Montag, 5. Dezember 2011

Reaktion zur Tagung

Da die Tagung etwas abrupt und entgegen des Programms eine halbe Stunde zu früh beendet wurde, war es leider nicht mehr möglich, zumindest eine kurze Diskussion im Plenum über den Inhalt der gesamten Tagung und nicht nur über die einzelnen thematischen Blöcke zu führen. Was folgt ist ein kurzer wissenschaftssoziologischer Kommentar, der eigentlich in einer solchen abschliessenden Gesamtdiskussion hätte Platz finden sollen.

Die breit gefächerten Voten im Rahmen der Tagung schienen sich in einem Punkt einig zu sein: die Geisteswissenschaften befinden sich in einer veränderten politischen, universitären und medialen Situation wieder. Dass sich daraus eine Notwendigkeit zur Reaktion von den Geisteswissenschaften ergibt, wurde mehrheitlich befürwortet, auch wenn dies manchmal nicht viel mehr als die Forderung nach verbesserten Kommunikationsanstrengungen bedeutet hat. In welcher Form man sich auf diese neue Situation einlassen sollte, wurde bspw. von Loprieno so beantwortet, dass die eigenen Überzeugungen in schlitzohriger Subversion des Systems zurückzustellen sein. Verantwortungsethik kommt vor Gesinnungsethik müsste man hier wohl diagnostizieren.
Diese Art von Handlungsempfehlungen kollidieren aber mit der von Schimank sehr deutlich markierten Problematik, dass eigentlich kaum verlässliches Wissen über das Funktionieren, die Folgen und die Nebenfolgen dieser neuen Wissenschaftskonstellation vorliegt, auf die sich die Geisteswissenschaften einlassen sollen. Es ist deshalb bemerkenswert, dass die Redner und Kommentatoren während der Tagung sehr sicher darin schienen, was sie alles darüber wissen, wie sich der Zustand der Geisteswissenschaften und die gegenwärtigen Lage präsentiert. Mit Schimank muss man konstatieren, dass diese Sicherheit nicht in den Befunden der Hochschul- und der Wissenschaftsforschung begründet liegen kann, sondern höchstens aus anekdotischer Evidenz stammen muss.
Es liegt hier eine merkwürdige Diskrepanz - nicht Schizophrenie, allenfalls kognitive Dissonanz – vor, indem die Evidenzforderung für Fragen innerhalb der wissenschaftlichen Disziplinen hochgehalten wird, die Erläuterungen Schulzes mögen hier als Beleg dienen, während für Fragen der Wissenschaftspolitik belastbare Evidenzen kaum für notwendig erachtet werden. Für die eigenen Belange in einer Wissensgesellschaft politisch eintreten zu können, setzt aber gerade voraus, dass Forderungen mit belastbarem Wissen untermauert werden, so dass sich im besten Fall der von Gugerli beschriebene Teufelskreis durch selbstbewusst auftretende Geisteswissenschaften durchbrechen liesse.

Martin Reinhart, Programm für Wissenschaftsforschung Basel

Mittwoch, 16. November 2011

Berner Winter Schools (2012–2015) zum Thema "TransFormationen"

Die Philosophisch-historische Fakultät der Universität Bern veranstaltet ab 2012 eine Reihe von jährlich stattfindenden, international ausgerichteten Winter Schools. Sie beabsichtigt damit einen Beitrag zur Integration der geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächer sowie zur Verankerung von Interdisziplinarität und methodologischer Reflexion auf der Doktoratsstufe zu leisten.
Die Winter School 2012 findet vom 22. bis zum 27. Januar unter dem Titel "TransForming Knowledge and Epistemic Cultures statt". Damit befasst sie sich mit einem bestimmten Aspekt von "TransFormationen", dem übergreifenden Thema der ersten vier Winter Schools.
Aus historischer, sozial- und kulturwissenschaftlicher Perspektive sollen dabei verschiedene lokale und globale Formations- und Transformationsprozesse des 21. Jahrhunderts in ihrer Vielschichtigkeit und Komplexität analysiert und (mit)gestaltet werden: Historische, gesellschaftliche und kulturelle Prozesse, Übersetzungs-, Schreib-, Erinnerungs-, Wahrnehmungs-, Modernisierungs- und Globalisierungs-, Differenzierungs- und nicht zuletzt Forschungsprozesse.
Dabei wird besonders auf die mit diesen Prozessen verknüpften Herausforderungen für die Geistes- und Sozialwissenschaften fokussiert und auf ihre Rolle in einer (post)modernen Wissensgesellschaft.
 Bewerbungen für die Winter School 2012 können bis zum 27. November 2011 eingereicht werden. Informationen dazu sind unter folgendem Link abrufbar: http://wsblog.iash.unibe.ch/

