Donnerstag, 19. Juli 2018

Handeln im Arbeitskonflikt – 1918 bis 2018


Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften
Ein historisches Jubiläum findet im beschleunigten Zeitgeist der Digitalisierung wenig Beachtung. Was ist schon wichtig, was vorgestern war – oder gar vor 100 Jahren? Zumal es kaum mehr Zeitzeugen gibt, etwa vom Landesstreik im November 1918. Ein Jubiläum kann jedoch das kollektive Gedächtnis in einem sogenannten „Erinnerungsraum“ auffrischen – Erinnern als Wieder-Holen von historischen Fakten. Die beiden Kulturwissenschafter Aleida und Jan Assmann (Balzanpreisträger 2017) sehen im kollektiven Gedächtnis eine der wichtigsten Voraussetzungen für die politische Identitätsstiftung einer Gesellschaft – das gilt auch für den General- oder Landesstreik von 1918.

Digitaler Erinnerungsraum
Auch wer sich nicht für kollektive Arbeitskonflikte, Arbeiterbewegung oder Klassenkampf interessiert, einen Blick ins Historische Lexikon der Schweiz aus Anlass des 100-Jahre Jubiläum des Landesstreiks lohnt sich. Es ist auch nicht nötig, sich in ein Archiv zu setzen – ein verregneter Sonntag daheim am Computer genügt – schon öffnen sich interessante, kollektive Erinnerungsräume: Geschichten aus vergangenen Zeiten, die jedoch überraschend viel mit den aktuellen zu tun haben. Das historische Lexikon ist ein Unternehmen der SAGW.
http://www.hls-dhs-dss.ch/

12. November 1918
„Landesstreik ist die in der Deutschschweiz übliche Bezeichnung für die schwerste politische Krise des Bundesstaates, den landesweiten Generalstreik vom November 1918. Er bildete den Höhepunkt der heftigen sozialen Auseinandersetzungen, die gegen das Ende des Ersten Weltkrieges die Schweiz wie andere europäische Länder erschütterten“, schreibt der Historiker Bernard Degen im historischen Lexikon. Am 9. November 1918 stand die Kavallerie in Zürich. Sie hatte den Befehl gefasst, den Zugang zum Paradeplatz bzw. zum Bankenviertel abzusperren. „Weil der Truppenaufmarsch bei der organisierten Arbeiterschaft allg. Empörung hervorrief, versammelte das OAK (Oltener Aktionskomitee) sich am 7. November kurzfristig zu einer Sondersitzung. Um den Protest zu kanalisieren, rief es nach ausführlicher Debatte zur Arbeitsniederlegung auf.“ Für Dienstag, den 12. November, wurde der unbefristete Generalstreik ausgerufen. Die Proklamation enthielt Forderungen, wie etwa Einführung des Frauenstimmrechts, eine allg. Arbeitspflicht, 48-Stunden-Woche, eine Armeereform, Sicherung der Lebensmittelversorgung, Alters- sowie Invalidenversicherung usw. „Nur an wenigen Orten geriet die Lage, in der Regel nach Aufmärschen des Militärs, kurzfristig ausser Kontrolle, am folgenschwersten in Grenchen, wo am 14. November drei Streikende erschossen wurden“, schreibt Historiker Degen.

