Donnerstag, 27. Oktober 2016

Wissenschaftsbarometer 2016

Dr. Franca Siegfried
Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften

Was denkt die Schweizer Bevölkerung über Wissenschaft? Wo informiert sie sich über Forschung? Wie oft liest sie darüber im Internet? Mit dem Wissenschaftsbarometer haben Mike Schäfer (Universität Zürich) und Julia Metag (Universität Freiburg) ein einfaches Instrument für eine Momentaufnahme geschaffen: Alle drei Jahre werden sie in der Schweiz den „Luftdruck für die Wissenschaft“ messen.

Zwischen Wissen und Nichtwissen
Der Soziologe Georg Simmel erklärte, dass Vertrauen ein mittlerer Zustand zwischen Nichtwissen und Wissen sei. Seine Gedanken passen zum neuen Wissenschaftsbarometer: So vertraut gut die Hälfte der Schweizer Bevölkerung der Wissenschaft, dabei geniessen Universitäten ein grösseres Grundvertrauen als etwa Forschungsbetriebe der Wirtschaft. Zumal 73 Prozent der SchweizerInnen von der Forschung keinen unmittelbaren Nutzen für die Gesellschaft erwarten.
Wissensquellen
Wer sich über Forschung informieren will, der liest Zeitung. Das Internet als Informationsplattform steht auf Platz zwei – Fernsehen bekommt von den 1051 Befragten Rang drei. Erstaunlich ist, dass das Radio Nummer vier ist, obwohl die Glaubwürdigkeit bei der Bevölkerung beim Radio höher ist als bei der Presse. Fakt ist, dass Wissensmagazine als Informationsquelle auf dem letzten Platz landen. Woran das liegt, das hat der Wissenschaftsbarometer nicht evaluiert – eine Folgestudie wäre wünschenswert. 
Enzyklopädie der freien Inhalte
Das Internet ist ein Fundus an Wissen, die Digitalisierung im Sinne von Open Access auf gutem Weg. Wikipedia steht auf der Beliebtheitsliste ganz oben, obwohl die Forscher selber kaum Wikipedia zitieren. Webseiten sind im Wissenschaftsbarometer auf Platz zwei gesetzt. Nummer drei sind Video-Plattform YouTube, Facebook und Blog. 
Agenda Setting
Bei der Abfrage von bekannten Forschungsgebieten dominieren Medizin, Energie bzw. Naturwissenschaften. Diese Bereiche sind auch die Favoriten beim Agenda Setting der Qualitäts- wie auch Boulevardmedien.
Das Selbstverständliche
Alle Befragten bestätigen, dass sie über Wissenschaft und Forschung im Familienkreis, mit Freunden und Bekannten diskutieren: Dazu gehören wohl auch Lebensfragen, über das Altwerden, über ihre Renten, alles zu Politik, Familien, Bildung – mit der Sprachenvielfalt unseres Landes lässt sich darüber in mehreren Sprachen debattieren. Dies beweist die hohe Relevanz der Geistes- und Sozialwissenschaften in der Gesellschaft. Darum kann man im Wissenschaftsbarometer von 2019 auf eine Zusatzfrage hoffen: Welche Bereiche der Geistes- und Sozialwissenschaft sind Ihnen vertraut?


Donnerstag, 20. Oktober 2016

Das Gewissen einer Generation

Dr. Franca Siegfried
Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften

Sara Danius, genannt Frau Nobelpreis, hat resigniert. Die Schwedische Professorin für Literaturwissenschaft wollte Bob Dylan die Botschaft verkünden, dass ihr Komitee ihn zum Preisträger 2016 auserkoren hat. Dylan war für die Dame nicht erreichbar.

Titelhagel
Zwei Doktorentitel, einen Pulitzer-Sonderpreis, die National Medal of Arts, die Presidential Medal of Freedom, den französischen Orden der Ehrenlegion... in den letzten Jahren konnte sich der 75-Jährige vor lauter Ehrungen kaum noch wehren.

Bedeutung der Ehrung
Soziologe Max Weber erklärte Ehrungen als Gratifikation für aussergewöhnliche Arten der Lebensführung, etwa selbstloses Engagement für die Gesellschaft, besondere intellektuelle Leistungen oder im Fall Dylan künstlerische Kreativität. Der Ehrer, das Komitee des Nobelpreises, beweist mit der Auszeichnung, dass er dessen Lebensführung respektiert und der Geehrte bekommt den Segen, dass er gesellschaftlich anerkannt ist.

Stimme einer Generation
Bob Dylan selber hat sich nie um Kunstformen und Establishment gekümmert: Er war Hippie-Ikone, Rockmusiker, Schauspieler, sang politische Botschaften und überwand seine Lebenskrisen mit Alkohol und christlicher Selbstfindung. Mit seiner Lebensführung am Rande der amerikanischen Gesellschaft wurde Dylan in den 1960-er Jahren zur Stimme einer ganzen Generation.

Antiehrung
Die weltweite Diskussion, ob sich Kandidat Dylan für einen Nobelpreis eignet ist unwürdig. Damit entehren Experten die Lebensführung eines Mannes, der sich um das wirklich Wichtige im Leben, um seine Authentizität kümmerte. Wird Bob Dylan am 10. Dezember an der Preisverleihung in Stockholm aufkreuzen? – The answer is blowin' in the wind...

