Donnerstag, 21. Dezember 2017

Schau hin!


Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften
Wird das Christkind kaltgestellt oder sogar arbeitslos? Am 24. Dezember erobert sich langsam aber sicher der Weihnachtsmann den Platz des himmlischen Geschenkebringers. Die Dominanz des Weissbärtigen ist in diesem Fall nicht nur eine Genderfrage, Frauen sind bei der roten Gilde nicht erwünscht, sondern auch eine Frage des Marketings. Seit 1931 wirbt Coca-Cola mit dem freundlichen Mann in Rot, neuerdings setzen auch Schweizer Unternehmen wie Swisscom und Manor auf ihn. „Santa Claus ist eigentlich eine Rückkehr des Samichlaus in anderem Gewand“, sagt Mischa Gallati, Dozent für Populäre Kulturen der Universität Zürich, dem Tages-Anzeiger (15.12.2017). Im Mittelalter brachte Bischof Nikolaus von Myra braven Kindern Geschenke. Im 16. Jahrhundert hatte der Reformator Luther jedoch wenig Freude an der katholischen Figur. Seine Christen sollten anders feiern und er schaffte den bischöflichen Geschenkebringer kurzerhand ab und lancierte die Gestalt des Christkinds. Langer Rede kurzer Sinn, schon Reformatoren kannten sich aus mit Marketing. Noch ist nicht klar, ob es den Marketingstrategen gelingen wird, das Christkind von den traditionellen Weihnachten in der Deutschschweiz zu verdrängen – zumal lebendige Traditionen bzw. das immaterielle Kulturerbe in der Schweiz Hochkonjunktur hat.

Die magische Zahl 199
Seit bald zehn Jahren besteht in der Schweiz ein Übereinkommen mit der UNESCO zur Erhaltung des Immateriellen Kulturerbes: 199 bedeutende Formen in der Schweiz (Stand 2017) haben Experten unter der Leitung des Bundesamtes für Kultur ausgewählt. Beispiel: Die Fülle an weihnachtlichen Bräuchen der Appenzeller Innerrhodner steht als Nummer 90 auf der Liste der lebendigen Traditionen. Nummer 43 ist das Chlauschlöpfe im aargauischen Bezirk Lenzburg, Nummer 23 der Bechtelistag in Frauenfeld, Nummer 137 Saint-Nicolas in Fribourg und 153 das Silvesterchlausen im Appenzell Ausserrhoden. Die Nummer 161 für Sternsingen wird immer noch in 16 von insgesamt 26 Kantonen gelebt. Mit dem Beitritt zum UNESCO-Übereinkommen verpflichtete sich die Schweiz, das Inventar zu aktualisieren und zu pflegen. 

Simmels Kulturverständnis
Die nächste grosse Aktion gilt dem Kulturerbejahr 2018 – diese Kampagne will die Menschen europaweit zur Achtsamkeit bewegen bzw. ein zivilgesellschaftliches Engagement für die Pflege und Entwicklung des Kulturerbes ist gefordert. Soeben hat Bundesrat Alain Berset das Kulturerbejahr 2018 eröffnet. Der Soziologie Georg Simmel entlarvte einst die Kultur als übergreifende Ordnung, welche die Entfaltungsmöglichkeiten des Menschen bestimmt. Er veröffentlichte im Jahr 1900 seine Gedanken um die Selbstverwirklichung des Menschen. „(...) durch Ideen entfaltetes Wollen und Fühlen, das die Entwicklungsmöglichkeiten der Dinge, soweit sie auf seinem Wege liegen, in sich einbezieht; und das verhält sich nicht anders als mit der Kultur, die das Verhältnis des Menschen zu anderen und zu sich selbst formt: Sprache, Sitte, Religion, Recht.“ http://socio.ch/sim/verschiedenes/1900/kul00.htm

