Donnerstag, 30. November 2017

Von Soft Power und Sustainable Development Goals

Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften
„Multilaterale Zusammenarbeit ist weder ein idealistisches Unternehmen noch eine naive Phantasie“, sagte Robert O. Keohane im Bundeshaus. „Im Großen und Ganzen fördert es unsere Interessen, es kann uns ermutigen, und es mildert die Grenzen von Konflikten...“ Am 17. November 2017 bekam er im Beisein von Bundespräsidentin Doris Leuthard den Balzan Preis 2016 für Internationale Beziehungen – Geschichte und Theorie. Der US-Amerikaner schrieb in den 1980er Jahren den Klassiker „After Hegemony: Cooperation and Discord in the World Political Economy“ als entscheidenden Beitrag zum institutionellen Ansatz in internationalen Beziehungen. „Wir brauchen die Welthandelsorganisation, um einen Kreislauf von Protektionismus und Handelskriegen zu verhindern. Wir brauchen den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen, um Friedenssicherung in vom Bürgerkrieg zerrissenen Ländern zu organisieren. Wir brauchen den Hohen Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen, um die Staaten zu ermutigen, auf faire Weise Flüchtlinge aufzunehmen...“ Keohanes Gedanken auf den Punkt gebracht: No deals without institutional rules!

Global Goals
Im Januar 2016 haben die Vereinten Nationen (UNO) die Sustainable Development Goals (SDGs) lanciert. 193 führende Politiker der Vereinten Nationen haben den Plan verabschiedet, mit 17 Zielen, unsere Welt bis 2030 zu verändern. No deals without institutional rules! Alle 193 Mitgliedstaaten sind aufgefordert, die grossen Probleme der Welt gemeinsam zu lösen – dazu gehört auch die Schweiz. Zur Verwirklichung der nachhaltigen Ziele organisieren die Akademien der Wissenschaften Schweiz zusammen mit der Schweizerischen UNESCO-Kommission eine Tagung, die alle Herausforderungen und möglichen Beiträge in unserem Land aufzeigen: Sustainable Development Goals - The Contribution of Science am 22. Januar 2018 im Kursaal Bern.


SDG – Ziel Nummer eins
„Armut in allen ihren Formen und überall beenden“, seit 1990 leben weltweit über 800 Millionen Menschen in Armut. Im Jahr 2016 verfügte beispielsweise in der Schweiz rund eine von fünf Personen nicht über die Mittel, um eine unerwartete Ausgabe von 2500 Franken zu tätigen. Jede zehnte Person war nicht in der Lage, eine Woche Ferien pro Jahr ausser Haus zu finanzieren. Und letztes Jahr waren 6,9 Prozent der Bevölkerung dauerhaft armutsgefährdet. Diese Zahlen stammen aus der Studie über Einkommen und Lebensbedingungen (SILC) vom Bundesamt für Statistik (BFS). Die Berner Fachhochschule hat in 14 Städten der Schweiz Sozialhilfeempfänger evaluiert (NZZ, 7.11.2017). Das Armutsrisiko ist besonders hoch bei alleinerziehenden Müttern unter 25 Jahren. Im Schnitt sind 84 Prozent dieser Haushalte auf Sozialhilfe angewiesen. Bei den 26- bis 35-Jährigen sinkt die Quote auf 46 Prozent. Obwohl der Lebensstandard in der Schweiz zu den höchsten in Europa gehört, sind Kinder ein Armutsrisiko.

SDG – Ziel Nummer vier
„Inklusive, gleichberechtigte und hochwertige Bildung gewährleisten und Möglichkeiten lebenslangen Lernens für alle fördern“, so steht es in der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung. Es ist unbestritten, dass eine Grund- und Berufsbildung die Lebensbedingungen des Einzelnen, der Gemeinschaften und auch der Gesellschaft verbessert und sichert.
Seit 2010 gibt es zwei Berichte, letzter erschien im Jahr 2014, die das Bildungssystem der Schweiz analysieren. An den Übergängen im Bildungswesen, besonders zwischen Primar- und Sekundarstufe I, zeigen sich besonders grosse Chancenungleichheiten. Während der Primarschulzeit wirken Leistungsdifferenzen aufgrund unterschiedlicher Förderung und Erziehungsstilen, jedoch beim Stufenübergang spielt die Herkunft eine wichtige Rolle. Zu diesem Zeitpunkt werden die sozialen Weichen der Kinder gestellt: Diese Verletzung der Chancengerechtigkeit belegt auch eine Zürcher Studie, welche aufzeigt, dass bei gleichen Schulleistungen Kinder aus privilegierten Verhältnissen nach der sechsten Primarklasse eher ins Langzeitgymnasium oder in die Abteilung A der Sekundarstufe übertreten als etwa Kinder aus weniger privilegierten Verhältnissen.

