Mittwoch, 23. Mai 2018

Über das Altern im Sixpack


Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften 
„Die Sichtweisen auf das Altern stehen nicht nur auf dem Prüfstand, sie scheinen über den Haufen geworfen zu werden. Altern ist nicht nur kognitiver Abbau, nicht nur sozialer Rückzug, nicht nur Warten auf den Tod“, schreibt Hans-Werner Wahl in seinem Buch über „die neue Psychologie des Alterns“, kurz NPAs. Die Analysen des deutschen Altersforschers wurden in einen breiten Kontext gestellt. Mit Erkenntnissen aus Langzeitstudien korrigiert er die vorwiegend negativen Bewertungen des Alters. Er entwirft ein neues, differenzierteres Bild vom Älterwerden und bezeichnet die vielschichtige, komplexe und längste Lebensphase als Erfolgsgeschichte. Mit seiner Publikation will er die traditionelle Vorstellung des Älterwerdens, welche in den meisten Köpfen als Verlustgeschichte herumgeistert, korrigieren. Zumal das Altern in der öffentlichen Diskussion zuoberst auf der Themenliste des Agenda Settings steht.

Morbide Sonntagslektüre
„Ältere Menschen leiden oft an mehreren Krankheiten gleichzeitig. Deshalb müssen Medizin und Wissenschaft anfangen, körperliche Leiden im grossen Zusammenhang zu sehen“, schreibt die NZZ am Sonntag (Beilage Gesundheit, 13. Mai 2018). Vor drei Jahren lebten 1,5 Millionen Rentner in der Schweiz. Gemäss Bundesamt für Statistik wird deren Zahl im Jahr 2045 auf über 2,7 Millionen ansteigen. Die NZZ am Sonntag bemerkt: „Wir werden immer älter. Aber bleiben wir auch gesund dabei?“ Der zentrale Punkt in diesem Artikel ist die sogenannte Multimorbidität, die Mehrfacherkrankung. Derzeit bestehe keine Einigkeit, wie Multimorbidität definiert werden solle – mit zwei, drei oder mehr Krankheiten. Gemäss Prognosen der WHO werde die Zahl der über 65-Jährigen mit mindestens einer chronischen Erkrankung zunehmen. Wie die WHO in ihrer globalen Strategie und Aktionsplan zu Alter und Gesundheit darlegt, müssen die beiden Begriffe Gesundheit wie auch Gesundheitsversorgung neu gedacht werden. Im Zentrum steht ein individualistisches Gesundheitsverständnis. Mehr zu diesem funktionalen Gesundheitsbegriff: http://www.ageingsociety.ch/ageing-society.html

„Jobs gibt es für die meisten Alten genug“ 
Nicht nur von Altersbeschwerden ist in den Sonntagszeitungen zu lesen – es geht auch um die finanzielle Situation der älteren Menschen, etwa um die Sicherung der Renten. Die Zauberformel für eine sichere Rente heisst länger arbeiten, kommentiert Reiner Eichenberger in der Sonntagszeitung (20. Mai 2018). Er ist ordentlicher Professor für Theorie der Finanz- und Wirtschaftspolitik an der Universität Fribourg und Forschungsdirektor des CREMA (Center for Research in Economics, Management, and the Arts): „Die von der Regierung angestrebte Erhöhung der Steuern und die Abgaben können die Altersvorsorge nicht nachhaltig sichern. Vielmehr gilt es, die Lebensarbeitszeit zu erhöhen. Dazu braucht es eine gezielte Senkung der Steuern und Abgaben. Sie gibt den Alten Anreize und Möglichkeiten, freiwillig länger zu arbeiten“, schreibt Professor Eichenberger. Man kann sich fragen, warum der Wirtschaftswissenschafter (57) den Begriff „Alte“ in seiner Kommentarspalte mehrmals verwendet – obwohl die betroffene Generation diese Bezeichnung als despektierlich empfindet. Negative Altersstereotypen entstehen jedoch nicht nur aus Unachtsamkeit, sondern verbergen oft auch Ängste. Letztendlich erinnern „Alte“ die jüngeren Menschen an körperlichen Verfall und Tod. Besonders die verstärkte Präsenz des Alters durch die demografische Entwicklung kann eine Abwehrreaktion oder Diskriminierung damit den „Ageism“ verstärken.

