Freitag, 24. November 2017

Oh du schöne neue Arbeitswelt in der Digitalisierung

Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften
Sie fährt die Elektrolimousine Tesla und ist nie offline – Bundespräsidentin Doris Leuthard gibt im Magazin zum ersten Schweizer Digitaltag „Schweiz 4.0“ ein Interview: „Die Digitalisierung verändert von Grund auf die Art, wie wir leben, lernen und arbeiten. Deshalb hat der Bundesrat eine Strategie zu dieser Thematik entwickelt und Gesellschaft, Wissenschaft und Forschung sowie Politik dazu eingeladen, sich mit Anregungen, Fragen und Projekten in die Diskussion einzubringen oder auch Sorgen auszudrücken.“ Das Gespräch mit der Bundespräsidentin dreht sich jedoch vor allem um Bügel- und Abwasch-Roboter, wie auch künstliche Intelligenz.

Passivmitglied Mensch
Im gleichen Magazin „Schweiz 4.0“ macht sich Ludwig Hasler, Philosoph und Publizist Gedanken über die Welt im digitalen Wandel, die dazu neigt, dass der Mensch zum Passagier statt zum Piloten wird: „Sind wir künftig nur noch Haustiere der Algorithmen, die im Silicon Valley bewirtschaftet werden?“ Hasler entzaubert die Digitalisierung als technische Vernetzung und hofft jedoch auf eine Symbiose zwischen Mensch und Maschine. Als Beispiel illustriert er den Pflege-Roboter am Spitalbett. Er beziehe das Bett frisch, erledige die Intimwäsche beim Kranken und räume das Zimmer auf. Der Krankenpflegerin bleibe die Aufgabe, wofür sie bis anhin keine Zeit hatte – Zuwendung und Gespräch. Mit seinem Beispiel stellen sich neue Grundsatzfragen: Wer will sich von einem Roboter waschen lassen, der auf Voice Commands einseift, spült und rubbelt? Wem wird der Roboter unterstellt sein – der Stationsschwester oder dem Chefarzt?

Die neue Mündigkeit
Der Arbeitspsychologe Felix Frei beschäftigt sich mit der Frage, warum die Hierarchie mit den unmündigen Facetten eines patronalen Führungsgefälles in der Digitalisierung zum Auslaufmodell wird. Der Schlüssel für ein neues Organisationsprinzip sei Verantwortung, schreibt Felix Frei. Wem Verantwortung jedoch jederzeit unangekündigt wieder genommen wird, der wird sich nie konsequent verantwortlich verhalten. Zudem gerät in der Digitalisierung die Hierarchie von aussen unter Druck. Die Agilität, die mit dem digitalen Wandel von einer Organisation verlangt wird, ist durch eine formale Hierarchie nicht möglich. Zudem krankt eine Hierarchie an der Trägheit und tendiert zur Gleichgültigkeit, was sich mit der Digitalisierung schlecht verträgt. Die Basis einer neuen Organisation bilden selbstführende Teams, die über Kompetenzen verfügen und ihre Arbeit eigenständig erledigen. Dazu braucht es eigene Spielregeln und definierte Prozesse – Vertrauen ist die Voraussetzung für Führung und Zusammenarbeit. Im Zentrum der Arbeit in der neuen Organisation steht der Sinn bzw. die intrinsische Motivation des Individuums (siehe Psychoscope 5/2017, Seite 11, das Magazin der Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen FSP). Nach Felix Frei wird in der Digitalisierung Führung nicht abgeschafft werden, sie bekommt jedoch eine neue Rolle: Führung wird temporär und kontextabhängig von vielen übernommen. Der Arbeitspsychologe ist sich bewusst, dass der Prozess zu neuen Organisationsformen nicht von heute auf morgen geschieht, zumal es von den Betroffenen eine reife, persönliche Handlungslogik verlangt, die sich erst noch entfalten muss. Tatsache ist, die berufliche Sozialisation zur Unmündigkeit ist ein Auslaufmodell – der Taylorismus hat ausgedient.

