Dienstag, 26. Mai 2015

«La suisse n’existe pas» – Braucht es die Diskussion zur Identität?»

Beitrag von Beatrice Kübli, SAGW

Was macht die Schweiz aus? Wie sehen sich die Schweizerinnen und Schweizer? Gibt es überhaupt eine gemeinsame Identität? Im Jahr 2015, wo viele historische Jubiläen gefeiert werden, scheint es wieder an der Zeit, sich diesen Fragen zu stellen, die Ben Vautier an der Weltausstellung 1992 in Sevilla schon provokativ mit «La suisse n’existe pas» beantwortet hat.

Mit einer Veranstaltungsreihe, basierend auf der Initiative von 15 Fachgesellschaften aus den Geistes- und Sozialwissenschaften, geht die SAGW in den nächsten Monaten diesen Fragen nach. Am Freitag, 29. Mai, findet die Auftaktveranstaltung zu dieser Reihe an der Universität Bern statt. Im Zentrum stehen die Schweizer Geschichte und die Frage nach dem Umgang mit ihren Gründungsmythen und zur Rolle der unterschiedlichen Geschichtsbilder. So lehnt beispielsweise Prof. Dr. André Holenstein die «vorherrschende einseitige und selbstgefällige Sichtweise» ab und votiert in seinem Artikel «Die Schweiz in Europa. Gedanken des Historikers» dafür, «eine transnationale Sichtweise ins Spiel zu bringen, die konsequent die grenzüberschreitenden Kräftekonstellationen als bestimmende Faktoren der Schweizer Geschichte in den Blick nimmt.»

Die Schweiz also als Player in Europa, Finanzplatz, wichtige Drehscheibe? Oder doch die heile Bergwelt in einem neutralen Land? Im Ausland tut man sich mit der Frage nach der Schweizer Identität nicht so schwer: Schokolade, Matterhorn, Heidi, Geld, Luxusuhren, Käse, Banken, Reichtum und direkte Demokratie sind einige der Begriffe, die der deutsche Markenexperte Klaus-Dieter Koch in seinem Artikel «Die Marke Schweiz – eine Utopie?» nennt. Ein klares Bild, das dazu führt, dass die Schweiz auf der Liste der «Nation Brands» 2014 Rang 2 einnimmt, und damit nur gerade von Japan übertroffen wird.

Es scheint sich also eher um ein internes Problem zu handeln. «Offenbar wollen wir, müssen wir noch immer von Identität reden», stellt Prof. Dr. Georg Kreis in seinem Artikel «Gibt es die Schweiz? Eine pseudowichtige Frage?» fest und kommentiert ironisch «Ob es die Schweiz gibt, ist scheinbar ungewiss – gewiss ist dagegen, dass es Schweizer gibt, die sich gerne fragen, ob es die Schweiz gibt.»

Es wird sich zeigen, ob die Veranstaltungsreihe der SAGW neue Antworten auf die alte Frage liefert.

Weitere Informationen:
Veranstaltungsreihe: www.lasuissenexistepas.ch
Alle genannten Artikel stammen aus dem Bulletin 2/2015 « La suisse existe – la suisse n’existe pas»

Freitag, 22. Mai 2015

Ehe- und Partnerschaftsrecht als Teil der Generationenpolitik

Beitrag von Dr. iur. Michelle Cottier, im Vorfeld der Tagung «Ehe und Partnerschaft zwischen Norm und Realität»

In der aktuellen Debatte um die Zukunft des Schweizer Familienrechts ist das Ehe- und Partnerschaftsrecht besonders umstritten. Dieser Rechtsbereich soll denn auch anlässlich der Tagung des Netzwerks Generationenbeziehungen der SAGW vom 23. Juni 2015 im Zentrum stehen. Doch welcher Bezug besteht zu den Generationenbeziehungen, zur Generationenpolitik?

Die Perspektive auf die Generationen lenkt den Blick auf die vielfältigen Aufgaben, die Paare in der Sorge für andere Menschen im Generationengeflecht wahrnehmen. Gleich- und verschiedengeschlechtliche Paare ziehen gemeinsam Kinder gross, sorgen bei Krankheit und im Alter füreinander oder für Angehörige der vorangehenden Generationen. Oftmals einigen sich Paare allerdings auf eine ungleiche Aufteilung dieser unbezahlten Sorgearbeit, in verschiedengeschlechtlichen Partnerschaften heute immer noch meist zulasten der Frauen. Das Eherecht und das Recht der eingetragenen Partnerschaft schaffen hier einen gewissen Ausgleich, insbesondere indem bei der Auflösung der Rechtsbeziehung angesparte Vermögen und Guthaben der Altersvorsorge aufgeteilt werden, und indem nachehelicher oder -partnerschaftlicher Unterhalt festgelegt wird. Praktiziert ein weder in Ehe oder eingetragener Partnerschaft lebendes Paar eine solche Rollenteilung, so verfügt die kinderbetreuende Partei heute über keinerlei entsprechende zivilrechtliche Ausgleichsansprüche.

