Donnerstag, 12. Januar 2017

Von der digitalen Schweiz mit Open Access und Emoijs


Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften
Der Bundesrat hat am 11. Januar 2017 den Bericht „Rahmenbedingungen der digitalen Wirtschaft“ verabschiedet – eine Standortbestimmung innerhalb der Strategie Digitale Schweiz:Unter Einbezug der Kantone und der Hochschulkonferenz ist bis Ende Juni 2017 zu prüfen, welche Auswirkungen die Digitalisierung auf den Bildungs- und Forschungsbereich hat, und ob Massnahmen notwendig sind.“
https://www.admin.ch/gov/de/start/dokumentation/medienmitteilungen.msg-id-65223.html

Auf dem Weg zum offenen, elektronischen Zugang
Besonders den Zugang zu wissenschaftlichen Information im Internet beschäftigt weltweit Forschende, wie auch alle Hochschulen und Wissenschaftsverlage. Die EU- und G7-Staaten verlangen bis zum Jahr 2020 den freien Zugang zu allen öffentlich finanzierten Forschungsergebnissen. Und das ohne Gebühr! Das Zauberwort heisst Open Access – offener, elektronischer Zugang. Über die ersten Erfahrungen in der Umsetzung und über ihre Machbarkeit werden 170 Experten, Forschende und Verleger zusammen in Bern am 20. Januar diskutieren. 

Digitaler Alltag
Am 9. Januar 2007 präsentierte Steve Jobs in San Francisco USA das erste iPhone. Seither prägt das mobile Internet unseren Alltag. Egal, wo wir uns aufhalten, das Smartphone sichert uns den Zugang zum weltumspannenden Informationsnetz:  Zugticket lösen, sich mit Google Maps lotsen lassen, weltweite News aus Politik und Forschung lesen, wie auch mailen oder chatten mit Kind und Kegel...

Eine digitale Sprache der Gefühle
Die Organisation Unicode in Kalifornien synchronisiert seit Beginn der weltweiten Digitalisierung alle Schriftsysteme der Menschheit und koordiniert die elektronische Kommunikation aller Kulturen. Unicode-Mitarbeiter entdeckten im mail-Verkehr der Japaner lustige, weinende oder mürrische Gesichtchen – das war die Geburtsstunde für eine internationale Bildsprache: Emoijs als Smiley, OK-Daumen, Teufelchen, Engelchen, Herz mit Masche. Alle Bildchen sind politisch korrekt gezeichnet. Sogar der Weihnachtsmann hat ein weibliches Ebenbild. Schattierungen von Hautfarben sind wählbar, zum Beispiel AbsolventInnen mit Doktorhut haben sechs verschiedene Pigmentierung – von hell bis schwarz. Nur der braune Kothaufen sorgt für Verwirrung in der digitalen Welt: Der Kack lächelt. Sein Lächeln bringe Glück, daran glauben jedoch nur Japaner...

Donnerstag, 5. Januar 2017

2017 trägt die Farben schwarz und weiss

Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften
Teilzeitarbeit sorgt bei Frauen für Altersarmut – Breite Kritik an „Blackout“-Sendung von SRF – Jede dritte Firma plant Jobabbau.“ Am Neujahrstag war das Schmökern in der Sonntagspresse, insbesondere in der SonntagsZeitung, eine finstere Angelegenheit.

Die Schwarzsagerin
„Die wahre Problemzone der Frau ist nicht ihre Figur, sondern das Geld“, sagt die Anwältin Andrea Gisler der SonntagsZeitung. Die Frauenrente liege im Schnitt 37 Prozent tiefer ist als jene der Männer und treibe Frauen in eine Altersarmut.

Die Schwarzschreiberin
Zappen duster ist es im Editorial: Bettina Weber nimmt wegen der Rentenmisere die Mütter in Pflicht und verlangt, dass sie nicht ins alte Rollenmodell fallen, sobald sie Kinder haben. Gleichberechtigung à la carte gebe es nicht mehr, Frauen seien auch nicht mehr das Opfer des Systems. Warum kennt Weber die Publikation vom Bundesamt für Statistik (26.10.2016) nicht? Die Erwerbsquote der Mütter stieg von 59,6 Prozent (Jahr 1991) auf 78,8 Prozent (Jahr 2015). Das ist doch ein Anfang. Warum lesen sich Webers Gedanken so radikal, so schwarz, ohne Zwischentöne und ohne Hoffnungsschimmer?

