Sonntag, 26. August 2018

Das Elend mit der Gleichheit


Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften
Die 21 Projekte des Nationalen Forschungsprogramms «Gleichstellung der Geschlechter» (NFP 60) sind seit vier Jahren abgeschlossen. Unter anderem wurden nach den Ursachen gesucht, warum Ungleichheiten der Geschlechter sich in der Schweiz teilweise so hartnäckig halten. Zumal die Gleichstellung von Mann und Frau von ökonomischen, gesellschaftlichen wie auch von individuellen Nutzen sein könnten.

Ungleiche Löhne für Mann und Frau haben oft einen guten Grund
Mit diesem Titel hat die NZZ am Sonntag (19.8.2018) viel Aufmerksamkeit bekommen – von Frau und Mann, versteht sich. Endlich den Grund zu erfahren, warum die Arbeit der Frau weniger Wert ist als die des Mannes. Dieses Geheimnis soll die Doktorandin Barbara Bauer zusammen mit Reiner Eichenberger, Professor für Theorie der Finanz- und Wirtschaftspolitik der Universität Freiburg, gelüftet haben – ohne NFP 60. Bis anhin wurden lohnwirksame Faktoren wie etwa Alter, Ausbildung, Funktion oder Branche berücksichtigt – ausgeblendet war der Arbeitsweg. „Davon am wichtigsten sind die zeitlichen, psychischen und finanziellen Kosten für den Arbeitsweg. Für viele ist ein langer Arbeitsweg belastend, oft sogar belastender - oder weniger erfreulich - als die Arbeit selbst“, schreiben die Autoren. „Misst man nicht die Löhne pro Arbeitszeit, sondern pro Arbeitszeit und Arbeitsweg, so schwinden die Unterschiede zwischen Mann und Frau.“ Die Frage, warum Frauen kürzere Arbeitswege wählen, sei einfach zu beantworten...

Sind Frauen die heimlichen Grossverdiener?
„Frauen mit Familie dürften im Durchschnitt eine stärkere Präferenz für kurze Pendelwege haben als Männer, weil es für die Vereinbarkeit von Arbeit und Familie und auch aus Steuergründen - Mehreinkommen wird besteuert, Zeitersparnis nicht - vorteilhaft ist“, schreiben die Gastautoren in der NZZ am Sonntag. Darum würden Frauen eine nahe gelegene Stelle mit tieferem Lohn einer weiter entfernten mit höherem Lohn vorziehen. Das Fazit: „Frauen haben tiefere Löhne pro Arbeitsstunde, aber dafür kürzere Arbeitswege. Folglich fallen die Unterschiede bei Lohn pro Arbeitsaufwand gemessen als Summe von Arbeitszeit, Arbeitswegzeit und Arbeitswegkosten deutlich geringer aus“. Mit dieser Vereinfachung ist jetzt auch ersichtlich, dass die Frauen in unserem Land sogar die heimlichen Grossverdienerinnen sein könnten: Addiert man ihre Familienarbeit zum Lohn, dann ergibt die Summe sehr schnell ein veritables Sümmchen. Dumm nur, dass keine aktuellen Zahlen existieren, wieviel Familienarbeit in Franken kostet bzw. ein anerkannter Stundenansatz wäre wichtig. Aus dem Familienbericht 2017 geht hervor (Seite 39): „Die Hauptverantwortung für Hausarbeit und Kinderbetreuung liegt in den meisten Haushalten bei den Frauen. In fast zwei Dritteln der Paarhaushalte (63%), in denen beide Partner im Alter von 25 bis 54 Jahren sind, wird die Hausarbeit hauptsächlich von der Frau erledigt, während nur in 5,1% der Haushalte hauptsächlich der Mann zuständig ist.“ Dumm ist auch, dass die Kinderbetreuung meistens vom Lohn der Frau bezahlt wird, das bedeutet weniger Reisekosten, dafür die monatliche Rechnung der KITA. „Die heimlichen Grossverdienerinnen“ sollen bei der nächsten Reform auch die AHV retten und bis 65 arbeiten – jedenfalls ist die Gleichstellung in der Bundesverfassung verankert. Wer jedoch die durchschnittlichen AHV-Bezüge geschlechterspezifisch betrachtet, der wird auf einen Blick sehen, dass es mit der Gleichstellung in unserem Land hapert...