Mittwoch, 2. November 2011

Open Letter to the European Commission on Socio-economic Sciences and Humanities research in the new FP, 2014-2020

Die  Europäische Kommission arbeitet gegenwärtig unter dem Titel «Horizon 2020» das nächste EU-Forschungsrahmenprogramm aus. Ob und in welchem Umfang die Geistes- und Sozialwissenschaften im neuen Programm berücksichtigt werden, steht zur Diskussion und ist ungewiss.

Auf Initiative der British Academy setzt sich die Dachorganisation der europäischen Akademien ALLEA seit über einem Jahr auf allen Stufen für einen starken Einbezug der Geistes- und Sozialwissenschaften ein.

Mit Blick auf die anstehenden Entscheide über das 100 Billionen schwere Programm ist heute der Aufruf an uns gegangen, einen offenen Brief an den Kommissar für Forschung und Innovation zu unterzeichnen.

Der Brief wurde in Absprache mit einer Vielzahl von europäischen Dachorganisationen im Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften ausgearbeitet. Damit sollen die Europäische Kommission und die nationalen Regierungen auf den für Europa gerade in diesen Tagen zentralen Beitrag der grössten Forschungsgemeinschaft aufmerksam gemacht werden.

Die SAGW lädt Sie dazu ein, den Brief zu unterzeichnen: http://www.eash.eu/openletter2011




PS: Melden Sie sich an für unsere Tagung «Für eine neue Kultur der Geisteswissenschaften?» vom 30. November bis 2. Dezember 2011 in Bern sowie unsere Website www.sagw.ch/geisteswissenschaften hinzuweisen. Der Kongress kann auch tageweise besucht werden. Anlass für diese Initiative ist nicht zuletzt die Infragestellung insbesondere der Geisteswissenschaften auf europäischer Ebene.

Mittwoch, 19. Oktober 2011

Für eine neue Kultur der Geisteswissenschaften?

Auszug aus dem Editorial des SAGW Bulletins 4/11 von Dr. Markus Zürcher, Generalsekretär der SAGW.

Unter dem Titel «Für eine neue Kultur der Geisteswissenschaften?» fragen wir an dem vom 30. November bis zum 2. Dezember in Bern stattfindenden Kongress, ob und wie die Geisteswissenschaften die heute dominanten Vorgaben und Forderungen an Forschung und Lehre erfolgreich einlösen können. […]
Die studia humanitatis, die humaniora, humanités, humanities, humanidades, umanità, die den verschiedenen europäischen Kulturstaaten gemeinsame humanistische Bildung, blicken auf eine lange und wechselvolle Geschichte. Seit dem Mittelalter in jeder Hinsicht gesellschaftsbildend verkam die humanistische Bildung im 18. Jahrhundert zu steriler Gelehrsamkeit. Als Leit- und Nationalwissenschaften mit enzyklopädischem Anspruch dominierten die Geisteswissenschaften Universität und Geistesleben im 19. Jahrhundert, bis sie sich, vom raschen Aufstieg der Naturwissenschaften herausgefordert, auf ihre Andersartigkeit beriefen und damit dem Gerede von den zwei Kulturen den Weg bereiteten. Zu Beginn und bis zur Hälfte des vergangenen Jahrhunderts wurde das Terrain für eine Synthese von Verstehen und Erklären geebnet. Der Zweite Weltkrieg und der Siegeszug quantitativer Methoden in den Sozialwissenschaften hat diese vielversprechende Entwicklung jäh unterbrochen. Es ist bezeichnend, dass im Band IV der Geschichte der Universität in Europa auf eine Darstellung der Entwicklung der Geisteswissenschaften in der Nachkriegszeit mit der Begründung verzichtet wurde, dass Letztere einen neuen Platz in einer von Naturwissenschaft, Technik und Handel beherrschten Universität suchen.
    Die Beiträge von verschiedene AutorInnen im SAGW Bulletin 4/11 zeigen, dass der Erfolg der Geisteswissenschaften in der Lehre – zum nicht nachvollziehbaren Missfallen einzelner Exponenten – ungebrochen ist, die humanistische Bildung in ihrer weltweiten Verbreitung eines der wenigen gemeinsamen Fundamente in einer globalisierten und verflochtenen Welt abgibt. […]
Die Stimmen aus der Berufspraxis zeigen klar, dass eine globalisierte Wirtschaft und eine medialisierte Welt geisteswissenschaftlicher Kompetenzen bedarf, dass eine rege Nachfrage besteht. Deutlich wird aber auch, dass sich die Geisteswissenschaften der Frage nach ihrem Nutzen stellen müssen. Insbesondere sind Arbeitgeber darauf angewiesen, dass die in einem geisteswissenschaftlichen Studium erworbenen Qualifikationen klar bezeichnet und ausgewiesen werden. 

