Donnerstag, 27. Juli 2017

Wie geht es den lebendigen Traditionen?

Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften

Von A wie „Aarauer Bachfischete“ bis Z wie „Zürcher Technokultur“ – schön alphabetisch geordnet hat das Bundesamt für Kultur (BAK) die „lebendigen Traditionen“ unseres Landes. Im Juli wurde jetzt die Liste erstmals ergänzt: Stand die „Zweisprachigkeit Biel“ ursprünglich am Schluss als Z, steht sie neu bei B als „Bilinguisme à Biel/Bienne“.

199 lebende oder lebendige Traditionen...
Im Oktober 2003 wurde das Übereinkommen zur Bewahrung des immateriellen Kulturerbes von der UNESCO-Generalkonferenz verabschiedet und trat drei Jahre später in Kraft. Es ergänzt den Schutz des Kultur- und Naturgutes der Welt von 1972. Und vor fünf Jahren publizierte das BAK eine erste Fassung von der «Liste der lebendigen Traditionen in der Schweiz». Jetzt hat das Bundesamt für Kultur die Liste erweitert auf insgesamt 199 Traditionen.

Sie leben wirklich!
Eine erste Auseinandersetzung der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW) mit der UNESCO-Konvention zur Bewahrung des immateriellen Kulturerbes mündete in einer Ratlosigkeit: Aus einer sozial- und geisteswissenschaftlichen Perspektive ist weder die Trennung von materiellem und immateriellem Kulturerbe noch die Absicht, kulturelle Praktiken aufzulisten, überzeugend begründbar. Für die Aufklärung in dieser Sache sorgten ExpertInnen im SAGW-Bulletin 3/2014. Es zeigte sich, dass die mangelnde Stringenz der Konzepte eine kreative Auseinandersetzung mit Kultur und Tradition ermöglichten. Damit wurde auch ersichtlich, dass Traditionen nicht etwa nur statisch sind, sondern sich ständig weiterentwickeln bzw. lebendig bleiben.

Wer spricht noch Rätoromanisch?
Man kann sich wundern, warum die vierte Landessprache nicht auf der Liste der lebendigen Traditionen steht, zumal nur noch 0,5 Prozent der Bevölkerung diese Sprache im Alltag spricht – ein schützenswertes immatrielles Kulturerbe. Die einzige rätoromanische Tageszeitung «La Quotidiana» steht vor dem Aus. Der Verlag Somedia wird die Zeitung nur noch bis Ende 2017 herausgeben. Zum Glück gibt es noch Forschungsprojekte in der vierten Landessprache. So hat Ursin Lutz Redaktor beim „Diczunari Rumantsch Grischun“ (ein Unternehmen der SAGW) eine sprachwissenschaftliche Doktorarbeit über das Leben von Balthasar Gioseph de Vincenz (1789-1858) geschrieben. Dieser Bündner zog mit 16 Jahren in den Krieg nach Spanien. Als wohlhabender Oberleutnant kehrte er in seine Heimat zurück. Danach organisierte er in Spanien eine Kolonie für verarmte Bündner: Viele Landsleute folgten ihm und er brachte sie um ihr letztes Hab und Gut. Die Kolonie in Spanien war ein Flop. Danach verarbeitet De Vincenz sein Missglück in einem Tagebuch geschrieben in einem Mix aus Rätoromanisch und Spanisch.

Nummer 73 – Gebetsheilen oder Gesundbeten 
Das BAK hat alle 199 Traditionen in fünf Kategorien eingeteilt, beispielsweise gesellschaftliche Praktiken, mündliche Ausdrucksweisen oder Umgang mit der Natur. Zum Umgang mit der Natur gehört etwa das „Gesundbeten“, das häufig in den Kantonen Jura und Freiburg gelebt wird: Wunden, Verbrennung, Angina und Kopfschmerzen lassen sich damit behandeln. In allen Spitälern und Heimen sind wirksame Heiler bekannt. Das Gebetsheilen ist ein Akt der Barmherzigkeit und ein Mysterium, dessen Kraft über das rationale Denken der heutigen Zeit hinausgeht. In dieser Welt existieren keine Tarife, kein Gewinnstreben und die Heiler sind auch in keinem Verband wie FMH organisiert.

