Donnerstag, 17. Mai 2018

Die Dreifaltigkeit von Innovation, Forschung und Wirtschaft


Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften 
Was verbindet Innovation, Forschung und Wirtschaft miteinander? Alle sind auf der Suche nach Neuem. Vom Neuem versprechen sich Forschende Anerkennung, Wirtschaftskapitäne eine Gewinnmaximierung. Mit Innovation lässt sich Erfolg und Geld generieren und ist daher auch eng an ein aufstrebendes Unternehmertum gebunden. Die Innovation ist ein modernes Heilsversprechen für ein gutes Leben mit einer gewissen Zukunft. Über Innovation in ihrem Fachbereich konnten sieben PräsidentInnen aus unterschiedlichen Sektionen der Mitgliedgesellschaften der SAGW an der Jahresversammlung 2017 in Bern referieren. Alle hatten nicht mehr als sieben Minuten Redezeit zur Verfügung. Als Resonanz ihrer Ausführungen verfassten die Referierenden zusammen einen Werkstattbericht „Innovation“ in der Reihe swiss academies communications. Einführend bemerkt Dr. Markus Zürcher, Generalsekretär der SAGW im Bericht: „Die Verkürzung des Innovationsbegriffes auf Technik und damit auf die materielle Kultur hat eine lange Tradition, die sich zuerst prägnant im historischen Materialismus von Karl Marx artikulierte.“ Noch im ausgehenden 18. Jahrhundert war Innovation primär mit gesellschaftlichen Erneuerungen verbunden. Erst unter Einfluss von Joseph Schumpeter und Co. setzte sich Innovation als zentrales ökonomisches Konzept durch: Demzufolge ist Innovation heute in unseren Köpfen vorwiegend mit neuen Technologien bzw. Digitalisierung verbunden.

Innovative Kräfte
Der deutsch-österreichische Autor Wolf Lotter hat soeben eine Streitschrift für Innovation publiziert (Edition Körber). Ihm geht es dabei um das barrierefreie Denken. Er selbst setzt nicht auf neue Technologien, sondern auf den Menschen, der für Lotter die eigentliche Schlüsselinnovation ist. Demzufolge verlangt er nach einer Innovationskultur in der Wissensgesellschaft. „Innovationen sind das Leben, das wir noch vor uns haben“, schreibt Wolf Lotter. Was sich vorerst etwas romantisch liest, kann er jedoch sehr gut mit Fakten und Beispielen darlegen. Er fragt sich auch, ob es je eine echte Innovationsgesellschaft gibt, zumal nach Lösung strebende „Kopfarbeiter“ nach wie vor Aussenseiter der Gesellschaft sind: „Wer Innovation nicht verhindern will, muss Menschen sich frei entwickeln lassen.“

Freie Gedanken
Lotter analysiert schonungslos: Wenn wir auf dem Weg von der Industrie- zur Wissensgesellschaft nicht auf die Rote Liste der bedrohten Arten geraten wollten, müssten wir den Weg radikaler Gedankenfreiheit beschreiten. Innovation bedeute die Bereitschaft zu ständiger Infragestellung und zum Experiment. Die Forderung nach Interdisziplinarität und Kreativität sei bitteren Ernst. Dazu gehöre auch Mut zu Irrtum wie auch Irrweg. Auf dem Weg müssten wir eine Gesellschaft des Versuchens, statt des Verzagens sein. Die Innovation sei auch nicht den Jungen zu überlassen, sondern zu einem generationenübergreifenden Projekt zu machen. Voraussetzung sei Rückbesinnung auf echte Bildung, wie auch Respekt vor Wissen und Erfahrung: „Man fand heraus, dass es nur bei der Frage der Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien Unterschiede zwischen Alt und Jung gab – die Alten widmeten sich auch seltener digitaler Gadgets. Ihr Erfahrungswissen, ihre kommunikativen Fähigkeiten und ihre Loyalität, Motivation und Ergebnisorientierung glichen das bei weitem aus“ (Seite 63).

