Montag, 26. März 2018

Überschätzte Digital Natives – #digitale21


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 Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften 
„Digitalisierung: Diese sieben Dinge braucht die Schule der Zukunft“, titelt der Wirtschaftsverband economiesuisse im Netz (Februar 2018). Der Verband outet sich selber als Digital Native. Für seine bildungspolitischen Forderungen an das Schweizer Schulsystem schreibt er einen Listicle: Das Kunstwort aus Liste und englisch Article ist eine typische Textart der Blogger. Vor acht Jahren tauchten die ersten Listicles in Online-Nachrichtenportalen auf. Die Botschaft der Textart ist einfach: Kürze, Prägnanz und Aufmerksamkeit. Formal gibt es drei Listicle-Typen. Die Themen sind jeweils nach Rang, inhaltlich oder nach Einschätzung des Bloggers aufgelistet. Sobald Listicles mit Quellen versehen sind, darf diese Form von dialogischem Journalismus in der Digitalisierung ernst genommen werden. Journalismus müsse heute systematisch über das Zustandekommen seiner Inhalte informieren, sagt Medienwissenschafter Bernhard Pörksen: „Begreife die eigene Kommunikation nie als Endpunkt, sondern immer als Anfang und Anstoss von Dialog und Diskurs“ (B. Pörksen, „Die grosse Gereiztheit – Wege aus der kollektiven Erregung“, Hanser-Verlag 2018). https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/die-grosse-gereiztheit/978-3-446-25844-0/

Selbsterkenntnis 
Alle sieben Dinge, die der Autor, Professor Dr. Rudolf Minsch (stv. Vorsitzender der Geschäftsleitung, Leiter allgemeine Wirtschaftspolitik & Bildung/Chefökonom economiesuisse) für Schweizer Schulen zusammengestellt hat, sind ohne Quellenangaben. Zum Beispiel könnte in der Eidgenössischen Kommission für Kinder- und Jugendfragen (EKKJ) das „Ding Nummer vier“ grosse Diskussionen auslösen: „Eigenständige Fortschritte der Schülerinnen und Schüler unterstützen. Lehrkräfte müssen und können nicht länger überall bessere Kenntnisse haben als die Lernenden. Der zweckmässige Umgang mit der Digitalisierung im Unterricht erfordert von den Lehrerinnen und Lehrern also ein Umdenken“, schreibt Professor Dr. Rudolf Minsch. 

Chancen für das Schulsystem 
Economiesuisse hat im Februar 2018 ein ganzes Dossier zusammengestellt, mit der Vision, dass die Schweiz sich als Digitalisierungsgewinnerin profilieren könnte. Die digitale Entwicklung biete neue Möglichkeiten für den Unterricht, stelle aber auch grosse Herausforderungen an die Schule. Braucht es eine Bildungsrevolution, um unsere Kinder und Jugendlichen auf die Zukunft vorzubereiten, fragt sich economiesuisse. Nur wisse man heute noch nicht, welche Berufe auf dem Arbeitsmarkt in der Zukunft besonders gefragt sein werden. Wie soll die Schule mit der Digitalisierung umgehen, solange diese Frage offenbleibt? https://www.economiesuisse.ch/de/dossiers/digitalisierung-herausforderungen-und-chancen-fuer-die-schule 

