Donnerstag, 1. Dezember 2016

Auf der Suche nach Qualität und Leistung

Dr. Franca Siegfried
Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften
Der Bundesrat publizierte am 16. November 2016 den Bericht „Evaluation der Leistungsfähigkeit des Schweizer Forschungs- und Innovationssystems“. Damit ist das Postulat von Nationalrat Jean-François Steiert erfüllt.

Was kostet, wird evaluiert
Qualitäts- und Leistungsmessungen gehören zum Instrumentarium unserer Leistungsgesellschaft – davon sind auch Wissenschaften betroffen. In den nächsten vier Jahren unterstützt allein der Bund Bildung und Forschung mit 26,4 Milliarden Franken.

Wie wird die Leistung der Forschung evaluiert?
Welche Indikatoren sind massgebend: Etwa die Anzahl Publikationen pro Forschende? Oder wie steht es mit dem Impact der Publikationen, wie häufig werden sie zitiert? Im Impact-Ranking stehen gemäss dem neuen Bericht die Bereiche Technische- und Ingenieurwissenschaften, Informatik, Physik, Chemie und Erdwissenschaften auf den oberen Rängen. Die Zitationsrate von Publikationen aus Geisteswissenschaften und Kunst liegt im internationalen Vergleich tief. Darum protokolliert der Bericht vom 16. November bei den Geisteswissenschaften: „Handlungsbedarf“. Die Stärke des Berichtes ist eine Komplexitätsreduktion des Schweizer Forschungssystems mit dem Ziel, die Machbarkeit der Arithmetik oder alle Investitionen hochschulpolitisch zu rechtfertigen.

Milchbüchleinrechnung
Zudem illustriert dieses Beispiel, wie messbare Indikatoren bei Evaluationen oft im Vordergrund stehen. Misst der Output von Publikationen die Leistung eines Forschenden? Warum ist der Inhalt der Publikation kein Indikator von Qualität? Was sagt uns die Zitierhäufigkeit?...

Swissness
Um der Vielschichtigkeit der Evaluationsgebiete gerecht zu werden, beschäftigten sich seit Jahren Geistes- wie auch Sozialwissenschafter mit der Frage, was gute Forschung ausmacht: „Swiss Way to Research Quality“. Im November haben Forschende in Bern weitere Erkenntnisse präsentiert. Zum aktuellen Diskurs hat auch Marlene Iseli, SAGW, mit dem Synthesebericht über Qualitäts- und Leistungsbeurteilung beigetragen.

Ein Manifest zur Forschungsevaluation
Im Rahmen des Projektes «Performances de la recherche en sciences humaines et sociales» entwarfen Wissenschafter ein Manifest mit insgesamt zehn Geboten: 
http://prshs.blogspot.ch/

Die zehn Gebote
Gefordert sind partizipative, multidimensionale, transparente und auf die Qualität zielende Evaluationsprozesse. Wie zum Beispiel: 1. Bottom-up approach – von unten nach oben – Wissenschafter bestimmen gemeinsam Evaluationsverfahren für valide Daten. 3. Zur Evaluation gehört volle Transparenz, beispielsweise normative Vorgaben der jeweiligen Disziplin.
7. Qualität vor Quantität – der Druck für Output darf Forschungsergebnisse nicht beeinflussen. Das 10. Gebot verlangt nach Evaluationsverfahren, welche der Vielfalt der Forschung und ihren Disziplinen gerecht werden.

Eine internationale Suche
Die Suche nach Qualität und Leistung ist nicht beendet! Soeben haben Schweizer Autoren ein Buch mit europäischen Beiträgen publiziert: «Research Assessment in the Humanities Towards Criteria and Procedures». An der Buchpräsentation am 15. Dezember werden Wissenschafter im CHESS-Talk an der Universität Zürich weiter über Output, Impact und Forschungsprozesse debattieren.
http://www.chess.uzh.ch/dam/jcr:27ce1e70-b404-4010-86a4-031933926074/2016_CHESS_talk_Buchpr%C3%A4sentation_15.12.16.pdf






Donnerstag, 24. November 2016

News-Armut 2016


Dr. Franca Siegfried
Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften
Dieses Jahr hat sich das Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög) der Universität Zürich im Jahrbuch „Qualität der Medien“ mit dem Phänomen der News-Deprivation und dem Vertrauen in die Medien befasst: Wie, wie oft, warum und womit die Schweizer Bevölkerung in die Welt schaut... https://www.foeg.uzh.ch/de/jahrbuch.html

