Donnerstag, 21. April 2016

„So viel Migration in allen Zeiten!“ ruft Melanie erstaunt(w, 23, CH)

Tagungsbericht über den Anlass vom 16. April 2016: «Fremde Knochen in Schweizer Boden? Migration im Spiegel der Archäologie»


Beitrag von Simon Kübler, Student an der Universität Basel


Und nicht nur sie: Über zweihundert Interessierte, vom dreijährigen Knirps bis zum über achtzigjährigen Greis, haben an der Veranstaltung „Fremde Knochen in Schweizer Boden?“ (Archäologie Schweiz/IPNA Uni Basel) die vielfältigen Informationen zum Thema „Migration im Spiegel der Archäologie“ förmlich aufgesogen. Studierende hatten die Vorgehensweise und die Resultate attraktiv und zugleich wissenschaftlich korrekt aufbereitet und dazu Infostände am Rand des samstäglichen Flohmarkts aufgebaut – ein Angebot, das viele Passantinnen und Passanten nutzten. Mit der schweigenden, aber wirkungsvollen Mitarbeit zweier künstlicher Skelette wurde ihnen die Spurensuche nach fremden Kultureinflüssen oder nach der Herkunft von Menschen dargelegt. In angeregten Gesprächen wurden an den Infoständen über die Herkunft der „ersten Europäer“ debattiert und die Erkenntnisse der Archäologie mit vielen Objekten illustriert. Vertieft wurde das Thema in Kurzvorträgen, die ebenfalls regen Anklang fanden.


Dass selbst als ur-schweizerisch taxierte Speisen nicht „schon immer“ in unserem Land vorhanden waren, lernten die Besucher/innen an einem weiteren Stand – und das nicht nur in Form trockener Erkenntnisse, sondern ganz direkt in Form von Olivenbrötchen, mit Honig verfeinertem Getreidebrei, kräutergewürztem Brotaufstrich und Rösti. Schnell wurde klar, dass die Römer mit ihren Nahrungsgewohnheiten, aber auch mit neu eingeführten Pflanzen wie dem Nussbaum, der Kirche , der Petersilie und vielen weiteren den Speiseplan der Schweiz sehr bereichert haben. Einen weiteren Sprung bewirkte die Entdeckung der neuen Welt, mit der sich ganz neue kulinarische Möglichkeiten aufgetan haben – Kartoffel, Tomate, Mais, Kakao sind erst seit jener Zeit hier bekannt.

In vielen unterschiedlichen Beispielen wurde veranschaulicht, dass Migration kein Phänomen der Moderne ist. So wurde erklärt, dass Spurenelemente in Knochen und Zähnen verraten, wo jemand aufgewachsen ist, ob er oder sie also einheimisch oder immigriert war. Die Reste alter DNA erlaubten es, die Heimat der ersten Bauern in Europa zu rekonstruieren.


Manche der Besucherinnen und Besucher äusserten sich sehr erstaunt darüber, mit welcher Häufigkeit und Intensität in all den Jahrhunderten seit dem Ende der Eiszeit immer und immer wieder Menschen von ausserhalb in die heutige Schweiz eingewandert waren und dabei nach und nach kulturelle Elemente hierher gebracht hatten, von denen manche geglaubt hatte, sie wären „schon immer“ in der Schweiz vorhanden gewesen. Der eine oder die andere Besucher/in lernte damit eine unerwartet dynamische und durch Austausch geprägte Kulturgeschichte der Schweiz kennen; sie oder er wird unsere Geschichte nun unter einem anderen, farbigeren Licht sehen!

Montag, 18. April 2016

Reformen in der SNF-Projektförderung: Die Geisteswissenschaften im naturwissenschaftlichen Korsett?