Ab in die Schulbank... 
„Die Digitalisierung wird jedoch wenig aus der Perspektive der Jungen diskutiert, meist steht der Blickwinkel von Technik und Wirtschaft im Vordergrund“, schreibt die Eidgenössische Kommission für Kinder- und Jugendfragen (EKKJ). Sie publiziert zum Auftakt ihres 40-jährigen Jubiläums vier Thesen über die politische und gesellschaftliche Debatte (Januar 2018). „In den neuen Lehrplänen (Lehrplan 21 und PER) für die Volksschule ist der Erwerb von Medienkompetenzen und Informatikkenntnissen als Querschnittkompetenz in verschiedenen Schulfächern vorgesehen. Dazu muss jedoch kontinuierlich in die Weiterbildung der Lehrpersonen investiert werden und eine einheitliche Umsetzung ist nötig, damit alle Kinder und Jugendlichen in der Schweiz chancengerecht auf die Herausforderungen der digitalisierten Welt vorbereitet werden“, notiert die EKKJ. Gedanken, Debatten, Meinungen, Thesen und Dinge – damit lässt sich die digitale Transformation kaum bewältigen. Die Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) zeigt sich in dieser Frage realitätsnah und untersuchte das Mediennutzungsverhalten von Kindern. https://www.ekkj.admin.ch/fileadmin/user_upload/ekkj/04themen/08Digitalisierung/d_2018_Thesen_EKKJ_Digitalisierung_final.pdf


Tablet – für die Kleinen
Medien, Interaktion, Kinder Eltern – MIKE, so heisst die Studie, die vor drei Jahren das erste Mal durchgeführt wurde. Die neusten Resultate wurden am 1. März 2018 bekannt. Nicht weniger als 1128 Kinder zwischen sechs und dreizehn Jahre alt aus den Sprachregionen (Deutsch, Französisch, Italienisch) wurden zwischen März und Juni 2017 befragt. 86 Prozent der Kinder nutzen mindestens ab und zu das Internet. Im Laufe der Primarschulzeit nimmt die Nutzung stark zu. Das Tablet ist das Lieblingsmedium der Unterstufenkinder. Ein gutes Drittel der Kinder besitzen ein eigenes Tablet. 76 Prozent der Kinder nutzen mindestens ab und zu ein Tablet. Das Handy ist das Lieblingsmedium der Primarschulkinder. Vier Fünftel der Kinder nutzen mindestens ab und zu ein Handy für Games, Musik, das Anschauen von OnlineVideos und das Senden/Empfangen von Nachrichten. Knapp die Hälfte der Primarschulkinder haben ein eigenes Gerät. Und 79 Prozent der Kinder ab 9 Jahren nutzen YouTube mindestens einmal pro Woche.

Der Apfel fällt nicht weit...
Eltern sind auch in der Digitalisierung immer noch Vorbilder für ihren Nachwuchs – gemäss der MIKE-Studie. Jüngere Eltern (unter 35 Jahre) nutzen jedoch Computer und Labtop immer weniger. Sie knipsen mehr Fotos mit dem Handy, holen sich News über Social Media und lesen kaum  Bezahlzeitungen – höchstens eine Gratiszeitung. Eine digitale Kluft zeichnet sich auch deutlich ab bei Eltern mit tieferem sozialökonomischen Status, die sich auch auf ihre Kinder abfärbt.
https://www.zhaw.ch/storage/psychologie/upload/forschung/medienpsychologie/mike/Bericht_MIKE-Studie_2017.pdf 

Überschätzte Teenager
Eszter Hargittai, Professorin am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich, warnt vor Fehleinschätzungen der Internetkompetenz: „Die Annahme ist falsch, dass junge Menschen, die mit dem Internet gross geworden sind – so genannte Digital Natives – allein deshalb schon besonders gewieft im Umgang damit sind. Tatsächlich gibt es aber grosse Unterschiede, wofür junge Menschen das Internet nutzen, wie sie sich auf sozialen Medien verhalten und wie stark sie sich in Online-­Aktivitäten einbringen. Die zweite Annahme geht davon aus, dass jüngere Menschen automatisch besser sind im Umgang mit dem Internet als ältere, von diesen also nichts lernen können. Teenager oder Menschen in den Zwanzigern kennen sich in der Internet Technologie nicht besser aus, als jemand, der 35-­ oder 40-­jährig ist.“ Wenn es darum gehe, die Glaubwürdigkeit von Informationen abzuschätzen, schneiden ältere Personen sogar besser ab. Jüngere hätten oft wenig Ahnung, wie das Internet als System funktioniere. Professor Hargittai wünscht sich, dass die Schulen erkennen, wie wichtig Internetkompetenzen sind. Dabei gehe es auch um ein breiteres Verständnis der digitalen Welt, was etwa Algorithmen sind, was Daten bedeuten und wie man damit umgehen kann (Die Wissenschaftszeitschrift UZH Magazin, März 2018).