Traue nie einem Impact-Faktor
Ein Synthesebericht des NFP 60 über «Gleichstellung der Geschlechter» bündelt die Ergebnisse und setzt Impulse zur Verbesserung von Gleichstellung, Chancengleichheit und Wahlfreiheit für Männer und Frauen in der Schweiz. Jetzt wurde das NFP 60 in einer wissenschaftlichen Manier mit zwei anderen Nationalen Projekten verglichen: NFP 59 „Nutzen und Risiken der Freisetzung gentechnisch veränderten Pflanzen“ und NFP 61 „Nachhaltige Wassernuzung“. Die harte Währung zur Beurteilung der Forschungsprogramme ist der Impact Factor (IF), eine Zahl, deren Höhe den Einfluss einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift wiedergibt für einen bibliometrischen Vergleich. Er ist jedoch kein eigentliches Mass für die Qualität der Artikel, sondern gibt Auskunft darüber, wie oft die Artikel in anderen Publikationen zitiert werden bzw. über die Wirkung in wissenschaftlichen Kreisen: Der Output bei „Nachhaltige Wassernutzung“ brilliert mit 191, die „gentechnischen veränderten Pflanzen“ sind mit 184 auf Rang zwei und das Schlusslicht ist die Gleichstellung mit 124 Outputs. Für die Wirkung in der Wissenschaft werden die beiden naturwissenschaftlichen Programme gelobt, besonders für die internationale Anerkennung, und bekommen das Prädikat – sehr starke und starke Wirkung. Die Gleichstellung hingegen wird als kraftlos eingestuft mit „geringer internationaler Sichtbarkeit“. Diese Beurteilung erklärt nicht etwa wie schwach die Qualität der wissenschaftlichen Leistung ist, sondern wie schwach der Impact-Faktor selber ist: Die Gleichstellung von Mann und Frau in dem kleinen Land Schweiz, das auch nicht in der EU ist, stösst wohl nie auf grosses internationales Interesse – im Gegensatz zur „Nachhaltigen Wassernutzung“. Ein Fazit über das Fazit der Evaluation von NFP 59 bis 61: Traue nie einem Impact-Faktor ohne Kontext – was für die Naturwissenschaften gelten kann ist kein Gütesiegel für die Geistes- und Sozialwissenschaften. http://www.snf.ch/SiteCollectionDocuments/nfp_wirkungspruefung_schlussbericht_en.pdf

Das Diktat der Gleichgültigkeit
Die Wirkungsprüfung des NFP 60 hinterlässt einen bitteren Beigeschmack, der die ganze Gesellschaft angeht: „Zwar hatte das Programm vielerlei ausserakademische Wirkungen, doch diese traten hauptsächlich in Feldern und Organisationen auf, die bereits im Bereich Geschlechtergleichstellung arbeiteten. Bereiche von Politik und Praxis, die traditionell nicht mit Fragen der Ungleichheit der Geschlechter in Verbindung gebracht werden, konnten kaum erreicht werden. Sowohl die verfügbare Dokumentation als auch die eigenen Einschätzungen der Forschenden zeigen, dass die Auswirkungen des NFP in diesen Bereichen geringer waren als erhofft.“ Das NFP 60 beweist nicht nur ein mangelndes Interesse, sondern eine offenkundige Gleichgültigkeit für die Geschlechtergleichstellung in unserem Land. „However, there was a fundamental difficulty in transferring results, impulses and recommendations from multipliers such as interested media outlets and gender equality bureaus into higher level decision-making spheres, where political resistance or lack of interest posed major barriers to more far-ranging effects on policy and practice”, siehe Seite 22. Mit dieser Haltung in Gesellschaft und Politik ist das Feld offen für eigenartige Methoden, welche die Ungleichheitsprobleme schönreden und behaupten, dass in der Schweiz kein Gender Cap existiert, wie etwa in der NZZ am Sonntag („Ungleiche Löhne für Mann und Frau haben oft einen guten Grund“). Hinzu kommt eine abstruse Zahlengläubigkeit im Zeitalter von Big Data: Statistiken sind ein wunderbares Werkzeug den Ist-Zustand einer Gesellschaft zu erfassen. Sie können jedoch nur Problemzonen aufzeigen und bringen keine Lösungen. Aber! Statistiken sind die guten Impfkristalle, die zum Nachdenken anregen...

Donnerstag, 16. August 2018

Denk – mal!


Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften
Kultur! Es gibt wohl kaum einen anderen Begriff, der so rätselhaft, so mehrdeutig und symbolträchtig die Menschheit in ihrer Geschichte begleitet. Ein Begriff, der die Geisteswissenschaft herausfordert und schon manch philosophisches Streitgespräch anzettelte. Die UNESCO hat bei ihrer Definition zur allgemeinen Verständlichkeit von Kultur philosophische Feinheiten ausgeblendet: „Die Kultur kann in ihrem weitesten Sinne als die Gesamtheit der einzigartigen geistigen, materiellen, intellektuellen und emotionalen Aspekte angesehen werden, die eine Gesellschaft oder eine soziale Gruppe kennzeichnen. Dies schliesst nicht nur Kunst und Literatur ein, sondern auch Lebensformen, die Grundrechte des Menschen, Wertsysteme, Traditionen und Glaubensrichtungen“, nachzulesen auf der homepage des Bundesamtes für Kultur. In dieser Erklärung steckt auch das Gedankengut des Kulturerbes. Ohne Testament, Willensvollstrecker und ohne Erbschaftssteuer überdauert Kultur als gesellschaftlichen Wert Generationen. Zumindest weiss heute jedes Schulkind dank der Kampagne der Nationalen Informationsstelle zum Kulturerbe, NIKE, dass sich das Kulturerbe ein Jahr lang feiern lässt. Die Festivitäten stehen unter dem Patronat von Bundesrat Alain Berset im Rahmen des Europäischen Jahrs des Kulturerbes 2018. „Ausgehend von seinen sichtbarsten Elementen, den historischen Bauten und archäologischen Fundstätten, bietet sich 2018 die Gelegenheit, das Kulturerbe neu zu entdecken und in einen breiten Dialog über seinen Wert für die Gesellschaft einzusteigen“, schreibt NIKE. Das Recht zum Mitmachen am kulturellen Leben in der Gemeinschaft ist kein sozialromantischer Wunsch. Dieses Recht ist seit 1948 im Artikel 27 der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ verbrieft.

Ohne Grenzen
Und was ist ein Denkmal? Braucht es überhaupt Denkmäler? Diese Fragen werden am 9. September, 19 Uhr in Altdorf diskutiert. Wer mit dem Zug anreist nimmt den Bus bis zur Haltestelle „Telldenkmal“. Im Kanton Uri manifestieren so viele Denkmäler die Schweizer Geschichte, dass sie trotz ihrer Grösse in der Hetze des Alltags verschwinden. Auf dem Rathausplatz von Altdorf schultert Tell seit 1895 die Armbrust. Neben ihm steht sein Sohn Walterli, in Bronze versteht sich. Auch er zeigt sich nebulös in der Wahrnehmung der Einheimischen. Ist diese Unsichtbarkeit wirklich so schlimm? Darf sich Schweizer Geschichte nicht selbstverständlich in das Leben der Zeitgenossen integrieren? Diese Diskussion im Rahmen der europäischen Tage des Denkmals wird in Altdorf besonders lebendig werden. Zumal im Kulturerbejahr 2018 der Denkmaltag einen ganzen Monat dauert. An vier Wochenenden werden jeweils vier Regionen vorgestellt. „Ohne Grenzen“ heisst die Maxime der schweizweiten Veranstaltungen und ist eine logistische Meisterleistung von NIKE – passend der Titel des Programms mit „hereinspaziert.ch“. Auf 280 Seiten werden überraschende Aktivitäten mit Bild, Text und Information für die Anreise präsentiert. 

Zeugnis
Ein Denkmal muss jedoch nicht nur in Bronze gegossen oder in Stein gemeisselt sein: Die Natur kann genauso Zeugnis von vergangenen Zeiten ablegen. Deshalb sind die Rebberge im Lavaux wahrhaftige Denkmäler von mühseliger Arbeit von Weinbauern, die durch unermüdlichen Fleiss eine Landschaft am Genfersee umgestaltet und geprägt haben. In Cully werden am 1. und 2. September interessierte Gäste erwartet.
Wer sich ein junges Denkmal als Kinderstatue vorstellt, der liegt falsch. Ein junges Denkmal kann zum Beispiel ein Gebäude sein. In Sachseln im Kanton Obwalden steht ein Schulhaus als Zeuge für das Schaffen von Architekten der Nachkriegszeit. Ein Zürcher Team hat sich damals in den 1970er-Jahren verwirklicht und in Zusammenarbeit mit Pädagogen eine visionäre Schulanlage aufgestellt. Ein kantonaler Denkmalpfleger, auch er ist keine Bronze-Statue, wird am Samstag, 8. September durch das Gebäude führen. Im gleichen Kanton steht am Dorfplatz von Kägiswil eine Kirche mit dem Namen Maria Himmelfahrt. Auch dieses Bauwerk wird als junges Denkmal gefeiert. Die Kirchenarchitektur der Nachkriegszeit von 1968 hat allerdings nichts mit barocker Opulenz gemeinsam – Beton und Holz dominieren – kein Gold, kein Pflaumenblau.