SDG – Ziel Nummer fünf
„Geschlechtergleichstellung erreichen und alle Frauen und Mädchen zur Selbstbestimmung befähigen“. Der Fall „Gewalt gegen Frauen“ gehört zum Ziel Nummer fünf. Das Bundesamt für Statistik BFS stellt jeweils Informationen von der polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) zusammen. Im Jahr 2016 wurden 17‘685 Straftaten im häuslichen Bereich registriert – Tendenz zunehmend. 42,2 Prozent der aufgeklärten Tötungsdelikte ereigneten sich im häuslichen Bereich, ebenso 45 Prozent der Vergewaltigungen und 50 Prozent der Tätlichkeiten. Die Dunkelziffer bzw. das Verhältnis zwischen den statistisch ausgewiesenen Zahlen und nicht erfassten Taten sind im Fall „Gewalt gegen Frauen“ gross. Zur Dunkelziffer führen Einflüsse wie etwa Angst vor Stigmatisierung, unterschiedliche Auffassung von Tabuisierung oder Akzeptanz von Gewalt. Aus diesem Grund organisiert die SAGW am 15. Februar 2018 an der Universität Fribourg eine Tagung „Gewalt gegen Frauen in der Schweiz – von hier aus, wohin?“

Soft Power
Der Balzan-Preisträger Robert O. Keohane fragte sich am 17. November in seiner Dankesrede im Bundeshaus: „Wie definieren Staaten ihre Interessen und durch welche Mittel konkurrieren sie sich?“ Der Politikwissenschafter vertritt den Grundgedanken, dass die institutionalisierte Zusammenarbeit weit davon entfernt ist, dem Eigeninteresse entgegenzutreten, sondern im Interesse aller Regierungen liegt, die sich auf das Wohlergehen ihrer eigenen Völker konzentrieren. Staaten können sich konkurrieren, indem sie versuchen, ihre Gesellschaften für andere attraktiver zu machen. Diese Strategie bezeichnet er als „Soft Power“ und zitiert dabei den US-amerikanischen Kollegen Joseph Nye. Die „Soft Power Welt“ sei eine bessere Welt als die „Hard Power Welt“, die auf militärische Gewalt vertraut. Darum sind es auch die Vereinten Nationen, die mit „Soft Power“ und 17 nachhaltigen Zielen, die Entwicklung der Welt bis 2030 verbessern wollen.
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Freitag, 24. November 2017

Oh du schöne neue Arbeitswelt in der Digitalisierung

Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften
Sie fährt die Elektrolimousine Tesla und ist nie offline – Bundespräsidentin Doris Leuthard gibt im Magazin zum ersten Schweizer Digitaltag „Schweiz 4.0“ ein Interview: „Die Digitalisierung verändert von Grund auf die Art, wie wir leben, lernen und arbeiten. Deshalb hat der Bundesrat eine Strategie zu dieser Thematik entwickelt und Gesellschaft, Wissenschaft und Forschung sowie Politik dazu eingeladen, sich mit Anregungen, Fragen und Projekten in die Diskussion einzubringen oder auch Sorgen auszudrücken.“ Das Gespräch mit der Bundespräsidentin dreht sich jedoch vor allem um Bügel- und Abwasch-Roboter, wie auch künstliche Intelligenz.

Passivmitglied Mensch
Im gleichen Magazin „Schweiz 4.0“ macht sich Ludwig Hasler, Philosoph und Publizist Gedanken über die Welt im digitalen Wandel, die dazu neigt, dass der Mensch zum Passagier statt zum Piloten wird: „Sind wir künftig nur noch Haustiere der Algorithmen, die im Silicon Valley bewirtschaftet werden?“ Hasler entzaubert die Digitalisierung als technische Vernetzung und hofft jedoch auf eine Symbiose zwischen Mensch und Maschine. Als Beispiel illustriert er den Pflege-Roboter am Spitalbett. Er beziehe das Bett frisch, erledige die Intimwäsche beim Kranken und räume das Zimmer auf. Der Krankenpflegerin bleibe die Aufgabe, wofür sie bis anhin keine Zeit hatte – Zuwendung und Gespräch. Mit seinem Beispiel stellen sich neue Grundsatzfragen: Wer will sich von einem Roboter waschen lassen, der auf Voice Commands einseift, spült und rubbelt? Wem wird der Roboter unterstellt sein – der Stationsschwester oder dem Chefarzt?