Altersstereotypen in den Medien
Auf der Plattform Ageing Society, einem thematischen Schwerpunkt der SAGW, wird auf eine interessante Veranstaltung hingewiesen. Das Thema könnte nicht aktueller sein: Wie wird die Ageing Society in Schweizer Zeitungen behandelt? Erste Ergebnisse, Einblicke und Eindrücke in der Pro Senectute Bibliothek Zürich. Man darf gespannt sein auf das Thema Altersstereotypen. Und man darf auf das Endergebnis im Jahr 2019 hoffen. Die Präsentation liesse sich auch gut in einem Kulturzentrum oder Jugendhaus abhalten, damit wenigstens raummässig die Altersstereotypen aus den Köpfen des Publikums ausradiert werden könnten – nach Karl Marx „das Sein prägt das Bewusstsein“.
Das Zwischenergebniss wird in der Pro Senectute Bibliothek am 28. Juni 2018 von 18.00 bis 20.00 Uhr präsentiert (Bederstrasse 33, 8002 Zürich). Die Teilnahme ist kostenlos für alle Interessierten, die Registrierung obligatorisch.

Kein Ende in Sicht
Im dritten Kapitel des Buches über NAPs schreibt Professor Hans-Werner Wahl über das „Psychische Altern im Sixpack“: Es geht dabei um Gewinne und Verluste in den Bereichen (1) des Wohlbefindens und der Emotionalität, (2) um die geistige Leistung, (3) soziale Beziehungen, (4) Mobilität und Wohnen, (5) Technik wie auch (6) um Gesundheit und Krankheit. In allen Bereichen hat Hans-Werner Wahl Stärken der älteren Menschen entdeckt, gepaart mit einigen Verlusten. Der Altersforscher schreibt von einer eigentlichen Erfolgsstory: „Ältere fallen nicht ständig, machen nicht einen Fehler nach dem anderen, fahren relativ sicher Auto, erledigen ihre Standardanforderungen ziemlich gut und ziemlich lange, regen sich kognitiv dauerhaft immer wieder an. Dass sie dabei auch technologische Unterstützung bekommen, wird in absehbarer Zeit ganz selbstverständlich sein.“ Mit der Technologie als fünftes Sixpacks werden ältere Menschen Teil eines Megatrends im Zeitalter der Digitalisierung. Im Resümee betont Professor Wahl, dass Ältere immer mehr zu Agenten der eigenen Entwicklung werden. Darum prognostiziert er in naher Zukunft ein völlig neues Alter, das sich selber gestalten und sich nicht um Altersstereotypen kümmern wird. Altern ist nicht mehr etwas „Besonderes“, sondern verlangt nach einer Selbstverständlichkeit bzw. nach einer Normalisierung. „Der banale Satz hat es inzwischen in die Königsklasse wissenschaftlicher Evidenz geschafft“, erklärt Hans-Werner Wahl.

SRF-Serie „Neustart Pensionierung“
„Fünf Schweizerinnen und Schweizer mit unterschiedlichen Schicksalen gewähren Einblick in ihr Leben und geben Antworten, welche Sehnsüchte, Ängste und Möglichkeiten die Freiheit im Alter mit sich bringt“, gemäss SRF-hompage. „Wie sehr beschäftigt uns die Rente? SRF widmet sich dieser banalen und doch fundamentalen Frage und begleitet zwei Frauen und drei Männer während knapp acht Monaten auf dem Weg zur Pensionierung und darüber hinaus; hautnah, ehrlich und emotional.“ Ist diese Frage wirklich banal, wie es SRF ankündigt? Vermutlich hat die SRF-Redaktion nichts über die „Neue Psychologie des Alterns“ gelesen. Eine Pensionierung ist nie banal bzw. oberflächlich ohne Inhalte...

