Montag, 29. Oktober 2018

Viele Wege für die Umsetzung von Open Access

Dr. Beat Immenhauser, Projekt «Open Access»

Am 26. Oktober 2018 luden swissuniversities und die Universität Lausanne zur ersten nationalen Open Access-Konferenz ein, an der nach zwei Jahren der Strategieentwicklung nun die Umsetzung des freien Zugangs zu wissenschaftlichen Publikationen zur Debatte stand. Sowohl Michael Hengartner von swissuniversities als auch Mauro dell’Ambrogio des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation sowie Rafael Ball der ETH-Bibliothek betonten, dass es nicht nur einen Weg zum Open Access geben kann. In der Schweiz ist es zielführender, die Umsetzung des freien Zugangs nicht top down durchzusetzen, sondern unter Berücksichtigung disziplinärer und institutioneller Eigenheiten, jedoch nicht ohne gemeinsame gegenseitige Kenntnisnahme und Koordination.

Umstrittener Plan S
Diese deutlichen Statements für die bisherige nationale Open Access-Strategie, die durch die SAGW geteilt wird, ist auch vor dem Hintergrund des gegenwärtig intensiv diskutierten so genannten Plan S zu sehen, den dreizehn europäische Forschungsorganisationen lancierten und dessen ‘S’ vor allem für Speed steht. Geschwindigkeit soll durch einen radikalen Umbau des wissenschaftlichen Publikationssystems erreicht werden, indem künftig auf die Veröffentlichung von Artikeln in subskriptionsbasierten Periodika verzichtet wird und indem keine Embargo-Fristen bei Green Open Access-Modellen mehr akzeptiert werden. Der SNF unterstützt prinzipiell die Idee des Plan S, will aber wegen der fehlenden Kompatibilität mit der nationalen Open Access-Strategie (noch) nicht unterzeichnen.

Open-Access-Strategie der SAGW

Die SAGW verfolgt weiterhin ihre Open Access-Strategie, die ebenfalls auf einen Mix an Green und Gold Open Access-Modellen beruht und den freien Zugang auf ganz verschiedenen Wegen erreichen will: mit den Fachgesellschaften, mit Schweizer Wissenschaftsverlagen, mit universitären Publikationsplattformen oder mit internationalen Open Access-Verlagen. Klar ist, dass die Article Processing Charges, die APCs, kein in den Geistes- und Sozialwissenschaften akzeptierter Finanzierungsmodus darstellen, sondern dass die Akademie an den Modellen «institutions pays», so genannter Platinum oder Diamond Open Access, und «society pays», was dem Subskriptionsmodell entspricht, festhält.

Förderinstrument für Open-Access-Periodika einrichten

Letzteres ist im Unterschied zu anderen Fachgebieten nicht ein Widerspruch zum freien Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen zu sehen: 15 der 80 durch die SAGW subventionierten geistes- und sozialwissenschaftlichen Fachzeitschriften finanzieren sich über Abonnementsbeiträge sowie über eine SAGW-Subvention und sind dennoch im Gold Open Access zugänglich. Der Platinum Open Access wurde denn auch an der Tagung als mögliche Alternative zum APC-Modell genannt: Adriano Aguzzi, Editor-in-Chief des Swiss Medical Weekly, schlug dem SNF vor, nicht die Autorinnen und Autoren mit APCs auszustatten, sondern vielmehr ein Förderinstrument für Open-Access-Periodika einzurichten – so wie es die SAGW für ihre Mitgliedgesellschaften schon seit vielen Jahren anbietet.

Montag, 22. Oktober 2018

Für eine neue Qualitätsbeurteilung in der Wissenschaft

Beatrice Kübli, SAGW, Kommunikation

Wirtschaftliche Überlegungen beeinflussen heute fast alle Bereiche unserer Gesellschaft. Auch die Wissenschaft ist davon nicht ausgenommen. Die Qualität und die Leistung von Universitäten und Forschenden stehen unter dauernder Beobachtung. Was ins Sytem investiert wird, soll auch einen entsprechenden Output generieren. Als Wirkung zeigt sich: Die Produktion hat zugenommen und das Wissenschaftssystem wächst. Aber was in der Wirtschaft ein Erfolg ist, führt in der Wissenschaft zu Schwierigkeiten. Die SAGW und die Akademie der Naturwissenschaften (SCNAT) plädieren in einer eben veröffentlichten Publikation für Qualität vor Quantität.

