Donnerstag, 26. Januar 2017

Köpfchen statt Pille

Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften
Damals konnten sie die Institution Ehe umgestalten, Scheidungen gesellschaftsfähig machen und ein Zusammenleben ohne Trauschein ermöglichen. Die Babyboomer erfanden in den 1960er Jahren während der „sexuellen Revolution“ neue gesellschaftliche Werte, etwa auch die Emanzipation der Frauen mit Anspruch auf höhere Bildung.

Studie über junge Alte
Frauen und Männer, die zwischen 1943 und 1966 auf die Welt kamen, sogenannte Babyboomer, erfinden nun noch ihr Alter neu und läuten eine zweite „Revolution“ ein – die stille Revolution. Darum haben über den Ruhestand der Babyboomer Soziologen, Pädagogen und Psychologen aus der Westschweiz eine 160 Seiten umfassende Studie publiziert. Der Titel: „Die jungen Alten: vom Bildungssystem vergessen.“ Momentan sind 1,5 Millionen Frauen und Männer davon betroffen – knapp ein Fünftel der Bevölkerung.

Lebenslanges Lernen – der ewig unfertige Mensch
Nach der Karriere beginnt die Selbstverwirklichung: Die Freiheit, endlich das zu tun, was man wirklich will, etwa Weiterbildung – die Selbstverwirklichung bestimmt die Lebensqualität der pensionierten Babyboomer.

Ein Recht auf Lernen
Seit Januar 2017 ist der Artikel 64a der Bundesverfassung in Kraft: Das Gesetz regelt die Weiterbildung. Allerdings ist die Idee der Bildung immer noch mit Erwerbsarbeit gekoppelt: Lernen aus Interesse, Freude und Wissbegier, ohne berufliche Perspektive, hat sich noch nicht etabliert. Deshalb wird durch die jungen Alten lebenslanges Lernen gesellschaftsfähig – wie damals in den 1960er Jahren die Bildung für Frauen. https://www.sbfi.admin.ch/sbfi/de/home/themen/weiterbildung.html

Modell Senioren-Universität
„Das aktuelle Weiterbildungsbudget beläuft sich auf 5,3 Milliarden Franken, wovon der Bund 600 Millionen beisteuert. Aber nicht einen Rappen geht an die Senioren-Universitäten,“ gemäss der Studie (Seite 65). Die Senioren-Universitäten der Schweiz sind nach dem französischen Modell organisiert: Das Bildungsniveau ist akademisch, Vorlesungen werden von Hochschuldozenten gehalten. Es gibt junge Alte, welche die gleichen Vorlesungen wie Studierende besuchen, ohne Prüfungen abzulegen. Jetzt sind Universitäten und Bildungsinstitutionen des Landes gefordert, Babyboomer in ihrer stillen Revolution zu unterstützen. Erste Projekte:

Von der Pädagogik zur Gerontagogik
In der stillen Revolution entwickelt sich eine neue Fachrichtung – die Gerontagogik. Der Begriff ist „grau“ – sein Inhalt hat jedoch Zukunft. Gerontagogik richtet sich als besondere Pädagogik an Menschen, die bereits mehrere Ausbildungen absolviert haben und ihr physisches, wie auch psychisches und soziales Wohlbefinden mit Bildung stärken wollen.

Köpfchen statt Pille
Damals in den 1960er Jahren hat die Antibabypille, die neu auf den Markt kam, die sexuelle Revolution unterstützt. Die stille Revolution wird jedoch der Gewinn der Pharmaindustrie schmälern. In der aktuellen Studie wird erwähnt, dass diejenigen, die aktiv lernen, gesünder sind (siehe Seite 73). Durch Büffeln im Alter werden nicht nur weniger Pillen geschluckt und die Gesundheitskosten gesenkt, sondern auch die kreative Energie von Babyboomern für das Wohl unseres Landes freigesetzt.





Donnerstag, 19. Januar 2017

Provinzialismus in der Wissenschaft


Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften
Drei Professoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz beschäftigen sich mit der lingua franca und haben darüber eine Studie geschrieben – in Deutsch versteht sich. Darin warnen sie, dass sich das plurale Gefüge von Wissenschaftssprachen in Europa allmählich in der Herrschaft des Englischen auflöse. „Damit macht sich ein neuer Provinzialismus breit: Ich lese nur das, was in meiner (der englischen) Sprache geschrieben ist“, analysieren Peter Fröhlicher, Jürgen Mitellstrass und Jürgen Trabant die aktuelle Situation (siehe Seite 9).


Monolinguale Kommunikation
In ihrem Plädoyer für die Mehrsprachigkeit in der Wissenschaft, so lautet auch der Titel der Streitschrift, bringen sie die Sprachenproblematik auf den Punkt: „Die Entscheidung für das Englisch als weltweite Wissenschaftssprache führt damit zu einer globalen monolingualen Kommunikationsgemeinschaft, die in der Wissenschaft immer exklusiver Zugang zu Positionen, Ansehen, Einkommen und anderen Reputations- und Belohnungsformen bestimmt“, (siehe Seite 10).