Chef setzt auch Vertrauen
Mit dem digitalen Wandel entwickeln sich in der Arbeitswelt notgedrungen neue Organisationsformen, die nicht nur die unteren und mittleren Chargen betreffen, sondern auch in der Teppichetage ihren Tribut verlangen. Bislang hatten MitarbeiterInnen eine Position im Organigramm, neu werden sie nur noch Rollen übernehmen, die sie je nach Kompetenz und Bedürfnissen der Organisation ausüben müssen. Was in hierarchischen Organisationen zu starren Abteilungen führte, wird sich mit dem Rollenmodell zu vielfältigeren Arbeitsformen entwickeln. Entscheidungen werden nicht mehr nach der Top-Down-Methode getroffen und Führungskräfte werden sich zu Coaches weiterbilden müssen. Zentral ist auch folgende Erkenntnis: „Der Führungsstil wandelt sich und wird zunehmend partizipativ, kollaborativ und basiert auf Vertrauen.“ (siehe Psychoscope 5/2017, Seite 9, das Magazin der Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen FSP).

Der Untergang des „Über-Ich-Menschen“
Der Feldherr auf dem Hügel – Führung sozialer Systeme, beginnt damit, dass einer an der Spitze steht, der besser als die anderen versteht, um was es geht und entsprechende Massnahmen einleiten kann. Das war einmal. „Eine Welt bricht zusammen. Es stirbt etwas. Es muss zugrunde gehen, damit etwas Neues beginnen kann“. Helmut Geiselhart geht mit den aktuellen Arbeitsorganisationen scharf ins Gericht. Der Philosoph, Theologe und Finanzwissenschafter erarbeitete ein Konzept des lernenden Unternehmens. In Anlehnung an Niklas Luhmanns Systemtheorie, dass nicht nur lebende Systeme der Natur, sich dem Prozess der Selbsterschaffung und -erhaltung unterordnen, können sich auch soziale Systeme entsprechend entwickeln. Diesem Gedanken der autopoietischen Funktion folgt Geiselhardt und sieht für zukünftige Aufgaben, die von der Digitalisierung geprägt sind, neue Formen des Zusammenwirkens. Es brauche nicht mehr narzisstische Persönlichkeiten, die auf sich selber fixiert sind, auch keine zwanghaften Gestalten, die alles im Griff haben wollen. Gemäss Geiselhardt braucht es Menschen, die den inneren Freiheitsspielraum nutzen und bereit sind für andere „Umwelt zu sein“. Der neue Idealtypus soll Regeln kennen, sich an Normen halten, in denen auch das Ungewöhnliche Platz hat als Voraussetzung für echte Innovationen (siehe Psychoscope 5/2017, Seite 15, das Magazin der Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen FSP).

Digitale Mobilmachung
„Handeln also. Und zwar schnell. Aber wie? Genau diese Frage soll die erstmals durchgeführte Konferenz «Digitale Schweiz» in Biel beantworten“, schreibt der Tages-Anzeiger (20.11.2017). Die 700 Plätze waren am letzten Montag ausgebucht. Neben Doris Leuthard und Walter Thurnherr zwängten sich Parteipräsidenten, National- und Ständeräte, Staatssekretäre, Wirtschaftsführer, Wissenschaftler, Chefbeamte und Lobbyisten in den Saal. Und Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann schaute vorbei. In Folge wurde am letzten Dienstag an rund 100 Veranstaltungen das Volk über die «Chancen der Digitalisierung» informiert. SRF liess Roboter Pepper die Sendung «Schweiz aktuell» moderieren: Abermals halfen drei Magistraten (Leuthard, Schneider-Ammann und SP-Innenminister Alain Berset), die Botschaft zu verstärken: „Da rollt etwas Grosses auf die Schweiz zu. Wir müssen uns rüsten. Die digitale Mobilmachung duldet keinen Aufschub“, schreibt der Tages-Anzeiger. Digitale Mobilmachung – noch dominiert das Bild „des Feldherrn auf dem Hügel“ bei den Schweizer Digitalisierungs-Propheten...

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