Donnerstag, 19. Januar 2017

Provinzialismus in der Wissenschaft


Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften
Drei Professoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz beschäftigen sich mit der lingua franca und haben darüber eine Studie geschrieben – in Deutsch versteht sich. Darin warnen sie, dass sich das plurale Gefüge von Wissenschaftssprachen in Europa allmählich in der Herrschaft des Englischen auflöse. „Damit macht sich ein neuer Provinzialismus breit: Ich lese nur das, was in meiner (der englischen) Sprache geschrieben ist“, analysieren Peter Fröhlicher, Jürgen Mitellstrass und Jürgen Trabant die aktuelle Situation (siehe Seite 9).


Monolinguale Kommunikation
In ihrem Plädoyer für die Mehrsprachigkeit in der Wissenschaft, so lautet auch der Titel der Streitschrift, bringen sie die Sprachenproblematik auf den Punkt: „Die Entscheidung für das Englisch als weltweite Wissenschaftssprache führt damit zu einer globalen monolingualen Kommunikationsgemeinschaft, die in der Wissenschaft immer exklusiver Zugang zu Positionen, Ansehen, Einkommen und anderen Reputations- und Belohnungsformen bestimmt“, (siehe Seite 10).

Sprachhegemonie in Englisch
Der Anglifizierungsprozess in der internationalen Wissenschaftskommunikation habe kulturimperialistische Züge angenommen, schreiben Fröhlicher et al. Und der Anteil der Zeitschriften und der Datenbanken, die nur in Englisch publizieren, nimmt von Tag zu Tag zu: „Es ist üblich geworden, vom Englischen als lingua franca der Wissenschaft zu sprechen“, (siehe Seite 33). 

Ohne Sprache kein Wissen! 
Alles Wissen ist sprachlich verfasst und in den einzelnen Fachrichtungen existieren formale, wie auch nichtformale Sprachen. Sie zusammen bilden das plurale Gefüge von Wissenschaftssprachen. Die Krux ist, dass jede Sprache von unterschiedlichen epistemischen, kognitiven, historischen und kulturellen Aspekten geprägt ist und daher der Wortschatz, wie auch dessen Bedeutung einzigartig ist. Was geschieht mit dem wissenschaftlichen Fortschritt, wenn Forscher nur noch in einer Sprache sprechen, fragen sich die drei Professoren in ihrem Plädoyer für eine Mehrsprachigkeit. 

Mehr Aufklärung
Die Förderung der Mehrsprachigkeit liegt keineswegs im Trend der Globalisierung. Darum braucht es in der Wissenschaft, aber auch in der Politik, ein kulturelles Bewusstsein für die Originalität der einzelnen Sprachen. Folglich ist es auch entscheidend, dass sich in einem Aufklärungsprozess Schulen, Universitäten, Schriftsteller und nicht zuletzt auch die Medien für eine Mehrsprachigkeit engagieren, fordern Fröhlicher et al.

Volkssprache bringt Neues
Gemäss dem Autorentrio ist es belegbar, dass wissenschaftliche Schübe durch Mehrsprachigkeit besonders beim Übergang von Ein- zu Mehrsprachigkeit ausgelöst werden. Als historisches Musterbeispiel nennen sie Galileo Galilei. Der Italiener hat damals seine Erkenntnisse nicht wie üblich in Lateinisch, sondern in Italienisch geschrieben. Damit hat er eine neuzeitliche Physik eingeleitet, die in diversen Werkstätten im Land praktisch angewendet wurde. „Das Neue in der Wissenschaft kommt meist auf ungewohnten Wegen, theoretischen, empirischen und eben auch sprachlichen Wegen“, berichten Fröhlicher et al. (Seite 40).

Info SAGW: "Mehrsprachigkeit in Wissensproduktion und Wissenstransfer" 

Info SAGW: Sprachen und Kulturen

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