Der Anstoss für Dialog und Diskurs
Sind wir bereit für die Zukunft? Das wird sich Professor Dr. Rudolf Minsch von economiesuisse am Kongress #digitale 21 vom 11. bis 13. April in Lugano fragen. In den drei Tagen wird sich der Diskurs um die Auswirkungen der Digitalisierung auf Ausbildung, Lernen und Arbeiten im 21. Jahrhundert drehen. Man kann gespannt darauf sein, wie der Blog vom Wirtschaftsverband nach dem Kongress aussehen wird – zumindest mit der Maxime „Begreife die eigene Kommunikation nie als Endpunkt, sondern immer als Anfang und Anstoss von Dialog und Diskurs...“
https://www.digitale21.ch/

Donnerstag, 15. März 2018

Die Publikative als fünfte Gewalt in der Digitalisierung


Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und SozialwissenschaftenEs ist kein Geheimnis, dass die amerikanische Nachrichtenagentur Associated Press (AP) bereits tausende von Robo-Berichten in den Umlauf schickt – meistens über Sport, über die Börse und Wirtschaft, wie auch über das Wetter. Die AP beschäftigt Robo-Journalisten, welche aus Fakten Meldungen und News schreiben. Die AP in den USA ist bei uns die Schweizerische Depeschenagentur (SDA). Auch an ihr nagt das Zeitalter der Digitalisierung. Noch ist von keinem Robo-Journalismus die Rede, aber das Management baut die Agentur massiv ab. Eine Streikwelle hat die Bevölkerung und Politik aufgeschreckt, es wird heftig darüber diskutiert und eine Schlichtung bei der eidgenössischen Einigungsstelle steht bevor. Über 15 SDA-Mitarbeitende erhielten seit Januar 2018 eine Kündigung, dutzende weitere eine Pensenreduktion. Am Montag 12. März hat die Belegschaft der SDA auf dem Berner Waisenhausplatz eine Performance über ihre Lage aufgeführt: Das von SDA-Angestellten geformte Firmenlogo löst sich langsam auf... siehe Youtube-Video.
 https://www.youtube.com/embed/OlhWaZHUNdo?ecver=1

Nervöse Zonen
Bernhard Pörksen, Medienwissenschafter der deutschen Universität Tübingen hat soeben ein Buch über „Die grosse Gereiztheit – Wege aus der kollektiven Erregung“ (Hanser-Verlag 2018) publiziert. Er beschreibt die vernetzte Welt in einem Zustand rauschhafter Nervosität. Dieses Erregungsmuster wird auch auf den 220 Seiten mit internationalen Fallbeispielen dokumentiert. „Ich vertrete in diesem Buch keine Form von Netzpessimismus, schwanke selbst und renne fast täglich zwischen dem einen Extrem des apokalyptischen und jenem anderen des euphorischen Denkens hin und her. Wir stellen einerseits fest, was für ein ungeheures Geschenk an Information, an blitzschneller Verfügbarkeit von hochinteressanten Ideen wir durch das Internet haben, und sind gleichzeitig entsetzt über ein live gestreamtes Video, das eine Kloake aus Hass und Bösartigkeit aus dem Netz emporspült“ sagt Professor Pörksen der NZZ (15.2.2018).