Normalfall Streik
In einem Interview mit der SAGW erklärt Bernard Degen, dass Streiken in der Schweiz seit Mitte der 1990er-Jahren als Arbeitskampfmittel an Bedeutung stetig zunahm, zumal seit den 1960er-Jahren unser Land 30 Jahre lang als Sonderfall bzw fast als streikfrei galt. „Die Zunahme kann auch als Angleichung an europäische Verhältnisse betrachtet werden – als Normalisierung“, sagt Historiker Degen. „Seit den späten 1990er Jahren hat die Schweiz mit der Anzahl Streiktagen bisweilen sogar Deutschland und Österreich überrundet.“ Dabei verweist Degen den Baselbieter Lehrerverein, der aktuell eine Urabstimmung zu Kampfmassnahmen organisiert: Bis Ende dieses Monats sollte klar sein, ob die Lehrpersonen im Kanton bei Unstimmigkeiten mit dem Arbeitgeber künftig streiken werden. 80 Prozent der Mitglieder sollten bei einem Konflikt bereit sein, die Arbeit niederzulegen – Pensionierte ausgeschlossen. „Mit diesem Beschluss würde die Standesorganisation der Lehrer de facto zur Gewerkschaft werden“, erklärt Bernard Degen. Das bedeutet auch die Eröffnung einer Streikkasse zur Sicherung der Lohnfortzahlung für Streikende. Diese Massnahme verlange jedoch eine massive Erhöhung des Mitgliederbeitrages, steht auf der Webseite des Lehrervereins. „Die Vermischung zwischen Standesorganisation und Gewerkschaft ist offensichtlich, was sich auch in anderen Berufsfeldern abzeichnet“, so Degen. „Die Gewerkschaften kümmerten sich einst nur um Arbeitsbedingen und die Standesorganisation um Inhalte, dazu gehörte auch einen vereinfachten Zugang zu Bildung.“ Weiterbildung für wenig Geld ermöglichen heute die Migros-Clubschulen ganz selbstverständlich. „Ein Mitgliederschwund zeigt sich jedoch bei Gewerkschaften wie auch Standesorganisationen. Es ist allerdings nicht dramatisch, einige Bereich schrumpfen, andere nehmen zu – besonders im Dienstleistungssektor. Nach wie vor sind SBB und Post sehr stark“, sagt Bernard Degen. Wie wird sich der Arbeitskampf entwickeln? Prognosen kann der Historiker keine geben. Konflikte mit dem Arbeitgeber nehmen ohne eine kollektive Bewegung neue Formen an – immer häufiger ist die innere Kündigung bei den Arbeitnehmenden verbreitet oder der totale Verlust von Motivation am Arbeitsplatz.


Streikrecht 1999
Noch jung ist das Streikrecht in der Bundesverfassung (18. April 1999) Art. 28 Koalitionsfreiheit: „3. Streik und Aussperrung sind zulässig, wenn sie Arbeitsbeziehungen betreffen und wenn keine Verpflichtungen entgegenstehen, den Arbeitsfrieden zu wahren oder Schlichtungsverhandlungen zu führen. 4. Das Gesetz kann bestimmten Kategorien von Personen den Streik verbieten.“
Unia, die grösste Gewerkschaft der Schweiz veröffentlicht eine Publikation „Streik im 21. Jahrhundert“: „Es sind 100 Jahre her seit dem Landesstreik. Seit dem Jahr 2000 finden gemäss der amtlichen Streikstatistik des Bundesamtes für Statistik jährlich drei bis zehn Streiks mit rund 6000 Beteiligten statt (die offizielle Statistik zählt nur ganztägige Arbeitsniederlegungen).“ Lohnt es sich, zu streiken im Zeitalter des neoliberalen Denkens? Die Realität zeigt, dass die Austauschbarkeit der Menschen in der Arbeitswelt zunehmen wird, deshalb müsste nicht nur nach neuen Konsensmodellen, sondern auch nach neuen Kampfmitteln gesucht werden – beispielsweise Kampagnen in sozialen Medien.

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Keine Drohkulisse

--> Ein gutes Beispiel ist die Auswirkung der Austauschbarkeit in der Berufsrolle des Journalisten. Mit der Ausdifferenzierung des Berufes im News-Room hat sich ein schreibendes Proletariat etabliert. Die Zusammenlegung von Redaktionen, die bis zu acht Zeitungs-Titel mit der gleichen Geschichte füttern – eine Entwicklung, die den Beruf im Zeitalter der Digitalisierung vor neue Herausforderungen stellt. Der Beruf war jedoch schon immer ein Technologiefolger und verlangte von der schreibenden Zunft viel Beweglichkeit. Hinzu kommt jetzt, dass das Geschäftsmodell „Zeitung“ nicht mehr rentabel ist. Also haben JournalistInnen kein wirkliches Druckmittel mehr – die wenigen Köpfe, welche die News-Rooms bevölkern sind austauschbar. Streiks in der Medienbranche waren nie wirklich erfolgreich. Kurt W. Zimmermann schreibt in der Weltwoche (Nr 28.18) über das aktuelle Fallbeispiel „Le Matin“. Ein Blatt, das seit zwanzig Jahren defizitär sei. Journalisten verlangten nun lautstark mit Streikandrohungen, dass ihr Arbeitsplatz weiterhin bestehen bleibt. Ihnen fehlt allerdings die Drohkulisse – wegen streikenden MitarbeiterInnen schreibt Tamedia bei „Le Matin“ keine roten Zahlen, die existieren schon... Schweizer JournalistInnen fehlt es offenkundig an Erpressungspotenzial, im Gegensatz zu den „Eisenbähnlern“, die im November 1918 mit ihrem Streik den Alltag im Land lahmlegten.

