Montag, 25. März 2019

Die Schweiz und die Frankophonie

Dr. Manuela Cimeli und Fabienne Jan, SAGW

Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) und die Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren der Westschweiz und des Tessins (CIIP) haben am 14. März 2019 die 24. Ausgabe der Semaine de la langue française et de la francophonie (slff) eröffnet. Rund um den internationalen Tag der Frankophonie am 20. März, zelebrieren viele Länder weltweit die Vielfalt der Frankophonie.

300 Millionen Französischsprachige weltweit
Die Frankophonie besteht zunächst aus den Frauen und Männern, die eine gemeinsame Sprache teilen. Der letzte Bericht des Observatoire de la langue française, der 2018 veröffentlicht wurde, schätzt die Anzahl der Französischsprachigen auf 300 Millionen Personen. Französisch ist, gemeinsam mit Englisch, die einzige Sprache, die auf allen fünf Kontinenten präsent ist. Im Jahre 1970 erfolgte die Gründung der Organisation internationale de la Francophonie (OIF) und seither verfügen die Frankophonen über eine institutionelle Einrichtung, welche die französische Sprache sowie die Zusammenarbeit unter den Mitgliedländern der OIF fördert. Aufgabe der OIF ist es, die aktive Solidarität zwischen den 88 Mitglied-Staaten und den ihr angegliederten Regierungen zu unterstützen (61 vollberechtigte Mitglieder und 27 mit Beobachterstatus). Die Schweiz trat der OIF im Jahre 1996 als vollberechtigtes Mitglied bei. Seither wird auch bei uns um den 20. März herum die slff festlich begangen.

Sensibilisierung gegenüber der französischen Sprache
Dieses Jahr finden in fünfzehn Schweizer Städten, die auf 9 Kantone verteilt sind, Veranstaltungen statt. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Themen zur Frankophonie in Afrika. Das vielfältige Programm, welches immer auch die Möglichkeit des gegenseitigen Austausches beinhaltet, geht von musikalischer Unterhaltung, gemeinsamen Kochkursen, Märchen- und Filmabenden bis hin zu Vorträgen und Lesungen. Ziel ist die Sensibilisierung gegenüber der französischen Sprache und der frankophonen Kultur, welche gerade in der Schweiz eine besondere Bedeutung haben. So ist beispielsweise die Zweisprachigkeit in Biel/Bienne seit 2013 in die Liste der lebendigen Traditionen der Schweiz eingeschrieben.

Förderung der Zweiprachigkeit
Die 1996 in Biel/Bienne gegründete Stiftung zugunsten der Sprachverständigung Forum für die Zweisprachigkeit / Forum du bilinguisme hat am 18. März die Stadtbibliothek Biel bereits zum zweiten Mal für ihre Bemühungen zur Förderung der Zweisprachigkeit ausgezeichnet. Das Label für die Zweisprachigkeit misst deren Qualität auf drei Ebenen: Hinsichtlich der Kommunikation und Dienstleistungen gegen aussen, in Bezug auf die sprachliche Zusammensetzung und die Sprachkompetenzen der Mitarbeitenden sowie bezüglich der betriebsinternen Kommunikation und der Sprachkultur des Unternehmens.

Offene Baustellen
Verblüffend ist die Unsensibilität gewisser Bundesämter für das Thema der Zweisprachigkeit: Unlängst hat ein schon länger dauernder Zwist zwischen der Stadt Biel, dem Forum für Zweisprachigkeit, dem Rat für französischsprachige Angelegenheiten des Verwaltungskreises Biel/Bienne (RFB) und dem UVEK ein neues Kapitel erhalten. Grund des Zwistes ist die Forderung nach einer zweisprachigen Beschilderung auf dem Ostast A5. Die Diskussionen ziehen sich bereits seit 2017 hin und wurden nun durch einen überparteilichen Vorstoss auf kantonaler Ebene unterstützt. Es besteht Hoffnung, dass die neue Leitung des UVEK ein Einsehen hat.

Mehr zum Thema «Sprachen und Kulturen»



Montag, 18. März 2019

Monitoring zu altersfreundlichen Umgebungen in den Schweizer Gemeinden

Lea Berger, SAGW, Projekt "Ageing Society"

In der föderalistischen Schweiz kommen den Gemeinden in der Gestaltung der unmittelbaren Lebensräume der Individuen und Gemeinschaften eine wichtige Rolle zu. So sind die Schweizer Gemeinden ausschlaggebende Akteure für die Förderung und den Erhalt der Lebensqualität aller Altersgruppen. Herausforderungen entstehen gegenwärtig vor allem im Zusammenhang mit der demografischen Alterung. Diese erfordert Neuorientierungen und Massnahmen in zahlreichen Lebensbereichen, die unter anderem im Kompetenzbereich der Gemeinden liegen: das Wohnen, der öffentliche Raum, die Mobilität, die soziale Integration und Teilhabe, die Beschäftigungsmöglichkeiten, die Kommunikation und Information sowie Gesundheit, Pflege und Betreuung.

Strategy and Action Plan on Ageing and Health: Was bedeutet «altersfreundliche Umgebungen»?
Die WHO-Strategie «Strategy and Action Plan on Ageing and Health» (2015) liefert dazu wichtige Impulse und fordert die Ausrichtung der Gesundheitspolitik auf eine dynamische, kontextbezogene und individuelle Stabilisierung der Lebensqualität. Unter den fünf strategischen Handlungsfeldern, die in der Strategie identifiziert werden, befindet sich die «Schaffung von altersfreundlichen Umgebungen». Dieses Handlungsfeld ist für die Gemeinden besonders relevant, da es den unmittelbaren Lebensraum der Individuen betrifft: «Altersfreundliche Umgebungen schaffen» bedeutet, ein Umfeld zu errichten, welches den Bedürfnissen der älteren Generationen gerecht wird und somit ihre Gesundheit, Autonomie, Selbstständigkeit und Partizipation fördert. Ziel ist es daher, die Lebensbedingungen so zu gestalten, dass auch Menschen mit eingeschränkten Ressourcen ihr Leben nach ihren Vorstellungen und Zielen führen können.

