Mittwoch, 6. Dezember 2017

Islam in der Schweiz

Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften
Schweizer Muslime haben genug davon, von der politischen Rechten instrumentalisiert, mit Extremisten in einen Topf geworfen und von Personen vertreten zu werden, mit denen sie nichts gemeinsam haben. In der reformierten Kirche Pasquart in Biel diskutierten sie am 25. November über Probleme am Arbeitsplatz, in der Schule und an der Universität. Die 60 Teilnehmenden haben sich auch gefragt, ob der Islam mit der schweizerischen Demokratie vereinbar sei, und wie die Beziehung von Islam und Feminismus verträglicher werden könnte. Am Schluss der Debatte verabschiedeten sie eine Charta über Rechte und Pflichten der Muslime in der Schweiz.
https://www.nzz.ch/schweiz/aktuelle-themen/schweizer-muslime-verabschieden-charta-an-landsgemeinde-ld.1332545

Muslimfeindlichkeit
Beinahe zeitgleich diskutierten an der Universität Zürich Forschende über die Problematisierung des Islams im öffentlichen Diskurs. Im Rahmen der SAGW-Reihe „Islam in der Schweiz“ trafen sich europäische Experten. Der Sozialanthropologe Werner Schiffauer zeigte als Fallbeispiel, wie das Deutsche Innenministerium von Nordrhein-Westfalen den Islam problematisiert: Eine Präsentation des Innenministeriums, die eine gewisse Zeit sogar im Internet verfügbar war, visualisiert mit einer Pyramide die Gefährdungsarten unter dem Aspekt der Gewaltbereitschaft und der langfristigen gesellschaftlichen Wirkung. Über den Islam werde nur dann diskutiert, wenn muslimische Organisationen oder islamische Praktiken im Zentrum von Konflikten und Kontroversen stünden. Patrik Ettinger vom Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög) der Universität Zürich analysierte die Darstellung der Muslime durch die Schweizer Medien. Dabei berief er sich auch auf die Richtlinie 8.2 des Schweizer Presserates (Richtlinien zur «Erklärung der Pflichten und Rechte der Journalistinnen und Journalisten»), die auf eine Vermeidung von pauschalisierenden Aussagen zielt. Ettinger untersuchte 18 Printtitel in der Zeit von 2009 bis 2017: Gemessen an der Skala „Empathie versus Distanz gegenüber Muslimen“ fand er eine zunehmend distanzierte Berichterstattung. Spitzenreiter bei der negativen Berichterstattung über Muslime ist mit 84 Prozent die Weltwoche. Der SonntagsBlick folgt mit 63, die SonntagsZeitung mit 61 und der Blick mit 59 Prozent. Zurückhaltender über Muslime berichten die NZZ und LeTemps mit jeweils 32 Prozent. 
http://www.ekr.admin.ch/pdf/Master_EKR_ppt_Nachmittag_11.9.2017.pdf

Das linke Integrationsrezept
„Ich wehre mich gegen Islam-Hass und Scheinkämpfe wie das Burkaverbot“, sagt Christian Levrat, Ständerat und SP-Parteipräsident (Tages Anzeiger, 19.11.2017). „Der Islam gehört in unser Land.“ Er verweist auf die 400'000 Muslime, wovon 160'000 einen Schweizer Pass besitzen. “Ja, es braucht jetzt einen Schritt der Schweiz wie nach dem Sonderbundskrieg, als man die positiven Kräfte innerhalb der katholischen Kirche gestärkt hat und nicht die Rom-gesteuerten Jesuiten. Auch jetzt müssen wir aufgeklärte Kräfte unter den Muslimen stützen. Diesen säkularen Weg, den die Schweiz und das aufgeklärte Europa beschritten haben, müssen wir nun weitergehen.“ So lautet Levrats Rezept, den Islam diskriminierungsfrei zu integrieren.
https://www.tagesanzeiger.ch/sonntagszeitung/standard/Ich-wehre-mich-gegen-IslamHass-und-Scheinkaempfe/story/26695156