Donnerstag, 12. Juli 2018

Das Leben ist kurz – Stunden sind lang


Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften 
Im kommenden Herbstsemester wird Peter Stamm als Friedrich Dürrenmatt Gastprofessor für Weltliteratur an der Universität Bern unterrichten. In seinem wöchentlichen Seminar „Das Leben ist kurz, aber die Stunden sind lang“ diskutiert der Autor mit seinen Studierenden über die Bedeutung der Zeit in der Literatur und in der Kunst. Stamm wird mit ihnen nicht nur über theoretische Konzepte aus Physik, Philosophie und Religion nachdenken, sondern auch in Übungen mit der Zeit experimentieren – etwa mit Hilfe von Albert Einsteins Relativitätstheorie.

Wie sich das Geheimnis der Zeit lüftet
Ist eine Sekunde immer eine Sekunde? Sind Zeit und Raum unveränderlich? Einstein hatte entdeckt, dass die Zeit langsamer fliesst und der Raum schrumpfen kann. Damit öffnete der theoretische Physiker das Tor in eine andere Welt bzw. jenseits der menschlichen Wahrnehmung: Scheinbar unerreichbar und doch zum Greifen nah. Sind Raum und Zeit etwa keine Naturkonstanten? Wie ist das mit dem Licht – breiten sich Photonen 299’792 Meter pro Sekunde aus? Für Einstein war schnell klar, dass Zeit nur das ist, was eine Uhr misst. Er dachte, dass Bewegung die Zeit verlangsame – seine Annahme wurde 50 Jahre später durch die Funktion der Atomuhr bewiesen. Nach Einstein geht eine Uhr im Flugzeug langsamer – wenn auch nur eine Milliardstel Sekunde – als am Boden. Immerhin! Diese Zeitdifferenz wird grösser je schneller das Flugzeug fliegt. Auf eine spielerische Art lässt sich Einsteins Gedanken zur Relativitätslehre im folgenden Video nachvollziehen: 

Wie das Ende der Zeit beginnt
Wer etwa denkt, dass die sogenannte „Echtzeit“ als stehender Begriff aus der Digitalisierung stammt, der täuscht sich um Jahre: 1850 wollte Julius Reuter Börsennachrichten aus Paris sieben Stunden schneller als auf dem üblichen Weg mit der Eisenbahn nach Deutschland bringen. Der Weg in die Echtzeit begann mit einer 200-köpfigen gurrenden Brieftauben-Staffel. Eine Sensation, weil damals die Zeit noch vor Einstein (1905) eine unveränderliche Gewissheit im Leben der Menschen war. Alles brauchte seine Zeit, das Leben wurde vom Lauf der Sonne und dem Wechsel der Jahreszeiten bestimmt. Als das erste Untersee-Kabel eine direkte Telegrafenverbindung zwischen den Börsen in London und Paris erlaubte, mietete Reuters 1851 ein kleines Büro in London. Unternehmer Reuter verfolgte eine einfache Geschäftsidee: Sammeln und verkaufen von Informationen, schnell und weltweit – inklusive Echtzeit. Seither lässt Echtzeit sogar den Raum zwischen Sehnsucht und Erfüllung verschwinden – Aktion und Reaktion können durchaus simultan verlaufen.