Ziele, Umsetzung und Perspektiven

Im Auftrag der a+ Swiss Platform Ageing Society startet die SAGW in diesem Jahr ein schweizweites Monitoring zu «altersfreundlichen Umgebungen» auf Gemeindeebene. Dazu wurde in Zusammenarbeit mit einer Expertengruppe ein Fragebogen erstellt, welcher sich an die WHO-Strategie orientiert. Ziel ist es, möglichst flächendeckend zu erheben, wie die Gemeinden in Sachen Alterspolitik und Gestaltung altersfreundlicher Umgebungen aufgestellt sind. Unter anderem sollen folgende Fragen beatwortet werden: Wie viele Schweizer Gemeinden verfügen bereits über eine Altersstrategie? Wie wird die Alterspolitik in der Gemeinde koordiniert und umgesetzt? Spielen zivilgesellschaftliche oder private Partner eine wichtige Rolle? Inwiefern werden die Bedürfnisse der älteren Bevölkerung auf Gemeindeebene durch partizipative Prozesse untersucht und in die politische Planung eingebunden? Der Schlussbericht wird voraussichtlich Anfang 2020 veröffentlicht. Um die längerfristigen Entwicklungen festzuhalten und zu analysieren, wird die Umfrage und deren Auswertung möglichst alle drei bis vier Jahre durchgeführt werden. Das Projekt wird vom Schweizerischen Gemeindeverband (SGV) und vom Schweizerischen Städteverband (SSV) unterstützt und durch das Forschungsbüro gfs.bern umgsetzt.



Montag, 11. März 2019

Diversifizierung der Karrierewege an Hochschulen - Welche Bedürfnisse an qualifiziertem Personal sind durch das gewachsene Wissenschaftssystem entstanden?

Dr. Marlene Iseli, SAGW, Thema "Wissenschaftssystem"

Unlängst hat actionuni, der Dachverband der Schweizer Mittelbauvertretungen, in einem Positionspapier wirksame Massnahmen zur Nachwuchsförderung eingefordert. Als erster Punkt des Massnahmenkatalogs wird die «Diversifizierung der Karrierewege innerhalb der Hochschule und alternative Karrieren» aufgeführt, eine nächste Forderung betrifft ein «Professionelles Personalmanagement», schliesslich wird auch ein «Doppeltes Kompetenzprofil Forschung/ Praxis» gefordert.

Von der Publikation...

Zweifellos ist das aktuelle Hochschulsystem ineffizient: Nach wie vor gilt das Gebot «up or out», durchlässige Karrierewege oder interessante Optionen zur Professur für fortgeschrittene Akademikerinnen und Akademiker sind eher selten, meist befristet, wenig planbar. Die SAGW hat im Sommer 2018 die Publikation «Next Generation: Für eine wirksame Nachwuchsförderung» veröffentlicht, in der eine modernisierte Personalstruktur, insbesondere der Universitäten, eingehend thematisiert wird. In den vergangenen Jahrzehnten waren die Universtäten gekennzeichnet von einer bemerkenswerten Mengenausweitung, die sich in Studierendenzahlen niederschlägt und durch zunehmende Finanzierungsmittel für Projekte, einen grösseren Mittelbau sowie durch ein exponentielles Wachstum des Publikationsausstosses ausdrückt. Im Forschungsbereich haben digitale Errungenschaften neue Möglichkeiten geschaffen, die digitale Datenbanken und Infrastrukturen auch in den Geistes- und Sozialwissenschaften entsprechend zu wichtigen Forschungsressourcen machen. Auch dafür braucht es hochqualifiziertes Personal, die die Datenbestände entsprechend aufbereiten und nachhaltig betreuen können.

In der Publikation «Next Generation: Für eine wirksame Nachwuchsförderung» werden neben der Professur zwei weitere Karrierewege in die Diskussion gebracht: Der eine Karriereweg betrifft den oberen Mittelbau, der in unbefristeten Anstellungen verantwortungsvolle wissenschaftliche Tätigkeiten verrichtet (wie etwa die oben angesprochene Betreuung von forschungsrelevanten Infrastrukturen). Ein weiterer Bereich ist im oberen Kader des Managements und Supports angesiedelt, wobei hier der Begriff des Third Space einfliesst.

...zur Diskussion:
Der Third Space definiert sich in der Literatur als wissenschaftsnah und serviceorientiert. In der Praxis wird er oft der Verwaltung zugeschrieben und wird gelegentlich hinter vorgehaltener Hand in Opposition zum Kerngeschäft der Wissenschaft gestellt.
  • Sind Third Space Stellen tatsächlich serviceorientiert und forschungsnah?
  • Welche Beispiele für Karrierewege neben der Professur gibt es an unseren Hochschulen und wie sieht es in England aus?
  • Welche erfolgreichen Beispiele für die Durchlässigkeit zwischen den verschiedenen Karrierewegen lassen sich bezeichnen?
Mit der Veranstaltung «Third Space – Lehre und Forschung als kollektive Leistung» vom 22. März wird das Ziel verfolgt, die mit dem Wissenschaftssystem wachsenden Bedürfnisse für zunehmend kollektiv zu erbringende wissenschaftliche Leistungen unter dem Blickwinkel neu geschaffener/ zu schaffender anspruchsvoller Positionen zu identifizieren und die damit verbundenen Herausforderungen, Dilemmata und Chancen zu diskutieren. Es gibt noch freie Plätze.

Montag, 4. März 2019

Migration als Schlüssel für die Zunahme der Mehrsprachigkeit

Dr. Manuela Cimeli, SAGW, Thema „Sprachen“

Jährlich am 21. Februar wird der internationale Tag der Muttersprache begangen. Die UNESCO setzt sich für die Förderung von Sprachen als Zeichen der kulturellen Identität der Sprechenden ein. Zudem sollen Fremdsprachenunterricht und Mehrsprachigkeit als Schlüssel des gegenseitigen Respekts und Verständnisses gefördert werden. Gut die Hälfte aller weltweit gesprochenen Sprachen sind vom Aussterben bedroht, weil sie nicht mehr an die nächsten Generationen weitergegeben werden. Als Gründe für das weltweite Sprachensterben gelten die Globalisierung mit all ihren Auswirkungen sowie die Digitalisierung. Parallel zur Abnahme der Anzahl der weltweit gesprochenen Sprachen ist jedoch eine Zunahme der Mehrsprachigkeit feststellbar. Intensive Migrationsbewegungen und die Dominanz des Englischen in der digitalen Welt gelten hier als Hauptfaktoren.

