Donnerstag, 24. November 2016

News-Armut 2016


Dr. Franca Siegfried
Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften
Dieses Jahr hat sich das Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög) der Universität Zürich im Jahrbuch „Qualität der Medien“ mit dem Phänomen der News-Deprivation und dem Vertrauen in die Medien befasst: Wie, wie oft, warum und womit die Schweizer Bevölkerung in die Welt schaut... https://www.foeg.uzh.ch/de/jahrbuch.html

Die AhnungslosenProfessionell aufbereitete News in Informationsmedien interessiert zwei Drittel der Bevölkerung. Bereits ein Drittel, besonders junge Erwachsene, informieren sich nur noch über Facebook, WhatsApp oder Twitter und misstrauen dem Mediensystem. In der Studie wird dieser Drittel der Bevölkerung als „News-Deprivierte“ kategorisiert. Fög beschreibt in der Studie auch, wie sich News-Armut beheben lässt: Regelmässig traditionelle Informationsmedien konsumieren – damit wächst das Vertrauen der Mediennutzer in das Mediensystem. Und die gute News für den Service Public: Mehr Vertrauen in die Medien bedeutet, dass NutzerInnen bereit sind, für Inhalte zu bezahlen.
Sündenbock Social Media
Sind die Social Media schuld an dem Misstrauen und an der News-Armut junger Erwachsener? Kaum. Junge Erwachsene wurden einerseits mit Gratismedien von Schweizer Verlagshäusern sozialisiert, andererseits zeigt ihre Skepsis, wie differenziert diese Generation mit Informationen umgehen kann.
News-Schwund
An einer News-Armut könnten schon bald Studierende der Universität Zürich leiden. Die ETH plant, dass sie der Zeitung Zürcher-Student (ZS) keine Adressen mehr von ETH-Studierenden geben will. Mit dieser Massnahme würden sich Auflage und Werbeeinnahmen der ZS massiv verkleinern, zumal die Produktion der Zeitung mit Werbeeinnahmen finanziert wird: Wie schon Karl Marx zu sagen pflegte, die erste Freiheit der Presse bestehe darin, kein Gewerbe zu sein...
http://zs-online.ch/zs-droht-eth-adressen-zu-verlieren/
Dr. Radiopirat
Das Mediensystem ist von seinem Ursprung her immer von Innovationen abhängig. Vor 37 Jahren etwa hat Roger Schawinski einen privaten Radiosender „Radio 24“ für den Raum Zürich aufgeschaltet. Er agierte von Italien aus und mobilisierte mit seinem Sender eine Generation, die damals am Radio klebte und Schawinski, zum Ärger aller Lehrer, Eltern und Politiker, als Radiopirat feierten. Im November 2016 wurde Roger Schawinski am dies academicus von der Universität Fribourg mit einem Ehrendoktor ausgezeichnet.
Die Fakultät der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften hat sein Engagement für die Gründung privater Radiosender in der Schweiz, die Medienvielfalt, unabhängigen Journalismus und das Recht auf Informationsfreiheit belohnt. Nebenbei: Vor 37 Jahren gab es noch keine News-Deprivierte.
http://www.unifr.ch/dcm/uploads/file/downloads/DCM50_Medienmitteilung_Ehrendoktor.pdf

Mittwoch, 16. November 2016

BFS Statistik und Bildungsrealität

Dr. Franca Siegfried
Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften
In der Schweiz gibt es über alle Bildungsstufen hinweg 10'566 Bildungsinstitutionen. 89 Prozent von ihnen haben die Verantwortung für die obligatorischen Schuljahre. 11 Prozent der Institutionen sind für den nachobligatorischen Bereich, etwa Berufs- und Hochschulen, zuständig. Das Bundesamt für Statistik (BFS) publizierte Ende Oktober in der Reihe „Bildung und Wissenschaft“ neue Fakten.

Zwischen Föderalismus und Zentralismus
Hinter der BFS-Statistik steht ein vielfältiges, von unterschiedlichen, teilweise auch gegenläufigen Interessen geprägtes Bildungssystem, welches sich in einer Transformation befindet. Die Globalisierung der Bildung überlagert in der Schweiz die Kraftprobe zwischen kantonalen Hoheiten und Bundeszuständigkeit. Reformprojekte, die sich auf internationale Bildungsforschung berufen, stossen bei Lehrpersonen und Eltern auf Widerstand. In diesem dynamischen Geschehen entwickelt sich die Steuerung (Governance) des Bildungssystems in immer kürzer werdenden Reformzyklen. Lesenswert sind dazu sechs Fallstudien in der neuen Publikation „Gouvernance im Spannungsfeld des schweizerischen Bildungsföderalismus“.