Die fünfte Gewalt
Bernhard Pörksen hat auch keine Lösung für die Verleger gefunden, wie sich Qualitätsjournalimus im Kulturbruch der Digitalisierung noch finanzieren lässt. Er schildert jedoch, wie sich eine neue, eine fünfte Gewalt, namens Publikative entwickelt – nebst der Exekutive, Judikative, Legislative und der vierten Gewalt, des traditionellen Journalismus. Mit dieser fünften Gewalt bekommt die redaktionelle Gesellschaft als Bildungsziel eine neue Dimension. Die digitale Moderne kann die Öffnung des kommunikativen Raums begleiten und entsprechend mit Normen und Prinzipien eine Plattform-Ethik vorantreiben. Diese sollte als Gremium wie ein Presserat agieren. In unserer Demokratie erwartet die Bevölkerung von den Medien Fairness und Verlässlichkeit. In der Schweiz gilt im Journalismus das Milizsystem, deshalb verfügen wir über keine Professionalisierung und mit einer medien-ethischen Kommission reguliert sich die Branche seit 1977 selber. Der Beschwerdeweg über einen Medienbericht steht allen offen und ist gratis. Bei einer Beschwerde entscheidet der Presserat, ob und warum der Bericht gegen den Kodex verstösst. Der Rat hat jedoch keine strafrechtlichen Befugnisse und publiziert die Stellungnahmen. Als "operativer Arm" besteht die Stiftung aus 15 Journalisten und sechs Publikumsvertretern, die den Kodex praxisnah ergänzen. Das Ziel ist, in der Digitalisierung eine neue Kommunikationsethik aufzubauen, die einen Presserat, der noch nach traditionellem Journalistenkodex agiert, so nicht einlösen kann. Schaut man sich auch die noch neuere Homepage an, so wirkt sie wie eine Hommage an den alten Qualitätsjournalismus. Es braucht also ein neues, modernes Gremium ohne Nostalgie, das sich mit der redaktionellen Gesellschaft in der digitalisierten Realität beschäftigt.

Der Aufstieg des Lesers
„Ich würde sagen, wir sind im Moment in einer Übergangsphase von der Mediendemokratie alten Typs, gekennzeichnet durch klares Agenda-Setting und Gatekeeping von Journalistinnen und Journalisten, hin zu einer Empörungsdemokratie; jeder kann sich nun zuschalten“, erklärt Bernhard Pörksen in der NZZ. Er wünscht sich einen dialogischen Journalismus, weil das medienmächtige Publikum sich anders positionieren kann. Die Simulation des allwissenden Journalisten ist nicht mehr gefragt, das ist längst passé, in einer redaktionellen Gesellschaft sind alle gleichberechtigte Gesprächspartner. Darum sollte sich der Journalist auch von der asymmetrischen Belehrung der Leser verabschieden. Es braucht einen weiteren Perspektivenwechsel: Der Journalismus muss neben der Vermittlung von Inhalten systematisch über das Zustandekommen seiner Inhalte informieren. Pörksen meint, dass der Gatekeeper zum Gatereporter wird. Alle Quellen, Auswahlkriterien usw. müssen für den Leser transparent sein. „Begreife die eigene Kommunikation nie als Endpunkt, sondern immer als Anfang und Anstoss von Dialog und Diskurs“, schreibt Pörksen in seinem Buch.

Plattform-Rat
„Begreife die eigene Kommunikation nie als Endpunkt, sondern immer als Anfang und Anstoss von Dialog und Diskurs“... das könnte eine der Maximen des Kongresses #digitale 21 vom 11. bis 13. April in Lugano werden. In den drei Tagen wird sich der Diskurs um die Auswirkungen der Digitalisierung auf Ausbildung, Lernen und Arbeiten im 21. Jahrhundert drehen. Wer sich hier trifft, weiss sehr wohl, was ihn in den nächsten Monaten erwarten, wie sich die Kommunikation rasant verändern wird. Bestenfalls sind einige Protagonisten in Lugano bereit, den Impfkristall für ein neues Gremium, den Plattform-Rat zu bilden: Wissenschafter, Politiker, Verleger, Plattform-Betreiber, Journalisten und Vertreter unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen, die sich zusammen Gedanken machen, welche Standards nötig sind und wie ihre ethischen Erkenntnisse in die Bildung der jungen Bürgerinnen und Bürger der Schweiz einfliessen könnten. Programmieren lernen ist eine gute Sache, aber die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Gesellschaft darf dabei nicht vernachlässigt werden. Alles liest sich noch etwas theoretisch, aber wer hätte vor kurzer Zeit gedacht, dass einst Robo-Journalisten Börsen-News schreiben werden... Es ist Zeit zu handeln. https://www.digitale21.ch/

