Dienstag, 19. Februar 2019

Islam, Medien, Wissenschaft - Wie hast Du’s mit der Komplexität?

Dr. Heinz Nauer, SAGW, Redaktor

Ein Satiriker streitet in einer Talk-Sendung im Schweizer Fernsehen mit dem Moderator über den Koran. Der Name eines ermordeten saudi-arabischen Journalisten wird in Radio und Fernsehen systematisch falsch ausgesprochen. Ein zum Islam konvertierter französischer Fussballer schläft mit einer minderjährigen Prostituierten. Sollen sich Islamwissenschaftlerinnen hier zu Wort melden? Sollen sie die Öffentlichkeit aufklären, wie muslimische Gelehrte den Koran interpretieren, weshalb man «Chaschuqdschi» sagt und nicht «Kaschoggi» und wie es der Islam eigentlich so mit der Prostitution hält?

Komplexität abbilden oder reduzieren?
Auf einem Podium im Rahmen der Tagung «Komplexität abbilden – Medien, Wissenschaft und die Darstellung von Islam & Nahem Osten»  diskutierten am 14. Februar in Zürich Vertreterinnen und Vertreter aus den Islamwissenschaften und aus den Medien über das Verhältnis der beiden Welten Forschung und Journalismus. Sollen Journalistinnen die Komplexität von wissenschaftlicher Forschung in ihrer Arbeit abbilden oder reduzieren? Betreiben Geisteswissenschaftler ihrerseits eine «höhere Form des Journalismus», bloss «ohne Publikum», wie der Historiker Hans Conrad Peyer einmal über sein eigenes Fach sagte? Soll die Wissenschaftlerin journalistische Seitensprünge wagen?
Stefan Weidner, Islamwissenschaftler und Schriftsteller, zeigte sich pessimistisch gegenüber den Möglichkeiten der Wissenschaft, ihre Erkenntnisse via Massenmedien adäquat in die öffentliche Debatte einzubringen. «Lassen Sie ruhig alle Hoffnung fahren», sagte er. Wie über den Islam gesprochen und berichtet werde, lasse sich nicht ändern, denn «die Leute suchen sich die Diskurse, die sie haben wollen». Oder noch zugespitzter: Was sollen die Bemühungen um Wissenstransfer und das Reden von «third mission», wenn das Publikum dann doch zu den zweifelhaften Bestsellern von Autoren wie Thilo Sarrazin (Deutschland schafft sich ab, 2012) oder Douglas Murray (Der Selbstmord Europas, 2018) greifen?
Katia Murmann, Journalistin bei der Blickgruppe, sieht es ganz anders und identifizierte eine steigende Bereitschaft bei der Leserschaft, sich auf längere Texte einzulassen, die komplexe Inhalte abbilden. Ein Erklärstück zum Islam in der Onlineausgabe des Blicks beispielsweise erreiche eine Aufmerksamkeit von mitunter bis zu sieben Minuten – ein für Onlinemedien sehr hoher Wert.

Die vereindeutigte Welt
Reinhard Schulze, emeritierter Professor für Islamwissenschaft an der Universität Bern und Gründer des Forums Islam und Naher Osten (FINO), äusserte sich grundsätzlicher und ortete Hürden für die Vermittlung von komplexen Inhalten in den Tiefen des modernen Denkens: Es sei uns die Fähigkeit abhandengekommen, Komplexität, Uneindeutigkeit und enttäuschte Erwartungshaltungen sprachlich vermittelbar und für den Rezipienten erträglich zu machen, so Schulze.
2018 ist im Reclam-Verlag unter dem sperrigen Titel «Die Vereindeutigung der Welt» ein schmales Büchlein erschienen, das in eine ähnliche Richtung argumentiert. Sein Verfasser, der Islamwissenschaftlers Thomas Bauer, zeichnet darin nach, wie die Vielfalt, das Mehrdeutige und Unerwartete in Europa in den letzten 200 bis 300 Jahren sukzessive zurückgedrängt wurde. Ob in der Natur (Artensterben) oder in der Kultur (Sprachensterben): überall habe die Vielfalt nachgelassen, so Bauer. Er schliesst daraus: «Es muss so etwas wie eine moderne Disposition zur Vernichtung von Vielfalt geben.» Das gelte auch für den Bereich der Religionen: Traditionelle gelebte Religiosität weiche zunehmend entweder religiöser Gleichgültigkeit oder religiösem Fundamentalismus, so Bauer. Beiden Phänomenen gemein sei, dass sie sich schwer damit täten, Mehrdeutigkeit, Transzendenz und Komplexität auszuhalten. Die religiöse Mitte verliere an Einfluss und Sichtbarkeit. Es macht sich eine «Sainte Ignorance», eine «Heilige Einfalt» breit, wie der französischer Islamwissenschaftler Olivier Roy das Phänomen bezeichnete.
Ein Hang zur Reduktion, ein Drang zum «Auf-den-Begriff-bringen» zeigt sich auch im medialen Diskurs über den Islam. Muslime würden medial als Korane auf zwei Beinen dargestellt, sagte Reinhard Schulze, der Islam als Einheit. Ein konkretes Votum gab Christoph Keller, Kulturjournalist beim Schweizer Radio ab: Er plädierte auf dem Podium für den «Eigensinn» der Medien und der Wissenschaften: Erstere seien im öffentlichen Diskurs für das «und» zuständig, Letztere aber für das «aber».

