Donnerstag, 12. Juli 2018

Das Leben ist kurz – Stunden sind lang


Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften 
Im kommenden Herbstsemester wird Peter Stamm als Friedrich Dürrenmatt Gastprofessor für Weltliteratur an der Universität Bern unterrichten. In seinem wöchentlichen Seminar „Das Leben ist kurz, aber die Stunden sind lang“ diskutiert der Autor mit seinen Studierenden über die Bedeutung der Zeit in der Literatur und in der Kunst. Stamm wird mit ihnen nicht nur über theoretische Konzepte aus Physik, Philosophie und Religion nachdenken, sondern auch in Übungen mit der Zeit experimentieren – etwa mit Hilfe von Albert Einsteins Relativitätstheorie.

Wie sich das Geheimnis der Zeit lüftet
Ist eine Sekunde immer eine Sekunde? Sind Zeit und Raum unveränderlich? Einstein hatte entdeckt, dass die Zeit langsamer fliesst und der Raum schrumpfen kann. Damit öffnete der theoretische Physiker das Tor in eine andere Welt bzw. jenseits der menschlichen Wahrnehmung: Scheinbar unerreichbar und doch zum Greifen nah. Sind Raum und Zeit etwa keine Naturkonstanten? Wie ist das mit dem Licht – breiten sich Photonen 299’792 Meter pro Sekunde aus? Für Einstein war schnell klar, dass Zeit nur das ist, was eine Uhr misst. Er dachte, dass Bewegung die Zeit verlangsame – seine Annahme wurde 50 Jahre später durch die Funktion der Atomuhr bewiesen. Nach Einstein geht eine Uhr im Flugzeug langsamer – wenn auch nur eine Milliardstel Sekunde – als am Boden. Immerhin! Diese Zeitdifferenz wird grösser je schneller das Flugzeug fliegt. Auf eine spielerische Art lässt sich Einsteins Gedanken zur Relativitätslehre im folgenden Video nachvollziehen: 

Wie das Ende der Zeit beginnt
Wer etwa denkt, dass die sogenannte „Echtzeit“ als stehender Begriff aus der Digitalisierung stammt, der täuscht sich um Jahre: 1850 wollte Julius Reuter Börsennachrichten aus Paris sieben Stunden schneller als auf dem üblichen Weg mit der Eisenbahn nach Deutschland bringen. Der Weg in die Echtzeit begann mit einer 200-köpfigen gurrenden Brieftauben-Staffel. Eine Sensation, weil damals die Zeit noch vor Einstein (1905) eine unveränderliche Gewissheit im Leben der Menschen war. Alles brauchte seine Zeit, das Leben wurde vom Lauf der Sonne und dem Wechsel der Jahreszeiten bestimmt. Als das erste Untersee-Kabel eine direkte Telegrafenverbindung zwischen den Börsen in London und Paris erlaubte, mietete Reuters 1851 ein kleines Büro in London. Unternehmer Reuter verfolgte eine einfache Geschäftsidee: Sammeln und verkaufen von Informationen, schnell und weltweit – inklusive Echtzeit. Seither lässt Echtzeit sogar den Raum zwischen Sehnsucht und Erfüllung verschwinden – Aktion und Reaktion können durchaus simultan verlaufen.

Wie sich Zeit aufschichten lässt
Es bleibt die Frage, ob diese Echtzeit den Menschen nicht überlastet. Immerhin ist für Physiker Zeit eine Art Illusion, die das gängige menschliche Denken überfordert. Ökonomen haben auf Zeit pragmatisch reagiert, in ihrem Fachbereich ist Zeit meistens als Ressource definiert: Mit Zeit lässt sich Geld verdienen – „time is money“. Für manchen Sozialwissenschafter hingegen ist Zeit ein komplexes Ordnungssystem der Vergänglichkeit. Dazu gehörte der österreichische Soziologe Alfred Schütz, welcher ein Doppelleben als Finanzjurist und Wissenschafter führte (1899-1959). Er sprach von einer lebensweltlichen Zeit: In Überschneidungen der subjektiven Zeit als empfundene Dauer mit den Rhythmen des Körpers (biologische Zeit), wie auch mit den Jahreszeiten, desgleichen mit der Welt-Zeit und einem Kalender der sozialen Zeit. Wir leben alle in diesen Dimensionen, so Schütz (Alfred Schütz, Thomas Luckmann, Strukturen der Lebenswelt). In der subjektiven Zeit des Bewusstseins werde das gegenwärtige „Jetzt“ in unabwendbarer Abfolge in ein „gerade Vorhin« und schliesslich zum „vergangenen Jetzt“. Ebenso enthalte das „Jetzt“ eine Vorausschau auf die unmittelbare, nähere und fernere Zukunft. Über die Uhr und den Kalender werden diese subjektiven Zeitdimensionen mit der „sozialen Zeit“ verknüpft bzw. werden so mit den subjektiven Zeitdimensionen anderer Menschen vergleichbar. Schütz erkannte in der Lebenswelt des Alltags eine Aufschichtung von unterschiedlichen Zeitstrukturen, welche mittels Reichweiten in den jeweiligen Lebenswelten geordnet werden können: Da wäre einerseits die Gegenwart, die der unmittelbaren Erfahrung, hinzu kommt die Vergangenheit, eine wiederherstellbare Reichweite in den entsprechenden Lebenswelten und letztendlich existiert auch eine Zukunft, also Alltagswelten, die noch ausserhalb der Reichweite liegen.