Mittwoch, 7. März 2018

Über Senioren, Woopies und Leben im Labor


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Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften
Man kann sich fragen, ob sich der schwammige Begriff „Senior“ wirklich für die Beschreibung der Alterskohorte der Baby Boomer eignet. Senior ist ursprünglich für den Geschäftspartner in der Geschäftswelt gedacht. Der Senior kann jedoch auch das Oberhaupt eines Clans sein. Und im Leistungssport sind Senioren älter als 30 bzw. sobald sie aus der Kategorie Junioren herausgewachsen sind. Über die Knacknuss Älterwerden grübeln nicht zuletzt auch Marketingleute und kreieren Kopfgeburten: Pensionisten werden zu Best- oder Silver Ager. Am Bekanntesten in der Schweiz ist jedoch der Begriff Senior. Das Altersheim mutiert zur Seniorenresidenz, Pauschalreisen werden zu Seniorenreisen und halbe Portionen verkaufen Gastwirte als Seniorenteller. An Schweizer Universitäten haben sich nebst Kinder- auch Senioren-Universitäten etabliert.

Konsument mit Ablaufdatum
Die Senioren-Universität Zürich hat ihr grosses Jahresprogramm 2018 publiziert. Ein Jahresbeitrag kostet 120 Franken und alle, die ihren 60. Geburtstag schon gefeiert haben sind mit von der Partie. Falls sie mit einem jüngeren Weggefährten zusammenleben, darf er oder sie auch mit – für sie oder ihn existiert keine Alterslimite. Am Vorlesungstag ist jeweils ab 13 Uhr die Mensa der Universität-Irchel für Senioren offen. Die Vorlesungsreihe startete am 23. Februar mit „Mehr als Genie. Die Erfindung des fotografischen Genies und die Bedeutung der Zeitschrift Camera Work“. Nach jeder Vorlesung liegt ein Video in der Hauptbibliothek im Irchel Campus bereit für alle, welche die Veranstaltung verpasst haben. Bemerkenswert ist der Hinweis auf partizipative Forschung im Programm der Senioren-Universität UZH3. Ältere Menschen sollen sich an Forschungsprojekten beteiligen – als „forschendes Lernen“. Professor Mike Martin preist die Idee in seinem Vorwort als Schlüssel für das intellektuelle Engagement von Menschen in ihrem dritten Lebensalter an. Damit wäre auch das Klischee getilgt vom stummen Bildungskonsument im Silberhaar, der seine Zeit im Hörsaal totschlägt. Mit dem „forschenden Lernen“ werden sich Baby Boomer anfreunden können. Man darf sich fragen, ob die Bezeichnung „Senioren-Universität“ noch zeitgemäss ist. Eine Universität steht für alle Generationen offen, damit das propagierte lebenslange Lernen für alle Interessierten möglich ist – und zwar vom ersten bis zum dritten Lebensalter. An Universitäten bilden sich Gemeinschaften von Lehrenden und Lernenden – unabhängig von Lebensjahren.

Vitaminpille Bildung
Was Bildung auch noch bewirkt ist in der neusten Taschenstatistik über Gesundheit vom Bundesamt für Statistik (BFS) nachzulesen (Seite 5): „Je ungünstiger die soziale Ausgangslage (z. B. gemessen am Bildungsniveau), desto schlechter der Gesundheitszustand. 30-jährige Männer mit einem tiefen Bildungsniveau weisen eine um 4,6 Jahre tiefere Lebenserwartung auf als Männer gleichen Alters mit einem Universitätsabschluss.“ Die Lebenserwartung beträgt für Frauen 85,3 Jahre, für Männer 81,5 Jahre. Seit 1990 ist in der Schweiz die Lebenserwartung der Männer um 7,5 Jahre und der Frauen um 4,5 Jahre angestiegen. Die Herausforderung ist nicht etwa, dass die Lebenserwartung steigt, sondern dass die Geburtenzahlen gleichzeitig sinken – damit ist das Schreckensszenario der „Alternden Bevölkerung“ geboren. Aus diesem Grund lancierte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine praktische Umsetzung der „Global Strategy and Action Plan on Ageing and Health“ für ein neues Gesundheitsverständnis. Der Fokus liegt auf dem einzelnen Menschen, dem Individuum, auf seinen Ressourcen und seinem Umfeld. Die «Alternde Bevölkerung» beschäftigt auch die Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW) mit der Austauschplattform ageingsociety.ch für Akteure aus Forschung und Praxis.
  