Man lernt nie aus
Ein Hollywood-Film zeigt auf, wie sich das psychische Altern im Sixpack nach Professor Hans-Werner Wahl gestalten könnte. Der Schauspieler Roberto de Niro verkörpert Ben, der sich mit 70 als Praktikant bei einem Start-Up-Unternehmen in New York bewirbt. Das Drehbuch der Komödie ist feinfühlig angelegt, regt zum Denken an und vermittelt eine Leichtigkeit, ohne dabei Altersstereotypen zu festigen...

Donnerstag, 17. Mai 2018

Die Dreifaltigkeit von Innovation, Forschung und Wirtschaft


Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften 
Was verbindet Innovation, Forschung und Wirtschaft miteinander? Alle sind auf der Suche nach Neuem. Vom Neuem versprechen sich Forschende Anerkennung, Wirtschaftskapitäne eine Gewinnmaximierung. Mit Innovation lässt sich Erfolg und Geld generieren und ist daher auch eng an ein aufstrebendes Unternehmertum gebunden. Die Innovation ist ein modernes Heilsversprechen für ein gutes Leben mit einer gewissen Zukunft. Über Innovation in ihrem Fachbereich konnten sieben PräsidentInnen aus unterschiedlichen Sektionen der Mitgliedgesellschaften der SAGW an der Jahresversammlung 2017 in Bern referieren. Alle hatten nicht mehr als sieben Minuten Redezeit zur Verfügung. Als Resonanz ihrer Ausführungen verfassten die Referierenden zusammen einen Werkstattbericht „Innovation“ in der Reihe swiss academies communications. Einführend bemerkt Dr. Markus Zürcher, Generalsekretär der SAGW im Bericht: „Die Verkürzung des Innovationsbegriffes auf Technik und damit auf die materielle Kultur hat eine lange Tradition, die sich zuerst prägnant im historischen Materialismus von Karl Marx artikulierte.“ Noch im ausgehenden 18. Jahrhundert war Innovation primär mit gesellschaftlichen Erneuerungen verbunden. Erst unter Einfluss von Joseph Schumpeter und Co. setzte sich Innovation als zentrales ökonomisches Konzept durch: Demzufolge ist Innovation heute in unseren Köpfen vorwiegend mit neuen Technologien bzw. Digitalisierung verbunden.

Innovative Kräfte
Der deutsch-österreichische Autor Wolf Lotter hat soeben eine Streitschrift für Innovation publiziert (Edition Körber). Ihm geht es dabei um das barrierefreie Denken. Er selbst setzt nicht auf neue Technologien, sondern auf den Menschen, der für Lotter die eigentliche Schlüsselinnovation ist. Demzufolge verlangt er nach einer Innovationskultur in der Wissensgesellschaft. „Innovationen sind das Leben, das wir noch vor uns haben“, schreibt Wolf Lotter. Was sich vorerst etwas romantisch liest, kann er jedoch sehr gut mit Fakten und Beispielen darlegen. Er fragt sich auch, ob es je eine echte Innovationsgesellschaft gibt, zumal nach Lösung strebende „Kopfarbeiter“ nach wie vor Aussenseiter der Gesellschaft sind: „Wer Innovation nicht verhindern will, muss Menschen sich frei entwickeln lassen.“

