Donnerstag, 6. Juli 2017

Patient Gesundheitssystem

Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften

Primetime, Samstag 20 Uhr: Nach der Tagesschau wird im SRF das „Wort zum Sonntag“ ausgestrahlt. Die kurze Sendung ist keine Kanzelpredigt, sondern ein persönlicher Kommentar. Am 1. Juli entrüstet sich die römisch-katholische Theologin Edith Birbaumer über unser Gesundheitswesen und fehlender Nächstenliebe: „Im Jahr 2015 sind 138 Millionen Franken Entschädigung von der Pharmabranche an Ärzte, Spitäler und Gesundheitsorganisationen geflossen...“. Ihre Botschaft ist für alle verständlich – unser Gesundheitswesen ist krank. 

Gesundheitsmonitor 2017 
Jedes Jahr macht das Sozialforschungsbüro gfs.bern eine repräsentative Studie über das Schweizer Gesundheitswesen: Die exakte Lektüre der aktuellen Studie offenbart, dass die 1200 Befragten widersprüchliche Antworten geben. Diese Ambivalenz liegt in der Fragestellung: Einerseits müssen die Befragten als Bezüger der Gesundheitsleistungen antworten, anderseits nehmen sie Stellung als Bezahler des Gesundheitssystems. Die Komplexität der Materie und die Intransparenz des Systems sind „ein Buch mit sieben Siegel“. Man kann sich auch fragen, warum ausgerechnet Interpharma, der Verband der forschenden pharmazeutischen Firmen, den Gesundheitsmonitor finanziert. Ist dieser Obolus der Pharmabranche eine Entschädigung an die Politik? Zumindest ist eine brisante Diagnose im Gesundheitsmonitor 2017 abgedruckt: „Neu wollen 47 Prozent den Bund im Lead im Gesundheitswesen." 
http://www.interpharma.ch/sites/default/files/wik_gesundheitsmonitor_2017_d_0.pdf


Die Gretchenfrage
Ganz im Sinn des Gesundheitsmonitors 2017 hat Gesundheitsminister Alain Berset schon im März Eingriffe in den Ärztetarif Tarmed in die Vernehmlassung geschickt. Bei 10 Milliarden Franken gebe es ein Einsparpotenzial von 700 Millionen Franken, versprach er. Gesundheitsorganisationen, Krankenkassen und die Politik von links und rechts, alle sind weitgehend mit den Plänen einverstanden. Allein stehen allerdings Ärzte und Spitäler mit ihrem Protest gegen den Tarifeingriff. Im Gegensatz zu den Befürwortern der Vorlage sind sie von den Tarifsenkungen betroffen. Warum nur haben es die Ärzte verpasst, das veraltete Tarmed zusammen mit den Krankenkassen in eigener Regie zu reformieren? Das ist die Gretchenfrage, die sich FMH und Krankenkassen stellen müssen.

Nachhaltigkeit als oberstes Gebot
Seit 2012 setzen sich die Akademien der Wissenschaften Schweiz für ein «Nachhaltiges Gesundheitssystem» ein. Aktuell werden in diesem Projekt sieben Ziele verfolgt: Es geht um gut ausgebildete Gesundheitsfachleute, um medizinische Leistungen in Prävention, Diagnostik, Therapie und Rehabilitation, oder um wissenschaftliche Grundlagen zur Gestaltung eines nachhaltigen Gesundheitssystems. Zudem werden neue Finanzierungsmodelle gesucht, die Fehlanreize verhindern können. http://www.roadmap-gesundheitssystem.ch/roadmap-gesundheitssystem/Ziele.html

Atlas gegen Fehlentwicklungen
Ein interaktiver Atlas der medizinischen Versorgungslandschaft ist im Internet aufgeschaltet: Aktuell beschreibt der Spitalatlas die 30 häufigsten stationären Behandlungen. Dazu gehört etwa auch die Orthopädie. Wo operieren Orthopäden die meisten Hüftprothesen im Land? Der Atlas bietet eine statistisch verbürgte Antwort: Im Kanton Obwalden mit 4,2 Fällen pro 1000 Einwohner – Schweizer Durchschnitt liegt bei 2,89 Fällen. http://www.versorgungsatlas.ch/

Macht und Medizin

Die Debatte dreht sich weiter: Gemäss Gesundheitsmonitor 2017 wünschen sich die befragten Stimmberechtigten einen Mix aus Markt und Staat – der bewährte schweizerische Kompromiss. Viele Akteure des Gesundheitssystems fragen sich, ob sich das System auf der Zielgerade einer Planwirtschaft befindet: Die Praxis in Medizin und Pflege ist im Griff von Normen und Standards. Wer sind die Treiber der Normen? Wie wird das Zusammenspiel von Recht, Ökonomie, Administration und nicht zuletzt auch Politik gesteuert? Wie gestalten sich in diesen Normen die Machtverhältnisse zwischen Arzt und Patient? Wie kann ein Patient noch selber über seinen Körper bestimmen? Die SAGW organisiert im Rahmen der Medical-Humanities-Reihe „Macht und Medizin“ eine Tagung in Bern. Am 26. Oktober 2017 werden sich ExpertInnen aus der Forschung sowie der Praxis treffen und einen ganzen Tag lang darüber debattieren. 
http://www.akademien-schweiz.ch/index/Schwerpunkte/Gesundheitssystem-im-Wandel/Medical-Humanities.html

Die letzte Bastion
Glücklich ist, wer einen guten Hausarzt kennt, der sich voll und ganz für seine Patienten einsetzt. Das wachsende Ärztebashing in der Politik und in den Medien hilft weder gesunden noch kranken Menschen. Ein Arzt ist oft die letzte Bastion in der leistungsorientierten Gesellschaft: Es geht nicht nur um Heilung von Krankheiten, sondern es geht auch um eine Vertrauensperson mit ärztlicher Schweigepflicht – selbst wenn sich Theologin Birbaumer während der 
Primetime im „Wort zum Sonntag“ über die kostbare Gesundheit ereifert.

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