Leben im Labor
Die Fachhochschule Ostschweiz hat für die erste Ausgabe im 2018 des Magazins „Campus“ die Alternde Gesellschaft gewählt: „Liebe Leserinnen und Leser. Wir alle werden älter. Die Lebenserwartung der Schweiz ist eine der höchsten der Welt“, schreibt der Direktor Albin Reichlin. Er bezeichnet die Alterung als Motor gesellschaftlicher, sozialer, technischer und ökonomischer Entwicklungen. Zumal der Anteil der 65-Jährigen in den nächsten 30 Jahren auf einen Drittel anwachsen wird. Damit entstehen auch neue Projekte, Initiativen und Netzwerke mit teilweise abenteuerlichen Namen: Etwa bei AGE-NT „Alter(n) in der Gesellschaft“ für eine inter- und transdisziplinäre Zusammenarbeit. Die Fachhochschule St. Gallen organisiert zusammen mit der Universität Genf ein „LivingLab 65+“. In diesem Labor sollen Assistenzsysteme für den Alltag getestet werden mit dem Fokus, dass 65+ solange wie möglich allein in seinen vier Wänden leben kann. Im einem anderen „Future-Dementia-Care-Lab“ sollen technische Hilfsmittel für Pflegepersonen entwickelt und getestet werden. Es bleibt zu hoffen, dass in den Testlabors sich auch 65+ tummeln dürfen als Zeitzeugen, Protagonisten bzw. als Betroffene. Eine dicht bepackte Agenda von Tagungen und Kongressen hält die Debatte zum Thema alternde Gesellschaft in Schwung. Etwa am 14. März ist im Zentrum Paul Klee eine Veranstaltung der Paul Schiller Stiftung mit dem Fokus „Gute Betreuung im Alter in der Schweiz“ geplant. Professor Carlo Knöpfel der Fachhochschule Nordwestschweiz wird eine Recherche-Studie vorstellen.
  
Als Greis in Hochform
Sogar europäische Comiczeichner passen das Disney-Universum an die demografische Situation an. In „Die jungen Jahre von Micky“, dem neusten Band des Franzosen Tébo, erzählt der gealterte Mäuserich Micky von früher. Der Disney-Mäuserich ist zum bärtigen Greis gealtert, der seinem Urgrossneffen Norbert Anekdoten von früher erzählt, und es dabei mit der Wahrheit nicht so genau nimmt. Es ist durchaus legitim, dass der Senior seine nicht mehr so klaren Erinnerungen zur Steigerung der Erzählung etwas anpasst. Dieses Augenzwinkern, mit dem der Comiczeichner Tébo die Thematik der „Alternde Gesellschaft“ aufarbeitet, das vermissen viele Baby Boomer in der Wissenschaft. Es ist bewiesen, dass alle älter werden, die Frage ist, wie geht jeder damit um. Was gibt es für Optionen, wie stellen sich die weniger Alten bzw. Jüngeren dazu. In den USA gestaltet sich die Selbstverständlichkeit einer alternden Gesellschaft wenigstens in der Begrifflichkeit für Senioren fantasievoller. Der Yuppie (young urban professional) wird im Alter zum Woopie – well-off older people. Die Gattung des Woopie wird auch nicht mit einer Jahreszahl taxiert, sondern mit seinen Chancen für ein gutes Leben im Alter.