Donnerstag, 15. März 2018

Die Publikative als fünfte Gewalt in der Digitalisierung


Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und SozialwissenschaftenEs ist kein Geheimnis, dass die amerikanische Nachrichtenagentur Associated Press (AP) bereits tausende von Robo-Berichten in den Umlauf schickt – meistens über Sport, über die Börse und Wirtschaft, wie auch über das Wetter. Die AP beschäftigt Robo-Journalisten, welche aus Fakten Meldungen und News schreiben. Die AP in den USA ist bei uns die Schweizerische Depeschenagentur (SDA). Auch an ihr nagt das Zeitalter der Digitalisierung. Noch ist von keinem Robo-Journalismus die Rede, aber das Management baut die Agentur massiv ab. Eine Streikwelle hat die Bevölkerung und Politik aufgeschreckt, es wird heftig darüber diskutiert und eine Schlichtung bei der eidgenössischen Einigungsstelle steht bevor. Über 15 SDA-Mitarbeitende erhielten seit Januar 2018 eine Kündigung, dutzende weitere eine Pensenreduktion. Am Montag 12. März hat die Belegschaft der SDA auf dem Berner Waisenhausplatz eine Performance über ihre Lage aufgeführt: Das von SDA-Angestellten geformte Firmenlogo löst sich langsam auf... siehe Youtube-Video.
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Nervöse Zonen
Bernhard Pörksen, Medienwissenschafter der deutschen Universität Tübingen hat soeben ein Buch über „Die grosse Gereiztheit – Wege aus der kollektiven Erregung“ (Hanser-Verlag 2018) publiziert. Er beschreibt die vernetzte Welt in einem Zustand rauschhafter Nervosität. Dieses Erregungsmuster wird auch auf den 220 Seiten mit internationalen Fallbeispielen dokumentiert. „Ich vertrete in diesem Buch keine Form von Netzpessimismus, schwanke selbst und renne fast täglich zwischen dem einen Extrem des apokalyptischen und jenem anderen des euphorischen Denkens hin und her. Wir stellen einerseits fest, was für ein ungeheures Geschenk an Information, an blitzschneller Verfügbarkeit von hochinteressanten Ideen wir durch das Internet haben, und sind gleichzeitig entsetzt über ein live gestreamtes Video, das eine Kloake aus Hass und Bösartigkeit aus dem Netz emporspült“ sagt Professor Pörksen der NZZ (15.2.2018).

Die fünfte Gewalt
Bernhard Pörksen hat auch keine Lösung für die Verleger gefunden, wie sich Qualitätsjournalimus im Kulturbruch der Digitalisierung noch finanzieren lässt. Er schildert jedoch, wie sich eine neue, eine fünfte Gewalt, namens Publikative entwickelt – nebst der Exekutive, Judikative, Legislative und der vierten Gewalt, des traditionellen Journalismus. Mit dieser fünften Gewalt bekommt die redaktionelle Gesellschaft als Bildungsziel eine neue Dimension. Die digitale Moderne kann die Öffnung des kommunikativen Raums begleiten und entsprechend mit Normen und Prinzipien eine Plattform-Ethik vorantreiben. Diese sollte als Gremium wie ein Presserat agieren. In unserer Demokratie erwartet die Bevölkerung von den Medien Fairness und Verlässlichkeit. In der Schweiz gilt im Journalismus das Milizsystem, deshalb verfügen wir über keine Professionalisierung und mit einer medien-ethischen Kommission reguliert sich die Branche seit 1977 selber. Der Beschwerdeweg über einen Medienbericht steht allen offen und ist gratis. Bei einer Beschwerde entscheidet der Presserat, ob und warum der Bericht gegen den Kodex verstösst. Der Rat hat jedoch keine strafrechtlichen Befugnisse und publiziert die Stellungnahmen. Als "operativer Arm" besteht die Stiftung aus 15 Journalisten und sechs Publikumsvertretern, die den Kodex praxisnah ergänzen. Das Ziel ist, in der Digitalisierung eine neue Kommunikationsethik aufzubauen, die einen Presserat, der noch nach traditionellem Journalistenkodex agiert, so nicht einlösen kann. Schaut man sich auch die noch neuere Homepage an, so wirkt sie wie eine Hommage an den alten Qualitätsjournalismus. Es braucht also ein neues, modernes Gremium ohne Nostalgie, das sich mit der redaktionellen Gesellschaft in der digitalisierten Realität beschäftigt.

Der Aufstieg des Lesers
„Ich würde sagen, wir sind im Moment in einer Übergangsphase von der Mediendemokratie alten Typs, gekennzeichnet durch klares Agenda-Setting und Gatekeeping von Journalistinnen und Journalisten, hin zu einer Empörungsdemokratie; jeder kann sich nun zuschalten“, erklärt Bernhard Pörksen in der NZZ. Er wünscht sich einen dialogischen Journalismus, weil das medienmächtige Publikum sich anders positionieren kann. Die Simulation des allwissenden Journalisten ist nicht mehr gefragt, das ist längst passé, in einer redaktionellen Gesellschaft sind alle gleichberechtigte Gesprächspartner. Darum sollte sich der Journalist auch von der asymmetrischen Belehrung der Leser verabschieden. Es braucht einen weiteren Perspektivenwechsel: Der Journalismus muss neben der Vermittlung von Inhalten systematisch über das Zustandekommen seiner Inhalte informieren. Pörksen meint, dass der Gatekeeper zum Gatereporter wird. Alle Quellen, Auswahlkriterien usw. müssen für den Leser transparent sein. „Begreife die eigene Kommunikation nie als Endpunkt, sondern immer als Anfang und Anstoss von Dialog und Diskurs“, schreibt Pörksen in seinem Buch.

Plattform-Rat
„Begreife die eigene Kommunikation nie als Endpunkt, sondern immer als Anfang und Anstoss von Dialog und Diskurs“... das könnte eine der Maximen des Kongresses #digitale 21 vom 11. bis 13. April in Lugano werden. In den drei Tagen wird sich der Diskurs um die Auswirkungen der Digitalisierung auf Ausbildung, Lernen und Arbeiten im 21. Jahrhundert drehen. Wer sich hier trifft, weiss sehr wohl, was ihn in den nächsten Monaten erwarten, wie sich die Kommunikation rasant verändern wird. Bestenfalls sind einige Protagonisten in Lugano bereit, den Impfkristall für ein neues Gremium, den Plattform-Rat zu bilden: Wissenschafter, Politiker, Verleger, Plattform-Betreiber, Journalisten und Vertreter unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen, die sich zusammen Gedanken machen, welche Standards nötig sind und wie ihre ethischen Erkenntnisse in die Bildung der jungen Bürgerinnen und Bürger der Schweiz einfliessen könnten. Programmieren lernen ist eine gute Sache, aber die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Gesellschaft darf dabei nicht vernachlässigt werden. Alles liest sich noch etwas theoretisch, aber wer hätte vor kurzer Zeit gedacht, dass einst Robo-Journalisten Börsen-News schreiben werden... Es ist Zeit zu handeln. https://www.digitale21.ch/

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