Donnerstag, 31. August 2017

Unsere Freunde, die Roboter

Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften
„Bless you too“ heisst der erste Robot-Priest: Sein Körper ist ein ausrangierter Geldautomat, der mit Plastikteilen aus einem 3-D-Drucker aufgemöbelt wurde. „BlessU-2“ ist zum Segnen programmiert und wackelt mit Augenbrauen während seine Arme in die Luft greifen. Der Robot-Priest segnet ohne zu schnaufen und zu schwitzen an der Weltausstellung der Reformation in der Lutherstadt Wittenberg (Sachsen-Anhalt). Der Seelsorger aus Blech und Plastik lässt seine Schäfchen anstehen. Ein „Gottes Werk“ zum Lächeln, dennoch fragt sich manch Gläubiger im Stillen, ob das die Lösung für den Priestermangel wird...


Robot-Uli im Stall
„Uli der Knecht“ wird in Zukunft kein stattliches Mannsbild sein wie etwa Schauspieler Hannes Schmidhauser, der in den 1950er Jahren in Gotthelfs Roman den Meisterknecht spielte. In der Landwirtschaft 4.0 wird der Robot-Uli zur Entlastung des Bauern ohne Murren und Lohn die Kühe füttern. Dienstfertige Roboter stammen auch nicht mehr aus Science-Fiction-Films. Eine Truppe von Robot-Cops werden in Dubai an der Expo 2020 für Ordnung sorgen: Mit Einheitsgrösse 1,70 m und 100 kg schwer sind die übergewichtigen Blechcops nicht zu übersehen. Trotz Uniform und menschlichen Zügen stecken an ihren Händen nur drei Finger – reicht zum Salutieren.


Hello Robot
Die Robotik, von der digitalen Moderne angetrieben, hat bereits Teile unseres Lebens- und Arbeitsalltags verändert. Manche haben menschliche Gestalten, andere sind lautlos, gar unsichtbar. An der Vienna Biennale in Österreichs Hauptstadt ist bis 1. Oktober eine umfassende Ausstellung zu Chancen und Herausforderungen rund um die Robotik zu sehen. Noch ist die Beziehung des Menschen zur neuen Technologie ambivalent, zumal sich die menschliche Gestalt in der Robotik manifestiert. Warum Roboter wie Menschen aussehen, das fragt sich auch die NZZ (28.08.2017): „Noch immer steht also das Gesicht (der Kopf, der Geist) für den Menschen insgesamt, und nicht der Thorax (oder der Bauch, das Geschlecht), noch weniger die Hand (für das Schaffen) oder der Fuss (für das Fortkommen, das Explorieren, die Schwellenüberschreitung). Woran die künftige Mensch-Maschine oder der Maschinen-Mensch individuell zu erkennen sein wird − ob an seinem Gesicht oder an seinen Prothesen −, bleibt indes abzuwarten.“
http://www.viennabiennale.org/ausstellungen/detail/hello-robot/


Die Spezie Robot
In der Zeitschrift "Aktuelle Juristische Praxis" (AJP) 2017/2 vom Dike Verlag beschäftigen sich mehr als 20 Juristen über das noch nicht etablierte Roboterrecht aus schweizerischer Sicht. Drei Dinge muss ein Roboter beherrschen, damit er zur Spezies Robot gehört: Die Welt um sich herum automatisch wahrnehmen, seine Wahrnehmung analysieren und sich bewegen oder agieren kurz gesagt – „sense, think and act“. Je nach ihren Fähigkeiten sind sie Industrie- oder Serviceroboter zugeordnet. Der Industrie-Robot gehören zum Proletariat, Service-Robots sind im Dienstleistunssektor unterwegs, etwa in der Gastronomie oder in der Pflege. Butler haben im privaten Haushalt viele Rollen zu bewältigen, vom simplen Staubsauger zum Scheibenwischer und Grasfresser für den englischen Rasen. Die juristische Schwierigkeit ist eine saubere Klassifizierung. Zudem sind gewisse Robots lernfähig, wie der „Robear“, der Krankenschwestern im Spital zur Hand geht. Melinda F. Lohmann analysiert das Zivilrechtliche mittels Szenarien, wenn der Staubsauger auf Irrwegen Stehlampen umfährt, oder der „Robear“ ruppig wird und dabei Patienten verletzt. Wer ist in solchen Situationen haftbar? Hersteller, Vertreiber oder gar der Bediener. Die Krux für die Programmierer sind lernfähige Roboter; ihre Schöpfer wissen nie genau wie sie sich entwickeln werden – je nach Umgebung. Zu dieser Frage müsste sich wohl ein Roboter-Soziologie äussern (vgl. Melinda F. Lohmann, AJP 2/2017, Seite 152 bis 162).