Zunahme des Französischen in der Schweiz
Laut dem Bundesamt für Statistik (BFS) hat sich die Verteilung der Landessprachen in der Schweiz in den letzten vier Jahrzehnten verändert. Obwohl immer noch 63% der Bevölkerung regelmässig Deutsch oder Schweizerdeutsch spricht, ist deren Anzahl zwischen 1970 bis 2017 leicht gesunken Ebenfalls gesunken sind Rätoromanisch (von 0.8% auf 0.5%) und Italienisch (von 11% auf 8%) als Hauptsprache. Der Anteil der französischsprachigen Personen ist hingegen von 18% auf 23% angestiegen. Das BFS definiert die Hauptsprache als die Sprache, in der wir denken und die wir am besten beherrschen. Seit 2010 können bei den BFS-Umfragen mehrere Hauptsprachen angegeben werden. Dadurch hat der Anteil von Personen, die eine Nichtlandessprache als Hauptsprache angeben, stark zugenommen. Die am meisten gesprochene Nichtlandessprache ist Englisch mit 5.4% gefolgt von Portugiesisch mit 3.7%.

Einfluss der Wirtschaft
Knapp ein Viertel der ständigen Schweizer Wohnbevölkerung stammt aus dem Ausland. Der Einfluss der Wirtschaft auf die gesprochenen Sprachen eines Landes ist markant. So ist die gestiegene Bedeutung des Englischen in der Schweiz vor allem den internationalen privatwirtschaftlichen Unternehmen geschuldet, deren Firmensprache meist Englisch ist. Die tendenziell schnellere (sprachliche) Integration von Eingewanderten in der Westschweiz erklärt die Sprachwissenschaftlerin Renata Coray hingegen damit, dass es sich meistens um Personen aus dem romanischen Sprachraum handle. Ihnen falle es relativ leicht, Französisch zu lernen.

Das Duell der Fremdsprachen

Auch wenn die Strukturerhebungen des BFS kleine statistische Ungenauigkeiten aufweisen können, die daher stammen, dass nur ein Teil der Bevölkerung befragt wird, geben die erhobenen Daten ein interessantes Gesamtbild der Situation unserer Landessprachen sowie deren Schwankungen. In Zeiten, in denen immer wieder auf die Vorherrschaft des Englischen verwiesen wird, ist die Zunahme des Französischen ein erfreuliches Signal.


Mehr zum Thema Sprachen finden Sie auf unserer Website: http://www.sagw.ch/sagw/laufende-projekte/Sprachen.html

Montag, 25. Februar 2019

Die Krux mit der Innovation

Dr. Heinz Nauer, SAGW, Redaktor

Quelle: http://r-urban.net/
Ein Psychiater in Harare leidet darunter, dass die grosse Mehrheit der Bevölkerung Simbabwes keinen Zugang zu psychiatrischen Dienstleistungen hat. 2006 gründet er deshalb das Programm «Friendship Bench»: Er und sein Team bilden Hunderte von Grossmüttern zu Therapeutinnen aus, die kostenlose Gesprächstherapiesitzungen anbieten. Der Erfolg des Programms ist enorm: Sogenannte «Freundschaftsbänke» stehen mittlerweile auch in Malawi, den USA oder Kanada.

Ist das Innovation?

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In Bern stören sich zwei junge Männer am verschwenderischen Umgang mit Konsumgütern. Die Menschen sollten Dinge nicht achtlos wegwerfen, sondern gratis weitergeben, denken sie sich. 2017 gründeten sie die Plattform nimms.ch. Sie soll helfen, dass Angebot und Nachfrage von gebrauchten Gegenständen besser zueinanderfinden.

Ist das Innovation?

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Eine Projekt-Community in der französischen Industriestadt Colombes experimentiert unter dem Stichwort «urban resilience» mit nachhaltigen Lebensstilen. Sie legt Gärten an, betreibt Mikro-Landwirtschaft, bietet günstigen Wohnraum.

Ist das Innovation?

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Soziale und technologische Innovation


Das Feld dessen, was man gemeinhin unter «Sozialer Innovation» fasst, ist breit. Es beinhaltet vielfältige Formen von sozialen Praktiken und Kooperationen, mit denen Gesellschaften rund um den Globus den grossen Herausforderungen der Zeit entgegentreten: Viele dieser Initiativen setzen sich einen nachhaltigeren Konsum zum Ziel, andere möchten in der Zivilgesellschaft vorhandene Kompetenzen nutzen und vernetzen. Im deutschen Sprachraum werden Soziale Innovationen – eigentlich eine etwas missverständliche wörtliche Übersetzung des englischen Begriffs «social innovations» – spätestens seit den 1970er Jahren diskutiert. Im allgemeinen Diskurs über Innovation und insbesondere in der Forschungsförderpolitik blieben sie freilich eine Randerscheinung. Wer nach mehr Innovation ruft, meint in aller Regel nicht soziale, sondern technologische Innovation. So sprach beispielsweise der ehemalige Schweizer Wirtschafts- und Bildungsminister Johann Schneider-Ammann («Bei der Innovation sind wir Weltspitze») zwar gerne und viel von Innovation, dachte dabei aber an die Forschung an den Technischen Hochschulen, an digitale Technologien, an Produkte, Patente und Wirtschaftswachstum und eher nicht an Know-how aus den Geistes- und Sozialwissenschaften, nicht an nachhaltigen Konsum und nicht an neue Formen kooperativen Wirtschaftens.

Uneingelöste Versprechen

Dieses Verständnis von Innovation als Teil einer theoretischen Kausalkette bestehend aus Wissenschaft, Innovation und Wirtschaftswachstum hat seine Wurzeln im sogenannt «goldenen Zeitalter der Innovation» zwischen etwa 1920 und 1960. Seither trat der Innovationsbegriff rhetorisch zunehmend an die Stelle des Fortschrittsbegriffs und ist in der Förderpolitik zu einer Art Beschwörungsformel geworden, eine Formel, die ihre grossen Versprechungen indes häufig nicht einlösen kann. Der Schweizer Historiker Caspar Hirschi merkte dazu in einem Aufsatz kritisch an: «Abgesehen von der Kommunikationsindustrie leben wir im Zeitalter der grossen Versprechungen und kleinen Verbesserungen.» Unser Alltag beruhe nach wie vor auf Einrichtungen, die mittlerweile 50 bis 150 Jahre alt sind. Die engführende Konzentration auf Innovation stehe echter Innovation geradezu im Weg, so Hirschi. Denn das ist die Krux mit der Innovation: Wo sie entsteht, lässt sich nicht voraussagen, da sie sich nicht vom Bestehenden ableiten lässt.