Freie Gedanken
Lotter analysiert schonungslos: Wenn wir auf dem Weg von der Industrie- zur Wissensgesellschaft nicht auf die Rote Liste der bedrohten Arten geraten wollten, müssten wir den Weg radikaler Gedankenfreiheit beschreiten. Innovation bedeute die Bereitschaft zu ständiger Infragestellung und zum Experiment. Die Forderung nach Interdisziplinarität und Kreativität sei bitteren Ernst. Dazu gehöre auch Mut zu Irrtum wie auch Irrweg. Auf dem Weg müssten wir eine Gesellschaft des Versuchens, statt des Verzagens sein. Die Innovation sei auch nicht den Jungen zu überlassen, sondern zu einem generationenübergreifenden Projekt zu machen. Voraussetzung sei Rückbesinnung auf echte Bildung, wie auch Respekt vor Wissen und Erfahrung: „Man fand heraus, dass es nur bei der Frage der Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien Unterschiede zwischen Alt und Jung gab – die Alten widmeten sich auch seltener digitaler Gadgets. Ihr Erfahrungswissen, ihre kommunikativen Fähigkeiten und ihre Loyalität, Motivation und Ergebnisorientierung glichen das bei weitem aus“ (Seite 63).

Störfall Innovation

Innovationen sind das Gegenteil von Opportunismus. Lotter zitiert Wilhelm Humboldt, der schon vor zwei Jahrhunderten vor den Folgen der Gleichmacherei warnte: „Die Gleichförmigkeit erstickt Differenz, den wichtigsten Rohstoff aller Innovation“ (Seite 71). Der Autor kategorisiert Manager, Meinungsmacher, Politiker, Lehrer und sogar Intellektuelle als Ordnungshüter. Ordnungssysteme selber haben andere Interesse als Erneuerungen – sie streben eine Systemerhaltung an. Kurz gesagt: „Ordnung versucht den Status quo zu sichern“ (Seite 83). Damit schiebt auch jede Organisation eine Krise, sobald Innovationen ins Spiel kommen. Tatsache ist, dass praktisch jede Innovation zum Störfall wird: „Es liegt im Wesen der Organisation, sich über den Menschen zu stellen.“ Organisationen leben länger als der Mensch, der sie organisiert, und jede Organisation handelt nach der Devise – jeder ist ersetzbar (Seite 143). Wer mehr über die Herrschaft der Organisationen erfahren möchte, dem empfiehlt Lotter die „Herrschaftssoziologie“ von Max Weber.

Mutprobe Innovation
„Innovation ist nichts für Feiglinge“, berichtet der Autor in seiner Streitschrift. In welcher Schule lässt sich den Mut zur eigenen Haltung, zur eigenen Überzeugung lernen? Damit bringt er den Zusammenhang von Organisation und Unterdrückung zur Sprache. Man darf sich auch wundern, wie wir Innovationszwänge erleben – etwa unter dem Zauberwort Digitalisierung. Letztendlich soll Innovation auch Hoffnung bieten, dass es besser wird. Eine Innovationskultur, die etwas tauge, weise nach vorne – im Sinn Karl Poppers – hin zu einer offenen Gesellschaft. Gerade dafür würden Alltagsinnovatoren benötigt, Bürgerinnen und Bürger, die selbstbewusst und selbstbestimmt handeln. Mit diesen Gedanken plädiert Lotter auch für ein Neugierde-Ministerium, nicht etwa für ein Innovationsamt oder Innovations-Minister. Neugierde sei eine wichtige Grundfunktion der Evolution: „Das Gute an der Neugier ist, dass sie immer funktioniert, sowohl unter den Bedingungen der Not und der Bedürftigkeit als auch des Wohlstands und Sattheit“, so Lotter.