Die Stunde der Schatten
In diesen Tagen ist im Tessin ein besonderes Inventar publiziert worden. 671 Sonnenuhren auf Mauern, Häusern und Kirchen sind jetzt aufgelistet und fotografisch von Agno bis Vico Morcote dokumentiert: Der Titel des Werkes „Le ore dell’ ombra“ – die Stunden des Schattens. Gemessen an mechanischen und elektronischen Uhren geht die Sonnenuhr ziemlich falsch, weil die scheinbare Bewegung der Sonne nicht gleichmässig ist. Bis zur Erfindung der mechanischen Räderuhr Ende des Mittelalters war jedoch diese Ungenauigkeit unwichtig. Die Menschen konnten damit leben, dass die Sonnenzeit im Vergleich zur gleichmässig ablaufenden Zeit abwich. Das Inventar der Tessiner Sonnenuhren ist eine Mischung aus materiellem und immateriellem Kulturerbe: Das gemalte Zifferblatt auf der Hauswand hat die Menschen in ihren Handlungen beeinflusst – egal ob der Schatten genau lief oder bei Regenwetter ausblieb.

Schau genau hin!
„Das Bewusstsein für unsere Gesellschaft und unsere Zugehörigkeit beruht auf einem gemeinsamen kulturellen Erbe. Dieses Erbe nehmen wir seit Kindesbeinen bewusst und unbewusst in uns auf: über Umgebung, Traditionen, Kunst, Gebäude, Landschaften, Essen und Handwerk. Diese Vielseitigkeit ist eine grosse Chance, denn das Kulturerbejahr 2018 soll ein Jahr für alle werden!“, zu lesen auf der Webseite. Die Kernbotschaft der Kampagne: „Schau hin!“. Wird das Hinschauen genügen? Wohl kaum! Alle sind gefordert, ihre Aktivitäten unter dem Aspekt des gemeinsamen kulturellen Erbes neu zu betrachten und im vertieften Dialog zu entwickeln. Gefordert sind auch Marketingleute von Schweizer Unternehmer, die sich wenig um lebendige Traditionen kümmern. Vor lauter Zahlen, Budget und Vorgaben haben sie ihre Erinnerungen an das Gefühl verdrängt, wie einst ihr kindliches Herz hämmerte als sie das Glöcklein des Christkinds hörten.

Gefühl als Impfkristall der Kultur
Warum hat sich die menschliche Kultur entwickelt? Diese Frage stellt sich der Neurowissenschaftler Antonio Damasio. Er findet Gefühle als biologischer Ursprung von menschlicher Kultur. In seinem neuen Buch beschreibt er wie aus ersten sensiblen Zellen sich Nervensysteme bilden, die später Emotionen und Bewusstseinsphänomene mit erlebter Subjektivität erzeugen. Damit beginnt das Wissen des Menschen um die eigene Existenz. Der Mensch selber reagiert auf Sinneswahrnehmungen der äusseren Welt mit Veränderungen des inneren Milieus. Kurz gesagt, den Prozess der Subjektivität erlebt der Mensch als Gefühl und reagiert darauf. Damasio schildert auch, wie der Mensch mit Gefühlen, etwa Angst, Freude oder Traurigkeit, das Entstehen von kulturellen Praktiken ermöglicht und nennt die Beispiele, Religion, Bildende Kunst, Philosophie und Moral. Die Gedanken des Neurowissenschaftlers könnte sehr wohl in die Debatte des Kulturerbejahres fliessen. Welche Gefühle dominieren die Menschen in der Schweiz 2018?