Darf dich der Robot-Boss entlassen?
Der Gedanke, dass wir in Zukunft einem Robot-Boss unterstellt sein könnten, ist nicht abwegig, das bestätigt Isabelle Wildhaber. Die Juristin untersucht die Fürsorgepflicht bei Arbeitsunfällen verursacht durch den Robot-Boss. Viele, die sich per Internet bewerben, müssen sich öfters einem Robot-HR stellen: „E-Recruting“ oder „Hiring by Algorithms“ ist in Grossfirmen schon Alltag; dazu gehören Swiss, Manor, IBM und die Berner Kantonsverwaltung. Damit können die Organisationen den Schutz der Anstellungsdiskriminierung etwa bei Alter, Geschlecht, Nationalität umgehen. Nur das „Firing by Algorithms“ lässt sich in der Schweiz nicht ausführen: Nach ZGB muss die Entlassung immer noch ein berechtigter Vorgesetzter aussprechen (vgl. Isabelle Wildhaber, AJP 2/2017, Seite 213 bis 224).


Vom Robot-Strafrecht
Was ist, wenn der Robot-Priest nicht mehr Segnen will und zum Atheisten konvertiert? Wer hat die Sicherheit, dass der Robot-Cop nicht von einem Hacker umprogrammiert wird und an der Expo 2020 in Dubai mit seinen 100 Kilo eine Schlägerei anzettelt? Knifflige juristische Fragen: „Schliesslich ist die Beantwortung der Frage, ob ein Roboter selbst strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden kann, im Lichte des heute mehrheitlich vertretbaren Schuldbegriffs zwar noch nicht möglich (vgl. Nora Markwalder, Monika Simmler AJP 2/2017, Seite 171 bis 182). Die Grenzen zwischen Mensch und Maschine wachsen uns Menschen in der fortschreitenden Digitalisierung langsam über den Kopf, verursachen Ängste. Noch distanziert sich der Wirtschaftsverband Economiesuisse vom Roboter als Steuerzahler. Aber wenn die Kassen leer sind, werden wohl auch Blech-Proletarier zur Kasse gebeten... (Berner Zeitung 23.08.2017)


Top-Robot-News, 29. August 2017
Putzroboter löst nächtlichen Alarm in Elektromarkt aus. Drei Streifenwagenbesatzungen fuhren zum Tatort in Lübeck, an dem Einbrecher vermutet wurden. Die Beamten durchkämmten das Geschäft und entdeckten auf dem Boden den Roboter. Der sei aus dem Regal gefallen und habe dadurch einen Bewegungsmelder aktiviert. Der Putz-Robot war nicht im Dienst! Wer wird die Kosten des Fehlalarms übernehmen?

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Donnerstag, 24. August 2017

Treppauf, treppab – das Regime von Ranking

Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften

Bei der Projektierung des eidgenössischen Polytechnikums in Zürich haben die Gründer bzw. Alfred Escher und seine Mitstreiter in den 1850er-Jahren europäische Schulen evaluiert und sich so beim Aufbau inspirieren lassen. Daher gehören Hochschulvergleiche zur Geschichte der ETH, damals ging es jedoch nur um qualitative Beschreibungen. Im 21. Jahrhundert gelten für Hochschulen dank der Digitalisierung gleiche Ranglisten, wie etwa die Hitparaden der Musikbranche. Im Jahr 2003 sagte Olaf Kübler, der damalige ETH-Präsident, der NZZ am Sonntag, dass sich die ETH zur Maxime gemacht habe, Rankings nicht für Eigenwerbung zu benutzen – „selbst wenn sie für uns vorteilhaft sind“. Im Jahr 2017 haben Rankings auf der ETH-Homepage eine eigene Rubrik: Academic Ranking of the World Universities, Shanghai Jiao Tong University; THE – World University Ranking, Times Higher Education und QS – World University Rankings, Quacquarelli Symonds Ltd ARWU. Die Bemerkung am Schluss der Rubrik liest sich wie die Packungsbeilage eines Arzneimittels: „Hochschulrankings sind eine Konsequenz der Globalisierung des universitären Bildungswesens und bieten nützliche Entscheidungsgrundlagen. Je nach Methode, Ausrichtung und Wahl der Fachbereiche variieren sie allerdings stark und sind bei der Beurteilung der Qualität einer Hochschule mit Bedacht zu interpretieren.“