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Lesen Sie zum Thema «Soziale Innovation» das Dossier des soeben erschienenen SAGW-Bulletins. 12 Texte von Autoren aus den Geistes- und Sozialwissenschaften liefern einen vielstimmigen Beitrag zur Debatte.

Dienstag, 19. Februar 2019

Islam, Medien, Wissenschaft - Wie hast Du’s mit der Komplexität?

Dr. Heinz Nauer, SAGW, Redaktor

Ein Satiriker streitet in einer Talk-Sendung im Schweizer Fernsehen mit dem Moderator über den Koran. Der Name eines ermordeten saudi-arabischen Journalisten wird in Radio und Fernsehen systematisch falsch ausgesprochen. Ein zum Islam konvertierter französischer Fussballer schläft mit einer minderjährigen Prostituierten. Sollen sich Islamwissenschaftlerinnen hier zu Wort melden? Sollen sie die Öffentlichkeit aufklären, wie muslimische Gelehrte den Koran interpretieren, weshalb man «Chaschuqdschi» sagt und nicht «Kaschoggi» und wie es der Islam eigentlich so mit der Prostitution hält?

Komplexität abbilden oder reduzieren?
Auf einem Podium im Rahmen der Tagung «Komplexität abbilden – Medien, Wissenschaft und die Darstellung von Islam & Nahem Osten»  diskutierten am 14. Februar in Zürich Vertreterinnen und Vertreter aus den Islamwissenschaften und aus den Medien über das Verhältnis der beiden Welten Forschung und Journalismus. Sollen Journalistinnen die Komplexität von wissenschaftlicher Forschung in ihrer Arbeit abbilden oder reduzieren? Betreiben Geisteswissenschaftler ihrerseits eine «höhere Form des Journalismus», bloss «ohne Publikum», wie der Historiker Hans Conrad Peyer einmal über sein eigenes Fach sagte? Soll die Wissenschaftlerin journalistische Seitensprünge wagen?
Stefan Weidner, Islamwissenschaftler und Schriftsteller, zeigte sich pessimistisch gegenüber den Möglichkeiten der Wissenschaft, ihre Erkenntnisse via Massenmedien adäquat in die öffentliche Debatte einzubringen. «Lassen Sie ruhig alle Hoffnung fahren», sagte er. Wie über den Islam gesprochen und berichtet werde, lasse sich nicht ändern, denn «die Leute suchen sich die Diskurse, die sie haben wollen». Oder noch zugespitzter: Was sollen die Bemühungen um Wissenstransfer und das Reden von «third mission», wenn das Publikum dann doch zu den zweifelhaften Bestsellern von Autoren wie Thilo Sarrazin (Deutschland schafft sich ab, 2012) oder Douglas Murray (Der Selbstmord Europas, 2018) greifen?
Katia Murmann, Journalistin bei der Blickgruppe, sieht es ganz anders und identifizierte eine steigende Bereitschaft bei der Leserschaft, sich auf längere Texte einzulassen, die komplexe Inhalte abbilden. Ein Erklärstück zum Islam in der Onlineausgabe des Blicks beispielsweise erreiche eine Aufmerksamkeit von mitunter bis zu sieben Minuten – ein für Onlinemedien sehr hoher Wert.

Die vereindeutigte Welt
Reinhard Schulze, emeritierter Professor für Islamwissenschaft an der Universität Bern und Gründer des Forums Islam und Naher Osten (FINO), äusserte sich grundsätzlicher und ortete Hürden für die Vermittlung von komplexen Inhalten in den Tiefen des modernen Denkens: Es sei uns die Fähigkeit abhandengekommen, Komplexität, Uneindeutigkeit und enttäuschte Erwartungshaltungen sprachlich vermittelbar und für den Rezipienten erträglich zu machen, so Schulze.
2018 ist im Reclam-Verlag unter dem sperrigen Titel «Die Vereindeutigung der Welt» ein schmales Büchlein erschienen, das in eine ähnliche Richtung argumentiert. Sein Verfasser, der Islamwissenschaftlers Thomas Bauer, zeichnet darin nach, wie die Vielfalt, das Mehrdeutige und Unerwartete in Europa in den letzten 200 bis 300 Jahren sukzessive zurückgedrängt wurde. Ob in der Natur (Artensterben) oder in der Kultur (Sprachensterben): überall habe die Vielfalt nachgelassen, so Bauer. Er schliesst daraus: «Es muss so etwas wie eine moderne Disposition zur Vernichtung von Vielfalt geben.» Das gelte auch für den Bereich der Religionen: Traditionelle gelebte Religiosität weiche zunehmend entweder religiöser Gleichgültigkeit oder religiösem Fundamentalismus, so Bauer. Beiden Phänomenen gemein sei, dass sie sich schwer damit täten, Mehrdeutigkeit, Transzendenz und Komplexität auszuhalten. Die religiöse Mitte verliere an Einfluss und Sichtbarkeit. Es macht sich eine «Sainte Ignorance», eine «Heilige Einfalt» breit, wie der französischer Islamwissenschaftler Olivier Roy das Phänomen bezeichnete.
Ein Hang zur Reduktion, ein Drang zum «Auf-den-Begriff-bringen» zeigt sich auch im medialen Diskurs über den Islam. Muslime würden medial als Korane auf zwei Beinen dargestellt, sagte Reinhard Schulze, der Islam als Einheit. Ein konkretes Votum gab Christoph Keller, Kulturjournalist beim Schweizer Radio ab: Er plädierte auf dem Podium für den «Eigensinn» der Medien und der Wissenschaften: Erstere seien im öffentlichen Diskurs für das «und» zuständig, Letztere aber für das «aber».

Weitere Informationen: http://www.sagw.ch/sagw/laufende-projekte/islam.html

Montag, 11. Februar 2019

Internationalität der Wissenschaften im Ländervergleich – fast schon etwas widersprüchlich

Dr. Marlene Iseli, SAGW, Thema Wissenschaftssystem

Ist die Schweizer Fussballmannschaft schweizerisch genug? Darf man als Schweizer Bürger stolz sein darauf, dass die Schweiz im neu erfundenen Unterhaltungsprogramm der UEFA «Nations League» unter den vier besten Ländern weilt? Oder nur dann, wenn die Spieler von der Nachwuchsförderung des Schweizerischen Fussballverbands profitieren durften? Wie viel Migrationshintergrund liegt drin, um die Identifikation mit der eigenen Nationalmannschaft zu sichern? Und inwiefern spielt dabei die Heterogenität der Herkunftsländer eine Rolle? Solche (insgesamt befremdende) Fragen stellen sich in den Wissenschaften so wenig wie in der Champions-League, bei der Landesgrenzen und nationale Ranglisten keine Rolle spielen. Hier zählt lediglich die Exzellenz...

