Mittwoch, 19. Oktober 2011

Für eine neue Kultur der Geisteswissenschaften?

Auszug aus dem Editorial des SAGW Bulletins 4/11 von Dr. Markus Zürcher, Generalsekretär der SAGW.

Unter dem Titel «Für eine neue Kultur der Geisteswissenschaften?» fragen wir an dem vom 30. November bis zum 2. Dezember in Bern stattfindenden Kongress, ob und wie die Geisteswissenschaften die heute dominanten Vorgaben und Forderungen an Forschung und Lehre erfolgreich einlösen können. […]
Die studia humanitatis, die humaniora, humanités, humanities, humanidades, umanità, die den verschiedenen europäischen Kulturstaaten gemeinsame humanistische Bildung, blicken auf eine lange und wechselvolle Geschichte. Seit dem Mittelalter in jeder Hinsicht gesellschaftsbildend verkam die humanistische Bildung im 18. Jahrhundert zu steriler Gelehrsamkeit. Als Leit- und Nationalwissenschaften mit enzyklopädischem Anspruch dominierten die Geisteswissenschaften Universität und Geistesleben im 19. Jahrhundert, bis sie sich, vom raschen Aufstieg der Naturwissenschaften herausgefordert, auf ihre Andersartigkeit beriefen und damit dem Gerede von den zwei Kulturen den Weg bereiteten. Zu Beginn und bis zur Hälfte des vergangenen Jahrhunderts wurde das Terrain für eine Synthese von Verstehen und Erklären geebnet. Der Zweite Weltkrieg und der Siegeszug quantitativer Methoden in den Sozialwissenschaften hat diese vielversprechende Entwicklung jäh unterbrochen. Es ist bezeichnend, dass im Band IV der Geschichte der Universität in Europa auf eine Darstellung der Entwicklung der Geisteswissenschaften in der Nachkriegszeit mit der Begründung verzichtet wurde, dass Letztere einen neuen Platz in einer von Naturwissenschaft, Technik und Handel beherrschten Universität suchen.
    Die Beiträge von verschiedene AutorInnen im SAGW Bulletin 4/11 zeigen, dass der Erfolg der Geisteswissenschaften in der Lehre – zum nicht nachvollziehbaren Missfallen einzelner Exponenten – ungebrochen ist, die humanistische Bildung in ihrer weltweiten Verbreitung eines der wenigen gemeinsamen Fundamente in einer globalisierten und verflochtenen Welt abgibt. […]
Die Stimmen aus der Berufspraxis zeigen klar, dass eine globalisierte Wirtschaft und eine medialisierte Welt geisteswissenschaftlicher Kompetenzen bedarf, dass eine rege Nachfrage besteht. Deutlich wird aber auch, dass sich die Geisteswissenschaften der Frage nach ihrem Nutzen stellen müssen. Insbesondere sind Arbeitgeber darauf angewiesen, dass die in einem geisteswissenschaftlichen Studium erworbenen Qualifikationen klar bezeichnet und ausgewiesen werden. 

Das SAGW Bulletin 4/11 mit dem Dossiertitel «Nutzen und Kultur der Geisteswissenschaften» erscheint Anfang November.
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Montag, 17. Oktober 2011

PolitBlog: Ohne Geisteswissenschaften keine Politik

Jacques Neirynck schreibt am Montag 17. Oktober 2011im Politblog darüber, weshalb die Geisteswissenschaften unerlässlich sind für die Politik. Unter anderem sagt er:
Die Geisteswissenschaften sind per Definition der Nährboden der Politik. Doch ihnen hängt der Ruf an, keine greifbaren Resultate zu erbringen, kraftlos, beliebig und disziplinlos zu sein. Mit dieser Einstellung ist es in der Tat einfach, die Humanwissenschaften zu ignorieren und sich stattdessen auf Ideologien, auf den Volksglauben und auf vorgefasste Meinungen zu verlassen."
Lesen Sie den ganzen Eintrag: http://politblog.derbund.ch/blog/index.php/6218/die-geisteswissenschaften-stiefkinder-der-politik/?lang=de

Donnerstag, 13. Oktober 2011

Wissenschaftliche Qualität messen: Ja, aber wie?

Am 7. Oktober organisierte die Rektorenkonferenz der Schweizer Universitäten (CRUS) in Lausanne die Tagung «Messung der Forschungsleistungen: Herausforderungen und Perspektiven». Die Tagung ist Teil des Projekts «Mesurer les performances de la recherche» (2008–2011), das mit dem Ziel lanciert wurde, die Schweizer Universitäten mit angemessenen, auch für die Geistes- und Sozialwissenschaften anwendbaren Instrumenten zur Messung ihrer Forschungsleistungen auszustatten.
An der Tagung wurden die ersten erlangten Ergebnisse vorgestellt. Qualitätsmessung ist wichtig, nicht nur um Rechenschaft abzulegen, sondern auch um die eigenen Stärken und Schwächen zu kennen. Es zeichnet sich ab, dass Qualitätsindikatoren den Fachbereichen angepasst sein müssen, was wiederum die Vergleichbarkeit erschwert. Mit welchen Instrumenten sich Qualität messen lässt, blieb indes umstritten.

Welches sind Ihrer Ansicht nach die besten Indikatoren zur Qualitätsmessung in den Geistes- und Sozialwissenschaften? Woran erkennt man Qualität in den Geistes- und Sozialwissenschaften? 


Weitere Informationen zum Projekt unter:

Mittwoch, 12. Oktober 2011

Was macht gute geisteswissenschaftliche Forschung aus?

«Die Geisteswissenschaften sind in der Defensive, nur ein Blinder kann das leugnen. Da hilft es nicht, zu beteuern, wie wichtig ihre Gegenstände - Sprache, Literatur, Kunst, Geschichte - sind; davon braucht man die wenigsten zu überzeugen. Auch der Hinweis auf die Komplexität dieser Gegenstände ist geschenkt. Natürlich sind die Ursachen des Lautwandels, um ein Thema aus meinem Gebiet zu nennen, sehr komplex. Aber das menschliche Genom zu sequenzieren oder die Bahn einer Rakete so zu berechnen, dass sie zum Mars fliegt, ist auch nicht von Pappe. Das stete Zurückfallen der geisteswissenschaftlichen Forschung hinter die naturwissenschaftliche liegt an dem mangelnden Bestreben Rerum cognoscere Causas. Aus dieser selbst verschuldeten Misere helfen uns freilich auch Erfolgsmodelle aus Physik oder Biologie nicht ohne weiteres heraus: Die Geistes- und Sozialwissenschaftler müssen sich schon selber auf die Suche nach den Prinzipien machen, die den von ihnen untersuchten Erscheinungen zugrunde liegen.» (Klein 2004)

Bleiben die Geisteswissenschaften auch im Kontext der Forschungsförderung suspekt, weil sie kaum quantifizierbare Resultate liefern (wie Regina Schneider von Euresearch im nächsten Bulletin der SAGW schreibt) und kausale Beziehungen auf einer generalisierten Ebene umgangen werden? Mit welchen Qualitätsmerkmalen lässt sich die oft vermisste Möglichkeit zur Verallgemeinerung kompensieren?


Quelle: "Was die Geisteswissenschaften leider noch von den Naturwissenschaften unterscheidet", Wolfgang Klein. In: Gegenworte, 13/2004. Download vollständiger Artikel: www.gegenworte.org/heft-13/klein13.html (12.10.2011)