Wie Zeit aus den Fugen gerät
Den deutschen Soziologen Hartmut Rosa interessiert, wie sich veränderte Zeitstrukturen auf den Menschen auswirken, deshalb schreibt er eine Zeitsoziologie mit dem Titel „Beschleunigung“. Rosa definiert Beschleunigung kurzerhand als Mengenzunahme pro Zeiteinheit. Nach Rosa hat Beschleunigung jedoch nichts mit der Arbeitszeit, etwa acht Stunden, zu tun, sondern mit der Zahl der Handlungsepisoden pro Zeiteinheit. Dieses Steigerungsdiktat der Handlungen gilt nicht nur im Job, sondern auch in der Familie und Freizeit – das Gefühl stellt sich früher oder später ein, dass man es nicht mehr schafft vor lauter Handlungen – die sogenannte Temporalinsolvenz stellt sich ein. „Die Wahrnehmung der progressiven Dynamisierung und Verkürzung von ereignis-, prozess- und veränderungsbezogenen Zeitspannen ist vom Beginn der Neuzeit an – gleichsam seit Hamlets Klage, die Zeit sei aus den Fugen – konstitutiv für die Grunderfahrung von Modernisierung...“ (Hartmut Rosa, Beschleunigung, Seite 460, Suhrkamp 2005).

Wie die Schweiz Zeit verbringt
Die Krankenkasse KTP wollte es genau wissen. Sie beauftragte 2017 die Forschungsstelle sotomo, insgesamt 7958 Menschen über ihr Zeitbudget zu befragen. Leider ist über Bias oder Verzerrung der offenen Online-Befragung in der Studie nichts nachzulesen (Datenerfassung auf Online-Newsseiten „Blick“ und „Le Matin“). Die Antworten zur Pünktlichkeit sind jedoch überraschend. In der Schweiz ist Pünktlichkeit immer noch eine Tugend bzw. das Klischee „pünktlich wie eine Schweizeruhr“ hat eine gewisse Aktualität bewahrt. Immerhin akzeptiert in der Deutschschweiz 54 Prozent eine Wartezeit von 10 Minuten oder auch mal mehr, in der Romandie sind es nur 47 Prozent und im Tessin nur noch 40 Prozent.

Wie Realität und Fiktion verschmelzen
„Sie war nie pünktlich, aber das macht mir nichts aus, je weniger Zeit mir bleibt, desto mehr Zeit lasse ich mir“, schreibt Peter Stamm in seinem neusten Roman "Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“ (Seite 7). Stamm erzählt vom verlorenen Gleichgewicht eines Mannes, der in die Jahre gekommen ist. Christoph, so heisst der Protagonist, inszeniert seine Glückssuche mit Doppelgängermotiven und Déjà-vu, dem Gefühl, eine Situation schon erlebt zu haben, begleitet von einem Gefühl der Unwirklichkeit. Eigentlich ist in dem Roman vieles stimmig aber auch vieles ziemlich verrückt. In der Geschichte von Christoph schlummern jedoch auch philosophische Fragen: Was wäre, wenn wir die Geschichte unseres Lebens schon als Buch vor uns hätten? Würde sich das Schicksal wiederholen, würden wir gleich reagieren… Wie können wir dem Schicksal entkommen? „Das autobiografische Ich des Romans betritt die Welt als Doppelgänger des Autors, und alles geht noch einmal von vorne los“, schreibt die NZZ (21.2.2018). Stamm schreibt auch: „Wenn der alte Mann stirbt, wird alles in den Müll geworfen, weil er keine Angehörigen hat, oder weil niemand sich für seine Sachen interessiert, nicht einmal für die paar Schwarzweissfotos, die er besessen hat von längst verstorbenen Menschen, von seinen Eltern…“ (Seite154). Das Thema „das Leben ist kurz“ ist nicht nur in seinem Seminar als Friedrich Dürrenmatt Gastprofessor für Weltliteratur an der Universität Bern präsent, sondern auch in seinem neuen Roman.


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