Samstag, 27. Mai 2017

Merci aux Zurichois


Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften
Die Lehrerschaft ist verärgert, unzufrieden und fühlt sich verraten. Die Erziehungsdirektoren Konferenz EDK hingegen freut sich – das Stimmvolk des Kantons Zürich hat die kantonale Volksinitiative zur Anpassung des kantonalen Volksschulgesetzes in der Fremdsprachenfrage abgelehnt. Englisch und eine zweite Landessprache müssen PrimarlehrerInnen weiterhin unterrichten. Vor 13 Jahren haben die Kantone eine gemeinsame Sprachenstrategie ausgearbeitet und später ins HarmoS-Konkordat aufgenommen. Heute lernen Primarschüler in 23 Kantonen zwei Fremdsprachen.


Frühdeutsch
«Der Entscheid aus Zürich zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind», sagt Monika Maire-Hefti, Neuenburger Staatsrätin, die der Regionalkonferenz der Westschweizer und Tessiner Bildungsdirektoren vorsteht. «Das Resultat ist ein Bekenntnis zu den Minderheiten und zur Viersprachigkeit der Schweiz.» In der Westschweiz ist das Frühdeutsch in der Primarschule selbstverständlich: PrimarlehrerInnen bringen ihren Schützlingen deutsche Vokabeln und Grammatik bei. Und niemand hat dabei den Anspruch, dass die Kinder nach der sechsten Klasse schon perfekt Deutsch sprechen.
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Über das Wörtchen „Früh“
Dr. Markus Zürcher stellt sich die Frage im SAGW-Bulletin 1/2017, ob nicht bereits die Rede von «Frühfranzösisch» und «Frühenglisch» auf die schiefe Bahn führt: „Jedenfalls scheinen «Frühmathematik», «Frühbasteln», «Frühsport» und vieles mehr, was sich Kinder in ihrer Neugier und ihrem Wissensdurst aneignen, keine Sorgen zu bereiten. Unklar ist auch, wovor die Kinder denn bewahrt werden sollen, ist doch Mehrsprachigkeit weltweit, in Europa wie in der Schweiz, die Regel und nicht die Ausnahme.“

Explosiv
Wann ist der richtige Zeitpunkt eine Sprache zu lernen? Simone Pfenninger erforschte am Englischen Seminar der Universität Zürich das Lernen von Fremdsprachen. Ihre These: Je früher Kinder Sprachen lernen, desto besser lernen sie. Doch Pfenningers Resultate stützten die Früher-desto-besser-Annahme nicht und wurden zur Lunte in der explosiven Sprachendebatte im Sommer 2016.

Globalesisch
Jetzt möchte sogar das Thurgauer Parlament das Frühfranzösisch abschaffen, erste Beschlüsse sind gefasst, ihre Debatte geht Mitte Juni weiter. Frank A. Meyer, Chefpublizist im Hause Ringier sinniert im SonntagsBlick über die Thurgauer. Sein Fazit: Es gehe im Grunde nicht um den Sprach- sondern Kulturunterricht. Darum müsste das Frühfranzösisch zu einem kulturellen Erlebnisfach ausgeweitet werden: „In einer Zeit, in der das als Englisch bezeichnete Globalesisch die Pflege von Sprachkulturen weltweit bedroht, müsste innovative ­Pädagogik doch darauf aus sein, das Fach Französisch zu verstärken, statt es zu schwächen“, schreibt Frank A. Meyer. 

Adieu Röschtigraben
Markus Bleiker der Primarschule Eglisau hat 20 Jahre Erfahrung mit Französisch. Er pflegt dabei den Austausch mit einer Partnerschule aus dem Unterwallis. Ein gemeinsames Klassenlager motiviert etwa die Kinder zum Lernen. Lehrer Bleiker berichtet von Freundschaften, die den „Röschtigraben“ überwinden und wie entspannt Kinder miteinander Französisch sprechen.


Kein Sonderfall Schweiz
Die Mehrsprachigkeit in der Schule wie in der Gesellschaft ist keine Exklusivität der Schweiz: So versteht sich die Europäische Union als die grösste mehrsprachige Gemeinschaft der Welt. Entsprechend setzt sie sich zum Ziel, dass in der obligatorischen Schule nebst der Muttersprache zwei weitere Sprachen erworben werden. Darüber haben Experten aus der Wissenschaft Ende März in Bern an einem SAGW-Podium diskutiert.


Evaluation und Esprit
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„Es gilt jetzt jedoch zu akzeptieren, dass eine Mehrheit weiterhin zwei Fremdsprachen an der Primarschule wünscht. Umso vehementer fordert das Initiativkomitee von den politischen Gremien nun Massnahmen zur operativen Verbesserung des Sprachenkonzepts im Kanton Zürich. Was es jetzt endlich braucht, ist eine detaillierte Evaluation des Fremdsprachenunterrichts im Kanton Zürich“, gemäss Medienmitteilung des Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverband ZLV. Könnte eine Evaluation des Fremdsprachenunterrichts mehr Esprit in die Klassenzimmer zaubern? Einfach wird es nicht: Prof. Margrit Stamm mahnte schon im Jahr 2004 über die Folgen von Evaluation für die Bildung. Nebenbei: Der Begriff Evaluation (Bewertung, Auswertung) wurde im 19. Jahrhundert zuerst im Französischen – erst später im Englischen verwendet...



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