Störfall Innovation

Innovationen sind das Gegenteil von Opportunismus. Lotter zitiert Wilhelm Humboldt, der schon vor zwei Jahrhunderten vor den Folgen der Gleichmacherei warnte: „Die Gleichförmigkeit erstickt Differenz, den wichtigsten Rohstoff aller Innovation“ (Seite 71). Der Autor kategorisiert Manager, Meinungsmacher, Politiker, Lehrer und sogar Intellektuelle als Ordnungshüter. Ordnungssysteme selber haben andere Interesse als Erneuerungen – sie streben eine Systemerhaltung an. Kurz gesagt: „Ordnung versucht den Status quo zu sichern“ (Seite 83). Damit schiebt auch jede Organisation eine Krise, sobald Innovationen ins Spiel kommen. Tatsache ist, dass praktisch jede Innovation zum Störfall wird: „Es liegt im Wesen der Organisation, sich über den Menschen zu stellen.“ Organisationen leben länger als der Mensch, der sie organisiert, und jede Organisation handelt nach der Devise – jeder ist ersetzbar (Seite 143). Wer mehr über die Herrschaft der Organisationen erfahren möchte, dem empfiehlt Lotter die „Herrschaftssoziologie“ von Max Weber.

Mutprobe Innovation
„Innovation ist nichts für Feiglinge“, berichtet der Autor in seiner Streitschrift. In welcher Schule lässt sich den Mut zur eigenen Haltung, zur eigenen Überzeugung lernen? Damit bringt er den Zusammenhang von Organisation und Unterdrückung zur Sprache. Man darf sich auch wundern, wie wir Innovationszwänge erleben – etwa unter dem Zauberwort Digitalisierung. Letztendlich soll Innovation auch Hoffnung bieten, dass es besser wird. Eine Innovationskultur, die etwas tauge, weise nach vorne – im Sinn Karl Poppers – hin zu einer offenen Gesellschaft. Gerade dafür würden Alltagsinnovatoren benötigt, Bürgerinnen und Bürger, die selbstbewusst und selbstbestimmt handeln. Mit diesen Gedanken plädiert Lotter auch für ein Neugierde-Ministerium, nicht etwa für ein Innovationsamt oder Innovations-Minister. Neugierde sei eine wichtige Grundfunktion der Evolution: „Das Gute an der Neugier ist, dass sie immer funktioniert, sowohl unter den Bedingungen der Not und der Bedürftigkeit als auch des Wohlstands und Sattheit“, so Lotter.

Bewegt

Agilität, wird das Herz der zukünftigen Innovationsgesellschaft sein, bekommt jedoch in der Streitschrift mit 208 Seiten nur gerade ein Kapitel „Echte Bewegung“ (Seite 153). Wer Sicherheit und gleichzeitig Freiräume geniessen wolle, der müsse beweglich sein. Das gelte nicht nur für Menschen, sondern auch für Organisationen: „Agilität bedeutet nicht Pläne abzuarbeiten, sondern dynamische Strategien zu entwickeln.“

Bildung, Bildung, Bildung 

„Innovation ist mit Lernen untrennbar verbunden. Wer sie erkennen will, kann mit reproduzierbarem Wissen allein nicht viel anfangen. Darauf aber baut unser Bildungswesen: Man trägt weiter, was man hat und hofft, dass sich auf dieser Grundlage Neues entwickelt“, schreibt Lotter. Mit Routinewissen als Bildungsziel rase man in die Vergangenheit – hin zum Bildungstaylorismus. Eine Wissensgesellschaft darf nicht von Fliessbandentwicklern für Informationen bevölkert werden. Und Lotter outet sich einmal mehr zum Gedankengut vom Wilhelm Humboldt bzw. seiner Bildungsreform vor 200 Jahren: „Sie folgt dem Prinzip der Kohärenz und des Verbindens guter Traditionen mit dem Zutrauen in die Bewältigung des Neuen.“ Lotter prophezeit, dass die grosse kulturelle Innovation die Wiederentdeckung der Bildung sei.

Selbstverständliche Innovation

Über die kulturelle Innovation, wie es Lotter proklamiert, haben die sieben PräsidentInnen von den Sektionen der Mitgliedgesellschaften der SAGW an der Jahresversammlung 2017 ebenfalls gesprochen. Nicht jedoch explizit über die Bildung im Sinne des humanistischen Ideals nach Humboldt – das ist für diese Frauen und Männer selbstverständlich. Die Hälfte der Referierenden veranschaulichten mit einem technisch angehauchten Innovationsbegriff, wie neue Technologien teilweise ihre Berufsrollen verändern, ihre Forschungsmethoden erneuern und wie sie die Datenerhebung revolutionieren. Wolf Lotter erwähnt in seiner Streitschrift auch die Klippen in der Praxis der Wissenschaft: „Sogar Wissenschafter und Forschende müssen in ihren Anträgen auf Unterstützung präzise vorhersagen, was sie wann erfinden. Das ist grober Unfug und zeugt von der Pervertierung eines Controllings, bei dem sich Betriebswirte zu neuen Superbeamten gemacht haben.“

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