Es zählt, was sich zählen lässt
Rund 50% der Kriterien, die Geisteswissenschaftler als wesentlich für die Beurteilung von Forschungsqualität erachten, sind nicht in Zahlen messbar. Zahlen sind aber beliebt in unserer wirtschaftlich denkenden Gesellschaft und vermitteln einen scheinbar objektiven Wert. So zählt auch im Wissenschaftssystem, was sich zählen lässt: viele Publikationen und viele Zitierungen. Gut ist, wer viele Ergebnisse veröffentlicht und von anderen in ihren Studien häufig erwähnt wird. Besser ist, wer noch mehr publiziert und noch mehr zitiert wird. Wie oft die Forscherkollegen auf die eigenen Arbeiten hinweisen, lässt sich wenig beeinflussen. Eine Möglichkeit wäre, ein unsinniges Resultat zu publizieren. Ob die Kollegen die Publikation zitieren, weil sie so genial ist, oder weil sie ein abschreckendes Beispiel darstellt, spielt in der Evaluation nämlich keine Rolle. Mehr Einfluss können Forschende auf die Anzahl ihrer Publikationen ausüben. Statt das Ende einer Studie abzuwarten, könnte man über die Teiletappen berichten und so seinen Output vervielfachen.

Die aktuelle Qualitätssicherung führt zu Qualitätsverlust
Ein Qualitätssicherungssystem, das auf Quantität setzt, führt in der Wissenschaft zu Fehlanreizen und erhöht den Verwaltungsaufwand. Der Alltag wird geprägt durch die ständige Beurteilung eigener und fremder Leistungen. Durch den Publikationsdruck werden Ergebnisse früher und in Teilen veröffentlicht. Da die Artikel vorher zur Qualitätssicherung von anderen Forschenden gelesen und beurteilt werden, führen viele Publikationen auch zu vielen Peer-Review-Aufträgen. Unter Zeitdruck werden Fehler übersehen. Die Qualität wissenschaftlicher Ergebnisse kann teils nicht mehr ausreichend gesichert werden. Gerade in Zeiten von Fake News darf das Vertrauen in die Wissenschaft aber nicht gefährdet werden. Will man nicht die Glaubwürdigkeit wissenschaftlicher Befunde aufs Spiel setzen, muss sich etwas ändern. «Es ist an der Zeit, dass im universitären Feld Ergebnisse wieder debattiert und nicht gezählt werden», fordert der SAGW-Generalsekretär Dr. Markus Zürcher.

Wissenschaft, nicht Marktwirtschaft
Um die Glaubwürdigkeit der Forschung aufrechtzuerhalten, muss sich die Evaluationspraxis an der Logik der Wissenschaft orientieren, nicht an den Spielregeln der Wirtschaft oder der Politik. Die SAGW und SCNAT erinnern in ihrer Publikation an die Prinzipien einer funktionierenden Wissenschaft:
  • Das Hauptgeschäft der Wissenschaft ist nicht Wissen, sondern dessen Infragestellung.
    - Entsprechend sind auch Studien mit Negativergebnissen von Bedeutung.
    - Auch müssen Replikationsstudien wissenschaftliche Anerkennung erhalten.
  • Zur Überprüfungs- und Nachvollziehbarkeit der wissenschaftlichen Forschungserkenntnisse müssen die Prozesse offengelegt werden.
  • Wissenschaftliche Glaubwürdigkeit beruht auf der Einhaltung expliziter Qualitätskriterien mit Blick auf das Forschungsdesign, den methodologischen Ansatz, die Analyse und die Verwendung von Ressourcen.
  • Wissenschaftlicher Fortschritt ist weder linear noch planbar, die Projektförmigkeit wissenschaftlichen Tuns gründet auf einem auf die Wissenschaft nicht nahtlos übertragbaren Effizienz-Denken.
  • Erkenntnisgewinn statt Produktivität steht im Fokus– «Think first, then submit».
  • Zeit ist das höchste Gut für ein funktionierendes Wissenschaftssystem. Zeit für kreative Ansätze, Zeit zum Scheitern, Zeit für den Blick über den eigenen Tellerrand.