Veranstaltung: Zur Diskussion: SNF-Projektförderung in den Geistes- und Sozialwissenschaften (7. April 2016). Ein Beitrag von Dr. Marlene Iseli

Während für die GSW die Berücksichtigung verschiedener Wissenschaftskulturen wichtig ist, scheinen die Trends in der Forschungsförderung in Richtung Vereinheitlichung und Gleichbehandlung zu gehen. Diese gegenläufigen Entwicklungen werden z.T. mit grosser Sorge beobachtet. Dabei wird nicht selten der Verdacht geäussert, dass man sich in der Forschungsförderung stark an den Naturwissenschaften orientiert. Auch bei den Reformen in der SNF-Projekt und Karriereförderung würden vorwiegend der ETH-Bereich und die Life Sciences profitieren, wobei gerade die Forschungspraxis der kleineren Fächer stark beeinflusst werden dürfte. Ist eine Orientierung an naturwissenschaftlichen Modellen tatsächlich erkennbar?  Einige – nicht abschliessende – Überlegungen dazu:

One person – one grant
Mit der neuen Regel one person one grant will der SNF Stellvertretergesuche vermeiden, die Frage des ownerships eines Projekts berichtigen, diversifizieren und legitimerweise einen realistischen Einsatz des Hauptantragstellers einfordern. Nur bei thematisch eindeutiger Abgrenzung kann man in der Ausnahme ein zweites Projekt beantragen. Bedeutet das nun, dass man dieses eine Projekt viel grösser gestalten soll – schliesslich gibt es für das Finanzierungsvolumen keine Obergrenze. Befeuert dies nicht zusätzlich die künstliche Portionierung von Forschungsinhalten, wie sie bereits mit der Projektförderung begünstig wird? Ist es nicht ist sinnvoll, dass grosse Themen mit verschiedenen Kleinprojekten angegangen werden? 

Caspar Hirschi zeigt Verständnis für diese Neuregelung. Das aktuelle System, das seiner Meinung nach eine Postdoc-Blase mit enormen Folgeschäden generiert, verantwortet einen massiven Potenzialverschleiss sowie prekäre Karriereperspektiven für den wissenschaftlichen Nachwuchs. Die Projektförderung habe zu diesem enormen Stellenwachstum über die letzten Jahre beigetragen. Es stelle sich die Frage, ob denn one person one grant zwingend grössere Projekte heisse. Da müsse man halt ein Projekt nach dem anderen machen. Bis anhin war die Praxis, dass die Post-docs die Anträge schrieben, die sich dann von den Professoren angeeignet wurden. Das sei ein Missstand mit Blick auf das ownership.

Koppelung Immatrikulationszeitpunkt mit Beginn der Förderdauer von 4 Jahren
Die Ausdehnung der Projektförderung auf 4-Jahre sei im Grundsatz lobenswert, wird aber genau wegen dieser Regelung unterlaufen, so Virginia Richter. Es läge in der geistes- und sozialwissenschaftlichen Wissenschaftskultur, als Doktorandin eben nicht in ein vordefiniertes Programm einzusteigen. Die selbständige Erarbeitung einer einschlägigen Fragestellung ist Teil der Forschungsleistung. Bei dieser Koppelung an den Immatrikulationszeitpunkt fehlt genau in der intensiven Schreibphase beim Abschluss der Doktorarbeit das Geld. 

Sinergia: Ausrichtung auf breakthrough research mit dem Prinzip high risk – high reward
Die wirklich grossen Fragen der Forschungsförderung werden von Jean-Jacques Aubert in seinem Einstiegsvotum adressiert und bleiben unbeantwortet: Kann eine nationale Politik, die die Wissensgesellschaft doch stark top-down im Zeichen von Innovation, breakthrough-research und Nutzensorientierung zu steuern versucht, die Wissensprozesse in diesem Sinne so stark kanalisieren? Ist Innovation nicht oft auch „le fruit du hasard“, der sich nicht einfach so erzwingen lässt? Ist grösster Wettbewerb immer der richtige Treiber für Bestleistungen, oder wäre eine Ermöglichungskultur mit dem notwendigen Vertrauen nicht elementar für eine nachhaltige Forschung? 

