Donnerstag, 16. Februar 2017

Liebe zwischen Norm und Realität

Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften
Mitte Februar liegt Liebe in der Luft. Die wahre Geschichte des Liebeslebens der Deutschen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann machte am Sonntag den Auftakt im NZZ-Magazin „Gesellschaft“. Zu ihren vielen Beziehungen gehörte etwa auch Max Frisch. 1958 zog sie zu ihm nach Uetikon ZH. Sie scherte sich um keine Normen, sobald es um Gefühle und Sex ging – und ihr Talent, ihr Leben scheiterte an einer unerfüllten Liebe.

Kopf ab für die Liebesheirat
Am 14. Februar feierte das Schweizer Volk Happy Valentin: Nörgler vermuten dahinter ein Marketingkonzept von Blumenhändlern. Eine andere Geschichte dahinter ist die von Bischof Valentin von Rom. Er hatte ein Herz für heimlich verliebte Paare und traute sie trotz kirchlichem Verbot. Valentin beschenkte das Brautpaar jeweils mit Blumen aus seinem Garten. Als sein Wirken aufflog, liess ihn Kaiser Claudius II. am 14. Februar im Jahr 269 köpfen.

Poesie für unerfüllte Liebe
Die vielen Liebschaften von Johann Wolfgang Goethe beeinflussten seine literarischen Werke. Weit über 50 verliebte er sich in eine 18-Jährige – in Wilhelmine. Minchen jedoch ignorierte Goethes Schwärmerei: Alle romantischen Sonette liessen sie kalt. Darum schenkte Goethe ihr 1820 einen rotgoldenen Fingerring mit Steinen verziert – Symbole des Glaubens, der Liebe und Hoffnung. Minchen gab den Ring demonstrativ an ihre Freundin Auguste Wittig weiter. Goethes Ring blieb bis 1981 im Familienbesitz der Wittig. Heute ist er Teil der Sammlung des Schweizerischen Nationalmuseums in Zürich: Im Rahmen einer Sonderausstellung können Romantiker den Ring vom 19. Mai bis 22. Oktober bewundern.

Liebe besiegt das Zölibat
Warum hat der Zürcher Reformator Ulrich Zwingli das Eheverbot für Priester aufgehoben? Der junge Priester verliebte sich in seine Nachbarin, in die junge Witwe Anna Reinhardt. Zwingli wurde der Lateinlehrer von ihrem ältesten Sohn­ – so kam man sich näher. Die heimliche Beziehung dauerte über Jahre bis Zwingli seine Anna 1524 zum Traualtar führte. Damit war das Zölibat am Ende.

Wahre Liebe kennt keine Normen
Eine moderne Liebesgeschichte stammt von Emmanuel Macron, der Frankreichs nächster Präsident werden könnte. Der damals 17-Jährige Schüler hatte sich in seine Lehrerin verliebt und wollte sie heiraten. Das Liebespaar wurde getrennt. Macron musste nach Paris ans Lycée Henri-IV wechseln und die Lehrerin hatte schon eine Familie. Erst 2007 führte Macron seine grosse Liebe zum Traualter. Seine Lehrerin war inzwischen geschieden, ihre Kinder erwachsen. Zeit spielt in der Liebe keine Rolle – Macron ist heute 39, seine Frau 63 Jahre alt – was ist schon eine normale Beziehung.

Privatsache Liebe
Ehe und Partnerschaft zwischen Norm und Realität – Swiss academies reports Vol. 11, Nummer 1, 2016: „Beziehungen sind zunächst im eigentlichen Sinn Privatsache“, schreibt Prof. Dr. iur. Peter Breitschmid. „Aber gerade weil Beziehungen etwas derart Intimes, Persönliches, Privates sind, sind wir von unseren Beziehungen so tief betroffen wie von kaum etwas.“ Beziehung verlangt unabhängig von ihrer Rechtsform nach Stabilität – trotzdem sind Beziehungen mit beinahe so viele Formen wie es Paare gibt nicht statisch. Das ist die grosse Schwierigkeit zur Schaffung gesetzlicher Vorgaben – Beziehung erfordert Rücksicht und Koordination etwa nach Art. 159 ZGB. Und! Beziehungen sind auflösbar geworden, aber es gibt keine Delete-Taste für solche Lebensabschnitte – daran ist auch Ingeborg Bachmann mit ihren vielen Beziehungen letztendlich zerbrochen.