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Publikation
Marlene Iseli/Markus Zürcher. Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW): «Zur Diskussion: Qualität vor Quantität»
Swiss Academies Communications 13 (5)
Download: http://www.sagw.ch/sagw/oeffentlichkeitsarbeit/publikationen/publis-wiss-pol.html


Veranstaltung

Akademie der Naturwissenschaften Schweiz (SCNAT): «Beyond impact factor, h-Index and university rankings: Evaluate science in more meaningful ways»
Datum: 21. November 2018
Ort: Kursaal, Bern

Weitere Informationen: https://naturwissenschaften.ch/service/events/103587-beyond-impact-factor-h-index-and-university-rankings-evaluate-science-in-more-meaningful-ways




Montag, 15. Oktober 2018

Altersfreundliche Umgebungen: Eine Chance für alle Generationen

Lea Berger, SAGW, Projekt «Ageing Society»

Altersfreundliche Umgebungen ©Atelier Nordföhn
2015 hat die WHO ihre neue Strategie „Global Strategy and Action Plan on Ageing and Health“ veröffentlicht, in der sie unter anderem eine Ausrichtung der Gesundheitspolitik auf eine dynamische, kontextbezogene Stabilisierung der Lebensqualität fordert, sowie einen differenzierten Altersbegriff einführt, der Altersstigmatisierungen entgegenwirken soll. Eines der fünf strategischen Handlungsfelder betrifft die Entwicklung von „age-friendly environments“ (altersfreundliche Umgebungen).

Was bedeutet „age-friendly“?

Altersfreundlich bedeutet niederschwellig zugänglich, gerecht, integrierend, sicher und fördernd. Altersfreundliche Umgebungen helfen somit, Altersdiskriminierungen zu vermeiden, ermöglichen die gesellschaftliche Partizipation der älteren Bevölkerung und bieten besonders vulnerablen Personen Sicherheit. Angesichts des hohen Einflusses sozialer Ungleichheit und dem damit einhergehenden sozialen Ausschluss, der sich negativ auf den Gesundheitszustand auswirkt, ist dieses Ziel für das gesundheitliche Wohlbefinden der älteren Bevölkerung zentral. Es wurde somit in die inhaltlichen und strategischen Prioritäten der „a+ Swiss Platform Ageing Society“ aufgenommen (www.ageingsociety.ch).

Altersfreundliche Umgebungen als umfassendes und generationenübergreifendes Konzept
Nebst den verschiedenen Lebensbereichen, die von diesem strategischen Ziel der WHO betroffen sind (das Gesundheits- und Wohlfahrtssystem, der öffentliche Raum, das Wohnen, der Arbeitsmarkt...), sollen altersfreundliche Umgebungen alle Generationen unterstützen und integrieren. Tatsächlich betreffen die Chancen und Herausforderungen einer Gesellschaft des langen Lebens all ihre Altersgruppen. Trotz Heterogenität der älteren Bevölkerung kann festgestellt werden, dass sich soziale und wirtschaftliche Vulnerabilität sowie die körperliche Fragilität grösstenteils bereits in jüngeren Jahren konstruiert – beziehungsweise dass ihr mit Hilfe einer generationenübergreifenden Perspektive präventiv entgegengewirkt werden kann. Ganz im Sinne von P. Bourdieu und in einer Lebenslagenperspektive beschreiben Prof. Dr. Carlo Knöpfel und sein Team (FHNW) im Pro Senectute Bericht „Erst agil, dann fragil“ (2015) das Leben als Prozess der Kapitalansammlung: „Die Lebenslage älterer Menschen (ist) Spiegelbild ihres Lebenslaufs (...), die Summe ihres Verhaltens und der Verhältnisse, in denen sie bisher gelebt haben“ (S. 34).