Mehr als nur Schwarzmalerei
Unsere Hoffnung soll eine „konkrete Utopie“ sein, die uns den individuellen Antrieb für ein erfülltes Leben, frei von Demütigung, ermöglicht, schrieb vor mehr als 50 Jahren Ernst Bloch. Das Gute in Weiss, das Böse in Schwarz, dazwischen Grautöne und Schattierungen, welche die Sehnsucht nach einer besseren Welt stillen. Hat das „Das Prinzip der Hoffnung“ von Bloch im 2017 ausgedient?

Schwarz-Weiss im Bundeshaus
Auf eine farbenreiche Welt verzichten sogar die Bundesräte auf ihrem Bundesratsfoto 2017. In Architektur, Kunst und Design stehen zwar Schwarz und Weiss für Werte wie Eleganz und Zeitlosigkeit. Würde die Landesregierung in Farbe nicht auch eine „Bella Figura“ machen, besonders in dunklen Zeiten?

Noch mehr Blackout
Im Pechschwarzen fischte die Sendung von SRF am Berchtolds Tag. Die Fiktion: Ein dreitätiger Stromausfall legt Europa lahm. Darüber hat SRF Horrorszenarien realitätsnah gedreht und mit Experten diskutiert: Gute Idee, gut produziert, jedoch zum falschen Zeitpunkt... 
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Donnerstag, 22. Dezember 2016

Über das gute Leben und unsere Weltbeziehung

Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften
Je näher die Festtage, desto schneller wirbeln wir durchs Leben und umso lausiger wird dabei unsere Stimmung. „Wenn die Beschleunigung das Problem ist, dann ist Resonanz die Lösung“, postuliert Hartmut Rosa in seinem Werk (800 Seiten) über Resonanz. Darin behauptet der Soziologe, dass die Qualität des Lebens nicht von Ressourcen, Optionen und Glücksmomenten abhängt. Für ein gutes Leben brauche es eine direkte Beziehung zur Welt – dabei bilde sich eine wohltuende Resonanz.

Soziologie der Weltbeziehung
Rosas Resonanz soll die Sehnsucht aller Sehnsüchte befriedigen: Die Welt erreicht mich, und ich erreiche sie. Wer keine Beziehung zur Welt und zu Menschen mehr hat, dem erscheint alles stumm, gleichgültig und feindselig. Fazit: Ohne Resonanz verabschiedet sich das gute Leben. Ausgehend von der Gesundheitsdefinition der WHO befasste sich die SAGW in der Workshop-Reihe „Lebensqualität“ mit dem guten Leben. Tun und Sein, was uns wichtig erscheint, ist der gemeinsame Nenner von Gesundheit, Lebensqualität und dem guten Leben.

Eine 102-Jährige-Weltbeziehung
Dr. David W. Goodall ist Biologe und praktiziert längst die richtige Resonanz: „Um am Leben zu bleiben, tu was“. Der Australier ist 102 Jahre alt und lässt sich nicht von der Universität Perth vertreiben: Soeben musste ihm der Rektor den Vertrag um drei Jahre verlängern.

Wo bleibt das gute Leben?
Ohne Resonanzversprechen liest sich hingegen der neue Bericht „Demografischer Wandel in der Schweiz: Handlungsfelder auf Bundesebene“ (vom 9.12.2016): „Ältere Mitarbeitende können gewisse für die Arbeit positive Eigenschaften verlieren (z. B. körperliche Belastbarkeit oder Lern- und Weiterbildungsbereitschaft), gewinnen jedoch auch neue Fähigkeiten dazu, mit denen allfällige Verluste kompensiert werden können (z. B. Berufs- und Lebenserfahrung oder bessere Urteilsfähigkeit)“. (Kapitel 4.3 Beschäftigung, Seite 31).

Donnerstag, 15. Dezember 2016

Der Schreck des Mittelfeldes

Dr. Franca Siegfried
Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften
Alle drei Jahre versetzen PISA-Resultate Lehrkräfte, Politiker, Bildungsexperten und Medien in Aufruhr – das erste Mal im Jahr 2000. Schon damals wurden Resultate angezweifelt, statistische Methoden hinterfragt, und Experten pilgerten zu den PISA-Gewinnern nach Finnland. Mit Antti, einem Arztsohn aus Jyväskylä, ging ich als Journalistin zwei Tage zur Schule. Antti war der Punktesieger im PISA-Test.

