Montag, 15. April 2019

#InAllLanguages – Für Mehrsprachigkeit in der wissenschaftlichen Kommunikation

Dr. Marlene Iseli, SAGW, Thema "Wissenschaftssystem"

Der Mythos der zurückhaltenden und eher wortkargen Finnen ist bekannt. Wer das Land nicht selber bereist hat und kaum je in Kontakt mit Finnen war, denkt vielleicht an die Figuren in den Filmen von Aki Kaurismäki oder an Witze, die sich der finnischen Eigenart annehmen: «Wie erkennt man einen extrovertierten Finnen? Er schaut nicht auf seine, sondern auf deine Schuhe, wenn er mit dir spricht.»

Die Helsinki Initiative
Nun haben ausgerechnet die wortkargen Finnen einen Weckruf für die Erhaltung der Mehrsprachigkeit in der wissenschaftlichen Kommunikation lanciert. Das hat selbstverständlich weniger mit dem stereotypisierten Wesen der Finnen zu tun als mit der Tatsache, dass sich gerade in den nördlichen Ländern Europas auch in den Geistes- und Sozialwissenschaften die Tendenz zeigt, vermehrt in englischer Sprache zu publizieren. Weshalb auch nicht, kann man sich fragen, und damit an internationale Trends denken, an die Zugänglichkeiten für alle Forschenden, die dank einer solchen Lingua Franca ohne zusätzlichen Aufwand mit Wissensbeständen bedient werden können. Englisch könnte theoretisch helfen, den globalen Hochschulraum näher zusammenzubringen.

Sprache und Sprachen der unterschiedlichen Wissenschaftskulturen

An der Wissenschaftssprache hängt jedoch weit mehr als nur die Idee der Wissensvermittlung und ein sich aufdrängender Proficiency-Kurs für sämtliche Akteure des Wissenschaftssystems. Es geht vielmehr um Wissenschaftskulturen, die sich mit verschiedenen Zugängen unterschiedlichen Untersuchungsgegenständen zuwenden. So ist in einigen Geistes- und Sozialwissenschaften der Untersuchungsgegenstand stark mit seiner sprachlichen Repräsentation verbunden und in einem lokalen Kontext verankert. Die Rechtswissenschaft wird kaum Gesetzestexte auf Englisch kommentieren, die nur in der jeweiligen Landessprache vorliegen. Archivarbeiten und der Umgang mit historischen Quellen erfordern meist eine sehr feine Analyse der Originalsprache. Auch in der empirisch qualitativen Forschung, zum Beispiel in Schulklassen, liegen oftmals mehrsprachige Daten zu Grunde.

Mehrere Sprachen für unterschiedliche Adressaten
Die Initianten der Helsinki Initiative on Multilingualism argumentieren jedoch nicht nur mit der Originalsprache des Untersuchungsgegenstands, sondern stellen die heterogene Adressatenschaft ins Zentrum. Wenn Forschung in regionalen oder nationalen Kontexten verankert ist und schliesslich auch einen Beitrag für die Gesellschaft leisten soll, gilt es umso mehr, die Erkenntnisse so zu kommunizieren, dass sie die interessierten Kreise in Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit auch erreichen. Man kann durchaus nachvollziehen, dass in der mikrobiologischen Grundlagenforschung zum pathogenen Bakterium Listeria monocytogenes die (auch sprachliche) Zugänglichkeit zu neusten Erkenntnissen essentiell ist, um in einem international ausgerichteten Forschungszweig letztlich ebenfalls eine gesellschaftliche Wirksamkeit zu erlangen, etwa in der Form eines wirksamen Medikaments. Dennoch wäre es verfehlt, sämtliche Anreize der Hochschulsteuerung auf dem Modell dieser naturwissenschaftlichen Wissenschaftskultur zu basieren. Denn letztlich geht es nicht nur um die Publikationssprache, sondern auch um Publikationsformate und Publikationsgefässe, und um die Vielfältigkeit des wissenschaftlichen Tuns überhaupt. Situationsbedingtes Publizieren in mehreren Sprachen, dies in Abhängigkeit des Zielpublikums und der inhaltlichen Fokussierung, dürfte wirksamer sein als eine englischsprachige Einheitslösung. In einer Zeit, in der von der Wissenschaft neben exzellenter Forschung und innovativer Lehre vermehrt Wissenstransfer und der gesellschaftliche Beitrag sämtlicher Wissenschaftszweige eingefordert wird, ist Mehrsprachigkeit in der wissenschaftlichen Kommunikation mehr als nur ein Schutz von Forschungstraditionen –  sie ist die Konsequenz des öffentlichen Anspruchs an wissenschaftsbasiertem Wissen (Stichworte «Open Science», «Societal Impact»).

Regionale Sprachen für regionale Kontexte

Dies betrifft sowohl die Finnen, wie auch die Schweizerinnen, die Belgierinnen und die Norweger. Von dieser Herausforderung und Chance der Mehrsprachigkeit ausgenommen sind lediglich die meisten Forschenden in englischsprachigen Kontexten.
Und was schliessen wir daraus? Manchmal lohnt sich auch der Blick auf die eigenen Schuhe, vor allem dann, wenn das Schuhprofil der regionalen Topographie angepasst ist.


Für die interessierte Leserschaft:








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