Das SAGW Bulletin 4/11 mit dem Dossiertitel «Nutzen und Kultur der Geisteswissenschaften» erscheint Anfang November.
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Montag, 17. Oktober 2011

PolitBlog: Ohne Geisteswissenschaften keine Politik

Jacques Neirynck schreibt am Montag 17. Oktober 2011im Politblog darüber, weshalb die Geisteswissenschaften unerlässlich sind für die Politik. Unter anderem sagt er:
Die Geisteswissenschaften sind per Definition der Nährboden der Politik. Doch ihnen hängt der Ruf an, keine greifbaren Resultate zu erbringen, kraftlos, beliebig und disziplinlos zu sein. Mit dieser Einstellung ist es in der Tat einfach, die Humanwissenschaften zu ignorieren und sich stattdessen auf Ideologien, auf den Volksglauben und auf vorgefasste Meinungen zu verlassen."
Lesen Sie den ganzen Eintrag: http://politblog.derbund.ch/blog/index.php/6218/die-geisteswissenschaften-stiefkinder-der-politik/?lang=de

Donnerstag, 13. Oktober 2011

Wissenschaftliche Qualität messen: Ja, aber wie?

Am 7. Oktober organisierte die Rektorenkonferenz der Schweizer Universitäten (CRUS) in Lausanne die Tagung «Messung der Forschungsleistungen: Herausforderungen und Perspektiven». Die Tagung ist Teil des Projekts «Mesurer les performances de la recherche» (2008–2011), das mit dem Ziel lanciert wurde, die Schweizer Universitäten mit angemessenen, auch für die Geistes- und Sozialwissenschaften anwendbaren Instrumenten zur Messung ihrer Forschungsleistungen auszustatten.
An der Tagung wurden die ersten erlangten Ergebnisse vorgestellt. Qualitätsmessung ist wichtig, nicht nur um Rechenschaft abzulegen, sondern auch um die eigenen Stärken und Schwächen zu kennen. Es zeichnet sich ab, dass Qualitätsindikatoren den Fachbereichen angepasst sein müssen, was wiederum die Vergleichbarkeit erschwert. Mit welchen Instrumenten sich Qualität messen lässt, blieb indes umstritten.

Welches sind Ihrer Ansicht nach die besten Indikatoren zur Qualitätsmessung in den Geistes- und Sozialwissenschaften? Woran erkennt man Qualität in den Geistes- und Sozialwissenschaften? 


Weitere Informationen zum Projekt unter:

Mittwoch, 12. Oktober 2011

Was macht gute geisteswissenschaftliche Forschung aus?

«Die Geisteswissenschaften sind in der Defensive, nur ein Blinder kann das leugnen. Da hilft es nicht, zu beteuern, wie wichtig ihre Gegenstände - Sprache, Literatur, Kunst, Geschichte - sind; davon braucht man die wenigsten zu überzeugen. Auch der Hinweis auf die Komplexität dieser Gegenstände ist geschenkt. Natürlich sind die Ursachen des Lautwandels, um ein Thema aus meinem Gebiet zu nennen, sehr komplex. Aber das menschliche Genom zu sequenzieren oder die Bahn einer Rakete so zu berechnen, dass sie zum Mars fliegt, ist auch nicht von Pappe. Das stete Zurückfallen der geisteswissenschaftlichen Forschung hinter die naturwissenschaftliche liegt an dem mangelnden Bestreben Rerum cognoscere Causas. Aus dieser selbst verschuldeten Misere helfen uns freilich auch Erfolgsmodelle aus Physik oder Biologie nicht ohne weiteres heraus: Die Geistes- und Sozialwissenschaftler müssen sich schon selber auf die Suche nach den Prinzipien machen, die den von ihnen untersuchten Erscheinungen zugrunde liegen.» (Klein 2004)

Bleiben die Geisteswissenschaften auch im Kontext der Forschungsförderung suspekt, weil sie kaum quantifizierbare Resultate liefern (wie Regina Schneider von Euresearch im nächsten Bulletin der SAGW schreibt) und kausale Beziehungen auf einer generalisierten Ebene umgangen werden? Mit welchen Qualitätsmerkmalen lässt sich die oft vermisste Möglichkeit zur Verallgemeinerung kompensieren?


