Montag, 26. November 2018

Wenn die Vergangenheit aus dem Gletscher schmilzt

Dr. Manuela Cimeli, SAGW, Projekt «Sprachen und Kulturen»

Frühbronzezeitliche Scheibenkopfnadel
© Archäologischer Dienst des Kantons Bern
Kathrin Glauser
Aufgrund des Klimawandels und der damit einhergehenden steigenden Temperaturen schmelzen die Gletscher rasch ab und einzelne Eisfelder oder bisher von Eis zugedeckte Höhleneingänge geben immer wieder archäologisch interessante Funde frei. Die bekannteste Entdeckung in diesem Kontext stellt der Fund der Eismumie Ötzi im Südtirol dar – dies war gleichzeitig die Geburtsstunde der bisher im europäischen Alpenraum unbekannten Fachrichtung der Gletscherarchäologie. Das Arbeitsgebiet der Gletscherarchäologen befindet sich auf über 2500 m Höhe. Archäologisch interessante Funde sind menschliche, tierische oder pflanzliche Überreste, Textilien (z.B. Wolle), Holz oder Leder, Metall (z.B. Münzen) oder auch Steinfunde (z.B. Pfeilspitzen).

Zugang zum Alltag in der Frühzeit
Von besonderem Wert sind die organischen Fundstücke, die in tieferen Lagen in den seltensten Fällen konserviert bleiben. Die besondere Bedeutung der Fundstücke liegt darin, dass wir dank ihnen Zugang erhalten zu bisher weitgehend unbekannten sozialen Bereichen der Frühzeit wie beispielsweise der Bekleidung und Ausrüstung von neolithischen, bronze- und eisenzeitlichen oder keltischen Reisenden (Händlern, Jägern, Bauern), oder dann auch römischen Soldaten. Zudem erfahren wir, welche hochalpinen Wege bereits in der Frühzeit begangen wurden und wir können daraus auch Rückschlüsse ziehen auf die damals herrschenden klimatischen Bedingungen. Für einmal ermöglichen uns archäologische Funde einen Blick auf einen Teil der breiten Bevölkerung und nicht nur auf Vertreter einer privilegierten Oberschicht. Eine Kontextualisierung und Interpretation der Fundstücke ermöglicht uns kurze Momentaufnahmen in den Alltag einer grösstenteils unbekannten Geschichte unserer hochalpinen Regionen. Insofern ist die kulturgeschichtliche Bedeutung der Funde von unermesslichem Wert.

Gletscherschmelze mit Folgen
Allerdings stellt der rasante Gletscherschwund das junge Fachgebiet der Gletscherarchäologie vor gewaltige Herausforderungen. Einerseits zersetzen sich oder zerfallen die organischen Funde, welche während Jahrzehnten, Jahrhunderten oder Jahrtausenden im Eis unter mehr oder weniger konstanten Umweltbedingungen lagerten, sehr schnell, wenn sie an die Luft kommen. Andererseits sind die Gletscherarchäologen nicht immer vor Ort, wenn ein Fund aus dem Eis ausschmilzt.
Im Geschichtsmuseum Wallis ist noch bis zum 3.3.2019 die Ausstellung «Aus dem Eis: Spuren in Gefahr» zu besichtigen. Sie vereint Gletscherfunde von neolithischer Zeit bis in die Neuzeit und gibt einen spannenden Einblick in die Thematik der Gletscherarchäologie.

Archäologische Funde nicht anfassen
Um möglichst wenige Funde für immer zu verlieren, setzen die Archäologen auf die Sensibilisierung von Personen, die sich regelmässig im Hochgebirge bewegen, sei es aufgrund ihrer Arbeit, oder während der Freizeit. Die Konferenz der Schweizer Kantonsarchäologinnen und Kantonsarchäologen (KSKA) ist daran, eine Informationswebsite zu erstellen. Es geht darum, der breiten Bevölkerung zu vermitteln, was getan werden muss, wenn man auf archäologisch interessante Funde stösst:
  • Funde nicht anfassen
  • Funde und Kontext fotografieren
  • Lokalisieren (GPS)
  • Ort markieren, damit er wiedergefunden werden kann
  • Kantonsarchäologie informieren – bei menschlichen Überresten auch Polizei

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Save the Date: SAGW-Tagung zur Gletscherarchäolgie, Montag 6. Mai 2019, Alpines Museum Bern
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Montag, 19. November 2018

Santé et médecine : les défis d’une société vieillissante

Lea Berger, SAGW, projet «Ageing Society»

Ageing Society ©Viacheslav Iakobchuk – fotolia.com
Quelle influence l’augmentation de l’espérance de vie a-t-elle sur les coûts de la santé ? Comment concevoir, dans le contexte du vieillissement démographique, une médecine d’avenir durable ? Comment assurer la viabilité de notre système, non seulement dans une perspective économique, mais aussi d’un point de vue social ? Le 7 novembre 2018, des experts se sont réunis à Pully (VD) lors de l’événement « Forum santé : les défis de la longévité » (organisé par le quotidien Le Temps) afin de débattre et d’échanger sur ces questions. Inspirés par ces discussions, nous nous penchons, dans cet article du blog de l’ASSH, sur la question du système de santé d’une société vieillissante.