Die neue Mündigkeit
Der Arbeitspsychologe Felix Frei beschäftigt sich mit der Frage, warum die Hierarchie mit den unmündigen Facetten eines patronalen Führungsgefälles in der Digitalisierung zum Auslaufmodell wird. Der Schlüssel für ein neues Organisationsprinzip sei Verantwortung, schreibt Felix Frei. Wem Verantwortung jedoch jederzeit unangekündigt wieder genommen wird, der wird sich nie konsequent verantwortlich verhalten. Zudem gerät in der Digitalisierung die Hierarchie von aussen unter Druck. Die Agilität, die mit dem digitalen Wandel von einer Organisation verlangt wird, ist durch eine formale Hierarchie nicht möglich. Zudem krankt eine Hierarchie an der Trägheit und tendiert zur Gleichgültigkeit, was sich mit der Digitalisierung schlecht verträgt. Die Basis einer neuen Organisation bilden selbstführende Teams, die über Kompetenzen verfügen und ihre Arbeit eigenständig erledigen. Dazu braucht es eigene Spielregeln und definierte Prozesse – Vertrauen ist die Voraussetzung für Führung und Zusammenarbeit. Im Zentrum der Arbeit in der neuen Organisation steht der Sinn bzw. die intrinsische Motivation des Individuums (siehe Psychoscope 5/2017, Seite 11, das Magazin der Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen FSP). Nach Felix Frei wird in der Digitalisierung Führung nicht abgeschafft werden, sie bekommt jedoch eine neue Rolle: Führung wird temporär und kontextabhängig von vielen übernommen. Der Arbeitspsychologe ist sich bewusst, dass der Prozess zu neuen Organisationsformen nicht von heute auf morgen geschieht, zumal es von den Betroffenen eine reife, persönliche Handlungslogik verlangt, die sich erst noch entfalten muss. Tatsache ist, die berufliche Sozialisation zur Unmündigkeit ist ein Auslaufmodell – der Taylorismus hat ausgedient.

Chef setzt auch Vertrauen
Mit dem digitalen Wandel entwickeln sich in der Arbeitswelt notgedrungen neue Organisationsformen, die nicht nur die unteren und mittleren Chargen betreffen, sondern auch in der Teppichetage ihren Tribut verlangen. Bislang hatten MitarbeiterInnen eine Position im Organigramm, neu werden sie nur noch Rollen übernehmen, die sie je nach Kompetenz und Bedürfnissen der Organisation ausüben müssen. Was in hierarchischen Organisationen zu starren Abteilungen führte, wird sich mit dem Rollenmodell zu vielfältigeren Arbeitsformen entwickeln. Entscheidungen werden nicht mehr nach der Top-Down-Methode getroffen und Führungskräfte werden sich zu Coaches weiterbilden müssen. Zentral ist auch folgende Erkenntnis: „Der Führungsstil wandelt sich und wird zunehmend partizipativ, kollaborativ und basiert auf Vertrauen.“ (siehe Psychoscope 5/2017, Seite 9, das Magazin der Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen FSP).

Der Untergang des „Über-Ich-Menschen“
Der Feldherr auf dem Hügel – Führung sozialer Systeme, beginnt damit, dass einer an der Spitze steht, der besser als die anderen versteht, um was es geht und entsprechende Massnahmen einleiten kann. Das war einmal. „Eine Welt bricht zusammen. Es stirbt etwas. Es muss zugrunde gehen, damit etwas Neues beginnen kann“. Helmut Geiselhart geht mit den aktuellen Arbeitsorganisationen scharf ins Gericht. Der Philosoph, Theologe und Finanzwissenschafter erarbeitete ein Konzept des lernenden Unternehmens. In Anlehnung an Niklas Luhmanns Systemtheorie, dass nicht nur lebende Systeme der Natur, sich dem Prozess der Selbsterschaffung und -erhaltung unterordnen, können sich auch soziale Systeme entsprechend entwickeln. Diesem Gedanken der autopoietischen Funktion folgt Geiselhardt und sieht für zukünftige Aufgaben, die von der Digitalisierung geprägt sind, neue Formen des Zusammenwirkens. Es brauche nicht mehr narzisstische Persönlichkeiten, die auf sich selber fixiert sind, auch keine zwanghaften Gestalten, die alles im Griff haben wollen. Gemäss Geiselhardt braucht es Menschen, die den inneren Freiheitsspielraum nutzen und bereit sind für andere „Umwelt zu sein“. Der neue Idealtypus soll Regeln kennen, sich an Normen halten, in denen auch das Ungewöhnliche Platz hat als Voraussetzung für echte Innovationen (siehe Psychoscope 5/2017, Seite 15, das Magazin der Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen FSP).

Digitale Mobilmachung
„Handeln also. Und zwar schnell. Aber wie? Genau diese Frage soll die erstmals durchgeführte Konferenz «Digitale Schweiz» in Biel beantworten“, schreibt der Tages-Anzeiger (20.11.2017). Die 700 Plätze waren am letzten Montag ausgebucht. Neben Doris Leuthard und Walter Thurnherr zwängten sich Parteipräsidenten, National- und Ständeräte, Staatssekretäre, Wirtschaftsführer, Wissenschaftler, Chefbeamte und Lobbyisten in den Saal. Und Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann schaute vorbei. In Folge wurde am letzten Dienstag an rund 100 Veranstaltungen das Volk über die «Chancen der Digitalisierung» informiert. SRF liess Roboter Pepper die Sendung «Schweiz aktuell» moderieren: Abermals halfen drei Magistraten (Leuthard, Schneider-Ammann und SP-Innenminister Alain Berset), die Botschaft zu verstärken: „Da rollt etwas Grosses auf die Schweiz zu. Wir müssen uns rüsten. Die digitale Mobilmachung duldet keinen Aufschub“, schreibt der Tages-Anzeiger. Digitale Mobilmachung – noch dominiert das Bild „des Feldherrn auf dem Hügel“ bei den Schweizer Digitalisierungs-Propheten...

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