Dienstag, 11. Oktober 2016

Die grössten Schweizer Sprachtalente

Dr. Franca Siegfried
Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften

Das Image der Mehrsprachigkeit in der Schweiz kommt nicht von ungefähr. Zumal unsere Viersprachigkeit in der Schweizer Bundesverfassung verankert ist. Ein guter Grund regelmässig zu erfassen, welche Sprachen im Alltag gesprochenen werden. Soeben hat das Bundesamt für Statistik BFS die neusten Ergebnisse der Studie „Sprachliche Praktiken“ publiziert. 

Unser Sprachenreichtum
Zwei Drittel der Schweizer Bevölkerung sprechen, hören oder lesen mindestens einmal pro Woche eine zweite Sprache.

Sprachenlandschaft
Besonders Schweizer Dialekte sind in ihren angestammten Regionen gut in den Alltag integriert: So sprechen etwa 87 Prozent der Deutschschweizer mindestens einmal pro Woche Schweizerdeutsch und 32 Prozent der Tessiner pflegen ihren Dialekt. Aber auch 77 Prozent unterhalten sich in gewissen Tälern im Kanton Graubünden auf Rätoromanisch.

Mehr Sprachfertigkeit
Heute gehören die rund 40'000 Rätoromanen zur Spitze der Mehrsprachigkeit des Landes: 90 Prozent von ihnen sprechen regelmässig Schweizerdeutsch und Deutsch. Ein Drittel kann sich gut in Italienisch und Englisch verständigen. Allerdings sprechen nur 9 Prozent der Rätoromanen Französisch.

Vergessene Sprachtalente
Die neue Studie bekam am 5. Oktober auch Sendezeit in der Tagesschau von SRF. Nur hat die Redaktion mit keinem Wort die Rätoromanen erwähnt. „Die Tagesschau ist angesichts der knappen Zeit jeweils gezwungen zu fokussieren“, entschuldigte sich danach SRF. Der Fokus liegt wohl nicht mehr auf der vierten Landessprache. Auch die ETH Zürich stellt die Mitfinanzierung des Studienfachs Rätoromanisch an der Universität Zürich Ende 2018 ein. Wer wird für die fehlenden 100'000 Franken die Kasse öffnen?

Seit 1996 finanziert die SAGW die Nationalen Wörterbücher und begleitet das Voranschreiten ihrer Arbeit. http://www.sagw.ch/nwb

Mittwoch, 5. Oktober 2016

Eine Frage der Kausalität

Dr. Franca Siegfried
Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften

„Die Schweizer Bevölkerung ist zufrieden mit ihrem Leben, positive Gefühle überwiegen und die grosse Mehrheit empfindet ihr Leben als sinnvoll und selbstbestimmt“ (Sozialbericht 2016, Ausgewählte Resultate: 1)Im Sozialbericht 2016 haben das Schweizer Kompetenzzentrum Sozialwissenschaften FORS mit der Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds das Wohlbefinden der Bevölkerung dokumentiert.

Was bedeutet Wohlbefinden
Wie zufrieden sind wir mit dem Leben, mit unserer finanziellen, sozialen und persönlichen Situation? Erachten wir unser Leben wirklich als sinnvoll, nützlich, erfüllt und selbstbestimmt? Die WHO etwa definiert sogar Gesundheit als einen Zustand vollständigen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens. Das individuelle Wohlbefinden einer Bevölkerung in einem Sozialbericht auf einen Nenner zu bringen ist eine Mammutaufgabe schlechthin, bei der auch Schwierigkeiten bei der Auswertung und Interpretation auftreten können.

Wohlbefinden liegt in der Beziehung
„Die überwiegende Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer lebt in einer Partnerschaft. Menschen in einer Partnerbeziehung sind tendenziell zufriedener, erleben mehr Freude und sind weniger traurig“ (Sozialbericht 2016, Ausgewählte Resultate: 3). FORS stellt sich mit dieser Aussage bewusst auch dem Problem der Kausalität: Leben zufriedene Menschen eher in einer Beziehung oder macht generell eine Beziehung zufrieden? Zwei gemeinsame auftretende Phänomene werden kausal miteinander verknüpft, obwohl es keinen Beweis für eine Kausalität zwischen den beiden Phänomenen gibt. Die Korrelation, das miteinander Auftreten zweier Phänomene, bedeutet in diesem Fall noch keine Kausalität.

Wohlbefinden endet nach der Trennung
Betrachtet man jedoch das subjektive Wohlbefinden nach Zivilstand, so haben Verheiratete ein deutlich höheres als Geschiedene und Verwitwete. Das weitaus tiefste Wohlbefinden haben jedoch getrennte Frauen und Männer. Unsicherheit und emotionaler Stress während der Übergangszeit beeinträchtigen das Wohlbefinden am stärksten.

Wohlbefinden beginnt mit der Vorfreude
Unbestritten und ohne Scheinkausalität ist das Lebensereignis Heiraten, welches das subjektive Wohlbefinden bereits bei den Vorbereitungen erhöht. Dieser Effekt flacht jedoch nach dem Ja-Wort wieder ab.



Zum Thema

Publikation: Claudine Burton-Jeangros, Trajectoires de santé, inégalités sociales et parcours de vie. Swiss Academies Communications 11 (8), SAGW, 2016.