Longévité et coûts de la santé : un facteur surestimé
Notre système de santé nous coûte de plus en plus cher, tant en chiffres absolus qu’en comparaison avec d’autres indicateurs économiques. Effectivement, depuis 1996 (introduction de l’assurance obligatoire des soins), la croissance des coûts de la santé a été deux fois plus importante que celle du PIB en Suisse. Mais qu’en est-il de la corrélation entre longévité et augmentation des coûts de la santé ? Souvent nommée comme cause importante de la hausse des coûts, la longévité n’en est de loin pas la seule. Effectivement, selon plusieurs études micro- et macro-économiques citées dans un rapport de l’OFS, le vieillissement démographique a une importance relativement faible sur les coûts de la santé en comparaison avec d’autres facteurs comme le progrès technique ou l’augmentation du volume de prestations. Aussi, des facteurs structurels entre autres liés à des systèmes de tarification générant des incitations coûteuses sont considérés comme importants pour l’évolution des coûts de la santé, comme le relève un rapport d’experts mandatés par l’OFSP. (Cf. également le colloque du 25 octobre 2018 intitulé « Pouvoir et médecine : Le pouvoir de l’argent » organisé par l’ASSH et l’Académie suisse des sciences médicales dans le cadre du projet « Medical Humanities » et le blog «Gesundheitssystem: Die Macht des Geldes».)

Vers une nouvelle définition de la santé
Malgré ces considérations, l’évolution démographique nous force à nous poser la question d’une « bonne » prise en charge des soins et de l’accompagnement des personnes âgées. La recherche sur la fin de vie, au travers du rapport de synthèse du PNR 67, livre des impulsions précieuses à ce sujet. Le rapport insiste fortement sur la notion de « dignité » et donc sur des aspects qui dépassent une vision médicale réduite à des symptômes physiques isolés. Dans ce contexte, les efforts entrepris en Suisse pour développer les soins palliatifs généraux sont certainement une chance et une voie à poursuivre (cf. https://www.plattform-palliativecare.ch). En outre, il est grand temps de lancer le débat sur une nouvelle définition de la santé basée sur le concept de la qualité de vie fonctionnelle, tel que le propose la stratégie de l’OMS sur le vieillissement démographique (« Global Strategy and Action Plan on Ageing and Health »), et d’adapter le système de santé et l’accompagnement des personnes âgées en conséquent.

La santé : un bien qui se construit tout au long de la vie en société
Il est primordial de souligner que la santé ne pourra pas faire face seule aux défis que pose notre société vieillissante en termes de coûts de la santé. En effet, ce n’est pas la médecine qui « construit » la santé des individus en premier lieu, mais bien la société dans son ensemble et au travers de toutes les générations (cf. C. Burton Jeangros, Trajectoires de santé, inégalités sociales et parcours de vie, 2016).


Montag, 12. November 2018

Big Data – Status quo eines grossen Versprechens

Dr. Heinz Nauer, SAGW, Redaktor

Es ist noch nicht lange her, da war „Big Data“ das grosse Versprechen für die Zukunft. Mittlerweile machen sich Skeptiker einen Spass daraus, lange Liste mit gescheiterten Big Data-Initiativen zu erstellen. Immer wieder gerne zitiert wird der Psychologe Dan Ariely, der Big Data mit Teenage-Sex verglich: Jeder spricht davon, aber niemand weiss wirklich, wie es geht. Und die Website Tylervigen.com hat aus Daten Grafiken zusammengestellt, die sich zwar zufällig gleich verhalten, aber eigentlich nichts miteinander zu tun haben: beispielsweise die Scheidungsrate im amerikanischen Bundesstaat Maine und der dortige Konsum von Margarine (Korrelation über 99%). Die Unterscheidung zwischen zufälligen Korrelationen und Kausalitäten bleibt eine der vornehmsten und schwierigsten Aufgaben im Umgang mit Daten, auch im Zeitalter von Big Data.

