Freitag, 2. Juni 2017

Sonntags volle Museen


Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften
„Die Kunst ist nicht Religionsersatz, sondern Religion (im Sinne des Wortes „Rückbindung“, „Bindung“ an das nicht Erkennbare, Übervernünftige, Über-Seiende). Das heißt nicht, dass die Kunst der Kirche ähnlich wurde und ihre Funktion übernahm (die Erziehung, Bildung, Deutung und Sinngebung). Sondern weil die Kirche als Mittel, Transzendenz erfahrbar zu machen und Religion zu verwirklichen, nicht mehr ausreicht, ist die Kunst, als verändertes Mittel, einzige Vollzieherin der Religion, das heißt Religion selbst“, schreibt der Deutsche Professor für Malerei Gerhard Richter im Jahr 1965. Könnten Richters Gedanken eine Debatte auslösen, wenn man den Museumsboom in der Schweiz mit den leeren Kirchen in Bezug setzt?


Im Dienste der Gesellschaft
Rund drei Viertel der Schweizer Bevölkerung hat innerhalb eines Jahres, ein Museum, eine Ausstellung oder eine Galerie besucht. Beliebte Ziele sind aber auch Denkmäler, historische oder archäologische Stätte (70 Prozent). Auf dem dritten Platz der Beliebtheitsliste des kulturellen Lebens steht das Kino (66 Prozent). Kurzum Museumsbesuche sind eine kulturelle Lieblingsbeschäftigung der Schweizer. Erstmals haben das Bundesamt für Statistik das Kulturverhalten der Bevölkerung (2014) und eine entsprechende Museumsstatistik (2015) in der Publikation „Museumslandschaft“ zusammengestellt. 
https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/kultur-medien-informationsgesellschaft-sport/kultur/museen.assetdetail.2262605.html

Massgeblich tragen mit „Archäologie Schweiz“ (http://www.archaeologie-schweiz.ch/UEBER-UNS.5.0.html ), der „Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte“ (https://www.gsk.ch/de ), dem „Schweizerischen Institut für Kunstwissenschaft“ (http://www.sik-isea.ch/de-ch/ ), dem „Verband der Museen der Schweiz“ (http://www.museums.ch/) und die „Vereinigung der Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker in der Schweiz“ (http://www.vkks.ch/ ) Fachgesellschaften der SAGW zum breiten Angebot bei. Eine gute Übersicht und weiterführende Informationen finden sich auf dem Fachportal http://www.sciences-arts.ch/.

Was ist ein Museum?
In der Publikation „Museumslandschaft“ ist auch diese Frage beantwortet: Gemäss dem Internationalen Museumsrat (ICOM) ist ein Museum «eine gemeinnützige, auf Dauer angelegte, der Öffentlichkeit zugängliche Einrichtung im Dienste der Gesellschaft und ihrer Entwicklung, die zum Zwecke des Studiums, der Bildung und des Erlebens materielle und immaterielle Zeugnisse von Menschen und ihrer Umwelt beschafft, bewahrt, erforscht, bekannt macht und ausstellt» (Statuten des ICOM, Artikel 3, Abschnitt 1). Verschiedene Einrichtungen mit Museumscharakter werden in der Erhebung nicht berücksichtigt, darunter Ausstellungsorte ohne Sammlungen, Sammlungen ohne Ausstellungsraum, Zoos und botanische Gärten sowie Archive und Bibliotheken, die einen Teil ihres Bestandes in ihren Räumen ausstellen.“ http://www.museums.ch/service/icom/

Kunst im Park
Das meist besuchte Kunstmuseum in der Schweiz beschenkt sich zum 20-Jahrjubiläum mit einem Erweiterungsbau: Der Schweizer Architekt Peter Zumthor erweitert die Fondation Beyeler mit Glaspavillon und Stampfbetonbau. Für den Neubau hat die Fondation den benachbarten Iselin-Weber-Park erworben – eine Idylle mit Seerosenteich und altem Baumbestand. Die Beyeler Fondation ist ein grossartiges Museum eingebettet in einer Parklandschaft, darum fahren im Schnitt 350’000 Menschen pro Jahr nach Riehen – der Museumsboom ist ungebrochen.

Kunst in der Stadt
Auch das Zürcher Kunsthaus ist auf Expansionskurs, die Ausstellungsfläche wird um 80 Prozent erweitert: Sir David Chipperfield baut am Heimplatz einen „Kunst-Tresor“, der in drei Jahren fertig sein soll. Auf 23’300 Quadratmetern werden die klassische Moderne, Gegenwartskunst und Wechselausstellung präsentiert. Café, Buchladen wie auch der Bereich für die Kasse sind Teil der öffentlich zugänglichen Räume.

Konkurrenz auf dem Museumsmarkt
Besonders Eltern gehen mit ihren Kindern häufig ins Museum, so die Schweizer Museumsstatistik. Das bedeutet jedoch nicht, dass bei ihnen nur Kunstausstellungen auf dem Programm stehen. Gemäss Statistik sind naturwissenschaftliche Museen teilweise sogar noch beliebter.

Kunstgenuss ohne Barrieren
Museen sind gemäss dem internationalen Museumsrat, eine gemeinnützige, auf Dauer angelegte, der Öffentlichkeit zugängliche Einrichtung im Dienste der Gesellschaft und ihrer Entwicklung. Darum hat der Verband der Museen Schweiz (VMS) jetzt eine Broschüre herausgegeben: Barrierefreie Museen. Die öffentlichen Einrichtungen im Dienst der Gesellschaft sollen sich für die Bedürfnisse der Menschen mit Behinderungen sensibilisieren – 14 Prozent der Bevölkerung muss mit einer Behinderung leben. Barrierefreie Museen ermöglichen allen Menschen gleichberechtigt und selbstverständlich am kulturellen Leben teilzunehmen.

Museumsfachleute im Austausch
Lange Öffnungszeiten, Museumsnächte, häufige Wechselausstellungen, das sind alles Faktoren welche Museen attraktiv machen. Die ständig wachsenden Erwartungen an die Institutionen sind auch Gegenstand des Jahreskongresses der Schweizer Museen. Besonders gross ist für sie die Organisation der Wechselausstellungen als Unique Selling Point. Diese Ausstellungen müssen wissenschaftlich, in der Thematik auch populär sein, neuste Technologien für die Präsentation nutzen und als Marketinginstrument die Institution nachhaltig in das Freizeitverhalten der Bevölkerung verankern. Am 24. und 25. August werden sich die Museumsfachleute in Aarau treffen. Ob auch über Religionsersatz nach Gerhard Richter in der Tagung debattiert wird, ist aus dem Programm nicht ersichtlich. http://www.museums.ch/bildung/tagungen/kongress.html




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