Bewegt

Agilität, wird das Herz der zukünftigen Innovationsgesellschaft sein, bekommt jedoch in der Streitschrift mit 208 Seiten nur gerade ein Kapitel „Echte Bewegung“ (Seite 153). Wer Sicherheit und gleichzeitig Freiräume geniessen wolle, der müsse beweglich sein. Das gelte nicht nur für Menschen, sondern auch für Organisationen: „Agilität bedeutet nicht Pläne abzuarbeiten, sondern dynamische Strategien zu entwickeln.“

Bildung, Bildung, Bildung 

„Innovation ist mit Lernen untrennbar verbunden. Wer sie erkennen will, kann mit reproduzierbarem Wissen allein nicht viel anfangen. Darauf aber baut unser Bildungswesen: Man trägt weiter, was man hat und hofft, dass sich auf dieser Grundlage Neues entwickelt“, schreibt Lotter. Mit Routinewissen als Bildungsziel rase man in die Vergangenheit – hin zum Bildungstaylorismus. Eine Wissensgesellschaft darf nicht von Fliessbandentwicklern für Informationen bevölkert werden. Und Lotter outet sich einmal mehr zum Gedankengut vom Wilhelm Humboldt bzw. seiner Bildungsreform vor 200 Jahren: „Sie folgt dem Prinzip der Kohärenz und des Verbindens guter Traditionen mit dem Zutrauen in die Bewältigung des Neuen.“ Lotter prophezeit, dass die grosse kulturelle Innovation die Wiederentdeckung der Bildung sei.

Selbstverständliche Innovation

Über die kulturelle Innovation, wie es Lotter proklamiert, haben die sieben PräsidentInnen von den Sektionen der Mitgliedgesellschaften der SAGW an der Jahresversammlung 2017 ebenfalls gesprochen. Nicht jedoch explizit über die Bildung im Sinne des humanistischen Ideals nach Humboldt – das ist für diese Frauen und Männer selbstverständlich. Die Hälfte der Referierenden veranschaulichten mit einem technisch angehauchten Innovationsbegriff, wie neue Technologien teilweise ihre Berufsrollen verändern, ihre Forschungsmethoden erneuern und wie sie die Datenerhebung revolutionieren. Wolf Lotter erwähnt in seiner Streitschrift auch die Klippen in der Praxis der Wissenschaft: „Sogar Wissenschafter und Forschende müssen in ihren Anträgen auf Unterstützung präzise vorhersagen, was sie wann erfinden. Das ist grober Unfug und zeugt von der Pervertierung eines Controllings, bei dem sich Betriebswirte zu neuen Superbeamten gemacht haben.“

Samstag, 12. Mai 2018

Marx – Altmeister des Klassenkampfes


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Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften 
„Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt darauf an, sie zu verändern“, schrieb Karl Marx in den Feurbachthesen. Seine 11. und letzte dieser Thesen gab all jenen Recht, welche die Nase voll hatten von Debatten, nächtelangen hitzigen Diskussionen und theoretischem Wortstreit. Genug der Theorie – man wollte tätig werden. Für die 1968er-Bewegung war die Nummer elf eine willkommene, wissenschaftliche Grundlage, quasi die Initialzündung für die Mobilisation der studentischen Jugend in aller Welt. Rein theoretisch war damals die traditionelle Interpretation des Marxismus am Ende, das manifestierte sich deutlich in den bürokratischen Modernisierungsregimes, etwa in der Sowjetunion, wie auch in China. Hinzu kam die Vernichtung der ArbeiterInnenbewegung durch Faschismus und Krieg – das „Proletariat als revolutionäres Subjekt“ hatte sich längst in Luft aufgelöst.
 http://www.mlwerke.de/me/me03/me03_005.htm