Nun liegt der Bericht des Bundesrats vor, der einige Vorschläge für diese Problematik macht. Der Schweizer Regierung ist zuzustimmen, wenn sie davon ausgeht, dass das Familienrecht allein die Folgen der ungleichen Verteilung von unbezahlter Sorgearbeit nicht abfedern kann (Bericht S. 15). Es sind umfassende Massnahmen der Familien- und Gleichstellungspolitik notwendig. Solange diese aber nicht realisiert sind, bleibt es eine zentrale Aufgabe des Familienrechts, wenigstens innerhalb einer Partnerschaft einen Ausgleich zu schaffen. Zu wenig weit geht deshalb der Vorschlag des Bundesrats, für die Auflösung einer faktischen Lebensgemeinschaft eine blosse zivilrechtliche Härtefallregelung vorzusehen (Bericht S. 33). So verlangt das Prinzip der Generationengerechtigkeit, dass nicht nur «Nothilfe» zur Verfügung gestellt wird, sondern dass das Zivilrecht eine faire finanzielle Kompensation vorsieht für immaterielle Leistungen, die innerhalb der Generationenbeziehungen erbracht werden.


Mittwoch, 13. Mai 2015

Nachhaltige Ressourcenverwendung und Suffizienz - ein Thema für die Geistes- und Sozialwissenschaften

Beitrag von Beatrice Kübli, SAGW

Was ist Suffizienz? Dies war eine zentrale Frage im Workshop «Suffizienz in der Schweiz – Impulse durch Sozial- und Geisteswissenschaften» am eco.naturkongress in Basel. Dem Begriff «Suffizienz» haftet die Forderung nach Verzicht an, was in unserer Gesellschaft keineswegs beliebt und politisch sogar ein Unding ist. Weshalb eigentlich? Welche gesellschaftlichen Mechanismen bewirken, dass Konsum als befriedigend und Bescheidenheit als selbstdisziplinierend erlebt werden?

Suffizienz setzt Verhaltensänderungen voraus. Die Herausforderungen rund um die Ressourcenverwendung und Nachhaltigkeit lassen sich also nicht nur technisch oder ökonomisch lösen. Es braucht den Beitrag der Geistes- und Sozialwissenschaften, beispielsweise um zu klären, wie Verhaltensänderungen erreicht werden können und welche sozialen und institutionellen Rahmenbedingungen dazu nötig sind.
Zur Frage wie der Beitrag der Geistes- und Sozialwissenschaften sonst noch aussehen könnte, wurden im Workshop verschiedene Vorstellungen präsentiert:

  • Es ist Aufgabe der Geistes- und Sozialwissenschaften, Dinge zu thematisieren, die selbstverständlich scheinen. (z.B. Weshalb ist Verzicht ein Tabu? Weshalb gilt Wachstum als erstrebenswert?)
  • Den homo oeconomicus gibt es nicht. Die Geistes- und Sozialwissenschaften sollen erforschen, wie Bewusstsein und Einstellungen entstehen. (z.B. Wie entstehen die verschiedenen Lebensstile? Was motiviert zu umweltgerechtem Handeln? Wie beeinflusst das Umfeld die eigenen Handlungen?)
  • Die Geistes- und Sozialwissenschaften sollen Initiativen erfassen und analysieren, die in der Gesellschaft mit dem Ziel entstehen, Nachhaltigkeit zu erreichen (z.B. Share Economy)
  • Die Sozial- und Geisteswissenschaften sollen dazu beitragen, die soziale Akzeptanz für neue Modelle und Technologien zu fördern. 

Ist Suffizienz im heutigen System überhaupt möglich? Solange Kapitalakkumulation und Nutzenorientierung vorherrschen, ist es schwierig, umwelt- und sozialverträglich zu leben. Es braucht einen Paradigmenwechsel, neue Visionen und Alternativen zum Bestehenden. Ein erster Schritt dazu sind beispielsweise flexible Arbeitszeiten und verschiedene Arbeitszeitmodelle, so dass jeder für sich entscheiden kann, ob ihm mehr Geld oder mehr Freiheit wichtiger sind. Auch die Wissenschaft sollte sich von der Nutzenorientierung lösen können und wieder Zeit haben, vermehrt über Grundsätzliches nachzudenken, denn Innovationen sind nicht berechenbar.

Der Versuch suffizienter zu werden, ist ein gesellschaftlicher Prozess, nicht ein technischer oder institutioneller. Das sollte von der Politik so wahrgenommen werden.