Sprachhegemonie in Englisch
Der Anglifizierungsprozess in der internationalen Wissenschaftskommunikation habe kulturimperialistische Züge angenommen, schreiben Fröhlicher et al. Und der Anteil der Zeitschriften und der Datenbanken, die nur in Englisch publizieren, nimmt von Tag zu Tag zu: „Es ist üblich geworden, vom Englischen als lingua franca der Wissenschaft zu sprechen“, (siehe Seite 33). 

Ohne Sprache kein Wissen! 
Alles Wissen ist sprachlich verfasst und in den einzelnen Fachrichtungen existieren formale, wie auch nichtformale Sprachen. Sie zusammen bilden das plurale Gefüge von Wissenschaftssprachen. Die Krux ist, dass jede Sprache von unterschiedlichen epistemischen, kognitiven, historischen und kulturellen Aspekten geprägt ist und daher der Wortschatz, wie auch dessen Bedeutung einzigartig ist. Was geschieht mit dem wissenschaftlichen Fortschritt, wenn Forscher nur noch in einer Sprache sprechen, fragen sich die drei Professoren in ihrem Plädoyer für eine Mehrsprachigkeit. 

Mehr Aufklärung
Die Förderung der Mehrsprachigkeit liegt keineswegs im Trend der Globalisierung. Darum braucht es in der Wissenschaft, aber auch in der Politik, ein kulturelles Bewusstsein für die Originalität der einzelnen Sprachen. Folglich ist es auch entscheidend, dass sich in einem Aufklärungsprozess Schulen, Universitäten, Schriftsteller und nicht zuletzt auch die Medien für eine Mehrsprachigkeit engagieren, fordern Fröhlicher et al.

Volkssprache bringt Neues
Gemäss dem Autorentrio ist es belegbar, dass wissenschaftliche Schübe durch Mehrsprachigkeit besonders beim Übergang von Ein- zu Mehrsprachigkeit ausgelöst werden. Als historisches Musterbeispiel nennen sie Galileo Galilei. Der Italiener hat damals seine Erkenntnisse nicht wie üblich in Lateinisch, sondern in Italienisch geschrieben. Damit hat er eine neuzeitliche Physik eingeleitet, die in diversen Werkstätten im Land praktisch angewendet wurde. „Das Neue in der Wissenschaft kommt meist auf ungewohnten Wegen, theoretischen, empirischen und eben auch sprachlichen Wegen“, berichten Fröhlicher et al. (Seite 40).

Info SAGW: "Mehrsprachigkeit in Wissensproduktion und Wissenstransfer" 

Info SAGW: Sprachen und Kulturen

Donnerstag, 12. Januar 2017

Von der digitalen Schweiz mit Open Access und Emoijs


Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften
Der Bundesrat hat am 11. Januar 2017 den Bericht „Rahmenbedingungen der digitalen Wirtschaft“ verabschiedet – eine Standortbestimmung innerhalb der Strategie Digitale Schweiz:Unter Einbezug der Kantone und der Hochschulkonferenz ist bis Ende Juni 2017 zu prüfen, welche Auswirkungen die Digitalisierung auf den Bildungs- und Forschungsbereich hat, und ob Massnahmen notwendig sind.“
https://www.admin.ch/gov/de/start/dokumentation/medienmitteilungen.msg-id-65223.html

Auf dem Weg zum offenen, elektronischen Zugang
Besonders den Zugang zu wissenschaftlichen Information im Internet beschäftigt weltweit Forschende, wie auch alle Hochschulen und Wissenschaftsverlage. Die EU- und G7-Staaten verlangen bis zum Jahr 2020 den freien Zugang zu allen öffentlich finanzierten Forschungsergebnissen. Und das ohne Gebühr! Das Zauberwort heisst Open Access – offener, elektronischer Zugang. Über die ersten Erfahrungen in der Umsetzung und über ihre Machbarkeit werden 170 Experten, Forschende und Verleger zusammen in Bern am 20. Januar diskutieren. 

Digitaler Alltag
Am 9. Januar 2007 präsentierte Steve Jobs in San Francisco USA das erste iPhone. Seither prägt das mobile Internet unseren Alltag. Egal, wo wir uns aufhalten, das Smartphone sichert uns den Zugang zum weltumspannenden Informationsnetz:  Zugticket lösen, sich mit Google Maps lotsen lassen, weltweite News aus Politik und Forschung lesen, wie auch mailen oder chatten mit Kind und Kegel...

Eine digitale Sprache der Gefühle
Die Organisation Unicode in Kalifornien synchronisiert seit Beginn der weltweiten Digitalisierung alle Schriftsysteme der Menschheit und koordiniert die elektronische Kommunikation aller Kulturen. Unicode-Mitarbeiter entdeckten im mail-Verkehr der Japaner lustige, weinende oder mürrische Gesichtchen – das war die Geburtsstunde für eine internationale Bildsprache: Emoijs als Smiley, OK-Daumen, Teufelchen, Engelchen, Herz mit Masche. Alle Bildchen sind politisch korrekt gezeichnet. Sogar der Weihnachtsmann hat ein weibliches Ebenbild. Schattierungen von Hautfarben sind wählbar, zum Beispiel AbsolventInnen mit Doktorhut haben sechs verschiedene Pigmentierung – von hell bis schwarz. Nur der braune Kothaufen sorgt für Verwirrung in der digitalen Welt: Der Kack lächelt. Sein Lächeln bringe Glück, daran glauben jedoch nur Japaner...