Weitere Informationen: http://www.sagw.ch/sagw/laufende-projekte/islam.html

Montag, 11. Februar 2019

Internationalität der Wissenschaften im Ländervergleich – fast schon etwas widersprüchlich

Dr. Marlene Iseli, SAGW, Thema Wissenschaftssystem

Ist die Schweizer Fussballmannschaft schweizerisch genug? Darf man als Schweizer Bürger stolz sein darauf, dass die Schweiz im neu erfundenen Unterhaltungsprogramm der UEFA «Nations League» unter den vier besten Ländern weilt? Oder nur dann, wenn die Spieler von der Nachwuchsförderung des Schweizerischen Fussballverbands profitieren durften? Wie viel Migrationshintergrund liegt drin, um die Identifikation mit der eigenen Nationalmannschaft zu sichern? Und inwiefern spielt dabei die Heterogenität der Herkunftsländer eine Rolle? Solche (insgesamt befremdende) Fragen stellen sich in den Wissenschaften so wenig wie in der Champions-League, bei der Landesgrenzen und nationale Ranglisten keine Rolle spielen. Hier zählt lediglich die Exzellenz...

«Switzerland: 12 points»!
Interessanterweise finden wir in der Wissenschaftsadministration dennoch immer mal wieder Ranglisten, die an geographische Grenzen gebundenen sind. Zuweilen ist es ganz unterhaltsam, mittels Ländervergleiche zu eruieren, wie z.B. der Forschungsplatz Schweiz in Sachen Produktivität, Drittmittelakquise, Patentanmeldungen und so weiter abschneidet. Damit einher geht oft eine Bilanzierung der internationalen Ausstrahlung und Sichtbarkeit, der internationalen Kooperation sowie des Erfolgs im Wettbewerb um Fördergelder der EU. Hier wird deutlich: Es handelt sich um ein hochschulpolitisches Monitoring, das eine nationale Governance im Blick hat. Und wo gesteuert (und investiert) wird, wird auch evaluiert. Und umgekehrt.

Internationale Wissenschaften – ein Pleonasmus!?
Dennoch stehen solch nationale Ranglisten irgendwie schief da im Wissen um eine akademische Praxis, bei der die Nationalität ihrer Akteure als irrelevant betrachtet wird. Es ist allgemein bekannt, dass schon nur das Personal des Schweizer Hochschulsystems höchst international aufgestellt ist. Caspar Hirschi spricht in einem seiner Artikel von einer «eingeübten wissenschaftspolitischen Praxis: jener des brain gain durch Forscher-Import». Auch ein Blick auf den jüngsten Blog-Eintrag zum Repertorium Academicum Germanicum zeigt, dass sich internationale akademische Netzwerke bereits im Mittelalter bildeten.

«Nicht alles, was zählt, ist zählbar, und nicht alles, was zählbar ist, zählt» (Albert Einstein)
Problematisch werden solche Statistiken dann, wenn unter Berücksichtigung weniger quantifizierbarer Indikatoren suggeriert wird, dass die wissenschaftliche Leistung allgemein und die internationale Aufstellung im Spezifischen objektiv vermessen werden kann und direkte Rückschlüsse auf die Qualität der Forschung (und nur der Forschung, obwohl weitere Leistungsdimensionen ebenso valorisiert werden sollten) zulässig sind. Selbstverständlich wird eine solch kurzgreifende Interpretation auch erst durch eine übereifrige Leserschaft alimentiert.

Kooperation über Landesgrenzen und über andere Grenzen hinaus
Woher kommt aber dieser Ruf nach Internationalisierung? Und welche Versprechen sollen damit eingelöst werden? Im Bericht «Internationale Kooperation und Vernetzung in den Geisteswissenschaften» der SAGW wird aufgezeigt, dass das Augenmerk vielmehr auf grenzüberschreitende Kooperationen im allgemeinen Sinn gelegt werden müsste, seien sie geografischer, disziplinärer oder institutioneller Natur. Mittels einer explorativen Studie im erweiterten Umfeld der SAGW wurde der Versuch unternommen, die filigranen Netzwerke und vielschichtigen Kooperationsformen der Geistes- (und Sozial-)Wissenschaften über diese Grenzen hinaus wie auch deren Bedeutung zu erfassen. Deutlich wird, dass Internationalität ein relatives und von anderen Gesichtspunkten abhängiges Gütekriterium ist und damit nur eines von mehreren kontextabhängigen Kriterien darstellt, die letztlich die Qualität der Forschung beurteilen lassen. Wie sich die Prozesse der Wissensgenese zwischen verschiedenen Akteuren ausgestalten, ist wohl nur durch qualitative Forschungsansätze zu rekonstruieren.