Das Versprechen der Bildung
Im nationalen Diskurs dient die Unterscheidung zwischen Berufsbildung und Allgemeinbildung, in der Regel das Gymnasium, als Ordnungsprinzip. Zunehmend wird auch die Differenz zwischen nützlichen, ökonomisch verwertbaren und zweckfreien, für das Arbeitsleben unwichtige Bildungsinhalte, thematisiert. Dass sich Bildung, die zu einem gelingenden Leben qualifiziert, nicht auf zwei Pole reduzieren lässt, ist im neuen SAGW Bulletin mit dem Dossier "Das Versprechen der Bildung" nachzulesen.

Tauschhandel – Bildung gegen Arbeit
Auch Roland Reichenbach der Universität Zürich schreibt im SAGW Bulletin über die steigenden Bildungskosten, welche die allgemeine Erwartung an Bildung in der Politik, wie auch in der Bevölkerung beeinflusst: Bildung wird zunehmend als Mittel zum Zweck für die Berufswelt angesehen. Alle weiteren Aspekte, etwa Bildung als Aufklärung nach Sokrates, Ausdruck der Kulturnatur des Menschen nach Humboldt oder als Prozess des Erwachsenwerdens in der Entwicklungspsychologie nach Piaget, verlieren an Bedeutung.

Berufsdiplom
Zwei Drittel aller Jugendlichen absolvieren eine berufliche Grundausbildung, dabei können sie aus 300 Lehrberufen auswählen. Carmen Baumeler des Eidgenössischen Hochschulinstitutes für Berufsbildung (EHB) schreibt im SAGW Bulletin über das Spannungsfeld zwischen Lehrfirma und Ausbildung. 70 Prozent aller Lehrstellen befinden sich in Firmen mit weniger als 50 Mitarbeitenden, davon lernen nochmals 40 Prozent in Kleinstbetrieben mit weniger als 10 Mitarbeitenden. Die Organisation für eine standardisierte Berufsausbildung ist für alle Beteiligten eine Herkulesaufgabe.

Private und staatliche Bildungsakteure
„Die Firmen leisten zweifelsohne einen grossen Beitrag zur Integration der Jugendlichen“, schreibt Carmen Baumeler im SAGW Bulletin. Zwei Drittel der Berufsschulen sind von der öffentlichen Hand finanziert, die restlichen Kosten gehen zu Lasten der Privatwirtschaft – diese Realität lässt sich aus der BFS-Statistik ebenfalls nicht ablesen.

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Mittwoch, 9. November 2016

Absolventen knapp bei Kasse

Dr. Franca Siegfried
Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften

Titelgeschichte 20 Minuten, Montag 7. November 2016: "Es entwickelt sich ein akademisches Proletariat, das sich finanziell nur noch knapp über Wasser halten kann", sagt Lena Frank, nationale Jugendsekräterin der Gewerkschaft Unia. Lukas Golder vom Institut gfs.bern beobachtet ehemalige Geschichts- oder Ethnologiestudenten, die nach Studienabschluss lange auf Reisen gehen und schliesslich nur Teilzeit arbeiten. Sorgt sich die Pendlerzeitung 20 Minuten um die Zukunft der Geistes- und Sozialwissenschafter?

Ist die Besorgnis von 20 Minuten berechtigt?
"Nein", sagt Markus Zürcher der Generalsekretär der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW). "Der Berufseinstieg vieler Geistes- und auch Sozialwissenschafter dauert im Durchschnitt bis zu fünf Jahren." Absolventen nehmen sich Zeit für Praktika in unterschiedlichen Berufsfeldern und üben sich im Modell "trial and error". Versuch und Irrtum, eine heuristische Methode, nach der passenden, individuellen Lösung für die Zukunft zu suchen. Darum sind alle Praktika äusserst lehrreich, wer sich in diversen Berusfeldern umgeschaut hat, der konnte soviel Erfahrung sammeln, dass er auch weiss, was er wirklich arbeiten möchte. Trotzdem fordert Lena Frank der UNIA, Dauer der Praktika und einen Mindestlohn gesetzlich zu regeln.