Die AhnungslosenProfessionell aufbereitete News in Informationsmedien interessiert zwei Drittel der Bevölkerung. Bereits ein Drittel, besonders junge Erwachsene, informieren sich nur noch über Facebook, WhatsApp oder Twitter und misstrauen dem Mediensystem. In der Studie wird dieser Drittel der Bevölkerung als „News-Deprivierte“ kategorisiert. Fög beschreibt in der Studie auch, wie sich News-Armut beheben lässt: Regelmässig traditionelle Informationsmedien konsumieren – damit wächst das Vertrauen der Mediennutzer in das Mediensystem. Und die gute News für den Service Public: Mehr Vertrauen in die Medien bedeutet, dass NutzerInnen bereit sind, für Inhalte zu bezahlen.
Sündenbock Social Media
Sind die Social Media schuld an dem Misstrauen und an der News-Armut junger Erwachsener? Kaum. Junge Erwachsene wurden einerseits mit Gratismedien von Schweizer Verlagshäusern sozialisiert, andererseits zeigt ihre Skepsis, wie differenziert diese Generation mit Informationen umgehen kann.
News-Schwund
An einer News-Armut könnten schon bald Studierende der Universität Zürich leiden. Die ETH plant, dass sie der Zeitung Zürcher-Student (ZS) keine Adressen mehr von ETH-Studierenden geben will. Mit dieser Massnahme würden sich Auflage und Werbeeinnahmen der ZS massiv verkleinern, zumal die Produktion der Zeitung mit Werbeeinnahmen finanziert wird: Wie schon Karl Marx zu sagen pflegte, die erste Freiheit der Presse bestehe darin, kein Gewerbe zu sein...
http://zs-online.ch/zs-droht-eth-adressen-zu-verlieren/
Dr. Radiopirat
Das Mediensystem ist von seinem Ursprung her immer von Innovationen abhängig. Vor 37 Jahren etwa hat Roger Schawinski einen privaten Radiosender „Radio 24“ für den Raum Zürich aufgeschaltet. Er agierte von Italien aus und mobilisierte mit seinem Sender eine Generation, die damals am Radio klebte und Schawinski, zum Ärger aller Lehrer, Eltern und Politiker, als Radiopirat feierten. Im November 2016 wurde Roger Schawinski am dies academicus von der Universität Fribourg mit einem Ehrendoktor ausgezeichnet.
Die Fakultät der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften hat sein Engagement für die Gründung privater Radiosender in der Schweiz, die Medienvielfalt, unabhängigen Journalismus und das Recht auf Informationsfreiheit belohnt. Nebenbei: Vor 37 Jahren gab es noch keine News-Deprivierte.
http://www.unifr.ch/dcm/uploads/file/downloads/DCM50_Medienmitteilung_Ehrendoktor.pdf

Mittwoch, 16. November 2016

BFS Statistik und Bildungsrealität

Dr. Franca Siegfried
Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften
In der Schweiz gibt es über alle Bildungsstufen hinweg 10'566 Bildungsinstitutionen. 89 Prozent von ihnen haben die Verantwortung für die obligatorischen Schuljahre. 11 Prozent der Institutionen sind für den nachobligatorischen Bereich, etwa Berufs- und Hochschulen, zuständig. Das Bundesamt für Statistik (BFS) publizierte Ende Oktober in der Reihe „Bildung und Wissenschaft“ neue Fakten.

Zwischen Föderalismus und Zentralismus
Hinter der BFS-Statistik steht ein vielfältiges, von unterschiedlichen, teilweise auch gegenläufigen Interessen geprägtes Bildungssystem, welches sich in einer Transformation befindet. Die Globalisierung der Bildung überlagert in der Schweiz die Kraftprobe zwischen kantonalen Hoheiten und Bundeszuständigkeit. Reformprojekte, die sich auf internationale Bildungsforschung berufen, stossen bei Lehrpersonen und Eltern auf Widerstand. In diesem dynamischen Geschehen entwickelt sich die Steuerung (Governance) des Bildungssystems in immer kürzer werdenden Reformzyklen. Lesenswert sind dazu sechs Fallstudien in der neuen Publikation „Gouvernance im Spannungsfeld des schweizerischen Bildungsföderalismus“.

Das Versprechen der Bildung
Im nationalen Diskurs dient die Unterscheidung zwischen Berufsbildung und Allgemeinbildung, in der Regel das Gymnasium, als Ordnungsprinzip. Zunehmend wird auch die Differenz zwischen nützlichen, ökonomisch verwertbaren und zweckfreien, für das Arbeitsleben unwichtige Bildungsinhalte, thematisiert. Dass sich Bildung, die zu einem gelingenden Leben qualifiziert, nicht auf zwei Pole reduzieren lässt, ist im neuen SAGW Bulletin mit dem Dossier "Das Versprechen der Bildung" nachzulesen.

Tauschhandel – Bildung gegen Arbeit
Auch Roland Reichenbach der Universität Zürich schreibt im SAGW Bulletin über die steigenden Bildungskosten, welche die allgemeine Erwartung an Bildung in der Politik, wie auch in der Bevölkerung beeinflusst: Bildung wird zunehmend als Mittel zum Zweck für die Berufswelt angesehen. Alle weiteren Aspekte, etwa Bildung als Aufklärung nach Sokrates, Ausdruck der Kulturnatur des Menschen nach Humboldt oder als Prozess des Erwachsenwerdens in der Entwicklungspsychologie nach Piaget, verlieren an Bedeutung.

Berufsdiplom
Zwei Drittel aller Jugendlichen absolvieren eine berufliche Grundausbildung, dabei können sie aus 300 Lehrberufen auswählen. Carmen Baumeler des Eidgenössischen Hochschulinstitutes für Berufsbildung (EHB) schreibt im SAGW Bulletin über das Spannungsfeld zwischen Lehrfirma und Ausbildung. 70 Prozent aller Lehrstellen befinden sich in Firmen mit weniger als 50 Mitarbeitenden, davon lernen nochmals 40 Prozent in Kleinstbetrieben mit weniger als 10 Mitarbeitenden. Die Organisation für eine standardisierte Berufsausbildung ist für alle Beteiligten eine Herkulesaufgabe.

Private und staatliche Bildungsakteure
„Die Firmen leisten zweifelsohne einen grossen Beitrag zur Integration der Jugendlichen“, schreibt Carmen Baumeler im SAGW Bulletin. Zwei Drittel der Berufsschulen sind von der öffentlichen Hand finanziert, die restlichen Kosten gehen zu Lasten der Privatwirtschaft – diese Realität lässt sich aus der BFS-Statistik ebenfalls nicht ablesen.

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