Antworten auf die Frage, wie durch sinnvolle Kooperationen Grenzen aufgelöst werden, dürften eine ebenso wichtige Zieldimension darstellen wie die Internationalisierung der Wissenschaften selber. Denn anders als im Fussballbusiness sollte es in einem modernen Wissenschaftsbetrieb immer mehr um Zusammenarbeit, gegenseitige Kenntnisnahme, Überblickbarkeit und einen stimulierenden Austausch gehen als um Wettbewerb, Konkurrenz und Kräftemessen.


Neu erschienen:
Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (2019): «Internationale Kooperation und Vernetzung in den Geisteswissenschaften. Swiss Academies Report 14 (3). https://doi.org/10.5281/zenodo.2537674

Weitere Quellen:
Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (2018): Zur Diskussion: Qualität vor Quantität. Swiss Academies Communication 13 (5).
Link: https://doi.org/10.5281/zenodo.1409674

Caspar Hirschi (2010): Bilaterale Internationalität. Die Schweiz im Lichte von Ben-Davids 'Wissenschaft in einem kleinen Land'. In: Nach Feierabend. Zürcher Jahrbuch für Wissensgeschichte (2010), Nr. 6, 191-215.
https://www.alexandria.unisg.ch/214701/1/Hirschi__PDF_des_Aufsatzes_Bilaterale_Internationalit%C3%A4t.pdf

Montag, 4. Februar 2019

Das Repertorium Academicum Germanicum: Ein „Who is Who“ der Gelehrten des Alten Reiches

Kaspar Gubler und Rahel van Oostrum, RAG


Studienorte der Bischöfe von
Basel (rot) und Chur (voilett).
In der heutigen Welt sind wir vernetzt wie noch nie zuvor. Dies trifft nicht nur auf Prominente und Privatpersonen, sondern auch auf Wissenschaftler aller Art zu. Über das Internet teilen sie ihre Forschungen mit der ganzen Welt, sei es über private Netzwerke, online Fachzeitschriften oder Social Media. Die Wurzeln dieser wissenschaftlichen Gemeinschaft sucht das Forschungsprojekt „Repertorium Academicum Germanicum“ (RAG) im Mittelalter.

Gelehrte Lebenswelten

Das RAG erschliesst biographische Daten von Personen, die an einer Universität des Alten Reiches zwischen 1250 und 1550 einen höheren Akademischen Grad erlangt haben. Die Informationen zu diesen, zurzeit ca. 60'000 Gelehrten, werden in einer digitalen Datenbank verwaltet.
Ziel des Projektes ist es, die Studien- und Lebenswege von Magister der Artistenfakultät, Rechtsgelehrten, Theologen und Mediziner sowie von adeligen Universitätsbesuchern zu rekonstruieren. Anhand der Biographien dieser Personen sowie ihren Kontakten untereinander wird es möglich, einen umfassenden Einblick in die mittelalterlichen Ursprünge der modernen Wissensgesellschaft zu gewinnen.

Mittelalterliche Lebenswege digital

Die Daten der einzelnen Gelehrten werden den verschiedenen historischen Quellen der Universitäten Europas (Rektoratsmatrikeln, Fakultätsakten, Promotionslisten etc.) wie auch weiteren Überlieferungen entnommen und in die RAG-Datenbank eingegeben.
Diese Datenbank ermöglicht nicht nur die Recherche nach Lebensläufen von Einzelpersonen, sondern auch nach Personengruppen, die nach verschiedenen Kriterien geordnet und untersucht werden. Mit einfachen Suchbegriffen können die Gelehrten etwa nach ihren Studienabschlüssen, ihrer sozialen und geographischen Herkunft oder ihren späteren Tätigkeiten als Schreiber, Lehrer, Domherr etc. sortiert werden.
Zusätzlich bietet das RAG auch einen digitalen Atlas zur Analyse und Visualisierung der Ergebnisse. Die Visualisierungsmöglichkeiten erlauben beispielweise die Einzugsräume verschiedener Universitäten zu kartographieren oder die Karrieren der Gelehrten verschiedener Universitäten miteinander zu verbinden und zu vergleichen.
Die grosse Datenbasis des RAG eröffnet den Forschenden neue, auch interdisziplinäre Perspektiven. Qualitative und quantitative Aussagen über die gebildete Elite des Alten Reiches, über ihre europäische Vernetzung sowie über institutionelle und territoriale Vergleiche werden möglich.

Öffentlich zugänglich
Die RAG-Datenbank ist mit ihren Visualisierungen ist ein Forschungs- und Arbeitsinstrument, das laufend ergänzt und erweitert wird. Auf der Webseite des Projekts sind alle Daten öffentlich zugänglich und die Visualisierungsmöglichkeiten werden stetig weiter ausgebaut.

Vergleich der geographischen Herkunft von Promovierten der Universität Basel (blau) und Freiburg im Breisgau (rot).