Öffentlich-rechtliche Religion
Erwin Tanner, Generalsekretär der Schweizer Bischofskonferenz (SBK), sieht die Integration der muslimischen Gemeinschaften schrittweise, die als privatrechtlich organisierte Gemeinschaft beginnt (Tages-Anzeiger, 20.11.2017): „Als solche könnten sie in Schulen Religionsunterricht erteilen oder in Gefängnissen Seelsorge betreiben. Sie hätten die Möglichkeit, ihre Religion besser zu verwirklichen.“ Tanner betont, dass sie jedoch erst nach dem sie öffentlich-rechtlich anerkannt sind, auch Steuern erheben könnten.
„Der Islam als öffentlich-rechtliche Religionsgemeinschaft in der Schweiz?“ wurde auch im Rahmen des SAGW-Schwerpunktes „Islam in der Schweiz“ im Oktober in Bern mit Politikern, Experten und MuslimInnen diskutiert und Empfehlungen erarbeitet. Als Abschluss der Reihe ist am 26. April 2018 die Veranstaltung „Feststellungen und Empfehlungen zur öffentlich-rechtlichen Anerkennung islamischer Religionsgemeinschaften in der Schweiz“ geplant.
--> https://www.tagesanzeiger.ch/zeitungen/Der-Kuchen-der-Kirchensteuer-wuerde-neu-aufgeteilt/story/25614957 http://www.lasuissenexistepas.ch/events.html

Aufklärung und Kulturrelativismus
Bassam Tibi, emeritierter Professor für Internationale Beziehungen der Universität Göttingen schreibt, Progressive würden den Islamisten in die Hände spielen, ohne es zu merken (NZZ, 22.11.2017). Bassam Tibi lebt zwischen drei Zivilisationen: der arabisch-islamischen, der europäischen und der nordamerikanischen (mit Berufungen in Harvard, Princeton, Yale und Cornell). Er beschreibt sich als linker Student in Frankfurt und aktiver 68er: „Schon damals wehrte ich mich allerdings gegen die im Gedeihen befindliche Verherrlichung des Fremden, die auf der Umkehrung der Verteufelung des Fremden, nicht aber auf deren Überwindung basiert. Ich wundere mich immer wieder, wie sogenannte „Progressive“ in westlichen Gesellschaften die Gefahr des Islamismus kleinreden. Sie veredeln uns Fremde – denn ein solcher war und bin ich in Europa bis heute – undifferenziert als Bon Sauvage und blenden alle gegen die Säkularisierung, Demokratie und offene Gesellschaft gerichteten Bestrebungen islamistischer Kräfte völlig aus. In Anlehnung an Hannah Arendt, von einem neuen Totalitarismus zu reden, ist in diesem Fall durchaus angemessen. Die Alternative dazu lautet ziviler Islam – ich habe auch darüber viel geschrieben...“


Plakative Forderungen
Ulrich Rudolph, Professor für Islamwissenschaft an der Universität Zürich, schaltet sich in die Debatte über das Erbe der Aufklärung ein und kritisiert Bassam Tibi (NZZ, 30.11.2017). Müssten Muslime eine Phase der Aufklärung durchlaufen, weil sie nur so ihre Probleme, die einem Zustand vor der Aufklärung entsprechen, überwinden könnten? „Diese Forderung ist plakativ. So vorgetragen und begründet, geht sie von einem historischen Verständnis aus, das allein aus der europäischen Geschichte beziehungsweise aus einer schematischen Konstruktion derselben abgeleitet ist“, schreibt Ulrich Rudolph. Die Aufklärung muss sich an ihren eigenen Ansprüchen messen und darf sich selbst nicht als allheilbringende Ideologie mit einem fundamentalistischen Anspruch verstehen. „Je klarer und selbstgewisser die Aufklärer ihre eigenen Begriffe formulieren konnten, desto kritischer äusserten sie sich über die Denkentwürfe anderer. Anstatt die Universalität der Vernunft anzuerkennen, haben viele von ihnen den eigenen Erkenntnisstand zum universalen Massstab erklärt“, beanstandet Rudolph. Für Hegel beispielsweise existierte nur noch eine einzige Philosophie, alle anderen Philosophietraditionen ausserhalb Europas waren eine kurze oder längst abgeschlossene Episode in der Geschichte des Weltgeists, dazu gehörte auch die islamische Philosophie. Die intellektuellen Traditionen der islamischen Welt seien im Europa der Spätaufklärung markant abgewertet worden, und diese Abwertung wirke noch heute nach, wenn heute behauptet wird, der Islam sei nicht zur Aufklärung fähig, hält Rudolph fest. Zumal es in der islamischen Welt durchaus Phasen der Aufklärung gab.
https://www.nzz.ch/feuilleton/der-islam-braucht-keinen-voltaire-ld.1333711
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