«Switzerland: 12 points»!
Interessanterweise finden wir in der Wissenschaftsadministration dennoch immer mal wieder Ranglisten, die an geographische Grenzen gebundenen sind. Zuweilen ist es ganz unterhaltsam, mittels Ländervergleiche zu eruieren, wie z.B. der Forschungsplatz Schweiz in Sachen Produktivität, Drittmittelakquise, Patentanmeldungen und so weiter abschneidet. Damit einher geht oft eine Bilanzierung der internationalen Ausstrahlung und Sichtbarkeit, der internationalen Kooperation sowie des Erfolgs im Wettbewerb um Fördergelder der EU. Hier wird deutlich: Es handelt sich um ein hochschulpolitisches Monitoring, das eine nationale Governance im Blick hat. Und wo gesteuert (und investiert) wird, wird auch evaluiert. Und umgekehrt.

Internationale Wissenschaften – ein Pleonasmus!?
Dennoch stehen solch nationale Ranglisten irgendwie schief da im Wissen um eine akademische Praxis, bei der die Nationalität ihrer Akteure als irrelevant betrachtet wird. Es ist allgemein bekannt, dass schon nur das Personal des Schweizer Hochschulsystems höchst international aufgestellt ist. Caspar Hirschi spricht in einem seiner Artikel von einer «eingeübten wissenschaftspolitischen Praxis: jener des brain gain durch Forscher-Import». Auch ein Blick auf den jüngsten Blog-Eintrag zum Repertorium Academicum Germanicum zeigt, dass sich internationale akademische Netzwerke bereits im Mittelalter bildeten.

«Nicht alles, was zählt, ist zählbar, und nicht alles, was zählbar ist, zählt» (Albert Einstein)
Problematisch werden solche Statistiken dann, wenn unter Berücksichtigung weniger quantifizierbarer Indikatoren suggeriert wird, dass die wissenschaftliche Leistung allgemein und die internationale Aufstellung im Spezifischen objektiv vermessen werden kann und direkte Rückschlüsse auf die Qualität der Forschung (und nur der Forschung, obwohl weitere Leistungsdimensionen ebenso valorisiert werden sollten) zulässig sind. Selbstverständlich wird eine solch kurzgreifende Interpretation auch erst durch eine übereifrige Leserschaft alimentiert.

Kooperation über Landesgrenzen und über andere Grenzen hinaus
Woher kommt aber dieser Ruf nach Internationalisierung? Und welche Versprechen sollen damit eingelöst werden? Im Bericht «Internationale Kooperation und Vernetzung in den Geisteswissenschaften» der SAGW wird aufgezeigt, dass das Augenmerk vielmehr auf grenzüberschreitende Kooperationen im allgemeinen Sinn gelegt werden müsste, seien sie geografischer, disziplinärer oder institutioneller Natur. Mittels einer explorativen Studie im erweiterten Umfeld der SAGW wurde der Versuch unternommen, die filigranen Netzwerke und vielschichtigen Kooperationsformen der Geistes- (und Sozial-)Wissenschaften über diese Grenzen hinaus wie auch deren Bedeutung zu erfassen. Deutlich wird, dass Internationalität ein relatives und von anderen Gesichtspunkten abhängiges Gütekriterium ist und damit nur eines von mehreren kontextabhängigen Kriterien darstellt, die letztlich die Qualität der Forschung beurteilen lassen. Wie sich die Prozesse der Wissensgenese zwischen verschiedenen Akteuren ausgestalten, ist wohl nur durch qualitative Forschungsansätze zu rekonstruieren.

Antworten auf die Frage, wie durch sinnvolle Kooperationen Grenzen aufgelöst werden, dürften eine ebenso wichtige Zieldimension darstellen wie die Internationalisierung der Wissenschaften selber. Denn anders als im Fussballbusiness sollte es in einem modernen Wissenschaftsbetrieb immer mehr um Zusammenarbeit, gegenseitige Kenntnisnahme, Überblickbarkeit und einen stimulierenden Austausch gehen als um Wettbewerb, Konkurrenz und Kräftemessen.


Neu erschienen:
Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (2019): «Internationale Kooperation und Vernetzung in den Geisteswissenschaften. Swiss Academies Report 14 (3). https://doi.org/10.5281/zenodo.2537674

Weitere Quellen:
Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (2018): Zur Diskussion: Qualität vor Quantität. Swiss Academies Communication 13 (5).
Link: https://doi.org/10.5281/zenodo.1409674

Caspar Hirschi (2010): Bilaterale Internationalität. Die Schweiz im Lichte von Ben-Davids 'Wissenschaft in einem kleinen Land'. In: Nach Feierabend. Zürcher Jahrbuch für Wissensgeschichte (2010), Nr. 6, 191-215.
https://www.alexandria.unisg.ch/214701/1/Hirschi__PDF_des_Aufsatzes_Bilaterale_Internationalit%C3%A4t.pdf

Montag, 4. Februar 2019

Das Repertorium Academicum Germanicum: Ein „Who is Who“ der Gelehrten des Alten Reiches

Kaspar Gubler und Rahel van Oostrum, RAG


Studienorte der Bischöfe von
Basel (rot) und Chur (voilett).
In der heutigen Welt sind wir vernetzt wie noch nie zuvor. Dies trifft nicht nur auf Prominente und Privatpersonen, sondern auch auf Wissenschaftler aller Art zu. Über das Internet teilen sie ihre Forschungen mit der ganzen Welt, sei es über private Netzwerke, online Fachzeitschriften oder Social Media. Die Wurzeln dieser wissenschaftlichen Gemeinschaft sucht das Forschungsprojekt „Repertorium Academicum Germanicum“ (RAG) im Mittelalter.

Gelehrte Lebenswelten

Das RAG erschliesst biographische Daten von Personen, die an einer Universität des Alten Reiches zwischen 1250 und 1550 einen höheren Akademischen Grad erlangt haben. Die Informationen zu diesen, zurzeit ca. 60'000 Gelehrten, werden in einer digitalen Datenbank verwaltet.
Ziel des Projektes ist es, die Studien- und Lebenswege von Magister der Artistenfakultät, Rechtsgelehrten, Theologen und Mediziner sowie von adeligen Universitätsbesuchern zu rekonstruieren. Anhand der Biographien dieser Personen sowie ihren Kontakten untereinander wird es möglich, einen umfassenden Einblick in die mittelalterlichen Ursprünge der modernen Wissensgesellschaft zu gewinnen.