Wie sich Zeit aufschichten lässt
Es bleibt die Frage, ob diese Echtzeit den Menschen nicht überlastet. Immerhin ist für Physiker Zeit eine Art Illusion, die das gängige menschliche Denken überfordert. Ökonomen haben auf Zeit pragmatisch reagiert, in ihrem Fachbereich ist Zeit meistens als Ressource definiert: Mit Zeit lässt sich Geld verdienen – „time is money“. Für manchen Sozialwissenschafter hingegen ist Zeit ein komplexes Ordnungssystem der Vergänglichkeit. Dazu gehörte der österreichische Soziologe Alfred Schütz, welcher ein Doppelleben als Finanzjurist und Wissenschafter führte (1899-1959). Er sprach von einer lebensweltlichen Zeit: In Überschneidungen der subjektiven Zeit als empfundene Dauer mit den Rhythmen des Körpers (biologische Zeit), wie auch mit den Jahreszeiten, desgleichen mit der Welt-Zeit und einem Kalender der sozialen Zeit. Wir leben alle in diesen Dimensionen, so Schütz (Alfred Schütz, Thomas Luckmann, Strukturen der Lebenswelt). In der subjektiven Zeit des Bewusstseins werde das gegenwärtige „Jetzt“ in unabwendbarer Abfolge in ein „gerade Vorhin« und schliesslich zum „vergangenen Jetzt“. Ebenso enthalte das „Jetzt“ eine Vorausschau auf die unmittelbare, nähere und fernere Zukunft. Über die Uhr und den Kalender werden diese subjektiven Zeitdimensionen mit der „sozialen Zeit“ verknüpft bzw. werden so mit den subjektiven Zeitdimensionen anderer Menschen vergleichbar. Schütz erkannte in der Lebenswelt des Alltags eine Aufschichtung von unterschiedlichen Zeitstrukturen, welche mittels Reichweiten in den jeweiligen Lebenswelten geordnet werden können: Da wäre einerseits die Gegenwart, die der unmittelbaren Erfahrung, hinzu kommt die Vergangenheit, eine wiederherstellbare Reichweite in den entsprechenden Lebenswelten und letztendlich existiert auch eine Zukunft, also Alltagswelten, die noch ausserhalb der Reichweite liegen.

Wie Zeit aus den Fugen gerät
Den deutschen Soziologen Hartmut Rosa interessiert, wie sich veränderte Zeitstrukturen auf den Menschen auswirken, deshalb schreibt er eine Zeitsoziologie mit dem Titel „Beschleunigung“. Rosa definiert Beschleunigung kurzerhand als Mengenzunahme pro Zeiteinheit. Nach Rosa hat Beschleunigung jedoch nichts mit der Arbeitszeit, etwa acht Stunden, zu tun, sondern mit der Zahl der Handlungsepisoden pro Zeiteinheit. Dieses Steigerungsdiktat der Handlungen gilt nicht nur im Job, sondern auch in der Familie und Freizeit – das Gefühl stellt sich früher oder später ein, dass man es nicht mehr schafft vor lauter Handlungen – die sogenannte Temporalinsolvenz stellt sich ein. „Die Wahrnehmung der progressiven Dynamisierung und Verkürzung von ereignis-, prozess- und veränderungsbezogenen Zeitspannen ist vom Beginn der Neuzeit an – gleichsam seit Hamlets Klage, die Zeit sei aus den Fugen – konstitutiv für die Grunderfahrung von Modernisierung...“ (Hartmut Rosa, Beschleunigung, Seite 460, Suhrkamp 2005).

Wie die Schweiz Zeit verbringt
Die Krankenkasse KTP wollte es genau wissen. Sie beauftragte 2017 die Forschungsstelle sotomo, insgesamt 7958 Menschen über ihr Zeitbudget zu befragen. Leider ist über Bias oder Verzerrung der offenen Online-Befragung in der Studie nichts nachzulesen (Datenerfassung auf Online-Newsseiten „Blick“ und „Le Matin“). Die Antworten zur Pünktlichkeit sind jedoch überraschend. In der Schweiz ist Pünktlichkeit immer noch eine Tugend bzw. das Klischee „pünktlich wie eine Schweizeruhr“ hat eine gewisse Aktualität bewahrt. Immerhin akzeptiert in der Deutschschweiz 54 Prozent eine Wartezeit von 10 Minuten oder auch mal mehr, in der Romandie sind es nur 47 Prozent und im Tessin nur noch 40 Prozent.

