Donnerstag, 18. Mai 2017

Jung und fruchtbar

Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften
Eugène Delacroix malte eine junge Schönheit, wie sie in Paris über Barrikaden stürmt: In der rechten Hand schwingt sie die Tricolore, mit der linken umklammert sie ein Gewehr – barfuss, barbusig. Das Meisterwerk von Delacroix ist beispielhaft – Marianne, die Nationalfigur der französischen Revolution. Seit dieser Revolution gilt auch das republikanische Frauenideal: Jung und fruchtbar. Die Mutter der Nation bringt Kinder auf die Welt, schliesslich setzt der moderne Nationalstaat auf genügend Bürger. Was Delacroix im Jahr 1830 auf die Leinwand brachte, passt zur aktuellen Diskussion der demografischen Schieflage in der Schweiz: Wir sind nicht überaltert sondern unterkindert! http://cartelen.louvre.fr/cartelen/visite?srv=car_not_frame&idNotice=22746

Familienbericht 2017
Über die aktuelle Situation der Familien in der Schweiz ist im April ein Bericht vom Bundesamt für Statistik erschienen. Vier Handlungsfelder strukturieren den Report: Die wirtschaftliche Absicherung der Familie, die Anpassung des Familien- und Erbrechts, um die Förderung der Familie wie auch um die Förderung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. www.bsv.admin.ch/bsv/de/home/sozialpolitische-themen/familienpolitik/grundlagen/familienbericht-2017.html 
Der Handlungsbedarf des Familien- und Erbrechts sowie konkrete Reformvorschläge werden auch in der Publikation „Ehe und Partnerschaft zwischen Norm und Realität“ Vol. 11, No 1, 2016, swiss academies reports, weiter vertieft. http://www.sagw.ch/sagw/laufende-projekte/generationen/publis-generationen.html
  
Die Marianne der Schweiz
Sieben von zehn Frauen in unserem Land zwischen 25 und 80 Jahren sind Mütter von einem oder mehreren Kindern. Gemäss Statistik lag im Jahr 2014 die Geburtenziffer bei 1,54 pro Frau – der europäische Durchschnitt ist bei 1,58.

Glückszahl 2,2
Der Soziologe François Höpflinger hat das Zahlenmaterial dieses Familienberichtes analysiert: „Insgesamt wünschen sich Frauen, wie auch Männer 2,2 Kinder, das wäre die richtige Zahl für einen langfristigen Generationenerhalt.“ Damit käme auch die demografische Schieflage wieder langsam ins Lot. Höpflinger betont, dass die gewünschte Kinderzahl mit der Zwei-Kinder-Norm bei Frauen und auch bei Männern über die letzten Jahre erstaunlich konstant geblieben ist.

Warum ist die reale Familiengrösse kleiner als die gewünschte?
„Frauen und Männer mit einem tertiären Bildungsabschluss haben ihr erstes Kind später als jene mit einem niedrigen Bildungsniveau und bleiben auch öfter kinderlos. Sie geben häufig an, dass sich ihre Karrierenaussichten mit einem Kind verschlechtern würde“, gemäss Familienbericht 2017. Weitere Gründe warum die ursprünglichen Lebenspläne der Frauen und Männer in der Schweiz nicht gelingen, sind etwa gesundheitliche Probleme oder biologisch bedingte Unfruchtbarkeit und Trennung in der Partnerschaft. Die Qualität der Beziehung ist besonders wichtig für eine Familiengründung: Jung und fruchtbar allein genügt nicht, Marianne braucht einen passenden Mann dazu.

Lebensentwurf Familie
Die Publikation von Prof. René Levy „Wie sich Paare beim Elternwerden retraditionalisieren, und das gegen ihre eigenen Ideale“, Vol. 11, No 3, 2016 – swiss academies communication, kann den Familienbericht ergänzen. Ein für Europa und der Schweiz empirisch erhärtete Sachverhalt ist die Retradtionalisierung der geschlechterspezifischen Rollenmuster bei der Familiengründung – entgegen der Ideale und ursprünglichen Wünsche des Paares. Dieser Sachverhalt ist ein wichtiger Grund, warum Frauen nach dem ersten Kind auf ein zweites verzichten.
http://www.sagw.ch/sagw/laufende-projekte/generationen/publis-generationen.html

Marianne macht Karriere
„Muttersein läuft nicht neben her“, erklärt auch Claudia Opitz, Professorin für Neuere Geschichte der Universität Basel in einem Interview zum Muttertag im SonntagsBlick-Magazin. Sie leitet mit einem Kollegen der Universität Bern ein Forschungsprojekt über Familienbeziehungen in der Moderne. Die Historikerin ist nebst ihrer akademischen Laufbahn selber Mutter von zwei erwachsenen Töchter. „Wir hatten ein sehr tolles Familienleben, weil sich mein Mann sehr auf die Vaterrolle eingelassen und mich für meine Berufskarriere entlastet hat“, erzählt Claudia Opitz. http://www.blick.ch/life/so-hat-die-rolle-der-mama-veraendert-muttersein-laeuft-nicht-nebenher-id6668453.html

Urbaner Familialismus
„Die Kompetenz im Handlungsfeld „Förderung der Familien“ liegt hauptsächlich bei den Kantonen und Gemeinden. Der Bund hat gestützt auf Artikel 116 Absatz 1 BV lediglich eine Unterstützungskompetenz.“ (siehe Familienbericht Seite 50). Die distanzierte Haltung im Schlussbericht des Bundes zur Situation der Schweizer Familie ist nicht ermutigend. Höpflinger beobachtet jedoch eine neue Entwicklung, die sich langsam ausbreitet. Er beschreibt die Entstehung eines „urbanen Familialismus“, gestärkt durch den Ausbau von Kinderbetreuung und flexiblen Arbeitsformen in einigen Schweizer Städten. Sein Fazit: Ein kleiner Babyboom in Städten bahnt sich an. Dadurch könnte sich auch die Geburtenziffer langsam verändern. Werden junge, fruchtbare Städterinnen die neuen Mariannes, die unseren Staat aus der Schieflage retten werden? Die urbanen Heldinnen werden kaum Modell stehen für ein Ölgemälde – allerdings würden sie als Protagonistinnen in YouTube-Videobeiträgen von einem Millionenpublikum gefeiert.
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