Mittelalterliche Lebenswege digital

Die Daten der einzelnen Gelehrten werden den verschiedenen historischen Quellen der Universitäten Europas (Rektoratsmatrikeln, Fakultätsakten, Promotionslisten etc.) wie auch weiteren Überlieferungen entnommen und in die RAG-Datenbank eingegeben.
Diese Datenbank ermöglicht nicht nur die Recherche nach Lebensläufen von Einzelpersonen, sondern auch nach Personengruppen, die nach verschiedenen Kriterien geordnet und untersucht werden. Mit einfachen Suchbegriffen können die Gelehrten etwa nach ihren Studienabschlüssen, ihrer sozialen und geographischen Herkunft oder ihren späteren Tätigkeiten als Schreiber, Lehrer, Domherr etc. sortiert werden.
Zusätzlich bietet das RAG auch einen digitalen Atlas zur Analyse und Visualisierung der Ergebnisse. Die Visualisierungsmöglichkeiten erlauben beispielweise die Einzugsräume verschiedener Universitäten zu kartographieren oder die Karrieren der Gelehrten verschiedener Universitäten miteinander zu verbinden und zu vergleichen.
Die grosse Datenbasis des RAG eröffnet den Forschenden neue, auch interdisziplinäre Perspektiven. Qualitative und quantitative Aussagen über die gebildete Elite des Alten Reiches, über ihre europäische Vernetzung sowie über institutionelle und territoriale Vergleiche werden möglich.

Öffentlich zugänglich
Die RAG-Datenbank ist mit ihren Visualisierungen ist ein Forschungs- und Arbeitsinstrument, das laufend ergänzt und erweitert wird. Auf der Webseite des Projekts sind alle Daten öffentlich zugänglich und die Visualisierungsmöglichkeiten werden stetig weiter ausgebaut.

Vergleich der geographischen Herkunft von Promovierten der Universität Basel (blau) und Freiburg im Breisgau (rot).

Montag, 28. Januar 2019

Dans la peau d’une étudiante en sciences humaines : savoirs et compétences

Céline Hoyois, ASSH, stagiaire


Beaucoup de questions se posent à propos de l’utilité des sciences humaines dans notre société actuelle. N’est-il pas plus utile d’étudier la médecine, la physique ou encore l’ingénierie plutôt que d’étudier la philosophie ou la littérature ? Il semble que ces domaines soient perçus de manière opposée par certaines personnes, voyant les premiers comme indispensables au bon fonctionnement de la société et les seconds comme une perte de temps futile.

Une culture générale élargie

Malgré ces idées parfois très ancrées dans l’esprit de certains, il y a évidemment de nombreuses raisons pour lesquelles les sciences humaines sont utiles mais également essentielles à toute société et tout individu. Bien sûr, un des intérêts les plus évidents des sciences humaines se trouve dans le fait qu’elles nous permettent d’approfondir nos connaissances de culture générale. Il est largement reconnu qu’une bonne culture générale est un outil précieux dans notre vie professionnelle et personnelle. Mais les sciences humaines nous permettent surtout de maîtriser de nouvelles compétences et nous offrent différentes perceptions de la réalité.

Savoir traiter des informations pertinentes

Ma propre expérience offre un bon exemple de ce que les sciences humaines peuvent nous apporter. Finissant mon Master en Lettres en philosophie et littérature anglaise, je peux avoir un regard critique et rétrospectif sur tout ce que j’ai pu apprendre durant mes études. Une des plus grandes acquisitions permise grâce à un cursus en sciences humaines est certainement le développement de l’esprit critique. Dans un monde où nous sommes constamment confrontés à des milliers d’informations, pertinentes ou non, nous devons justement examiner et évaluer leur validité avant de s’y référer. En parallèle à une pensée critique, il nous faut également pouvoir mener une réflexion méthodique dans le but de comprendre mais également de formuler des arguments fiables. Les sciences humaines nous apprennent justement à raisonner de manière pragmatique et ordonnée, ceci nous permettant ainsi de nous constituer une pensée claire et structurée.

La philosophie comme exemple concret

Il me semble que la philosophie offre un parfait exemple de l’utilité des sciences humaines. Au-delà de son intérêt général pour la société dans des domaines pratiques, tels que l’éthique ou la philosophie politique, la philosophie nous permet également d’acquérir les compétences mentionnées plus haut. Il est impératif de les développer pour pouvoir, d’une part, comprendre la complexité et évaluer les théories et arguments proposés par divers auteurs et, de l’autre, formuler sa propre pensée et ses opinions. Mais ces compétences ne s’appliquent pas uniquement à l’étude de la philosophie ou des autres sciences humaines. Voilà justement l’intérêt des sciences humaines : les compétences acquises grâce à leur pratique ne sont pas seulement cantonnées à leurs domaines, mais sont transposables dans de nombreux autres terrains. Elles nous permettent donc une grande flexibilité que nous pourrons mettre au profit de différents secteurs de travail.

Quel futur pour les étudiants en sciences humaines ?

Les sciences humaines nous permettent finalement de mieux appréhender les enjeux du monde dans lequel nous vivons et de pouvoir remettre en question ce qui nous entoure. Elles nous donnent des outils d’analyse précieux pour saisir la réalité humaine et nous amènent à développer des compétences utiles dans diverses situations. Laissons donc les étudiants en sciences humaines se concentrer sur leurs dissertations d’histoire, de philosophie… Sans oublier qu’ils ne sont pas seulement en train d’écrire un essai, mais plutôt qu’ils entraînent de nombreuses capacités qui seront profitables à leur développement mais également à celui de notre société en général.