Konkurrenz ist nicht neu, sondern hat neue Dimensionen
Vorhandene Rangdistanzen werden in einem Ranking jeweils kaum beachtet, warnt der Makrosoziologe Steffen Mau („Das metrische Wir“). Es wird eine Elite inspiziert und nicht die Breite der Bildungseinrichtungen des tertiären Sektors. Zumal auch die freie Verfügbarkeit eines riesigen Datenbestandes im Netz ständig neue Informationen für Macher und Rating-Agenturen nachliefert. Oft geht es ihnen nicht nur um Anerkennung, sondern darum sogenannte „Absteiger“ anzuprangern: Blaming and Shaming. Rankings verleihen auch nicht nur Reputationskapital, sie beeinflussen sehr subtil die Strukturen der Organisation. Entscheidungsprozesse über Strategien lassen sich innerhalb von Universitäten mit Rankings justieren. Eine Fallstudie analysiert gar das Phänomen der „kollektiven Psyche“ in einer Universität (vgl. Steffen Mau, Seite 87).

„Looking good“ statt „Beeing good“
Das Ur-Ranking stammt von der einst unbekannten Shanghaier Jiatong-Universität. Sie prüften im Jahr 2003 auf der Basis von wenigen Indikatoren tausend Hochschulen. Für jeden Indikator bekommt die beste Hochschule den Wert 100, geprüft wird die sogenannte Qualität der Ausbildung anhand der Anzahl von Ehemaligen, die einen Nobelpreis bekommen haben. Auch die Qualität des Personals bzw. wie häufig die Forschenden zitiert werden ist ein Indikator. Die Grösse der Institution spielt eine Rolle und ihre Forschungsleistung. Die Quelle für den letzten Indikator bezieht sich auf die Statistik von Thomson Reuters. Der US-Medienkonzern wertet auserlesene Zeitschriften aus – etwa Nature und Science, sowie Web of Science. Von den überprüften 1000 Hochschulen schaffen es 500 auf die begehrte Liste, obwohl es weltweit 16'000 Universitäten gibt. Mit der schon vorhandenen Reputationshierarchie werden Jahr für Jahr neue Rankings reproduziert (vgl. Mau, Seite 90). Aktuelle Erfolgsmeldungen über Schweizer Universität lassen sich oft kaum durch Leistungssteigerungen erklären, sondern durch veränderte Strategien der Datenaufbereitung der jeweiligen Ranking-Agenturen. Das Regime der Ratings und Rankings trete im Gewand der objektiven Berichterstattung auf (vgl. Mau Seite 72).

Sind nur drei Schweizer Universitäten top?
In Sachen Innovationskraft sind Schweizer Institute top, schreibt NZZ Online (09.08.2017). Darum profitiert die Wirtschaft von der Forschung an Universitäten. Die Unternehmen brüsten sich mit ihren Innovationen, dabei geht oft vergessen, dass die Ergebnisse aus universitärer Forschung stammen, die in Patenten zitiert werden. Der Nature-Verlag hat auf der Basis von Fachartikeln einen Innovationsindex veröffentlicht: Die ersten drei Ränge besetzen die US-Amerikaner selber, auf Rang 21 folgt die Universität Genf. Zürich erreicht Platz 34, die Universität Basel 61. Die ETH Lausanne liegt mit Rang 41 vor Zürich mit Platz 57.

Die Inzucht der Wissenschaftsverlage
Matthias Egger, Präsident des Forschungsrates des Schweizerischen Nationalfonds (SNF) wünscht sich einen Kulturwandel in der Wissenschaft. Sorgen bereiten ihm die Wissenschaftsverlage: „Die Macht, die sie über die Wissenschaft haben, ist unglaublich. Und das ist schlecht,“ sagt Matthias Egger (gelesen im Tages-Anzeiger 15.08.2017). Die Publikationsliste bestimmt heute, ob ein Forscher Karriere macht oder nicht. In der globalisierten Wissenschaftscommunity sind jedoch nur wenige Luxusjournale wie „Nature“ oder „Science“ massgebend. Also sind es wieder exakt die gleichen Fachjournale, wie sie auch im Rankingspiel von Shanghai oder im Innovationsindex verwendet werden.