Wie lebt es sich mit Chuchichäschtli?
Ein immaterielles kulturelles Erbe wird von menschlichem Wissen und Können getragen, von Generation zu Generation vermittelt und ständig weiterentwickelt. Zum Sprachwandel in den letzten 100 Jahren im Churer Rheintal hat im Rahmen eines SNF-Projektes Oscar Eckhardt am Institut für Kulturforschung Graubünden eine Studie gemacht: Von 1917 bis 2017 entwickelt sich ein neuer, regionaler Dialekt, der sich am Churer-Dialekt orientiert. Dabei ist der eigenwillige Wortschatz der einzelnen Dörfer zusammengeschrumpft. Die rätoromanisch Sprechenden haben den überregionalen Dialekt, das sogenannte Bündner- oder Churer-Deutsch, in ihrem Alltag integriert. Siehe aktuelle Ausgabe der Zeitschrift Babylonia:
http://babylonia.ch/de/archiv/2017/nummer-2/eckhardt/

1.-August als immatrielles Kulturerbe
Am Nationalfeiertag erleben wir ein Feuerwerk von lebendigen Traditionen: Wir freuen uns an Höhenfeuer, singen „Trittst im Morgenrot daher (...), zünden bengalische Zündhölzer an, essen Würste und hören Alphorn. Die Idee der 1. August-Feier stammt nicht aus dem Jahr 1291, sondern 1891, als die Berner das 700-jährige Bestehen der Stadt feiern wollten. Der Geburtstag der Schweiz ist definitiv ein immatrielles Kulturerbe: Zu jeder 1.-August-Feier gehört auch die feierliche Rede einer Schweizer Persönlichkeit aus Politik, Wirtschaft, Sport oder Kunst. Am 1. August 2012 erklärte der soeben verstorbene Polo Hofer (72) die Bedeutung von Swissness. Der Mundart-Rocker hinterlässt ein weiteres immatrielles Kulturerbe mit seinen Songs, die eine ganze Generation berauscht und verzaubert haben – Polo Hofers Lieder werden weiter leben...
https://www.youtube.com/watch?v=s0pCCKvHpHY

Und noch eine Bemerkung
Warum die 1.-August-Feier nicht Nummer 200 auf der Liste lebendiger Traditionen ist, das ist mir schleierhaft – zumal im 2018 auch noch das Jahr des Kulturerbes zelebriert wird. Und die Nummer 168, der Töfftreff am Hauenstein (SO), könnte durchaus mit Polo Hofers Mundart-Rock ergänzt werden – jedenfalls wurde der Kultfilm und Road Movie „Easy Rider“ auch mit Rockmusik untermalt.

Donnerstag, 20. Juli 2017

Catwalk Medien – neue Modelle der vierten Gewalt

Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften„Drei Entwicklungen strapazieren das Geschäftsmodell der Presse“, sagt Professor Otfried Jarren, Präsident der Eidgenössischen Medienkommission (EMEK). 1. Die Werbung erreicht Menschen direkt mit Social Media oder auf Plattformen im Internet. 2. Es werden mit digitalen Endgeräten Informationen genutzt, die jederzeit und meistens kostenlos verfügbar sind. So ist aus dem Anbieter- ein Nachfragemarkt geworden. 3. Die Verleger verkaufen ein themenreiches Kuppelprodukt inklusive Werbung. Ihre Mischkalkulation zuzüglich Abonnements, ermöglichten ihnen und ihren Redaktionen eine finanzielle Planungssicherheit. Dieses Gesamtprodukt ist jedoch bei der jungen Generation nicht mehr erwünscht.

Digitale Kolonialherren
Das Geschäftsmodell zur nachhaltigen Finanzierung des Journalismus ist in der Krise, seit digitale Verleger wie Google und Facebook ins publizistische Geschäft eingestiegen sind. Sie kontrollieren, wer was zu sehen bekommt und wer für welche Aufmerksamkeit bezahlt. Die Plattformen sortieren mit Algorithmen Medieninhalte, verteilen alles zielgruppengerecht und steuern so den Nachrichtenverkehr. Die Silicon-Valley-Giganten bestimmen zunehmend welche journalistischen Formen und Formate florieren und stellen Medienschaffenden nötige „Werkzeuge“ zur Verfügung. („Schweizer Journalist“ Nr. 4/5 2017):

Medien-Trendmonitor 2017
500 JournalistInnen der Schweiz haben bei der online-Befragung bestätigt – die Sozialen Netzwerke sind ihr Werkzeug im redaktionellen Alltag. Am häufigsten nutzen JournalistInnen (61 Prozent) das Social Web zur Beobachtung anderer Medien oder Ereignissen. Mit Social Media wird jedoch auch recherchiert (58 Prozent). Über die Hälfte der befragten JournalistInnen behaupten, dass sie ihre Beiträge mit Neuen Medien veröffentlichen. Für den Dialog mit Zielgruppen nutzt jeder vierte Befragte die Sozialen Netzwerke (Whatsapp, Facebook, Twitter, Instagram, Snapchat, Google+ usw.).