Wie Realität und Fiktion verschmelzen
„Sie war nie pünktlich, aber das macht mir nichts aus, je weniger Zeit mir bleibt, desto mehr Zeit lasse ich mir“, schreibt Peter Stamm in seinem neusten Roman "Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“ (Seite 7). Stamm erzählt vom verlorenen Gleichgewicht eines Mannes, der in die Jahre gekommen ist. Christoph, so heisst der Protagonist, inszeniert seine Glückssuche mit Doppelgängermotiven und Déjà-vu, dem Gefühl, eine Situation schon erlebt zu haben, begleitet von einem Gefühl der Unwirklichkeit. Eigentlich ist in dem Roman vieles stimmig aber auch vieles ziemlich verrückt. In der Geschichte von Christoph schlummern jedoch auch philosophische Fragen: Was wäre, wenn wir die Geschichte unseres Lebens schon als Buch vor uns hätten? Würde sich das Schicksal wiederholen, würden wir gleich reagieren… Wie können wir dem Schicksal entkommen? „Das autobiografische Ich des Romans betritt die Welt als Doppelgänger des Autors, und alles geht noch einmal von vorne los“, schreibt die NZZ (21.2.2018). Stamm schreibt auch: „Wenn der alte Mann stirbt, wird alles in den Müll geworfen, weil er keine Angehörigen hat, oder weil niemand sich für seine Sachen interessiert, nicht einmal für die paar Schwarzweissfotos, die er besessen hat von längst verstorbenen Menschen, von seinen Eltern…“ (Seite154). Das Thema „das Leben ist kurz“ ist nicht nur in seinem Seminar als Friedrich Dürrenmatt Gastprofessor für Weltliteratur an der Universität Bern präsent, sondern auch in seinem neuen Roman.


Donnerstag, 5. Juli 2018

Mehr Wissen über Wissensproduktion


Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften „Mit den Thesen des Wissenschaftstheoretikers Hans-Jörg Rheinberger vor Augen könnte man sogar sagen: Wir leben in einer Wissensgesellschaft, sind aber voll von falschen Vorstellungen davon, wie diese Gesellschaft funktioniert“, schreibt die NZZ (18.6.2018). „Wir leben in einer Gesellschaft, die Milliarden für Bildung und Forschung ausgibt, wissen aber nicht, wofür das Geld ausgegeben wird“. Hans-Jörg Rheinberger ist Honorarprofessor für Wissenschaftsgeschichte an der TU Berlin und analysiert seit Jahren das Treiben in Labors und das Denken an Schreibtischen in Universitäten. In seinem neuen Buch „Experimentalität“ publiziert der gebürtige Lichtensteiner Gespräche mit 19 Persönlichkeiten von Hochschulen und Wissenschaftsredaktionen aus Österreich, Deutschland, England, Spanien, aus den USA und der Schweiz. „Rheinbergers Ausführungen lassen sich als ein mit vornehmer Zurückhaltung formulierter Angriff auf das Forschungsmanagement der öffentlichen Wissenschaftsinstitutionen lesen, also der Hochschulen, Forschungsförderungsorganisationen und der Wissenschaftsverwaltung“, schreibt die NZZ. „Denn dort wird Forschung zunehmend programmatisch und projektförmig organisiert, auf dass sie richtig funktioniere und praxisrelevante Resultate liefere, zu den Themen, die gerade im Schwang sind.“