29 Millionen 15-Jährige
Die Schülerleistungen von 72 Nationen zu vergleichen ist ein heikles Feld: 2016 erreichen die Schulabgänger in der Schweiz in Mathematik den besten Mittelwert in Europa. In den Naturwissenschaften, dem Schwerpunkt der aktuellen Studie, liegt der Schweizer Mittelwert auch über dem OECD-Durchschnitt. Nur beim Lesen gehört die Schweiz ins OECD-Mittelfeld zusammen mit Österreich, Italien und Frankreich.­

Mehr Lebenschance
„Jeder fünfte Schüler kann nicht richtig lesen“, titelt am 11. Dezember die Sonntagszeitung. „Betroffene werden zu Tausenden in der Arbeitslosigkeit landen und Bildungsexperten stellen ein Systemversagen fest“. Dieser Pessimismus bringt keine Lösung, zumal nicht nur das Bildungssystem die Verantwortung trägt.

Das Wunder des Lesens
Die Lesekompetenz eines Kindes hängt auch von der sozialen Herkunft ab: „Das Wunder des Lesens entsteht früh. Oder eben nicht. Zwischen null und sechs Jahren entdeckt das Kind Laute, Silben, Wörter, später Sätze“, schreibt Daniel Meier von NZZ am Sonntag. Müsste zum Babyschwimmen auch ein Sprachcoaching für bildungsferne Eltern angeboten werden?

Goethe anstelle Einstein
Die Dominanz der Naturwissenschaften und der Mathematik ist ein gesellschaftliches Phänomen, was sich jetzt auch in der aktuellen Studie ausdrückt. Mit der populären Empiriegläubigkeit ist die Geisteswissenschaft als ungenau und unnötig in Ungnade gefallen. Wird es jetzt dank der PISA-Resultate eine Renaissance der Geisteswissenschaften geben? Lasst uns zusammen am Weihnachtsabend Goethe lesen:

Bäume leuchtend, Bäume blendend,
Überall das Süsse spendend,
In dem Glanze sich bewegend,
Alt und junges Herz erregend...
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Donnerstag, 8. Dezember 2016

Ein Schein zum Träumen

Dr. Franca Siegfried
Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften
NZZ-Kommentar vom 2.12.2016: „Während Schweizer Spitzenmanager für ihre Millionen wenigstens noch arbeiten, wollen die Lottospieler gross abkassieren und dafür fast nichts tun. Selbst bei grosszügig bemessenen 15 Minuten Zeitaufwand für das Ausfüllen des Lottoscheins käme der Gewinner des 50-Millionen-Topfs auf einen Stundenlohn, bei dem sogar die bestbezahlten Manager vor Neid erblassen müssten.“ So beschreibt Hansueli Schöchli das Lottofieber in der Schweiz – im Jackpot von Swisslos warten 59 Millionen Franken (Stand 8. Dezember 2016).
http://www.nzz.ch/wirtschaft/lottofieber-viele-schweizer-waeren-gerne-abzocker-ld.132245 

Boni-Ablass 
Wirtschaftsredaktor Schöchli hat mit seinem Kommentar ein neues Ablasswerk für Top-Manager kreiert. Er verlangt Gnade bzw. den Sündenerlass für Manager, welche Millionen einstreichen und macht dabei den Lottogewinn zum neuen Sündenfall: Lottospielende verlieren nach Schöchli das Seelenheil.

Win-win-Situation
Mit seinem Ablasswerk wird Schöchli etwa bei Ex-Manager Josef Ackermann punkten können, zumindest hat er gute Chancen für ein Exklusiv-Interview: Momentan steht Ackermann unter Druck, die Deutsche Bank verlangt seine Boni zurück.

Fortunas Sparte
Tatsache ist, dass es für das Lottospiel kein besonderes Geschick braucht, wie beispielsweise die Deutsche Bank zu führen: Sechs Zahlen plus Zusatzzahl bestimmen, den ausgefüllten Schein am Kiosk oder in der Post abgeben – auf das Glück hoffen. Gemäss ETH-Statistiker Martin Mächler besteht die Wahrscheinlichkeit, sechs Zahlen plus Zusatzzahl richtig zu tippen, im Verhältnis 1:31,5 Millionen.

Traum-Ticket 
Trotz der winzigen Chance für einen Millionengewinn werden bei Lottospielenden Tagträume geweckt: Ersehnte Lebensentwürfe mit genügend Geld für Handlungs- und Konsummöglichkeiten lassen Alltagssorgen verblassen bis zur Meldung, dass der Jackpot geknackt ist. Die Soziologen Jens Beckert und Mark Lutter sehen den Lottoschein gar als Träger von Tagträumen. http://www.forschungsnetzwerk.at/downloadpub/soziolgie_lotto.pdf

Kultur- und Sportförderin
Der NZZ-Journalist Schöchli hat jedoch als Homo-Oeconomicus mit Tagträumen nichts am Hut: „Doch viele Schweizer haben ein kleines schmutziges Geheimnis: Sie wären selber gerne Abzocker“, schreibt er. Was Schöchli nicht berücksichtigt, dass die Rechtsform von Swisslos eine Genossenschaft ist, und der Reingewinn nicht auf dem Salärkonto des Chefs landet: Letztes Jahr betrug der Reingewinn 354 Millionen Franken, welcher für gemeinnützige Zwecke eingesetzt wird. Tatsache ist, dass mit den Tagträumen des Schweizer Volkes Swisslos die bedeutendste Kultur- und Sportförderin des Landes ist.