Verständnis
An vier Wochenenden im September werden tausend kostenlose Führungen, Spaziergänge und Gesprächsrunden über die vielfältige Kultur des Landes angeboten. Eine Kultur verstanden als Besonderheit bzw. Identität eines Landes transportiert als Freizeitangebot, das Konzept von NIKE ist raffiniert. Das spielerische Erleben des Landes zusammen mit Sachverständigen? Mit dieser Art von Kulturverständnis kann die Bevölkerung auch für eine längst verloren geglaubte Solidarität in der Gemeinschaft sensibilisiert werden. Im Zeitalter der Informationen und planetarischen Vernetzungen vermischen sich Kulturen zur globalen Weltzivilisation. Gleichzeitig entstehen neue Formen der Kulturkritik, die den Zerfall der Öffentlichkeit, der menschlichen Werte und die Zwänge der Mobilität anprangern. „Erweitern wir unseren Blick, besuchen wir uns gegenseitig! Nicht wie gewohnt an einem einzigen, sondern gleich an vier Wochenenden im September finden die Europäischen Tage des Denkmals dieses Jahr statt. Unter dem Motto «Ohne Grenzen» präsentiert jeweils eine Region ihr kulturelles Erbe und lädt Nachbarn aus dem In- und Ausland zu einem Besuch ein“, zu lesen auf: https://www.nike-kulturerbe.ch/de/hereinspaziertch-denkmaltage/thema-2018/

Hoffnung
Denk – mal – nach über die unterschiedlichen Arten von Kulturen, die unser Leben beeinflussen. Nur schon die Zalando-Kultur, die dem Diktat des Konsums gehorcht und mittels online-shopping den Massengeschmack weltweit prägt. Müssten die Besucher der Denkmaltage nicht auch darüber nachdenken, wie sie ihre Zukunft sehen: Liegt sie im Heilsversprechen der Digitalisierung – oder liegt die Zukunft nicht einfach in der Kultivierung des Lebens...  

Donnerstag, 9. August 2018

Dr. Googles Algorythmen gegen ein Ärzte-Trio


Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften
Wer sich die SRF-Serie anschaut, die seit Juli jeweils am Montag 20.05 Uhr ausgestrahlt wird, dem fällt auf, wie sich drei Mediziner, eine Frau, zwei Männer, für Experten ungewohnt locker benehmen. In der Sendung gilt generell das du – alle begegnen sich auf Augenhöhe. Der Moderator, Dr. med. Fabian Unteregger, Komiker und Arzt führt durch die Show. Das Skript ist einfach: Drei Mediziner treten gegen Dr. Google, den drei Laien vertreten, zum sogenannten „Diagnose-Duell“ an. Auf der homepage der Sendung wird von „richtigen Patienten und echten Diagnosen“ berichtet. Also hat das SRF keine Schauspieler engagiert, sondern Menschen dazu gebracht, einem Millionenpublikum über ihre Schmerzen und über die Verschlechterung ihrer Lebensqualität zu berichten. Für die Diagnose bekommt das Team jeweils eine Minute Zeit zur Patienten-Befragung. Als Joker gibt ihnen der Patient einen augenfälligen Hinweis – etwa ein menschliches Ohr aus Gummi. Dieser Klamauk würde sich für Laiendarsteller als Abendunterhaltung in einem Pfadfinderlager eignen, wäre da nicht die bittere Realität des leidenden Patienten und die Demontage eines Berufstandes mit dem höchsten Professionalisierungsgrad. „Internet ist das tägliche Brot“, beschwichtigt die Fachärztin Dr. med. Anja Evangelisti in der Sendung. Und Professor Dr. med Stephan Vavricka begreift diese Show als Herausforderung gegen Algorythmen von Dr. Google. Ist das eine Auswirkung der aktuellen Krise des Expertentums, dass sich Mediziner dazu verleiten lassen, sich seichten Diagnose-Duellen zu stellen? Auf der homepage der Sendung wird Volksbildung betrieben: „Hobby-Doktor oder Oberarzt? Teste dein Wissen! Wie gut kannst du Symptome deuten? Finde es in unserem Quiz heraus.“ Im journalistischen Jargon heisst diese Art von Rubrik vgT – vorgetäuschter Tiefgang. Man kann sich fragen, wie sich diese Sendung auf das gebeutelte Image der Ärzte auswirken wird. Akut ist das volkswirtschaftliche Problem der Gesundheitskosten in der Schweiz. „Die Konjunkturforschungsstelle KOF der ETH Zürich rechnet für 2018 und 2019 mit einem stärkeren Wachstum der Gesundheitskosten als im vergangenen Jahr. Damit dürften die Ausgaben im laufenden Jahr auf mehr als 10'000 Franken pro Kopf anschwellen“, schreibt der Tages-Anzeiger (12.06.2018).