Kollektive Psyche
Lino Guzzella, der ETH-Präsident, fragt sich im Interview mit dem Tages-Anzeiger (19.08.2017), was die ETH von Silicon Valley lernen kann. Es fehle uns in der Schweiz der Glaube, dass wir die Welt verändern können. „Dieser Optimismus und die Bereitschaft, Fehler zu machen und zu scheitern, müssen wir unbedingt in die Schweiz bringen“. Es gebe bei uns 100 Gründe etwas nicht zu tun. Im Silicon Valley heisse es – versuchen wir es. Guzzella vergleicht diese Offenheit des Geistes sogar mit der Flower-Power-Bewegung. „Im Summer of Love von 1968 war alles möglich. Diesen Geist sollen wir hinbekommen in der Schweiz. Wenn wir es nicht versuchen, werden wir garantiert scheitern,“ betont ETH-Präsident Guzzella. Eine öffentliche, aber auch kritische Debatte um die Digitalisierung begrüsst er. Interessant ist, dass er in seinen Ausführungen zur Digitalisierung meistens von Programmierer und Datenwissenschaftler spricht. Was ist mit den gesellschaftlichen Auswirkungen der Quantifizierung des Sozialen? Was im Jahr 2003 an der ETH noch verpönt war – „Eigenwerbung mit Ranking“ – hat heute auf ihrer Homepage eine eigene Rubrik. Manifestiert diese Rubrik „Ranking“ etwa auch die Auswirkung des globalen Ranking-Regimes auf die kollektive Psyche der Bildungsinstitution in Zürich?

Donnerstag, 17. August 2017

Big Data und das metrische Wir


Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften

Steffen Mau, Professor für Makrosoziologie in Berlin, gehört zur Generation X – geboren im Jahr 1968. Als «Digital Immigrant» lernte er erst als Erwachsener die Digitalisierung kennen, im Gegensatz etwa zu den „Digital Natives“, der Generation Y. Der Deutsche Makrosoziologe Mau interessiert sich für die Auswirkung der Digitalisierung auf die Gesellschaft und hat darüber ein 286 Seiten starkes Buch geschrieben: „Das metrische Wir – Über die Quantifizierung des Sozialen (Edition Suhrkamp 2017).

Eine Problemzone des metrischen Wirs
Krankenakten dokumentieren das „heilige“ Arztgeheimnis zwischen Arzt und Patient. Mit der Digitalisierung der Akten werden jedoch vertrauliche Daten für einen grösseren Personenkreis zugänglich und säkularisieren damit das Arztgeheimnis. „Sogenannte Gesundheitscores, Skalen- und Punktesysteme der Bewertung des individuellen Gesundheitszustandes gewinnen zunehmend an Bedeutung – bei Krankenkassen, im betrieblichen Gesundheitsmanagement oder in Eigenregie vorgenommenen Therapien sowie beim individuellen Gesundheitsmonitoring“, schreibt Steffen Mau (Seite 115). Gesundheit und gute Konstitution als höchstes Gut des Menschen bekommen durch die Digitalisierung einen kompetitiven Charakter: Mit Aktivität und Fitness bleibt man gesellschaftsfähig, wird nicht zur Belastung für die Allgemeinheit bzw. für das Budget der Kassen. Ganz im Zeitgeist der Digitalisierung lancieren jetzt auch Schweizer Krankenkassen erste Active Apps zum individuellen Gesundheitsmonitoring mit einem Bonussystem als Anreiz für körperliche Anstrengung und Schweiss.

Krankenkassen ködern fitte Kunden
Wer sich bewegt, ist gesünder und erzeugt weniger Kosten, so verhält sich heute ein idealer Kunde einer Krankenkasse. Die Active App der Sanitas misst beispielsweise, wer mit dem Velo zur Arbeit fährt oder am Wochenende wandert, zu gewinnen sind 120 Franken pro Jahr. Die CSS belohnt ihre Kunden für 10’000 Schritte am Tag mit einer Entschädigung von maximal 146 Franken pro Jahr, plus 350 Franken Vergütung für die Mitgliedschaft in einem Fitnessclub. Die NZZ am Sonntag (13.08.2017) hat aufgelistet, welche Kassen wieviel bieten – vom Prämienrabatt bis zum Zuschuss fürs Fitness-Abonnement.