Donnerstag, 1. Dezember 2016

Auf der Suche nach Qualität und Leistung

Dr. Franca Siegfried
Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften
Der Bundesrat publizierte am 16. November 2016 den Bericht „Evaluation der Leistungsfähigkeit des Schweizer Forschungs- und Innovationssystems“. Damit ist das Postulat von Nationalrat Jean-François Steiert erfüllt.

Was kostet, wird evaluiert
Qualitäts- und Leistungsmessungen gehören zum Instrumentarium unserer Leistungsgesellschaft – davon sind auch Wissenschaften betroffen. In den nächsten vier Jahren unterstützt allein der Bund Bildung und Forschung mit 26,4 Milliarden Franken.

Wie wird die Leistung der Forschung evaluiert?
Welche Indikatoren sind massgebend: Etwa die Anzahl Publikationen pro Forschende? Oder wie steht es mit dem Impact der Publikationen, wie häufig werden sie zitiert? Im Impact-Ranking stehen gemäss dem neuen Bericht die Bereiche Technische- und Ingenieurwissenschaften, Informatik, Physik, Chemie und Erdwissenschaften auf den oberen Rängen. Die Zitationsrate von Publikationen aus Geisteswissenschaften und Kunst liegt im internationalen Vergleich tief. Darum protokolliert der Bericht vom 16. November bei den Geisteswissenschaften: „Handlungsbedarf“. Die Stärke des Berichtes ist eine Komplexitätsreduktion des Schweizer Forschungssystems mit dem Ziel, die Machbarkeit der Arithmetik oder alle Investitionen hochschulpolitisch zu rechtfertigen.

Milchbüchleinrechnung
Zudem illustriert dieses Beispiel, wie messbare Indikatoren bei Evaluationen oft im Vordergrund stehen. Misst der Output von Publikationen die Leistung eines Forschenden? Warum ist der Inhalt der Publikation kein Indikator von Qualität? Was sagt uns die Zitierhäufigkeit?...

Swissness
Um der Vielschichtigkeit der Evaluationsgebiete gerecht zu werden, beschäftigten sich seit Jahren Geistes- wie auch Sozialwissenschafter mit der Frage, was gute Forschung ausmacht: „Swiss Way to Research Quality“. Im November haben Forschende in Bern weitere Erkenntnisse präsentiert. Zum aktuellen Diskurs hat auch Marlene Iseli, SAGW, mit dem Synthesebericht über Qualitäts- und Leistungsbeurteilung beigetragen.

Ein Manifest zur Forschungsevaluation
Im Rahmen des Projektes «Performances de la recherche en sciences humaines et sociales» entwarfen Wissenschafter ein Manifest mit insgesamt zehn Geboten: 
http://prshs.blogspot.ch/

Die zehn Gebote
Gefordert sind partizipative, multidimensionale, transparente und auf die Qualität zielende Evaluationsprozesse. Wie zum Beispiel: 1. Bottom-up approach – von unten nach oben – Wissenschafter bestimmen gemeinsam Evaluationsverfahren für valide Daten. 3. Zur Evaluation gehört volle Transparenz, beispielsweise normative Vorgaben der jeweiligen Disziplin.
7. Qualität vor Quantität – der Druck für Output darf Forschungsergebnisse nicht beeinflussen. Das 10. Gebot verlangt nach Evaluationsverfahren, welche der Vielfalt der Forschung und ihren Disziplinen gerecht werden.

Eine internationale Suche
Die Suche nach Qualität und Leistung ist nicht beendet! Soeben haben Schweizer Autoren ein Buch mit europäischen Beiträgen publiziert: «Research Assessment in the Humanities Towards Criteria and Procedures». An der Buchpräsentation am 15. Dezember werden Wissenschafter im CHESS-Talk an der Universität Zürich weiter über Output, Impact und Forschungsprozesse debattieren.
http://www.chess.uzh.ch/dam/jcr:27ce1e70-b404-4010-86a4-031933926074/2016_CHESS_talk_Buchpr%C3%A4sentation_15.12.16.pdf