Generationenpolitische Forderungen am Beispiel der Betreuungsfrage

Die SAGW hat 2012 die Publikation „Was ist Generationenpolitik? Eine Positionsbestimmung“ herausgegeben und drei zentrale Ziele der Generationenpolitik definiert: die Vereinbarkeit von Familien- und Erwerbsarbeit, die aktive Beteiligung aller Generationen am gesellschaftlichen Leben und die Überwindung der Bindung von Handlungsmöglichkeiten an einzelne Lebensphasen. Dabei wurden in relevanten Politikbereichen konkrete Massnahmen vorgeschlagen: etwa in der Familienpolitik, der Bildungspolitik, der Organisation des Erwerbslebens oder der Sozialpolitik. Im Kontext einer alternden Gesellschaft, unter anderem im Hinblick auf den wachsenden Bedarf an Betreuung älterer Menschen, sind diese Ansätze hochaktuell, obwohl sie zum Zeitpunkt ihrer Publikation kaum politische Beachtung fanden. Im Sinne der Ermöglichung eines würdigen Alterns und der Verhinderung einer Zweiklassengesellschaft plädiert der kürzlich veröffentlichte Bericht der Paul Schiller Stiftung, „Gute Betreuung im Alter“ (2018, C. Knöpfel et al.), für eine ganzheitliche Sicht auf die Betreuungsfrage, welche Aspekte wie die Einbindung aller Betroffenen, die Einkommensunterschiede, die Aufwertung und Anerkennung der (informellen) Betreuungsarbeit, die Entlastungsmöglichkeiten der Betreuenden, die Vernetzung aller Lebensbereiche sowie die Gesundheitsförderung mitberücksichtigt.



Montag, 8. Oktober 2018

Gesundheitssystem: Die Macht des Geldes

Beatrice Kübli, SAGW, Kommunikation

184 Millionen Franken. So viel gewann ein Schweizer vor ein paar Tagen bei «Euro Millions». Dass sich dadurch sein Leben verändern wird, steht fest. Mit so viel Geld kann man sich einiges leisten. Nur Gesundheit nicht. – Oder doch? Mit der Privatabteilung eines Spitals liegt etwas Luxus drin, aber wird man auch medizinisch besser versorgt? Oder ordnen die Ärzte bei reichen Patienten gar Behandlungen an, die gar nicht nötig sind? Wir haben uns gemeinsam mit der medizinischen Akademie (SAMW) vorgenommen, die Macht im Gesundheitsbereich in all ihren Facetten zu beleuchten. Welcher Einfluss das Geld hat, diskutieren wir in diesem Blogbeitrag und – ganz analog – am 25. Oktober in Bern.

Geld und Macht
Wenn der Nachwuchs verkündet, er wolle «Philosophie» oder «Kunstgeschichte» studieren, macht das die Eltern bisweilen etwas nervös. Bei «Medizin» hingegen, sind sie beruhigt. Ein gutes Einkommen scheint gesichert. Je nach Spezialisierung liegt sogar das ganz grosse Geld drin. Da fragt es sich, inwiefern monetäre Anreize die Studien- oder Spezialisierungswahl beeinflussen. Und ob Spezialisten, die viel Geld verdienen, auch mehr Macht haben. Früher galt die Medizin als freie Kunst und die Patienten entschieden darüber, wie viel sie dem Arzt geben können. Haben sich damals andere Menschen für den Arztberuf entschieden als heute? Haben heutzutage Hausärzte andere Werte als Herzchirurgen? Fest steht, dass man den Hausarzt ohne Versicherung vielleicht noch bezahlen könnte, den Spezialisten hingegen nicht.

Zeit ist Geld
Das Gesundheitssystem hat Einfluss auf die Beziehung zwischen Arzt und Patient. Ein Blick auf die Arztrechnung zeigt: Im Tarmed-System wird im 5-Minuten-Takt abgerechnet. Da ist im Vorteil, wer sich kurzfassen kann. Zeit ist Geld. Obwohl, meist bezahlt es der Patient ja über eine hohe Franchise selbst. Die Sache ist nicht unproblematisch, denn wir sind auf wirtschaftliches Denken ausgerichtet. Wer viel Krankenkassenprämie bezahlt und eine hohe Franchise hat, will etwas für sein Geld. Wenn eine Behandlung möglich ist, dann soll sie auch angeordnet werden. Nur ist dies nicht immer sinnvoll. So ist beispielsweise für Hustenmedizin keine eindeutige Wirkung nachgewiesen, wie unlängst eine Studie der Universität Basel belegte. Die von der medizinischen Akademie (SAMW) unterstützte Choosing-Wisely-Initiative setzt sich dafür ein, dass nur Behandlungen empfohlen werden, die auch sinnvoll sind. Das bedingt, dass die Tarifsysteme keine falschen Anreize setzen. Zurzeit ist es durch die Fallpauschalen gewinnbringend, gewisse Operationen durchzuführen. Und die Behandlungszeit ist beschränkt. Wichtiger wäre aber – wenn auch gemäss Tarifsystem weniger lukrativ –, dass sich der Arzt Zeit nimmt und auf seine Patienten eingeht.