Gute Absichten und antizipierte unerwünschten Nebeneffekte
Zweifellos kann man mehreren Absichten der SNF-Reformen eine positive Komponente abgewinnen, aber die Berücksichtigung von den bisweilen stark unterschiedlichen Wissenschaftskulturen scheint an einem eher bescheidenen Ort. 

Der SNF ist sich den Befürchtungen der GSW jedoch bewusst. Man will die Effekte sorgfältig beobachten und ist offen für Anpassungen nach der Implementierung des Reglements. Der Ball liege nun bei den Universitäten. Wir verfolgen die weiteren Entwicklungen mit Interesse

Donnerstag, 7. April 2016

„Gab es denn Migration schon früher?“ fragt Melanie erschrocken (w, 23, CH)


Beitrag von Simon Kübler, Student an der Universität Basel

… Die Schweiz steht vor beunruhigenden Zeiten: fremde Menschen mit ungewohnten Sitten und Sprachen haben ihre Heimat verlassen und drängen in die Schweiz. Das geordnete Leben und der Reichtum der hier Lebenden sind bedroht – manche der Fremden stehlen, sind gewalttätig, achten die hier geltenden Gesetze nicht.

Ein Szenario aus dem Jahr 2016, von dem wir befürchten, dass es eintreffen könnte? Nein, es sind Schilderungen und Ängste, welche Menschen hier vor 1500 Jahren bewegten, wie Melanie nun erfährt. Wie vielen heute Lebenden ist ihr aber nicht bewusst, wie sehr Migration und die Ankunft Fremder mit eigener Kultur die Geschichte unseres Landes geprägt haben. Nein, Migration ist kein Phänomen der Moderne. In unserer Veranstaltung geben wir uns aber nicht mit einem „Das war schon immer so“ zufrieden und bieten Ihnen aus „erster Kelle“ die Informationen aus dem grössten Geschichtsbuch der Schweiz — dem Boden!

Die Archäologie untersucht Traditionen und neue Einflüsse. Sie zeigt damit die Migration aus einer ganz anderen Perspektive. Wir haben Passanten nach ihrem Wissen und ihren Ansichten befragt und stellen diese den aktuellsten Forschungsergebnissen gegenüber. Mit Dingen aus unserem täglichen Leben, mit Vorträgen und Infoständen, referiert und präsentiert von Studierenden der Universität Basel, zeichnen wir das heute gültige Bild von Tradition und Wechsel auf eine wissenschaftlich richtige, aber unterhaltsame Art.

Bei uns erfahren Sie, wie man mitunter die Heimat eines „fremden“ Skeletts findet und wie man dem Menschen eine Geschichte wiedergiebt. Sie können sich selbst als Forensiker der Vergangenheit betätigen, und sie lernen Methoden der naturwissenschaftlichen Archäologie kennen.

Zudem können Sie die Schweizer Geschichte erschnuppern und in Schweizer Tradition schlemmen, wortwörtlich! Unsere Gourmet-Köche bieten Ihnen „urschweizerische“ Speisen, die Sie auf der Zunge zergehen lassen können. Erfahren Sie selbst, wie bekömmlich die Auswirkungen der Migration sein können.

All das und vieles mehr finden Sie am Samstag, dem 16. April für Sie zubereitet und aufgetischt am Petersplatz in Basel. Die Studierende der Altertumswissenschaften der Universität Basel sowie Archäologie Schweiz heissen Sie herzlich willkommen!

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«Fremde Knochen in Schweizer Boden – Migration im Spiegel der Archäologie» – Organisiert und durchgeführt im Rahmen der SAGW-Veranstaltungsreihe „La suisse existe – la suisse n’existe pas“ von der Archäologie Schweiz und den Studierenden der Altertumswissenschaften der Universität Basel.