Samstag, 18. November 2017

Über Gleichgültigkeit, Unterdrückung und Zwangsehen

Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften
„Die Frauen sind jung, sie stammen aus dem Kosovo, aus Sri Lanka oder der Türkei, und sie haben das Leben vor sich. Doch dann wird über sie entschieden. Sie werden vergeben, vermittelt und verschachert. Was das heisst, wissen wir alle: Es bedeutet Gewalt, Missbrauch und Gleichgültigkeit. Weil zu Viele wegschauen“, sagt Bundesrätin Simonetta Sommaruga am Praxistag im Rahmen des Bundesprogramms Bekämpfung Zwangsheiraten. „Wenn wir über Zwangsehen sprechen, sprechen wir darum nicht nur über schreckliche Einzelfälle. Wir sprechen über Milieus, für die Gewalt gegen Frauen und Unterdrückung selbstverständlich sind. Denn es hat Tradition. Das macht den Kampf der Behörden gegen die Zwangsehen so schwierig.“

Von Fakten, Dunkelziffern und patriarchalischen Strukturen
Vom Januar 2015 bis letzten August wurden insgesamt 900 Fälle von Zwangsheiraten in unserem Land registriert. 80 Prozent der Betroffenen sind weiblich, knapp ein Drittel minderjährig. Drei Viertel der Opfer sind in der Schweiz geboren oder hier aufgewachsen. Die meisten Hochzeiten wurden jedoch im Ausland vollzogen – oft während den Sommerferien. Im Bericht des Bundesrates vom 27. Oktober 2017 steht es schwarz auf weiss, wie verbreitet die Zwangsehe in unserem Land ist – über Dunkelziffern kann nur spekuliert werden. Bundesrätin Simonetta Sommaruga erzählt in ihrer Rede auch von einer jungen Frau, die sie persönlich kennt: „Sie ist eine Kosovarin, und sie hätte gegen ihren Willen verheiratet werden sollen. In ihrer Angst hat sie sich an ihre Lehrerin gewendet, gerade noch rechtzeitig vor den Sommerferien. Die Lehrerin hat die Behörden eingeschaltet. Der Zwangsehe ist die Frau dadurch entkommen. Gleichzeitig hat sie ihre Familie und ihr Umfeld verloren – und das mit 15 Jahren.“ Der NZZ sagt die Basler Ständerätin Anita Fetz (31.10.2017): „Daraus jedoch zu schliessen, dass der Islam schuld sei an den Zwangsheiraten, ist zu einfach.“ Die Wirklichkeit sei viel komplexer. Die Ständerätin sieht das Problem in den patriarchalischen Strukturen verankert. „Noch bis ins 20. Jahrhundert war bei uns in reichen Schichten die Zwangsverheiratung üblich – trotz Aufklärung.“

Gesetz gegen Zwangsehen
„Durch eine Zwangsheirat werden elementare Persönlichkeitsrechte verletzt.“ Das Bundesgesetz über Massnahmen gegen Zwangsheiraten ist am 1. Juli 2013 in Kraft getreten. Der Bundesrat selber lancierte eine Bekämpfung von Zwangsheiraten zwischen 2012 und 2017 mit Beratungsstellen und Netzwerken. Der Bund wird in den nächsten vier Jahren eine Kompetenzstelle mit bis zu 800‘000 Franken unterstützen. Unter anderem wird der Bundesrat auch die Wirksamkeit der neuen Bestimmungen im Zivilgesetzbuch (ZGB)1 zum Schutz der Opfer von Zwangsheiraten evaluieren, dazu gehören auch Regelungen, welche Minderjährigenheiraten betreffen.

Nachhaltige Ziele der UNO für Frauen
Das Problem der Unterdrückung und Gewalt gegen Frauen steht auch auf der Agenda der Sustainable Development Goals (SDGs). Die UNO fordert von allen Mitgliedstaaten, dass sie 17 Ziele für eine nachhaltige Entwicklung bis ins Jahr 2030 erreichen. Mit den SDGs müssten die drängendsten Probleme der Welt gemeinsam gemeistert werden. Im Fall „Gewalt gegen Frauen“ manifestiert das Ziel Nummer fünf einen brisanten Handlungsbedarf – der auch für die Schweiz zutrifft, wie aktuelle Zahlen beweisen. Deshalb organisiert die SAGW am 15. Februar 2018 an der Universität Fribourg eine Tagung „Gewalt gegen Frauen in der Schweiz – von hier aus, wohin?“: Auf dem Programm stehen Kurzreferate über Forschungsstand, politische und rechtliche Lage, sowie mögliche Massnahmen und Prävention. Die Themen der Tagung sind Menschenhandel mit sexueller Ausbeutung, Zwangsheirat, Genitalverstümmelung und häusliche Gewalt.

Engagierte Frauen für Frauen
Bina Agarwal konnte beweisen, dass die Fähigkeit der Frauen, Land zu besitzen und zu erben, eine signifikante Abschreckung gegen eheliche Gewalt darstellt. Die gebürtige Inderin ist Professorin für Entwicklungsökonomie und Umwelt der Universität Manchester im Nordwesten Englands. Sie hat mit ihren Studien wissenschaftlich aufgezeigt, wie sich die Benachteiligung der Frauen auf die Gesellschaft auswirkt. Dabei stellt die Ökonomin nicht nur innerfamiliäre Beziehungen in Frage, sondern sucht nach neuen Modellen für soziale Normen und Eigentumsverhältnisse, welche die Verhandlungsmacht von Frauen verbessern. Damit ermöglicht Agarwal in den Disziplinen Gender und Entwicklung neue intellektuelle, wie auch politische Wege: Im Jahr 2005 wurde das Hindu-Erbrecht in Indien zugunsten der Frau angepasst. Bina Agarwal wird am 17. November im Bundeshaus der internationale Balzan-Preis überreicht. Passend zu Agarwals Mission stammt der Preis, dotiert mit 750'000 Schweizer Franken, aus dem Erbe einer Frau. Angela Lin Balzan gründete mit dem Erbe ihres Vaters Eugenio Balzan eine Stiftung zur Förderung der Wissenschaft.

Vertuschte Narben in einem patriarchalen Land
Jedes Jahr sterben in Russland mehr als 14’000 Frauen an häuslicher Gewalt. Ein Film über die Einsamkeit und die Grenzerfahrungen russischer Frauen macht sichtbar, wie dringend der Handlungsbedarf weltweit ist (Weltspiegel im ARD, 11.11.2017). Er zeigt, wie sich das Leben der Frauen in einem patriarchalen Land verändert, das sich von sowjetischen Idealen der Gleichheit zwischen Mann und Frau entfernt. Der Film zeigt auch, wie Frauen nach Wegen suchen, um ihre Erlebnisse zu vergessen. Zum Beispiel Jewgenia Zakhar: Sie tätowiert Frauen über Stich- und Schussnarben, die ihnen Männer zugefügt haben. Narben auf der Haut lassen sich mit Tattoos überdecken. Aber wer wird sich um die Narben der geschundenen Seelen kümmern?
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