Montag, 21. Januar 2019

Wissenschaft messen zwischen Impact Factor und Losentscheid

Dr. Heinz Nauer, SAGW, Redaktor

Mehr als 20'000 wissenschaftliche Zeitschriften veröffentlichen weltweit jedes Jahr mehr als 1 Million Artikel. Dazu kommen 3 Millionen Artikel, die im vorangehenden Peer-Review-Verfahren abgelehnt werden. Und die Zahlen wachsen ständig: Gemäss einer bibliometrischen Studie verdoppelt sich der Ausstoss an wissenschaftlichen Publikationen alle 9 Jahre.
Es gibt Legenden, welche die Anfänge der Techniken im Wissenschaftssystem, welche sich mit der Evaluation dieser Textflut befassen, ganz weit zurückdatieren. Nehmen wir das Beispiel des wissenschaftlichen Publikationsverfahrens: Die Legende besagt, das Peer-Review-Verfahren von heute sei 1665 von Henry Oldenburg, dem ersten Sekretär der Royal Society of London und Herausgeber der Zeitschrift «Philosophical Transactions», erfunden worden und ergo im wissenschaftlichen Zeitschriftenwesen immer schon dagewesen.

20 Jahre New Science Regime
Naheliegender ist, die Anfänge der heutigen Qualitätsbeurteilung in den 1960er Jahren zu verorten, als in den USA gewaltige Summen in die Forschung investiert wurden, getrieben von der Angst, den technologischen Vorsprung gegenüber der Sowjetunion einzubüssen (vgl. den Aufsatz von Caspar Hirschi Wie Peer Review die Wissenschaft diszipliniert). Und die neuen Gelder verlangten nach neuen Messinstrumenten.
Ein entscheidender Schritt vollzog sich in den 1990er Jahren, als Formen des New Public Management und des mit ihm verwandten New Science Regime Einzug in die Wissenschaften hielten. Sie überführten Management- und Evaluationstechniken aus der Privatwirtschaft in einen akademischen Kontext und validierten vor allem den quantitativen Output von Forschenden. Seither gilt auch in der Forschung: Es zählt, was sich zählen lässt.

Unbehagen in der Welt der Kennziffern
Die Akademien der Schweiz griffen das Verhältnis von Qualität, Quantität und Erfolg in der Wissenschaft für eine Podiumsdiskussion auf, die am 15. Februar in der Reihe «Science at Noon» im Haus der Akademien in Bern stattfand. «Das Pendulum in der Wissenschaftsevaluation scheint zurück in Richtung qualitativer Messmethoden auszuschlagen», sagte Antonio Loprieno, Präsident der Akademien, welcher die Veranstaltung moderierte. Matthias Egger, Präsident des Forschungsrates des Schweizerischen Nationalfonds, sprach von einem weit verbreiteten «Unbehagen» bei der Abstützung auf rein quantitative Impact-Faktoren und Gerd Folkers, Präsident des Schweizerischen Wissenschaftsrates, von einer «Verpflichtung der akademischen Forschung Schritte in dunkle Gegenden zu tun, wo noch niemand zuvor war». Solche Schritte, so Folkers, vertrügen sich schlecht mit der «Ökonomisierung des Wissenschaftsbetriebs in den letzten Jahrzehnten».

Zurück zum Losentscheid?
Es gibt wohl kaum eine Forschungsförderinstitution, welche die Frage nach der Erneuerung der Instrumente zur Messung wissenschaftlichen Erfolgs derzeit nicht umtreibt.

Es seien hier nur zwei Initiativen genannt:

1. Der SNF plant eine eigene Portfolio-Plattform für Forschende, auf der einzelne Projekte im Vordergrund stehen sollen und nicht lange Publikationslisten. «Ideen statt CV», sei das Motto, sagte Matthias Egger. Der SNF greift damit einen Vorschlag auf, der schon länger kursiert, und beispielsweise vom internationalen Projekt «ACUMEN» propagiert wird.

2. Die deutsche Volkswagenstiftung, die jedes Jahr rund 150 Millionen Euro in die Forschung fliessen lässt, experimentiert zurzeit mit einer klassischen, aber etwas in Vergessenheit geratenen Methode, aus einer grossen Menge auszuwählen: dem Losentscheid. Über Anträge, die es auf die Shortlist schaffen und von einer Jury als forschungswürdig eingestuft werden, entscheidet zum Schluss das Los.

Das sind nur zwei Beispiele von vielen. Doch sind die etablierten Messinstrumente und Evaluationskriterien – h-Index, Journal Impact Factor, Hochschulrankings – noch immer fest in der Wissenschaftskultur verankert. Gerade bei älteren Forschenden, die ihre Karrieren über Jahrzehnte auf quantitative Messinstrumente bauten, sei es naturgemäss schwierig diese nun «aus den Köpfen zu bringen», so Matthias Egger.



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Siehe zum Thema auch:

Marlene Iseli, Markus Zürcher, (2018): Zur Diskussion: Qualität vor Quantität (Swiss Academies Communications 13,5). DOI: doi.org/10.5281/zenodo.1409674.

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Montag, 14. Januar 2019

Per Klick in die Vergangenheit

Beatrice Kübli, SAGW, Kommunikation
 
„Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist.“ Wer dem Zitat aus der Operette „Die Fledermaus“ von Johann Strauss folgt, braucht sich nicht um Geschichte zu kümmern. Er weiss dann natürlich auch nicht, was das für eine Zeit war, damals 1874. Ob Allgemeinwissen oder Politikverständnis: Ohne Geschichtskenntnisse kann man heutige Entwicklungen nicht fundiert verstehen und nachvollziehen. Obwohl der Nutzen eines Geschichtsstudiums nicht für jeden so offensichtlich ist, greift unsere Gesellschaft in vielen Fragen auf Historiker zurück, beispielsweise um politische, religiöse oder kulturelle Spannungen zu erklären und um die unsichtbaren Ursachen solcher Konflikte und Blockierungen aufzudecken (mehr dazu auf abouthumanities.sagw.ch). Was tun, wenn man sich damals in der Schule für die Kriege, Revolutionen und Schlachten nicht erwärmen konnte und den Nutzen erst heute einsieht? Es ist nicht alles verloren. Heute reicht ein Klick für die Reise in die Vergangenheit. Die SAGW und ihre Unternehmen bieten eine Reihe von Forschungsinfrastrukturen an, die auch für Laien online zugänglich sind. Betrachten wir zum Beispiel die aktuelle Diskussion um die China-Politik der Schweiz. Wer den Hintergrund besser verstehen möchte, findet auf der neuen Website des Historischen Lexikons der Schweiz unter dem Suchbegriff „China“ einen Überblick über die Kontakte zwischen der Schweiz und China. Umfassende Informationen zu den bilateralen Beziehungen der beiden Staaten erhält man bei DODIS, den Diplomatischen Dokumenten der Schweiz. Auf der Seite von Année Politique Suisse schliesslich ergibt dasselbe Suchwort eine Zusammenstellung der politischen Geschäfte, die sich mit China befassen. Per Klick gibt’s übrigens nicht nur Informationen zur Geschichte und zur Politik, sondern auch zu den vier Landessprachen und zu Fundmünzen. Eine Porträtserie im SAGW-Bulletin stellt die Unternehmen vor:  