Auf den Spuren des unsterblichen Propheten
„Die Revolte der Jungen“ ­– eine umfassende Berichterstattung der Schweizer Diplomatie über die globale Protestbewegung um 1968. Die Forschungsstelle Diplomatische Dokumente der Schweiz (Dodis) publiziert zum 50. Jahrestag der 1968er-Bewegung den Band Nummer 9 aus der Reihe „Quaderni di Dodis“. Schweizer Diplomaten berichteten von ihren Aussenposten aus aller Welt nach Bern – wie, warum und wo Jugendliche aus insgesamt 22 Ländern protestierten. „Das erfolgreichste philosophisch-politische Leitbild der Revolte ist zweifellos der Marxismus, der in der letzten Zeit eine eigentliche „Renaissance“ zu erleben scheint. Die Anführer der studentischen Aktionen in allen westlichen Ländern stehen fast ausnahmslos politisch links und berufen sich in irgendeiner Form auf die Lehre von Karl Marx. Diese Entwicklung ist gewiss nicht der Sowjetunion oder dem Einfluss der kommunistischen Parteien Westeuropas zuzuschreiben (die sich in der Revolte eher zurückhaltend gezeigt haben und von der Jugend bereits zum «Establishment» gezählt werden); sie erklärt sich eher aus dem tieferen, humanen Gehalt der marxistischen Lehre.“ Die Jugend erkenne die Zustände, die Marx schon vor hundert Jahren im frühkapitalistischen Westeuropa beobachtet habe in ihrem eigenen Umfeld wieder: «Entfremdung», «Entmenschlichung» und «Verdinglichung» als Folge der Technisierung der modernen Welt mit Computern, Massenkommunikation und Satellitenstädten. Die Anziehungskraft des Marxismus, einer alten Gesellschaftstheorie, beruhe nicht so sehr auf seiner Theorie: „Viele Jugendliche sehen in ihm einen Ansporn zum Handeln. Der Marxismus bietet sich als Wissenschaft an, weniger als Ideologie oder Religionsersatz.“ Die Herausgeber dieses Bandes, Thomas Bürgisser und Sacha Zala der Forschungstelle Dodis, haben die schriftlichen Quellen mit Fotos vom Einmarsch der sowjetischen Truppen in Prag (August 1968) ergänzt. Der Band lässt sich gratis herunterladen: https://www.dodis.ch/de/pressemitteilungen/die-revolte-der-jungen
Gedruckte Exemplare können bei Amazon bestellt werden.

Verrauchte Szenen
Man kann sich fragen, warum der radikale Denker „Made in Germany“ die Einschaltquoten nach 200 Jahren, Marx wurde am 8. Mai 1818 in Trier geboren, immer noch hochschnellen lässt. Im zweiten Deutschen Fernsehen (ZDF) wurde der Film, „Karl Marx – der deutsche Prophet", am 2. Mai ausgestrahlt: „Nun ist ein Dokudrama natürlich kein Marx-Lektürekurs, aber warum soll man nicht auch eine ZDF-Produktion an höheren Massstäben messen“, schreibt die deutsche Zeitung „die Zeit“. „Der deutsche Prophet, der vieles besser macht als viele andere Reportagen über Marx, lässt leider auch die Gelegenheit aus, die Bewegung anschaulicher zu machen, die das Werk des Trierers bestimmt.“ Wer jedoch von den vielen Stationen im Leben von Marx mit Frau und Kindern weiss, der muss anerkennen, dass der Drehbuchautor und Historiker Peter Hartl die insgesamt acht Lebensmittelpunkte gut veranschaulichte: Deutschland, Frankreich, Belgien und England – selten war die Familie willkommen, oft polizeilich verfolgt, und sie landete in bitterer Armut in London. Dort starb Karl Marx am 14. März 1883. Seine Schaffenskraft, seine akribischen Werke, allein nur das berühmteste, „das Kapital“, für das er zehn Jahre brauchte, kann in einer Abendproduktion von ZDF nicht erklärt werden. Die empirische Grundlage für das „Opus magnum“ bot ihm der Bankencrash von 1857: In London recherchierte und analysierte er als Journalist für die New York Daily Tribune, Marx dachte, dass die Wirtschaft kollabierte. Er füllte drei Hefte mit Statistiken, Notizen und Artikeln aus anderen Zeitungen. Letztere hatte er teilweise abgeschrieben – als Linkshänder sind seine Schriften jedoch nicht einfach zu entziffern. Was es zum ZDF-Film noch zu bemerken gibt: Die Schwaden des Zigarrenrauches von Marx und seinen Mitdenkern zieht sich wie ein roter Faden durch die Szenen. Es ist offensichtlich, dem Schauspieler Mario Aadorf liegt die Rolle des revolutionären Propheten. Für alle, die den Film verpasst haben ist der Video bis Mai 2023 verfügbar unter:
https://www.zdf.de/dokumentation/dokumentation-sonstige/karl-marx---der-deutsche-prophet-100.html
https://www.zeit.de/kultur/film/2018-04/karl-marx-prophet-zdf-dokudrama-kommunismus-mario-adorf/seite-2