Und wie gehen die Sozialwissenschaften im Jahr 2018 mit Big Data um? Wo liegen die Chancen, wo die Herausforderungen? Diese Fragen stellte eine Tagung der SAGW, die am 09. November in Bern stattfand. Ob Politik- oder Kommunikationswissenschaften, Psychologie oder Soziologie – die Probleme und Herausforderungen sind weitgehend dieselben.

Hier eine Auswahl von vier Aspekten, die an der Tagung diskutiert wurden:

1. Kompetenzen
Der Sozialwissenschaftler, der mit grossen Datenmengen arbeitet, muss verstehen, wie Daten entstehen, für welche Forschungsfragen sich deren Auswertung eignet, wie die Daten erhoben, analysiert, langfristig archiviert und kuratiert werden können. Vor allem die ersten beiden Punkte seien in der sozialwissenschaftlichen Forschung und Lehre noch zu wenig etabliert, sagte Frauke Kreuter, Professorin für Statistik an der Universität Mannheim.

2. Kooperation

Sozialwissenschaftler, die sich mit Data Science beschäftigen, Statistiker und Computer Science-Spezialisten müssen voneinander lernen und so etwas wie eine gemeinsame Sprache entwickeln. Es gehe dabei nicht nur um die nackten Daten, sondern um eine verstärkte Zusammenarbeit aller Akteure auch auf methodologischer Ebene, sagte Georges-Simon Ulrich, Direktor des Bundesamts für Statistik. In diesem Zusammenhang gelte es auch die Ausbildung der Studierenden neu zu denken, so Rainer Diaz-Bone, Soziologe an der Universität Luzern.

3. Datenqualität

Es genügt nicht, einfach viele Daten zu haben. Die Qualität der Daten ist entscheidend. Häufig erheben Forschende ihre Daten nicht mehr selbst, sondern schöpfen sie aus dem digitalen Datenstrom. Die Qualität solcher Daten zu beurteilen und sie nachträglich in analytische Formen und Kategorien zu bringen, ist herausfordernd, aber wichtig. Ohne Vertrauen in die Daten sind keine Aussagen möglich, betonte Diego Kuonen, Gründer von Statoo Consulting und Professor für Data Science an der Universität Genf.

4. Zugänglichkeit
Die grössten Datenmengen befinden sich heute im Besitz von einer Handvoll privaten Playern: Apple, Amazon, Google, Facebook und Microsoft, in den USA auch „The big five“ genannt. Der Forschung stehen diese Daten nicht oder nicht in genügender Qualität zur Verfügung. Und der Zugang zu Daten aus der öffentlichen Verwaltung und Administration oder aus dem Gesundheitswesen ist durch den Datenschutz eingeschränkt. „Nur open geht natürlich nicht“, sagte Georg Lutz, Direktor des Schweizer Kompetenzzentrum für Sozialwissenschaften FORS, „aber es wäre dumm, diese vorhandenen Daten nicht wissenschaftlich zu nutzen.“

Das Big-Data-Versprechen und die Realität
Wie steht es also um das Versprechen von Big Data in den Sozialwissenschaften in der Schweiz? In einzelnen Bereichen haben sich neue datengetriebene Methoden etabliert. Zu nennen ist etwa die statistische Auswertung von grossen digitalen Textmengen („text as data“). Im Grossen und Ganzen aber wurde das Versprechen von Big Data noch nicht eingelöst, so Lucas Leeman, Politologe und Mitgründer des Digital Democracy Lab an der Universität Zürich. Es besteht jedenfalls nach wie vor viel Potenzial für neue Forschungsfragen, betonte Frauke Kreuter. So könnten vermehrt grosse Datenmengen aus verschiedenen Quellen in grosse Korpora zusammengeführt und mit herkömmlichen Methoden kombiniert werden. Das würde es erlauben, „stärker in Raum und Zeit hineinzoomen als das früher möglich war“, wie es Kreuter formulierte.

Das Tagungsprogramm und weitere Informationen finden Sie hier: http://www.sagw.ch/de/sagw/veranstaltungen/vst-2018-sagw/bigdata.htmlhttp://www.sagw.ch/de/sagw/veranstaltungen/vst-2018-sagw/bigdata.html

Lesen Sie zum Thema auch «Big Data für die Sozialforschung nutzen», ein Gastkommentar in der Neuen Zürcher Zeitung von Peter Farago, Präsident des Rates für Sozialwissenschaften in der SAGW und früherer Direktor des FORS:  https://www.nzz.ch/meinung/big-data-fuer-die-sozialforschung-ld.1424590