Quelle: "Was die Geisteswissenschaften leider noch von den Naturwissenschaften unterscheidet", Wolfgang Klein. In: Gegenworte, 13/2004. Download vollständiger Artikel: www.gegenworte.org/heft-13/klein13.html (12.10.2011)

Dienstag, 20. September 2011

Lancer le débat

Zur Lancierung der Diskussion dokumentieren wir auf unserer Website (www.sagw.ch/geisteswissenschaften) die vier Tagungsschwerpunkte:

Forschung im Zeichen der Projektifizierung
Lehre im Zeichen von Employability
Hochschulsteuerung im Zeichen von Qualität und Leistung
Öffentlichkeiten im Zeichen der Nutzung

Dieser Blog soll eine Möglichkeit bieten, Stimmen einzufangen, Kommentare zu veröffentlichen, Reaktionen und Meinungen zu den Fragestellungen der Tagung zu erfassen. Sie sind am Ball!

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Pour lancer le débat, nous documentons les quatre domaines explorés dans le cadre du colloque sur notre site web (www.sagw.ch/geisteswissenschaften):

La recherche sous le signe de la «projectisation»
L'enseignement sous le signe de l'«employabilité»
Pilotage des hautes écoles sous le signe de la qualité et la performance
Les domaines publics sous le signe de l'utilisation

Ce blog cherche à lancer le débat en publiant des commentaires et saisissant des opinions et réactions concernant les questions cadres du colloque. A vous la parole!

Montag, 15. August 2011

SAGW-Tagung: «Für eine neue Kultur der Geisteswissenschaften?»

Ein pluralistisches Theorieverständnis, methodische Vielfalt, eine Vielzahl von Untersuchungsgegenständen sowie die hohe Bedeutung der Individualforschung zeichnen die Geisteswissenschaften aus. Gegenläufig entwickeln sich andere Wissenschaftsbereiche sowie die wissenschafts- und forschungspolitischen Vorgaben. Wir beobachten eine Verschmelzung von Disziplinen zu neuen Konglomeraten (Life Sciences, Convergent Technologies), die Standardisierung von Methoden und Verfahren und die Ausrichtung auf Grossprojekte. Hinzu kommt, dass andere Wissenschaftsbereiche zumindest gegen Aussen mit hoher Geschlossenheit auftreten. Dem steht ein selbstkritisches Verständnis der Geisteswissenschaften gegenüber dem eigenen Tun und ihren Objekten entgegen. Die Problematisierung der Geisteswissenschaften manifestiert sich nicht nur und nicht hauptsächlich in der Aussenwahrnehmung – sie ist als Folge eines problematisierenden Selbstverständnisses der Selbstwahrnehmung eingeschrieben. So stellt sich die Frage, ob eine «neue» Wissenschaftskultur für die Geisteswissenschaften notwendig geworden ist und wie diese auszusehen hätte. Mit der Tagung soll eine disziplinenübergreifende Debatte über die künftige Position der Geisteswissenschaften lanciert werden; sie bildet den Auftakt für weiterführende Aktivitäten.


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Les sciences humaines sont caractérisées par une compréhension pluraliste de la théorie, une diversité méthodique, un grand nombre d’objets à analyser, tout comme une grande signification de la recherche individuelle. Actuellement, d'autres domaines scientifiques tout comme les démarches de la politique scientifique et de la politique de la recherche sont en cours de développement. Nous constatons une fusion entre les disciplines en de nouveaux conglomérats (Life Sciences, Convergent Technologies), la standardisation des méthodes et démarches, et l’orientation vers de grands projets. De plus, d’autres domaines de la science apparaissent de façon très unie tout au moins vers l’extérieur. Une compréhension autocritique des sciences humaines par rapport à ses actions et ses objets s’y oppose. La problématisation des sciences humaines se manifeste non seulement et pas principalement par la perception de l’extérieur – elle est la suite d’une compréhension de soi problématisante de la perception de soi. La question de savoir si une «nouvelle» culture des sciences pour les sciences humaines est devenue nécessaire se pose donc, tout comme de savoir ce qui devrait la définir. À travers le colloque, un débat interdisciplinaire sur la position future des sciences sociales devrait être lancé, et le colloque constitue le prélude d’activités qui se poursuivront.