Krise als Motor
Mit dem Begriff „Krisen“ wetteifern JournalistInnen in ihren Stories um die Aufmerksamkeit des Publikums – nun hat es die professionellen Krisen-Ausrufer selber erwischt. Krisen entstehen aus Transformationen bzw. in Übergangszeiten und sind zugleich Motivator für neue Denkansätze: Gefragt sind jetzt neue Modelle im Journalismus, welche eine politische Debatte auslösen und zukunftsweisend für unsere direkte Demokratie sein werden.
  
Medien und Staat
In der politischen Diskussion über die Medienkrise dreht sich alles um die Grundsatzfrage, wieviel Staat bzw. öffentliche Förderung verträgt die vierte Gewalt. Soll beispielsweise eine Journalismusförderung die bis anhin geltende indirekte Presse- und Medienförderung ablösen? Wie steht es jedoch mit der politischen Einflussnahme, da jede Förderung mit einem Leistungsauftrag verbunden ist. Oder könnte das Szenario „Mehr Markt“ umgesetzt werden? Dabei würde der Service Public von den privaten Medienhäusern übernommen, damit sie mehr Ressourcen für den Journalismus hätten. Der Verlegerverband selber verlangt öffentliche Förderung von Infrastrukturen und eine Einschränkung der staatlichen Medien. Die Medienhäuser könnten sich auch als digitale Konzerne komplett erneuern oder ihr Geschäftsfeld in anderen Bereichen zur Diversifikation ausweiten. Oder müsste die indirekte Förderung noch mehr ausgebaut werden? Bis anhin finanzierte der Staat eine Posttaxenverbilligung und einen reduzierten Mehrwertsteuersatz.

Der „andere“ Journalismus
Besonders die indirekte Förderung injiziert neue Denkansätze: Die Eidgenössische Medienkommission EMEK schlägt etwa eine öffentliche Medienstiftung vor, welche eine Qualitätssicherung des Journalismus garantiert und für alle eine öffentliche Infrastruktur zur Verfügung stellt. Es wäre ein OpenAccess-Konzept, wie es der Bund in der Wissenschaft bis 2024 anstrebt. Eine Idee aus der Westschweiz orientiert sich am Vorbild Filmförderung aus öffentlichen Geldern über eine unabhängige Institution. Ein anderes Modell „Gebühren für alle“ könnte für alle Medien, nicht nur für Radio und TV, gelten. Das Modell „Service Public“ würde die SRG komplett zu einer Content Marketing Agentur umbauen. Zur Basisfinanzierung für einzelne Medienprodukte ist beispielsweise das Modell „Crowdfunding/Mäzen“ lanciert worden – bereits umgesetztes Beispiel ist das digitale Magazin „Republik“: 14'000 Menschen haben 240 Franken für ein Jahresabonnement bezahlt – das Magazin ist jedoch erst im Aufbau.

Schweizer Catwalk der Modelle
Rund sieben Modelle kursieren in der Branche und lösen teilweise eine Rudel-Euphorie aus, etwa das Crowdfunding von Constantin Seibt und Christof Moser für ihr digitales Magazin „Republik“. Die einzelnen Journalismus-Modelle sind mit wenigen Protagonisten besetzt, welche jedoch alle eine ähnliche Vision vom unabhängigen Qualitätsjournalismus haben. Dieses Szenario erinnert an Gottfried Kellers Novelle „Das Fähnlein der sieben Aufrechten“, altgediente Freiheitskämpfer, die unter eigenen Fahne feiern wollen. Es sind Journalisten, die sich als Meckerer und Schnüffler der Nation verstehen und sich um unsere Demokratie wie auch um ihre Berufsrolle sorgen. Am 13. September wird nun auch Professor Otfried Jarren mit einem Positionspapier der EMEK über die Gestaltung der Medien- und Kommunikationsordnung die Öffentlichkeit informieren.

Presseadvisor
Es gibt sogar ein achtes Modell, das sich nicht Wissenschaftler ausgedacht haben, sondern Mateo Landolt, ein Gymnasiast aus Immensee (SZ). Er hat sich in seiner Maturaarbeit gefragt, wie guter Journalismus in Zukunft bezahlbar bleibt. Sein Vorschlag: Eine Plattform auf der alle Beiträge sowohl von Journalisten, wie auch von Amateuren aufgeschaltet sind und von Rezipienten, wie auch Experten beurteilt werden: Matteos Modell funktioniert wie Tripadvisor – ein Presseadvisor. Die Lokalzeitung „Bote der Urschweiz“ hat den Maturanden besucht: Wer im Internet darüber lesen möchte, der muss bezahlen: „Paywall“! Bei vielen Kleinverlagen im Lokal- und Regionaljournalismus funktioniert das alte „Geschäftsmodell Journalismus“ noch... https://www.bote.ch/importe/fupep/bdu-epaper/bu_kuessnacht/kommt-neu-der-pressadvisor;art149141,1021448