Mittwoch, 9. November 2016

Absolventen knapp bei Kasse

Dr. Franca Siegfried
Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften

Titelgeschichte 20 Minuten, Montag 7. November 2016: "Es entwickelt sich ein akademisches Proletariat, das sich finanziell nur noch knapp über Wasser halten kann", sagt Lena Frank, nationale Jugendsekräterin der Gewerkschaft Unia. Lukas Golder vom Institut gfs.bern beobachtet ehemalige Geschichts- oder Ethnologiestudenten, die nach Studienabschluss lange auf Reisen gehen und schliesslich nur Teilzeit arbeiten. Sorgt sich die Pendlerzeitung 20 Minuten um die Zukunft der Geistes- und Sozialwissenschafter?

Ist die Besorgnis von 20 Minuten berechtigt?
"Nein", sagt Markus Zürcher der Generalsekretär der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW). "Der Berufseinstieg vieler Geistes- und auch Sozialwissenschafter dauert im Durchschnitt bis zu fünf Jahren." Absolventen nehmen sich Zeit für Praktika in unterschiedlichen Berufsfeldern und üben sich im Modell "trial and error". Versuch und Irrtum, eine heuristische Methode, nach der passenden, individuellen Lösung für die Zukunft zu suchen. Darum sind alle Praktika äusserst lehrreich, wer sich in diversen Berusfeldern umgeschaut hat, der konnte soviel Erfahrung sammeln, dass er auch weiss, was er wirklich arbeiten möchte. Trotzdem fordert Lena Frank der UNIA, Dauer der Praktika und einen Mindestlohn gesetzlich zu regeln.

Teilzeit als Zukunftsmodell
2014 haben gemäss der Pendlerzeitung 20 Minuten mehr als die Hälfte der Masterabsolventen der Geistes- und Sozialwissenschaft Teilzeit gearbeitet. "In einer Welt, die sich so schnell verändert und in der man nicht weiss, ob es den Job in Zukunft noch gibt, ist es sinnvoll, ein zweites berufliches Standbein zu haben", sagt Markus Zürcher. Das Halbe-Halbemodell der geteilten Elternschaft ist auch eine gute Möglichkeit Kinder aufzuziehen. Zudem gestattet Teilzeitarbeit sich ein Leben lang weiterzubilden. Die Einkommensperspektiven der Geistes- und Sozialwissenschaften hat die SAGW publiziert: https://abouthumanities.sagw.ch/15-statistiken/15-4-einkommenperspektiven.html

Bildung nicht nur für die Kasse
Bildung beeinflusst individuelle Lebenschancen und ist der Schlüssel zur gesellschaftlichen Integration. Eine gute soziale Integration erhöht die Lebenserwartung und beeinflusst die Gesundheit positiv – Bildungsreiche rauchen weniger, leiden seltener an Krankheiten wie etwa Schlaganfall oder Diabetes. Man kann sich fragen, warum die Pendlerzeitung 20-Minuten die Geschichte „des akademischen Proletariats“ auf den Titel gebracht hat. Zumal in den Medien viele Geisteswissenschafter Unterschlupf finden, so auch 20-Minuten Chefredaktor Marco Boselli, der an der Universität Zürich Germanistik und Publizistik studierte – sogar ohne Abschluss.

https://abouthumanities.sagw.ch/

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