Donnerstag, 2. Februar 2017

Von babylonischer Sprachverwirrung

Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften
Inga Beale, Chefin des Versicherers Lloyd's verkündete am letzten WEF in Davos: „Wir müssen alle lernen zu coden. Coding ist das neue Lesen und Schreiben.“ Darum muss jetzt auch im Medienunternehmen Ringier die Konzernleitung wöchentlich die Schulbank drücken. Nur wer wisse, wie programmiert wird, habe Verständnis für die digitale Welt, sagte Ringier CEO Marc Walder:

Digitale Ureinwohner
Was CEO Walder kaum realisiert, dass Programmiersprachen wie natürliche Sprachen Dialekte entwickeln. Die „Hochsprachen“ werden jeweils von Konsortien genormt, ihre Varietäten entfalten sich in den Köpfen der „digital natives“.

Warum gibt es sprachkulturelle Unterschiede?
Jeder Laut, welcher der Kommunikation dient, ist im Grunde genommen eine Sprache und Dialekte sind örtliche Ausprägungen. In der unreflektierten Alltagsphilosophie gilt Schriftsprache als höher-, Dialekt als minderwertig. Der allzu früh verstorbene Soziologe Jean Widmer (1946 - 2007) fand im Dialekt ein Stück Heimat: „Sprache ist nicht nur individuelle Kompetenz und eine interaktionelle Ressource, sie kann auch eine symbolische Bindung einer Kollektivität sein..." (siehe Akademievortrag Heft XIII, Seite 3).
Geschlossene Gesellschaft
Wärme, Nähe und Emotionen – oder wissenschaftlich gesagt, die Sprache als sozialer Faktor, ist nicht etwa nur Stimulus, sondern eine soziale Erfahrung und darum nicht nur ein kollektives, sondern auch ein politisches Gut. Nach Jean Widmer gehört zu jedem Dialekt ein eigenes Stammesdenken: Einheimische reden unter sich den gleichen Dialekt – und sie können mittels ihrer Sprache leicht „Fremde“ ausgrenzen. Die Schriftsprache ist hingegen für alle verständlich, sie ist formal, sachlich, kalt und distanziert.

Grenzgänger
Viele Deutschschweizer pendeln zwischen Mundart und Schriftsprache. Damit ziehen sie ihre persönlichen Grenzen zwischen der öffentlichen und privaten Welt. Am Schriftdeutsch haften jedoch immer noch Vorbehalte aus Zeiten, als die „Obrigkeit“ mit Untertanen die Hochsprache pflegte – zur Versöhnung zwischen oben und unten kam es erst, als die Herrschaften Mundart lernten.

Eine Sprache für alle
Die Westschweizer wählten den umgekehrten Weg: Sie lernten die Sprache der Herrschaften und verdrängten dabei den Dialekt bzw. marginalisierten damit das einfache Volk. Die aktuelle Diskussion um Dialekte, wie auch über Mehrsprachigkeit erklärt, wie subtil sich die Grenze der Sprache auf die Grenze der Welt in den Köpfen der Menschen auswirkt. Die Sprache ist ein Machtinstrument mit einer oft unterschätzten, politischen Sprengkraft.

Sprachen-Arena der SAGW
Welche Bedeutung haben unsere Landessprachen in den gesellschaftlichen Bereichen – etwa im Alltag, in der Wirtschaft oder Politik? Wie wird heute Mehrsprachigkeit gelebt? Was ist mit Frühfranzösisch in Schweizer Schulen? Wird Englisch als lingua franca Französisch verdrängen? Diese brisanten Fragen werden Schweizer Wissenschaftler und Politiker am Dienstag den 28. März, 17 bis 20 Uhr in Bern diskutieren.


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