Marx als Geschäftsidee
„Karl Marx lebt! Die längste Zeit seines Lebens verbrachte Karl Marx in London, wo ein glühender Marxist auf die Spuren seines Vorbilds führt“, schreibt die NZZ am 4. Mai 2018: Heiko Khoo, dessen Mutter aus der DDR stammte, sichert mit seiner Verehrung auch noch seinen Lebensunterhalt. Die Firma heisst, wie könnte es anders sein, Karl Marx Research Ltd. Bei Khoo buchen Maturaklassen, linke Abgeordnete, Börsenmakler oder chinesische Touristen Führungen durch London.
Zum Jubiläum kommen auch sechs neue Bücher auf den Markt. Der Tages-Anzeiger hat sie am 17. April aufgelistet. Die Titel der Biografien sind teilweise abenteuerlich: Der Unvollendete; Die Freiheit des Karl Marx; Herr der Gespenster; Mythen über Marx oder einfach nur Karl Marx. Es ist offensichtlich, dass kein anderer Philosoph die Geister so beschäftigt, wie er. Was er geschrieben hat, steht für Wahrheit, und was bisher nicht vorgefallen ist, das könnte noch geschehen. Jedenfalls haben sich Stadtväter von Trier, der Heimatstadt von Marx, zum Jubeljahr etwas Handfestes aber auch Hilfloses ausgedacht – Ampelmännchen mit dem Charakterkopf von Marx...
https://www.nzz.ch/international/karl-marx-lebt-ld.1382846
https://www.tagesanzeiger.ch/zeitungen/was-bleibt-von-karl-marx/story/22629668

Jung und Visionär
Werner Plumpe, Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Frankfurt am Main, beschreibt im Magazin ZEITGeschichte 3/2018 wie Karl Marx und Friedrich Engels zusammen das Manifest der Kommunistischen Partei verfassten: „(...) erscheinen die beiden Autoren als scharfsinnige Prognostiker der kapitalistischen Globalisierung, die sich seither vollzogen hat. Bis ins Detail nehmen sie – vor allem Marx, der die wesentlichen Teile beisteuerte – die Gegenwart vorweg, auch wenn sie den verschlungenen Gang der Geschichte und die grossen Konflikte des 20. Jahrhunderts nicht kennen konnten.“ Werner Plumpe beschreibt die beiden Philosophen in einer Art Hellsichtigkeit, wie sie 1847/48 eine Hommage an die „Bourgeoisie“ verfassten, und sie auch eine allseitige Abhängigkeit der Nationen prophezeiten: „Und die geistigen Erzeugnisse der einzelnen Nationen werden Gemeingut. Die nationale Einseitigkeit und Beschränktheit wird mehr und mehr unmöglich, und aus den vielen nationalen und lokalen Literaturen bildet sich eine Weltliteratur...“
Marx war damals 29 Jahre alt, Engels drei Jahre jünger – die beiden jungen Denker erkennen, dass der Kapitalismus wohl grenzenlos ist.
--> https://shop.zeit.de/sortiment/die-zeit-magazine/zeit-geschichte/3684/zeit-geschichte-3/18-karl-marx


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