Teilzeit als Zukunftsmodell
2014 haben gemäss der Pendlerzeitung 20 Minuten mehr als die Hälfte der Masterabsolventen der Geistes- und Sozialwissenschaft Teilzeit gearbeitet. "In einer Welt, die sich so schnell verändert und in der man nicht weiss, ob es den Job in Zukunft noch gibt, ist es sinnvoll, ein zweites berufliches Standbein zu haben", sagt Markus Zürcher. Das Halbe-Halbemodell der geteilten Elternschaft ist auch eine gute Möglichkeit Kinder aufzuziehen. Zudem gestattet Teilzeitarbeit sich ein Leben lang weiterzubilden. Die Einkommensperspektiven der Geistes- und Sozialwissenschaften hat die SAGW publiziert: https://abouthumanities.sagw.ch/15-statistiken/15-4-einkommenperspektiven.html

Bildung nicht nur für die Kasse
Bildung beeinflusst individuelle Lebenschancen und ist der Schlüssel zur gesellschaftlichen Integration. Eine gute soziale Integration erhöht die Lebenserwartung und beeinflusst die Gesundheit positiv – Bildungsreiche rauchen weniger, leiden seltener an Krankheiten wie etwa Schlaganfall oder Diabetes. Man kann sich fragen, warum die Pendlerzeitung 20-Minuten die Geschichte „des akademischen Proletariats“ auf den Titel gebracht hat. Zumal in den Medien viele Geisteswissenschafter Unterschlupf finden, so auch 20-Minuten Chefredaktor Marco Boselli, der an der Universität Zürich Germanistik und Publizistik studierte – sogar ohne Abschluss.

https://abouthumanities.sagw.ch/

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Donnerstag, 3. November 2016

Job für Mama

Dr. Franca Siegfried
Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften

Bundesamt für Statistik BFS hat soeben eine Arbeitskräfteerhebung mit Blick auf Mütter veröffentlicht: Knapp vier Fünftel der Mütter in der Schweiz beteiligen sich am Arbeitsmarkt.

Tüchtige Frauen
Die Erwerbsquote der Mütter stieg von 59,6 Prozent (Jahr 1991) auf 78,8 Prozent (Jahr 2015). Gleichzeitig ist im Zeitraum 1991 bis 2015 die Anzahl Kinder unter 15 Jahren pro Haushalt von 1,76 auf 1,68 gesunken. Mütter ohne nachobligatorische Ausbildung haben jedoch die niedrigste Erwerbsquote in unserem Land.

Mama AG
10,9 Prozent der Mütter sind in der Schweiz selbständig erwerbend – teilweise mit eigener Firma. Diese Art von Beschäftigung ermöglicht ihnen flexiblere Arbeitszeiten und homeoffice. Immerhin sind auch 7,8 Prozent der Frauen ohne Kinder in der Schweiz selbstständig erwerbend.

Unterbeschäftigung
Tatsache ist, dass 18 Prozent der Mütter, die Teilzeit arbeiten, auch bereit wären ein höheres Pensum anzunehmen. Dies betrifft 33,5 Prozent der Frauen ohne nachobligatorische Ausbildung, bei Akademikerinnen sind es noch 15,2 Prozent.

Doing gender
Der Soziologe René Levy hat in seiner Publikation "Wie sich Paare beim Elternwerden retraditionalisieren..." wichtige Aspekte in der Gender-Frage aufgezeigt: Etwa, dass das Familienverhältnis nicht nur Abbild des individuellen Verständnisses des Rollenspiels zwischen Frau und Mann ist (SAGW-Publikation, Schwerpunkt Nachhaltige Entwicklung: www.sagw.ch/publikationen).
Levy betont zudem auch die Rolle der Institutionen für ausserfamilialen Betreuungsmöglichkeiten, welche das Handeln der Paare beeinflussen. Dabei verweist er auf die grösste Verbreitung der Betreuungsmöglichkeiten in der Westschweiz für Kinder bis 3 Jahren (SAGW über Tagesschulen:  http://www.sagw.ch/de/sagw/veranstaltungen/vst15-sagw/vst15-ne/tagesschulen.html).

Westschweizerinnen im Arbeitsmarkt
Mütter aus der Romandie haben tatsächlich auch die höchste Erwerbsquote mit 79,8 Prozent in der Schweiz, Deutschschweizerinnen 78,8 Prozent und Tessinerinnen mit 70,7 Prozent. Könnten die neuen Fakten des BFS Schweizerinnen zum Krippen- und Tagesschulenkampf mobilisieren? Eine Chance bestünde, dass sich dabei auch einige Grossmütter vom Klimakampf beteiligen würden... Immerhin wollen 300 ältere Damen den Bund einklagen, weil er zu wenig für den Klimaschutz mache und mit seiner Klimapolitik gegen die Bundesverfassung verstosse.  

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