Das Masslose in der Wissenschaft
Forschung sei Anarchie – sie stürze die Menschen, die sie betreiben in Abenteuer. Sie führe zu Gutem wie zu Schlechtem, zu umwerfenden Techniken und ungehörigen Gedanken. Wissen sei nicht dazu da, uns zu trösten, zitiert Hans-Jörg Rheinberger den französischen Philosophen Michel Foucault. Mit Elfie Miklautz, Professorin für Soziologie der Wirtschaftsuniversität Wien diskutiert Rheinberger auch über die Neugierde. Grundsätzlich müsse man sich fragen, ob es so etwas wie freieschwebende Neugier gäbe (Seite 248). „Die Wissenschaft ruht auf einem Komplex von bereits akkumuliertem Wissen, das man nicht einfach beiseiteschieben kann, auch nicht beiseiteschieben soll.“ Es gehe eher darum, sich nicht völlig vereinnahmen zu lassen. Und er definiert Neugierde als etwas Massloses im doppelten Sinn, da wäre einerseits die Gier, und hinzu kommt noch das Neue – das Masslose ist also auch etwas Unvermessenes. Rheinberger bringt Aspekte auf den Tisch, etwa, dass für ihn als Wissenschaftshistoriker die Trennung zwischen Natur- und Geisteswissenschaft nicht überall Sinn macht (Seite 182). Seine Disziplin, die Wissenschaftsgeschichte, sei so etwas wie ein Ferment, um über die Wissenschaft nachzudenken. Bei der Reflexion sei es jedoch wichtig, weder die Natur- noch die Geisteswissenschaft auszublenden. „Es geht nicht ohne beide Momente. Beide Grossbereiche sind somit präsent, Natur- sowie Geisteswissenschaften, und das, finde ich, ist das Spannende – es schafft Reibungspotentiale im Sinn produktiver Energien.“ Dort wo Unsicherheiten entstehen, wo Selbstvergewisserungsvorgänge eine Rolle spielen, gebe es immer auch Potentiale zur Neuerung. „An dem, was wir Krise nennen, ist nicht das Negative, sondern die Chance interessant“ (Seite 184).

Aufbruch ins Ungewisse
„Abenteuer mit Langzeitwirkung“, lautet ein Titel (Seite 12) im aktuellen Forschungsmagazin GLOBE der ETH Zürich (2/2018). „Sich forschend auf unbekanntes Terrain zu begeben, ist ein Unterfangen mit offenem Ausgang. Forschende, die ihrem Entdeckergeist folgen, können irren – oder sie schaffen Grundlagen, die Wege in die Zukunft eröffnen. Manchmal gelingt es erst nachfolgenden Generationen, diese Wege fruchtbar zu machen“, schreibt GLOBE. Albert Einstein mit der theoretischen Erklärung des photoelektrischen Effekts (1905) wird als Vorzeigemann im Magazin abgebildet: Wer die Biografie des theoretischen Physikers gelesen hat, der weiss, welch abenteuerliche Umwege Einstein einschlagen musste, etwa als Hauslehrer oder technischer Experte im Patentamt Bern. Vergessen sind die Absagen für eine Assistentenstelle des damaligen Polytechnikums. Der Wissenschaftshistoriker Hans-Jörg Rheinberger betont im Gespräch mit der Soziologin Elfie Miklautz in „Experimentalität“ (Seite 251): „Um eine Wissenschaft zu betreiben, braucht es ein gewisses Moment an Überschiessbereitschaft, es soll ja über das Bestehende hinausgegangen werden. So verstehe ich jedenfalls wissenschaftliches Arbeiten, sofern es mit Forschung verknüpft ist. Es ist mit Unsicherheiten behaftet, weil man in der Regel das Ziel nicht genau angeben kann.“

Wissensproduktion
„Das wissenschaftliche Wissen hat das religiöse Wissen, das Naturwissen und das Wissen der Vorfahren verdrängt. Der wichtigste Ort der Wissensproduktion sind die Hochschulen. Hier erwerben Tausende junger Frauen und Männer die Fähigkeit, mit neuem Wissen umzugehen und es hervorzubringen. Oder sie erwerben zumindest ein Papier, das ihnen den Besitz dieser Fähigkeiten bescheinigt“ sagt Hans-Jörg Rheinberger. „Wir leben in der Wissensgesellschaft, aber ahnungslos. Wir wissen nur wenig über die Technik, die unseren Alltag durchdringt – jedes Kind kann ein Smartphone bedienen, aber niemand kann erklären, wie es funktioniert. Wir wissen nichts über die unbewussten Mechanismen der Kommunikation, die am Werk sind, wenn wir uns mit anderen unterhalten. Und wir wissen vor allem nichts darüber, wie das Wissen entsteht.“