Mittwoch, 16. November 2016

BFS Statistik und Bildungsrealität

Dr. Franca Siegfried
Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften
In der Schweiz gibt es über alle Bildungsstufen hinweg 10'566 Bildungsinstitutionen. 89 Prozent von ihnen haben die Verantwortung für die obligatorischen Schuljahre. 11 Prozent der Institutionen sind für den nachobligatorischen Bereich, etwa Berufs- und Hochschulen, zuständig. Das Bundesamt für Statistik (BFS) publizierte Ende Oktober in der Reihe „Bildung und Wissenschaft“ neue Fakten.

Zwischen Föderalismus und Zentralismus
Hinter der BFS-Statistik steht ein vielfältiges, von unterschiedlichen, teilweise auch gegenläufigen Interessen geprägtes Bildungssystem, welches sich in einer Transformation befindet. Die Globalisierung der Bildung überlagert in der Schweiz die Kraftprobe zwischen kantonalen Hoheiten und Bundeszuständigkeit. Reformprojekte, die sich auf internationale Bildungsforschung berufen, stossen bei Lehrpersonen und Eltern auf Widerstand. In diesem dynamischen Geschehen entwickelt sich die Steuerung (Governance) des Bildungssystems in immer kürzer werdenden Reformzyklen. Lesenswert sind dazu sechs Fallstudien in der neuen Publikation „Gouvernance im Spannungsfeld des schweizerischen Bildungsföderalismus“.

Das Versprechen der Bildung
Im nationalen Diskurs dient die Unterscheidung zwischen Berufsbildung und Allgemeinbildung, in der Regel das Gymnasium, als Ordnungsprinzip. Zunehmend wird auch die Differenz zwischen nützlichen, ökonomisch verwertbaren und zweckfreien, für das Arbeitsleben unwichtige Bildungsinhalte, thematisiert. Dass sich Bildung, die zu einem gelingenden Leben qualifiziert, nicht auf zwei Pole reduzieren lässt, ist im neuen SAGW Bulletin mit dem Dossier "Das Versprechen der Bildung" nachzulesen.

Tauschhandel – Bildung gegen Arbeit
Auch Roland Reichenbach der Universität Zürich schreibt im SAGW Bulletin über die steigenden Bildungskosten, welche die allgemeine Erwartung an Bildung in der Politik, wie auch in der Bevölkerung beeinflusst: Bildung wird zunehmend als Mittel zum Zweck für die Berufswelt angesehen. Alle weiteren Aspekte, etwa Bildung als Aufklärung nach Sokrates, Ausdruck der Kulturnatur des Menschen nach Humboldt oder als Prozess des Erwachsenwerdens in der Entwicklungspsychologie nach Piaget, verlieren an Bedeutung.

Berufsdiplom
Zwei Drittel aller Jugendlichen absolvieren eine berufliche Grundausbildung, dabei können sie aus 300 Lehrberufen auswählen. Carmen Baumeler des Eidgenössischen Hochschulinstitutes für Berufsbildung (EHB) schreibt im SAGW Bulletin über das Spannungsfeld zwischen Lehrfirma und Ausbildung. 70 Prozent aller Lehrstellen befinden sich in Firmen mit weniger als 50 Mitarbeitenden, davon lernen nochmals 40 Prozent in Kleinstbetrieben mit weniger als 10 Mitarbeitenden. Die Organisation für eine standardisierte Berufsausbildung ist für alle Beteiligten eine Herkulesaufgabe.

Private und staatliche Bildungsakteure
„Die Firmen leisten zweifelsohne einen grossen Beitrag zur Integration der Jugendlichen“, schreibt Carmen Baumeler im SAGW Bulletin. Zwei Drittel der Berufsschulen sind von der öffentlichen Hand finanziert, die restlichen Kosten gehen zu Lasten der Privatwirtschaft – diese Realität lässt sich aus der BFS-Statistik ebenfalls nicht ablesen.

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