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Donnerstag, 9. Februar 2017

Eine Milliarde Franken für weniger Bildung

Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften
Die SP Schweiz hat gerechnet und ist auf mehr als eine Milliarde Franken gekommen: Das ist die Sparsumme der Bildung im Zeitraum 2013 bis 2018. Nicht berücksichtigt hat die SP bei ihrer Bilanz weitere Einsparungen auf Bundes- und teilweise auch auf Gemeindeebene.

Wo setzt der Sparhammer an?
Schulen schränken Angebote ein, etwa weniger Freifächer im Kanton Aargau. Kinder bekommen noch mehr Ferien – in Luzern wurde den Kindern eine Woche Zwangsferien verordnet. In Neuenburg und im Kanton Bern wird die Klassengrösse erhöht. Im Wallis findet der Sprachunterricht zukünftig nicht mehr in Halbklassen statt. Und Lehrerlöhne werden gekürzt bzw. ihre Pflichtstunden erhöht.

Best return on investment 
Investiert der Staat in die Bildung der Kinder – investiert er in den Rohstoff seines Landes: Bildung bedeutet Wohlstand. Mit der demografischen Alterung wird es in unserem Land weniger Kinder geben, das bedeutet auch weniger Köpfe und Hände, die produktiv sein werden. Was geschieht mit der Gratis-Erstausbildung für alle – ein Dogma der Schweizer Bildungspolitik?

Volksschule-Cumulus-Karte
Privatschulen entlasten das Budget der öffentlichen Schulen, dieses Szenario geistert zumindest in den Köpfen des Winterthurer Stadtrates – 10 Millionen Franken sollen damit pro Jahr eingespart werden. Das gleiche Szenario ist Teil der Vertiefungsstudie Volksschule 2030: Die Volksschule wird privatisiert und Kinder bekommen vom Staat eine Bildungsgutschrift – einlösbar an frei, gewählten Schulen. Die vom Bund und Kanton zertifizierten, privaten Schulen verlangen zusätzlich von Eltern Schulgelder. Damit wäre das Schweizer Dogma der unentgeltlichen Erstausbildung beerdigt.

Ein "Kässeli" mit 2 Milliarden Franken
Diese Summe wurde für die Forschung von neuen Technologien im Januar am Worldwebforum in Zürich gefordert. Im Zentrum des Gedankenaustausches zwischen Politikern, Forschern und Unternehmern stand ein „digitales Manifest“: Auf 20 Seiten einen Massnahmenkatalog in den Bereichen Gesellschaft, Politik, Infrastruktur, Wirtschaft, sowie Forschung und Bildung. Bundesrat Johann Schneider-Ammann will den Prozess der Digitalisierung unterstützen bzw. das Geld dafür müsste vorhanden sein.

Blitzgescheite Roboter
Wird der Bereich der Roboter-Forschung besonders gut unterstützt, etwa durch das Sparprogramm Bildung. Würden in Zukunft Roboter für unsere Kinder das ABC-Lernen übernehmen. Zumal die „digitalen Helfer“ im Unterricht anspruchsloser als lebhafte, neugierige Kinder sind. Die Roboter bräuchten eine einmalige Investition, regelmässig ein Update und zum Fressen etwas Strom. Wird die Zukunft der Schulen immer noch mit Kinder sein?

