Montag, 19. Februar 2018

Schau hin – nicht weg!

Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften
Bundespräsident Alain Berset hat sich im ersten Monat des Kulturerbejahres 2018 – vor dem mächtigen Rummel des World Economic Forums (WEF) ­– mit den KulturministerInnen Europas in Davos getroffen. Gemeinsam haben sie eine sogenannte „Erklärung von Davos“ mit dem Titel „Towards a high-quality Baukultur for Europe“ verabschiedet. Die Damen und Herren machen in ihrer Erklärung darauf aufmerksam, wie gebaute Umwelt Wohlbefinden und Lebensqualität der Menschen beeinflusst. Zumal sei sie ausschlaggebend für soziale Interaktion und Kohäsion, für Kreativität und Identifikation mit dem Ort, so steht es in der Mitteilung des Bundesamtes für Kultur (bak). Karl Marx, der deutsche Philosoph und Nationalökonom hätte wohl triumphiert. In seiner Kritik der politischen Ökonomie bemerkte er im Jahr 1859: Es sei nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimme...

Die Macht der Worte
Die Fassade einer Hochschule konnte das Verständnis von Political Correctness einer Gruppe von Studierenden und letztlich ihr Bewusstsein beeinflussen. In schwarzen, grossen Lettern steht seit 2011 das Gedicht des Schweizer Lyrikers Eugen Gomringer auf dem Mauerwerk der Alice-Salomon Hochschule in Berlin. Das einfache Konstrukt aus vier Substantiven hat die Studierenden in Rage gebracht: "Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer". Nach einer einjährigen Debatte wurde das Aus des Gedichtes beschlossen. "Die Entscheidung des Akademischen Senats, das Gomringer-Gedicht zu übermalen, ist ein erschreckender Akt der Kulturbarbarei", sagt die deutsche Kulturstaatsministerin Monika Grütters dem Spiegel. "Kunst und Kultur brauchen Freiheit, sie brauchen den Diskurs, das ist eine der wichtigsten Lehren aus der Geschichte." Das Argument ist wenig nachvollziehbar, das zum Überpinseln von Gomringers Gedanken führt. Frauen lassen sich von dem verdächtigen Wort „Bewunderer“ verunsichern bzw. fühlen sich sexuell belästigt. Im Gedicht selber steht jedoch keine Silbe von sexuellen Übergriffen. Vier Substantive reichen für die Studierenden. Diese vier Wörter sind ein Impfkristall, welcher Gedanken in eine heikle Richtung steuern kann. Und die Maxime, der Text ist nicht das, was auf der Wand steht, sondern was ich lesen will..., hat sich im Fall der Alice-Salomon-Hochschule bestätigt. Ist dieser Fall eine Posse von übereifrigen Studierenden? Oder ist es der MeToo-Zeitgeist, der langsam aber sicher das Denken vieler Menschen infiltriert?

Museen horten keinen Konsens
„Erst hängen wir Bilder ab, dann die Freiheit an den Nagel,“ warnt Philipp Demandt, Direktor des Frankfurter Städels und der Kunsthalle Schirn vor den Folgen der „MeToo“-Debatte für die Kunstfreiheit. „Wenn ich die Tugendhaftigkeit des Künstlers zum Maßstab mache, sind die Museen bald leer.“ Der 46-jährige Kunsthistoriker ist besorgt angesichts der Bereitschaft, Künstler aufgrund nicht nachgeprüfter Vorwürfe vorzuverurteilen, sie gesellschaftlich zu ächten und ihr Schaffen in Frage zu stellen. Museen seien Orte der Freiheit, der Debatte und des Widerspruchs, sie seien auch keine Konsensmaschinen oder moralische Kläranlagen. Gerade Deutschland habe mit seinen Säuberungswellen in Museen und Bibliotheken eine unrühmliche Geschichte, mahnt Philipp Demandt. Wer über solche Entwicklungen nachdenken möchte, dem kann ein Besuch im Kunstmuseum Bern empfohlen werden: Gurlitt „Entartete Kunst – Beschlagnahmt und verkauft“. Die Ausstellung ist noch bis zum 4. März zu sehen. Als entartet galten alle kulturellen Strömungen, dazu gehörten auch Literatur, Musik und Architektur, die nicht in das kulturelle Verständnis der nationalsozialistischen Diktatur passten. Kunst ideologisch zu bewerten ist eine Sackgasse, das hat die Geschichte bewiesen. Die NZZ am Sonntag publizierte am 11. Februar eine Doppelseite mit Kunstwerken aus Schweizer Museen mit dem Titel „Wollen Sie auf diese Werke verzichten? Das Bild von der Sammlung Hahnloser von Félix Valloton „La Blanche et la Noire“ würde die Prüfung von Political Correctness niemals bestehen: Eine schwarze Dienerin mit brennender Zigarette im Mund betrachtet eine weisse nackte Frau auf dem Bett (Kunstmuseum Bern, Sammlung Hahnloser verlängert bis 15.4.18). Ab September wird die Fondation Beyeler in Riehen BS eine Retrospektive von Balthus (1908–2001) zeigen. In seinen Werken verbindet er Wirklichkeit und Traum, Erotik und Unschuld, Sachlichkeit und Rätselhaftigkeit sowie Vertrautes und Unheimliches: Sein Bild von der „träumenden Thérèse“ (1938), einem Mädchen, dessen hochgerutschter Rock den Blick auf ihre blütenweisse Unterhose frei gibt, löste in den USA heftige Proteste aus. Man darf gespannt sein.
https://www.fondationbeyeler.ch/balthus/

Kraftwerk der Gesellschaft
Das Kulturerbejahr 2018 bietet eine grossartige Chance für eine breite Debatte über die Gefahren einer Konsenskultur. So wie sich Bundespräsident Alain Berset in der „Erklärung von Davos“ über eine hochwertige Baukultur stark macht, wäre es auch zu wünschen, dass er sich in diesen Diskurs einbringen könnte. Ein zensurierter Kunstgeschmack, etwa durch MeToo-Bewegung oder politische Strömungen – von links und rechts – wird als Distinktionsinstrument eingesetzt und lässt neuen Diskriminierungen Raum. In einem solchen Milieu kann nur schwer eine gesellschaftliche, historische und selbstbestimmte Dynamik entstehen, die letztendlich auch die Basis für ein gemeinsames Kulturerbe ausmacht. Die Konvention des Europarats über den Wert des Kulturerbes für die Gesellschaft (Konvention von Faro) bestimmt das Kulturerbe als zentrale Ressource für die Demokratie und den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Folglich wirkt ein Kulturerbe nicht nur als Quelle, sondern bewahrt die Gesellschaft auch vor Bewegungen, die Menschen ausgrenzen. In Biel werden sich am 15. und 16. März 2018 engagierte Frauen und Männer aus unterschiedlichsten wissenschaftlichen Disziplinen treffen. Der Titel ihres Kongresses: «Kulturerbe, ein gemeinsames Gut. Für wen und warum?».

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