu beurteilen und sie nachträglich in analytische Formen und Kategorien zu bringen, ist herausfordernd, aber wichtig. Ohne Vertrauen in die Daten sind keine Aussagen möglich, betonte Diego Kuonen, Gründer von Statoo Consulting und Professor für Data Science an der Universität Genf.

4. Zugänglichkeit
Die grössten Datenmengen befinden sich heute im Besitz von einer Handvoll privaten Playern: Apple, Amazon, Google, Facebook und Microsoft, in den USA auch „The big five“ genannt. Der Forschung stehen diese Daten nicht oder nicht in genügender Qualität zur Verfügung. Und der Zugang zu Daten aus der öffentlichen Verwaltung und Administration oder aus dem Gesundheitswesen ist durch den Datenschutz eingeschränkt. „Nur open geht natürlich nicht“, sagte Georg Lutz, Direktor des Schweizer Kompetenzzentrum für Sozialwissenschaften FORS, „aber es wäre dumm, diese vorhandenen Daten nicht wissenschaftlich zu nutzen.“

Das Big-Data-Versprechen und die Realität
Wie steht es also um das Versprechen von Big Data in den Sozialwissenschaften in der Schweiz? In einzelnen Bereichen haben sich neue datengetriebene Methoden etabliert. Zu nennen ist etwa die statistische Auswertung von grossen digitalen Textmengen („text as data“). Im Grossen und Ganzen aber wurde das Versprechen von Big Data noch nicht eingelöst, so Lucas Leeman, Politologe und Mitgründer des Digital Democracy Lab an der Universität Zürich. Es besteht jedenfalls nach wie vor viel Potenzial für neue Forschungsfragen, betonte Frauke Kreuter. So könnten vermehrt grosse Datenmengen aus verschiedenen Quellen in grosse Korpora zusammengeführt und mit herkömmlichen Methoden kombiniert werden. Das würde es erlauben, „stärker in Raum und Zeit hineinzoomen als das früher möglich war“, wie es Kreuter formulierte.

Das Tagungsprogramm und weitere Informationen finden Sie hier: http://www.sagw.ch/de/sagw/veranstaltungen/vst-2018-sagw/bigdata.htmlhttp://www.sagw.ch/de/sagw/veranstaltungen/vst-2018-sagw/bigdata.html

Lesen Sie zum Thema auch «Big Data für die Sozialforschung nutzen», ein Gastkommentar in der Neuen Zürcher Zeitung von Peter Farago, Präsident des Rates für Sozialwissenschaften in der SAGW und früherer Direktor des FORS:  https://www.nzz.ch/meinung/big-data-fuer-die-sozialforschung-ld.1424590



Montag, 5. November 2018

Geisteswissenschaften 3.0

Dr. Heinz Nauer, SAGW, Redaktor

Vor zehn Jahren rief das US-amerikanische Technikmagazin Wired in einem Artikel das Ende der Theorie aus. Warum Texte lesen, Modelle und Theorien bilden, wenn die Auswertung von digitalen Daten die Antworten auf alle unsere Fragen liefern? Der Text war eine Provokation, die nicht zuletzt auch an die Geisteswissenschaften gerichtet war – allerdings keine Bestandesaufnahme. Geisteswissenschaftler können zwar durchaus Gefallen finden an der Rolle des distanzierten Kulturkritikers, doch hat die Digitalisierung längst auch die Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaften, die Geschichte oder die Religionswissenschaften erfasst. In der Schweiz ist über die Jahre eine Landschaft von digitalen Infrastrukturen, Forschungsplattformen, Netzwerken, Datenbanken und Repositorien entstanden, die Texte, Bilder, Ton- und Videodokumente sammeln, anreichern, zugänglich erhalten und frei zur Verfügung stellen. Heute zählt die Schweiz nach einer Angabe der SAGW etwa 50 relevante Plattformen, die Daten für die Geisteswissenschaften aufbereiten und kuratieren.

Schillernde Begriffe
Eine zentrale Forderung an die Betreiber dieser Plattformen ist, dass sie Daten offen, kostenlos, wiederverwertbar und möglichst langfristig zugänglich machen. Die SAGW lud am 2. November zu einer Tagung ein, an der Akteurinnen und Akteure, die am digitalen Wandel der Geisteswissenschaften in der Schweiz arbeiten, Fragen rund um Open und FAIR Data diskutierten. FAIR, GDPR, PID, DOI, ARK, RDF, CC-BY und API – die digitale Welt ist voller Abkürzungen. Doch auch, wenn man die Begriffe ausschreibt, besteht für den Geisteswissenschaftler, der sich nicht jeden Tag mit Binärziffern auseinandersetzt, weiter Klärungsbedarf. Kurz: Es geht um Dinge wie Grundsätze fürs Datenmanagement, langfristige und eindeutige Identifikatoren, standardisierte Metadaten, Lizenzen und Programmierschnittstellen.

Geisteswissenschaften des 21. Jahrhunderts
Die Tagung zeigte indes, dass die Herausforderungen nicht nur darin bestehen, möglichst breit akzeptierte technische und rechtliche Standards im Datenmanagement zu finden. Es gibt eine ganze Reihe zusätzlicher Aspekte, die nach weiterer Diskussion und Kooperation verlangen. So war an der Tagung etwa die institutionelle Verortung digitaler Initiativen und Forschungsplattformen ein Thema. „Wir sind daran, die Geisteswissenschaften des 21. Jahrhunderts zu bauen. Und diese spielen sich nicht in den alten institutionellen Grenzen ab“, sagte Gerhard Lauer vom Digital Humanities Lab der Universität Basel in einer Podiumsdiskussion, welche die Tagung abschloss. Doch noch längst nicht jeder Archäologe, Sprachforscher oder Historiker verfügt über das nötige Know-how, zunehmend frei verfügbare und qualitativ hochstehende Daten für seine Forschung auch wirklich fruchtbar zu machen, und umgekehrt hat nicht jeder Datenkurator das nötige Kontextwissen, relevante Datenkorpora auszuwählen und diese klug zu befragen. Hier gilt es noch viel Basis- und Übersetzungsarbeit zu leisten, wie auch Lukas Rosenthaler, ebenfalls vom Basler DH Lab, in einem Votum betonte.

Förderung der Open Science Community
Die Open Science fordern nicht nur die einzelnen Forscher und die Fakultäten heraus, sondern auch die Förderinstitutionen. Braucht die geisteswissenschaftliche Open Science Community in der Schweiz eine zentrale Koordination und Governance? Und wer bestimmt in Zeiten, in denen interdisziplinäre Kooperationsprojekte und vielleicht tatsächlich auch neue, von Daten mitgetriebene Forschungsfragen institutionelle Grenzen zusehends verschwimmen lassen, eigentlich was fördernswerte Forschung ist? „Wir befinden uns zurzeit in einer Situation der Unordnung und der Entropie“, sagte Aysim Yilmaz, Leiterin der Abteilung für Biologie und Medizin des Schweizerischen Nationalfonds. Es sei nicht mehr so klar, welche Förderinstrumente, wo zum Tragen kämen, meinte auch Gabi Schneider, Projektleiterin im Programm „Wissenschaftliche Informationen“ bei Swissuniversities.


Das Tagungsprogramm und weitere Informationen finden Sie hier:
http://www.sagw.ch/de/sagw/veranstaltungen/vst-2018-sagw/opendata.html