Kulturerbe total
Es wird ein interessantes Jahr, das 2018. Allein die SAGW hat 16 Veranstaltungen im Rahmen des Kulturerbejahres in der Reihe „La Suisse existe“ lanciert. Das Jahr beginnt in Einsiedeln mit der Bibliothek als Wissensform in der Stiftung Bibliothek Werner Oechslin und endet im November in Bern mit Geschichten rund ums Schweizer Figurentheater. Die sechs Grundgefühle werden die Menschen im 2018 begleiten: Freude, Überraschung, Angst oder Traurigkeit – nicht zu vergessen Liebe und Hass. Nach Neurowissenschaftler Antonio Damasio gute Voraussetzungen für Kulturen...http://www.lasuissenexistepas.ch/events.html

Donnerstag, 14. Dezember 2017

Warum die Übergriffsdebatte im Nationalrat zur Agenda 2030 passt

Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften
Die Intimisierung des Öffentlichen manifestiert sich mit der Zunahme von Softnews, Homestories, Personalisierung und Skandalisierung, die sich über Online-Newssites und Social Networks verbreiten. Darüber hat der Forschungsbereich Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög) der Universität Zürich im Oktober eine NFP-Studie publiziert. In seinem Abstract schreibt Patrik Ettinger über moralisch-emotionale Weltbezüge: „(..) durch eine Komplexitätsreduktion, in der die Welt mittels moralisch-emotionaler Stereotypen und binären Urteilen (like/dislike; gut/schlecht; cool/uncool; Täter/Opfer) mit hoher Durchsatzgeschwindigkeit codiert werden kann.“ Ettinger beobachtet eine „qualitätsniedrige moralisch-emotionale Newsvermittlung“, die sich über den herkömmlichen Boulevard hinaus zum Mainstream entwickelt und Stoff für Social Networks liefert.

Politische Inszenierung
„Auf dem falschen Fuss erwischt“ titelt der Tages-Anzeiger (11.12.2017). Private Fehltritte von Politikern würden tagelang die Schlagzeilen beherrschen: „Auf seinem Twitter-Profil bezeichnet sich Yannick Buttet als „père de famille heureux“, glücklicher Familienvater. Erst dann folgt der Verweis auf seine politischen Ämter: CVP-Nationalrat und Gemeindepräsident von Collombey-Muraz VS; beide hat er vorübergehend niedergelegt, seit die Stalkingvorwürfe gegen ihn öffentlich wurden“, schreibt der Tages-Anzeiger. Die NFP-Studie erklärt, warum persönliche Angelegenheiten öffentlicher Personen immer wichtiger werden: Politiker geben Privates preis, um ihre Aussenwirkung zu steuern. Das Risiko einer Skandalisierung wird dabei in Kauf genommen. Und mit einer öffentlichen Abbitte in den Medien kann eine Skandalisierung zum Schlusspunkt gebracht werden. „Wie Geri Müller und Christophe Darbellay hat sich auch Yannick Buttet reumütig für seinen Fehltritt entschuldigt – mit welchem Erfolg, wird sich zeigen“, schreibt der Tages-Anzeiger. Für die Orchestrierung eines Skandalisierungsfinale haben Kommunikationsberater ein neues Businessmodell erfunden.

Die Welt als Bühne
Ob sich eine Skandalisierung im Social Network gemäss NFP-Studie als „qualitätsniedrige moralisch-emotionale Newsvermittlung“ charakterisieren lässt – diese Ansicht verlangt nach weiteren Überlegungen. Interessant wäre etwa die Einschätzung von Erving Goffman: Der 1989 verstorbene Soziologe benutzte das Theater als Modell für die soziale Welt. Gemäss Goffman ist das Alltagsleben so organisiert, dass nicht nur die Schauspieler selber, sondern auch die Zuschauer Rollen im Stück verkörpern. Bei den Politikern zum Beispiel ist der Partei-Auftritt eine Bühne. Im digitalen Zeitalter haben sie auch das Twittern zu ihrer Bühne aufgebaut. Dort übernimmt Buttet die väterliche Rolle mit „père de famille heureux“. Damit vermischt er das Private und Öffentliche mit der Absicht, sein Publikum emotional zu berühren. Politiker Buttet weiss sehr wohl, dass Kinder und Tiere den höchsten Nachrichtenwert besitzen.