Datenmanager Staat
Für die „Regierungskunst“ ist die Digitalisierung mit der Erfassung von Big Data essentiell geworden – ohne statistisches Amt wäre Bundesbern wohl aufgeschmissen. „Der Staat als Körper, der sich aus unzähligen Einzelwesen zusammensetzt, ist ein klassischer Bestandteil der dazugehörigen politischen Metaphorik“, schreibt Makrosoziologe Steffen Mau (Seite 35). Aus den statistischen Daten informieren sich Politiker wie der Staat regulierend eingreifen kann. Mit dieser Zahlensprache ist auch die Bevölkerung lesbar bzw. einschätzbar geworden – Alter, Geschlecht, Bildung, sozialer Status, wie und wo wird gewohnt, welche kulturelle Vorlieben, wie und wann wird gestorben usw. Die numerische Abbildung der Realität in unserem Land ist Grundlage, wie auch Legitimierung für Strategien von Behörde und Politik. Mit der arithmetischen Vereinfachung von komplexen Themen lassen sich die Politiker zu Numerokraten disziplinieren. In der Datenflut mit Blick auf Zahlen übersehen sie dabei die latente Gefahr, dass auch im Binärcode ein Schwarzweiss-Denken schlummert. Ist das der neue idealtypische Politiker, welcher sich durch Big Data beeindrucken lässt und mit einer buchhalterischen Exaktheit den Status Quo in unserer Gesellschaft anstrebt? „Die Schweiz als innovative Volkswirtschaft nutzt die Chancen der Digitalisierung für Wachstum und sichert damit den Wohlstand“, lautet ein Kernziel des Bundesrates für die „Digitale Schweiz“ (Blog „Der digitale Kick“: http://wissenschaftskultur.blogspot.ch/ ).Wo bleiben in der digitalen Revolution Schweizer Politiker mit klaren Zukunftsbildern? Visionär denken und dabei pragmatisch handeln, gepaart mit Zivilcourage – nur so wird die Demokratie lebendig bleiben. Die Diagnose des Soziologen Max Weber mit dem „stahlharten Gehäuse der Hörigkeit“, welches der Menschheit ihre Freiheit raubt, markiert aktuelle Tendenzen (Max Weber 1904, „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus.“): Webers Warnung vor einer erstarrenden Bürokratisierung, jetzt im Gehäuse der Digitalisierung, ist noch nicht vom Tisch.

Zahlen sind mehr als nur Mathematik
Gelesen in der NZZ 11.08.2017: „Laut der gängigen, simplifizierenden Statistik beziehen in der Schweiz drei Prozent der Bevölkerung Sozialhilfe. Tatsächlich sind es zehn Prozent. Die Studie des Bundesamtes für Statistik zeigt grosse kantonale Unterschiede auf.“ Sobald die AHV- und IV-Renten den Existenzbedarf nicht decken, werden gemäss Bundesgesetz Ergänzungsleistungen ausbezahlt, dabei haben Kantone wenig Spielraum – trotzdem sind die Beträge unterschiedlich. „Die Statistiker des Bundes können die Unterschiede nicht erklären“, gemäss der NZZ. Datenmanager Staat wird sich mit dieser Erklärung kaum zufriedengeben. Es wird dem Staat gelingen, die kantonalen Unterschiede zu bereinigen bzw. mit der Quantifizierung des Sozialen, ein neues Register der Ungleichheit zu eröffnen. Nach Steffen Mau, produziert das Verfahren „Vergleichen und Messen“ systematische Fehler, die nie eine Wirklichkeit abbilden können: Hinter jeder Zahl steht immer eine Wertzuweisung.


Vermessung der Gesellschaft
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Mit der Entstehung der Sozialversicherungen im 19. und 20. Jahrhundert bekam die Sozialforschung eine Schlüsselrolle in der Gesellschaft. Damals wurde realisiert, dass der Blick auf Daten der Individuen auch den Blick auf die Gesellschaft verändert: Mit Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung konnte man aufzeigen, dass etwa Krankheiten nicht als Einzelfall, sondern als Regelmässigkeit angesehen wird, und darum die Verantwortung nicht allein auf den einzelnen Menschen abgeschoben werden kann. In der digitalisierten Gesellschaft sind jetzt Daten und Statistiken unwiderruflich zur Leitwährung geworden. Big Datas werden jedoch nie Realitäten abbilden können, sondern sind selektive Konstruktionen, welche neue Wirklichkeiten erzeugen. Steffen Mau schreibt: „Daten legen nahe, wie Dinge zu sehen sind, und schliessen damit andere Sichtweisen aus...“ (Seite 30).