Geld steuert
Dass etwas getan werden muss, ist offensichtlich. Wie üblich, wurde auch in diesem Herbst eine Prämienerhöhung angekündigt. Die Frage, wie das Gesundheitssystem neu erfunden werden könnte, wurde am Wochenende in Genf diskutiert. Letztlich müssen «alle Akteure in die Pflicht» genommen werden, wie Bundesrat Alain Berset es in seinem Paket zur Kostendämpfung vorsieht. Denkbar ist auch, dass er mit einem Globalbudget in die Steuerung eingreift. Geld kann vieles bewirken.

Auf welchem Weg auch immer, wenn die Gesundheitskosten gebremst oder gar gesenkt werden könnten, würde für alle etwas mehr in der Kasse bleiben. Keine 184 Millionen, aber für einen Lottoschein würde es reichen.


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Medical-Humanities-Tagung: Die Macht des Geldes
Donnerstag, 25. Oktober 2018, Eventfabrik, Bern
13.15-17.15 Uhr

Roadmap «Nachhaltiges Gesundheitssystem» der Akademien der Wissenschaften Schweiz: http://www.roadmap-gesundheitssystem.ch

Montag, 1. Oktober 2018

Umweltpolitik ist ein Thema der Geisteswissenschaften

Beatrice Kübli, SAGW, Kommunikation
 
Wozu braucht es die Geisteswissenschaften? Mit dieser Frage sieht sich die SAGW so oft konfrontiert, dass wir längst eine Website mit Antworten online gestellt haben. Dabei ist es einfach: Die Geisteswissenschaften haben überall dort etwas beizutragen, wo es um Menschen geht. Also auch in der Medizin (medical humanities) oder in den Umweltwissenschaften (environmental humanities). In politischen Debatten werden sie bisher allerdings noch nicht ausreichend einbezogen, wie Markus Zürcher am Berner Phil-hist-Forschungstag kritisierte. Aber zur Lösung drängender Gesellschaftsprobleme braucht es neue Ansätze und die kommen (auch) von den Geistes- und Sozialwissenschaften.

Geisteswissenschaften in der Umweltpolitik
Wie die Gesellschafts- und Politikrelevanz der Geisteswissenschaften zu Umweltthemen gestärkt werden kann, war Gegenstand des Berichts «Applying the Environmental Humanities: Ten steps for action and implementation». Die Autoren Christoph Kueffer, Katharina Thelen Lässer und Marcus Hall kommen zum Schluss: «Environmental Humanities sind auf viele Umweltfragen besser vorbereitet als die Umweltwissenschaften, z.B. bei Themen wie Gerechtigkeit, Armut, dem kulturellen und historischen Kontext von Umweltproblemen und bei Fragen, die sich mit sozialem Handeln, Verstehen, Bedeutung oder Werten befassen. Solche Fragen sollten gleichberechtigt wie die naturwissenschaftlich geprägten Fragen der Umweltwissenschaften als Prioritäten in der Forschung, Praxis und Umweltpolitik angesehen werden.» Die Autoren haben den «ten steps for action and implementation» des Berichts nun «ten steps to strengthen the environmental humanities» hinzugefügt.

Komplexe Themen erfordern Interdisziplinarität
Ob Umwelt oder andere Themen: Die grossen Herausforderungen der heutigen Gesellschaft lassen sich nicht in Probleme der Natur- oder Geisteswissenschaften einteilen. Es braucht verschiedene Perspektiven, auch wenn die Zusammenarbeit nicht immer einfach ist. Oft fehlt es an Zeit, an gegenseitigem Verständnis. Dennoch ist es gerade auch im Hinblick auf die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung der UNO-Agenda 2030 wichtig, interdisziplinäre Wege zu gehen.


Wie erleben Sie die Zusammenarbeit zwischen Geistes- und Naturwissenschaften? Wo sehen Sie Potenzial? – Wir haben übrigens bereits einen Anfang gemacht: Im Haus der Akademien trennt uns nur ein Stockwerk von den Naturwissenschaften...