Die Macht der Hinterbühne
Wenn da, nicht nach Erving Goffmann, die Hinterbühne wäre! Darauf führt die Classe Politique ihre informellen Gespräche. Zur Hinterbühne gehört ebenfalls das Private, das Intime, Geheime und Verborgene der PolitikerInnen. Mit der Digitalisierung lassen sich jedoch innert Sekunden Gerüchte, Fakten und Tatsachen aus dem Dunst der Hinterbühne verbreiten. Beispiel CVP-Politiker, der vor dem Haus der Geliebten als Stalker von der Polizei abgeholt wird. Besonders tragisch für das Opfer, aber auch folgenschwer für den Politiker, da er als öffentliche Person auf der Vorderbühne die Rolle des Saubermanns spielt. Mit den sozialen Netzwerken gibt es nicht nur eine, sondern viele neue, unberechenbare Öffentlichkeiten, die kein Zeitungsverleger, kein PR-Berater und auch kein Anwalt im Griff hat. Die Digitalisierung katapultiert uns nicht nur in eine technologische, sondern auch in eine gesellschaftliche Revolution und verlangt nach neuen Bearbeitungen von „alten“ Themen – beispielsweise der Geschlechterfrage.

Sexismus, verbale Gewalt und SDGs
Die aktuelle Übergriffsdebatte der Nationalrätinnen, ausgelöst durch den Fall Buttet, passt in die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung (SDGs). Diese Agenda ist ein Orientierungsrahmen für unser Land in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit mit den Vereinten Nationen UNO. Die Agenda wird mit 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs) gestützt. Im Zeitraum 2017 bis 20 konzentriert sich die Schweiz auf sieben Ziele: Dazu gehört die Stärkung der Geschlechtergleichstellung und der Rechte von Frauen und Mädchen. Die Übergriffsdebatte, die sich im Bundeshaus abspielt, behandelt nebst Sexismus auch die verbale Gewalt zwischen Frau und Mann – einschüchtern, demütigen, verspotten und verachten. Die Classe Politique hat noch viel zu lernen!
Auch die SAGW hat die Aktualität des Themas erfasst und organisiert deshalb am 15. Februar 2018 an der Universität Fribourg eine Tagung „Gewalt gegen Frauen in der Schweiz – von hier aus, wohin?“ am 15. Februar 2018 an der Universität Fribourg. Studien und Statistiken zeigen, dass Gewalt gegen Frauen in unserem Land zur Realität gehört, zumal die Dunkelziffer hoch ist. Somit fokussiert die Tagung auf die Beseitigung aller Formen von Gewalt und schädlichen Praktiken gegen Frauen und Mädchen im öffentlichen und im privaten Bereich. Die Tagung steht im Rahmen der Agenda 2030 mit den SDGs bzw. Ziel Nummer 5: Geschlechtergleichstellung.

SDGs viral im Netz
Dank der SDGs in Action App werden sich die nachhaltigen Ziele auch über Social Networks verbreiten. Damit soll verhindert werden, dass die Sustainable Development Goals, die weltweit zu erfüllende Liste, um Armut zu beenden, Ungleichheiten abzubauen und den Klimawandel anzugehen, nicht vergessen gehen. Mit deren Verabschiedung im September 2015, verpflichteten sich alle Mitgliedstaaten der UNO die nachhaltigen Ziele bis 2030 zu erreichen. Also berichtet auch der Bundesrat regelmässig über Erfolg, Umsetzung und Einhaltung der Ziele der UNO. Zur Realisierung der Sustainable Development Goals (SDGs) ist ebenfalls die Wissenschaft gefragt. Aus diesem Grund organisieren die Akademien der Wissenschaften Schweiz zusammen mit der Schweizerischen UNESCO-Kommission am 22. Januar 2018 in Bern eine Konferenz (Anmeldung bis 17. Januar): http://www.akademien-schweiz.ch/index/Aktuell/Agenda.html

-->