Montag, 7. Januar 2019

Fake News, Algorithmen, Social Bots und die Wahrheit

Beatrice Kübli, SAGW, Kommunikation
 
Welche Menschenmenge war grösser? Die beim Amtsantritt von Barack Obama oder von Donald Trump? Die Bilder zeigen klar: bei Obama. «Fake News», fand Trump. Wie bei vielem, was ihm nicht passt. In diesem Beispiel ist es relativ einfach, die Wahrheit zu erkennen. Aber Falschnachrichten zu enttarnen, wird immer schwieriger. Fehlinformationen sind eine Herausforderung für uns alle. Vincent F. Hendricks, der Autor von «Postfaktisch», war kurz vor Weihnachten zu Besuch im Haus der Akademien und sprach im Science at Noon über die neue Wirklichkeit in Zeiten von Bullshit, Fake News und Verschwörungstheorien. Die einen Falschmeldungen entstehen nur mangels besseren Wissens, andere hingegeben werden absichtlich publiziert, um Meinungen oder auch Wahlen und Abstimmungen zu beeinflussen. Es ist schwierig abzuschätzen, welche Nachrichten noch glaubwürdig sind. Wie wir mit der Situation umgehen können, ist Thema der Ausstellung «Fake. Die ganze Wahrheit» im Stapferhaus Lenzburg. Aber nicht nur Falschnachrichten erschweren die Orientierung, sondern auch die Flut an Information und die neuen Selektionsmechanismen.

Algorithmen – Gatekeeper ohne Verantwortung

Heute sind es nicht mehr primär die Journalisten, die Nachrichten filtern und verbreiten. Mit den neuen digitalen Möglichkeiten kann jeder zum Newsproduzent werden. Es entsteht eine unüberschaubare Menge von neuen und thematisch sehr unterschiedlichen Nachrichten. Auch die Art, wie sich die Nachrichten verbreiten, ändert sich. Suchmaschinen und Social-Media-Plattformen bestimmen durch ihre Algorithmen, nach welchen Prinzipien die Nutzer welche Nachrichten sehen. Sie haben die Gatekeeper-Rolle übernommen, allerdings nicht deren gesellschaftliche Verantwortung. Im Gegensatz zu Journalisten prüfen Algorithmen keine Quellen und nehmen keine Rücksicht auf moralische Grundsätze. Ausgespielt wird, was am meisten Klicks und Interaktionen verspricht. Die Chance dazu ist gerade bei sensationellen, empörenden oder unglaublichen Artikeln besonders hoch. Falschinformationen entsprechen diesen Kriterien häufig und verbreiten sich dadurch schneller als journalistische Artikel.

Social Bots – Computerprogramme diskutieren mit
Verbreitet werden Fake News auch durch Computerprogramme, denn die Menschen sind im Internet längst nicht mehr unter sich. Social Bots analysieren Texte, verfassen Beiträge, antworten und diskutieren mit. Die Programmierer nutzen dabei bewusst das Algorithmus-System der sozialen Netzwerke für ihre Zwecke aus. Gemäss einer Studie von Imperva Incapsula generierten Social Bots 2016 rund 52% des gesamten Internet Traffics. Rund 29% waren mit böswilligen Absichten unterwegs waren. (Allerdings wurde die Studie von einer Sicherheitsfirma durchgeführt, die ein gewisses Interesse an einem solchen Resultat hat.) Aber auch Oliver Leistert beschreibt im Buch «Algorithmuskulturen» Social Bots als Piraten und teilt sie den Betrügern, Dieben und Tricksern zu. Sie verkörpern die Kehrseite eines Internets, das mit der vermeintlichen Gratis-Kultur Information für zielgerichtete Werbung und Propaganda sammelt. Die Programmierer investieren viel, damit es ihre Code-Programme schaffen, plausibel als Menschen aufzutreten, und nicht als Social Bot erkannt zu werden: Die Maschinen machen Pausen, haben Freunde und erhalten Geburtstagsglückwünsche. Wie das Magazin Higgs berichtete, werden inzwischen auch Gesichter täuschend echt von künstlichen Intelligenzen kreiert.

Meinungsmanipuation und Einfluss auf die Demokratie
In sozialen Netzwerken können Social Bots leicht für die Manipulation von Meinungen eingesetzt werden. Sie vermitteln sowohl den Algorithmen als auch den menschlichen Nutzern das Gefühl, dass sich sehr viele Personen für ein bestimmtes Thema interessieren. Die Wirklichkeit wird verzerrt. Meinungsforscher, die sich auf Aktivitäten im Netz konzentrieren, erhalten einen falschen Eindruck. Es können gar Wahlresultate und Abstimmungen durch Social Bots beeinflusst werden. Ob und wie stark das der Fall ist, wird in letzter Zeit intensiv diskutiert. Patricia Egli und David Rechtsteiner bestätigten in ihrem Aufsatz «Social Bots und Meinungsbildung in der Demokratie» das Potenzial von Social Bots zur Wahlbeeinflussung, konnten es jedoch nicht nachweisen. Einerseits sei es schwierig Social Bots zu identifizieren und andererseits sei nur schwer messbar, welchen Effekt den Social Bots zugeschrieben werden könne.

Eine Aufgabe für den Journalismus – und für die SAGW-Forschungsinfrastrukturen

Durch die neuen Entwicklungen weitete sich die Watchdog-Aufgabe des Journalismus aus. Während früher die Politik im Fokus der «Wächter» stand, sollten Journalisten nun auch die Entwicklungen der Technologie beaufsichtigen. Jemand muss im Auge behalten, wie Algorithmen funktionieren, welche Nachrichten hoch gewertet werden und welche Meldungen gar nicht erst auftauchen, fordert Mercedes Bunz in ihrem Buch «Die stille Revolution». Eine verlässliche Recherchequelle im Kampf gegen Fake News stellen die Forschungsinfrastrukturen der SAGW dar. Im Dezember hat das Historische Lexikon der Schweiz seine neue Website aufgeschaltet, die nun neue Zugänge zu rund 36‘000 Artikeln bietet. Wie die Qualität in der Wissenschaft gesichert werden kann, ist dann Thema am Science at Noon vom 15. Januar 2019.