Montag, 5. November 2018

Geisteswissenschaften 3.0

Dr. Heinz Nauer, SAGW, Redaktor

Vor zehn Jahren rief das US-amerikanische Technikmagazin Wired in einem Artikel das Ende der Theorie aus. Warum Texte lesen, Modelle und Theorien bilden, wenn die Auswertung von digitalen Daten die Antworten auf alle unsere Fragen liefern? Der Text war eine Provokation, die nicht zuletzt auch an die Geisteswissenschaften gerichtet war – allerdings keine Bestandesaufnahme. Geisteswissenschaftler können zwar durchaus Gefallen finden an der Rolle des distanzierten Kulturkritikers, doch hat die Digitalisierung längst auch die Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaften, die Geschichte oder die Religionswissenschaften erfasst. In der Schweiz ist über die Jahre eine Landschaft von digitalen Infrastrukturen, Forschungsplattformen, Netzwerken, Datenbanken und Repositorien entstanden, die Texte, Bilder, Ton- und Videodokumente sammeln, anreichern, zugänglich erhalten und frei zur Verfügung stellen. Heute zählt die Schweiz nach einer Angabe der SAGW etwa 50 relevante Plattformen, die Daten für die Geisteswissenschaften aufbereiten und kuratieren.

Schillernde Begriffe
Eine zentrale Forderung an die Betreiber dieser Plattformen ist, dass sie Daten offen, kostenlos, wiederverwertbar und möglichst langfristig zugänglich machen. Die SAGW lud am 2. November zu einer Tagung ein, an der Akteurinnen und Akteure, die am digitalen Wandel der Geisteswissenschaften in der Schweiz arbeiten, Fragen rund um Open und FAIR Data diskutierten. FAIR, GDPR, PID, DOI, ARK, RDF, CC-BY und API – die digitale Welt ist voller Abkürzungen. Doch auch, wenn man die Begriffe ausschreibt, besteht für den Geisteswissenschaftler, der sich nicht jeden Tag mit Binärziffern auseinandersetzt, weiter Klärungsbedarf. Kurz: Es geht um Dinge wie Grundsätze fürs Datenmanagement, langfristige und eindeutige Identifikatoren, standardisierte Metadaten, Lizenzen und Programmierschnittstellen.

Geisteswissenschaften des 21. Jahrhunderts
Die Tagung zeigte indes, dass die Herausforderungen nicht nur darin bestehen, möglichst breit akzeptierte technische und rechtliche Standards im Datenmanagement zu finden. Es gibt eine ganze Reihe zusätzlicher Aspekte, die nach weiterer Diskussion und Kooperation verlangen. So war an der Tagung etwa die institutionelle Verortung digitaler Initiativen und Forschungsplattformen ein Thema. „Wir sind daran, die Geisteswissenschaften des 21. Jahrhunderts zu bauen. Und diese spielen sich nicht in den alten institutionellen Grenzen ab“, sagte Gerhard Lauer vom Digital Humanities Lab der Universität Basel in einer Podiumsdiskussion, welche die Tagung abschloss. Doch noch längst nicht jeder Archäologe, Sprachforscher oder Historiker verfügt über das nötige Know-how, zunehmend frei verfügbare und qualitativ hochstehende Daten für seine Forschung auch wirklich fruchtbar zu machen, und umgekehrt hat nicht jeder Datenkurator das nötige Kontextwissen, relevante Datenkorpora auszuwählen und diese klug zu befragen. Hier gilt es noch viel Basis- und Übersetzungsarbeit zu leisten, wie auch Lukas Rosenthaler, ebenfalls vom Basler DH Lab, in einem Votum betonte.

Förderung der Open Science Community
Die Open Science fordern nicht nur die einzelnen Forscher und die Fakultäten heraus, sondern auch die Förderinstitutionen. Braucht die geisteswissenschaftliche Open Science Community in der Schweiz eine zentrale Koordination und Governance? Und wer bestimmt in Zeiten, in denen interdisziplinäre Kooperationsprojekte und vielleicht tatsächlich auch neue, von Daten mitgetriebene Forschungsfragen institutionelle Grenzen zusehends verschwimmen lassen, eigentlich was fördernswerte Forschung ist? „Wir befinden uns zurzeit in einer Situation der Unordnung und der Entropie“, sagte Aysim Yilmaz, Leiterin der Abteilung für Biologie und Medizin des Schweizerischen Nationalfonds. Es sei nicht mehr so klar, welche Förderinstrumente, wo zum Tragen kämen, meinte auch Gabi Schneider, Projektleiterin im Programm „Wissenschaftliche Informationen“ bei Swissuniversities.


Das Tagungsprogramm und weitere Informationen finden Sie hier:
http://www.sagw.ch/de/sagw/veranstaltungen/vst-2018-sagw/opendata.html