Macht Geld krank?
In einer Medical Humanities-Tagung der Reihe «Macht und Medizin» wird am 25. Oktober 2018 in Bern über das Problem „Gesundheitskosten“ nachgedacht und debattiert. Diese Tagungsreihe ist ein Gemeinschaftswerk der SAGW und der medizinischen Akademie SAMW. Tatsache ist, dass es zur Eingrenzung oder gar Abschwächung der Gesundheitskosten genügend Studien und Empfehlungen für makroökonomische Instrumente gibt. Zu den umgesetzten Massnahmen zählen etwa neue Tarifsysteme (SwissDRG) und Versicherungsmodelle sowie Managementvorgaben in Spitälern. Urs Klingler, ein Vergütungsberater, hat im Auftrag des SRF eine Studie zum Lohnsystem von Kaderärzten publiziert und damit eine öffentliche Debatte ausgelöst. Im Oktober wird nun an der Berner-Tagung die Auswirkung der ökonomischen Steuerungsinstrumente auf den beruflichen Alltag der Mediziner diskutiert. Beachtet werden verschiedene Aspekte, etwa beeinflusst der Preis einer Therapie die ärztliche Entscheidung? Werden günstigere Therapien bevorzugt? Wie steht es mit Privatpatienten: Wird ein gut versicherter Mensch zur überbehandelten Cash-Cow? An der Tagung ist auch das Thema ÄrztInnen und Löhne nicht tabu: Bedeutet mehr Lohn automatisch mehr Macht bzw. mehr Prestige im medizinischen Bereich? Wie hierarchisch sind medizinische Fachbereiche untereinander aufgestellt und beeinflussen dadurch die Studienwahl angehender ÄrztInnen. Die Tagung mit dem gefälligen Titel „Die Macht des Geldes“ ist auch eine Diskussions-Plattform für einen Berufsstand, der von der aktuellen Expertenkrise betroffen ist – zumal ohne ÄrztInnen unsere Lebensqualität eine andere Dimension bekäme. Mehr Information und Anmeldung:

Experten fallen vom Sockel
„Die Krise des Expertentums tangiert nicht bloss die Wissenschaft. Ärzte berichten von Patienten, die keinen Rat suchen, sondern Behandlungen einfordern, die sie zuvor gegoogelt hatten“ schreibt das Schweizer Forschungsmagazin „horizonte“ in der Titelgeschichte (Juni 2018). „Besonders beliebt waren Experten nie. Menschen lassen sich nicht gern belehren – wer auf Genauigkeit besteht, gilt rasch als Besserwisser.“ Tom Nichols, Dozent für nationale Sicherheitsfragen am U.S. Naval War College in Newport, erkennt eine bedeutende Ursache: „Unsere hochtechnologisierte Welt funktioniert so reibungslos, dass es die Leute zur falschen Vorstellung verführt, es sei alles ganz einfach. Man drückt einen Knopf, und die E-Mail fliegt ans andere Ende der Welt. Niemand denkt an all die Experten von den Ingenieuren über die Softwaredesigner bis zu den Diplomaten, die das erst möglich machen.“ Ohne Internet wären solche Fehlentwicklungen kaum möglich. Die kosten- und grenzenlose Verfügbarkeit von Informationen würden auch nicht zum Olymp des Wissens führen. Gleichberechtigt stehen heute gesichertes Wissen, fundierte, faktentreue Meinungen neben Verschwörungstheorien, Geschwätz und Fake-News. Die sozialen Medien würden diese Entwicklung verstärken, so Tom Nichols: „Auf Facebook sind wir alle Kollegen. Das hat zur lächerlichen Vorstellung geführt, wir wüssten alle gleich viel und alle Meinungen seien gleichwertig.“ Es wäre interessant zu wissen, wie der US-Amerikaner die SRF-Serie „Diagnose-Duell“ einschätzen würde. Zumal Ferndiagnosen aus dem Internet ein Biotop für Cyberchonder – Le Malade imaginaire ­(Molière 1673) – im Informationszeitalter sind. Gesundheitskosten werden mit diesen Ferndiagnosen bestimmt nicht eingespart, im Gegenteil, jeder Cyberchonder landet früher oder später in einer Sprechstunde...