Im Dunkeln
Letzten Dezember haben LehrerInnen vom Kanton Luzern ihren Missmut an einem Mittwochnachmittag demonstriert: „Lehrpersonen geht der Laden runter“. Die Storen in den Schulzimmern blieben als Zeichen für den Bildungsabbau geschlossen. In Ihrer Pressemitteilungen schrieb der Luzerner Lehrerinnen- und Lehrerverband LLV: „Der Kanton ist nicht mehr verlässlich als Arbeitgeber.“


Donnerstag, 2. Februar 2017

Von babylonischer Sprachverwirrung

Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften
Inga Beale, Chefin des Versicherers Lloyd's verkündete am letzten WEF in Davos: „Wir müssen alle lernen zu coden. Coding ist das neue Lesen und Schreiben.“ Darum muss jetzt auch im Medienunternehmen Ringier die Konzernleitung wöchentlich die Schulbank drücken. Nur wer wisse, wie programmiert wird, habe Verständnis für die digitale Welt, sagte Ringier CEO Marc Walder:

Digitale Ureinwohner
Was CEO Walder kaum realisiert, dass Programmiersprachen wie natürliche Sprachen Dialekte entwickeln. Die „Hochsprachen“ werden jeweils von Konsortien genormt, ihre Varietäten entfalten sich in den Köpfen der „digital natives“.

Warum gibt es sprachkulturelle Unterschiede?
Jeder Laut, welcher der Kommunikation dient, ist im Grunde genommen eine Sprache und Dialekte sind örtliche Ausprägungen. In der unreflektierten Alltagsphilosophie gilt Schriftsprache als höher-, Dialekt als minderwertig. Der allzu früh verstorbene Soziologe Jean Widmer (1946 - 2007) fand im Dialekt ein Stück Heimat: „Sprache ist nicht nur individuelle Kompetenz und eine interaktionelle Ressource, sie kann auch eine symbolische Bindung einer Kollektivität sein..." (siehe Akademievortrag Heft XIII, Seite 3).
Geschlossene Gesellschaft
Wärme, Nähe und Emotionen – oder wissenschaftlich gesagt, die Sprache als sozialer Faktor, ist nicht etwa nur Stimulus, sondern eine soziale Erfahrung und darum nicht nur ein kollektives, sondern auch ein politisches Gut. Nach Jean Widmer gehört zu jedem Dialekt ein eigenes Stammesdenken: Einheimische reden unter sich den gleichen Dialekt – und sie können mittels ihrer Sprache leicht „Fremde“ ausgrenzen. Die Schriftsprache ist hingegen für alle verständlich, sie ist formal, sachlich, kalt und distanziert.

Grenzgänger
Viele Deutschschweizer pendeln zwischen Mundart und Schriftsprache. Damit ziehen sie ihre persönlichen Grenzen zwischen der öffentlichen und privaten Welt. Am Schriftdeutsch haften jedoch immer noch Vorbehalte aus Zeiten, als die „Obrigkeit“ mit Untertanen die Hochsprache pflegte – zur Versöhnung zwischen oben und unten kam es erst, als die Herrschaften Mundart lernten.

Eine Sprache für alle
Die Westschweizer wählten den umgekehrten Weg: Sie lernten die Sprache der Herrschaften und verdrängten dabei den Dialekt bzw. marginalisierten damit das einfache Volk. Die aktuelle Diskussion um Dialekte, wie auch über Mehrsprachigkeit erklärt, wie subtil sich die Grenze der Sprache auf die Grenze der Welt in den Köpfen der Menschen auswirkt. Die Sprache ist ein Machtinstrument mit einer oft unterschätzten, politischen Sprengkraft.

Sprachen-Arena der SAGW
Welche Bedeutung haben unsere Landessprachen in den gesellschaftlichen Bereichen – etwa im Alltag, in der Wirtschaft oder Politik? Wie wird heute Mehrsprachigkeit gelebt? Was ist mit Frühfranzösisch in Schweizer Schulen? Wird Englisch als lingua franca Französisch verdrängen? Diese brisanten Fragen werden Schweizer Wissenschaftler und Politiker am Dienstag den 28. März, 17 bis 20 Uhr in Bern diskutieren.