Donnerstag, 26. Mai 2016

Wohnen hat viel mit Wohlbefinden zu tun

Die SAGW-Veranstaltungsreihe widmet sich 2016/17 dem Thema «Wohlfahrt und Wohlbefinden». Die Nationale Informationsstelle zum Kulturerbe NIKE hat dazu die Veranstaltung «Geborgen im Raum? Neuer Wohnraum im Spannungsfeld von Verdichtung und Bestand» am Abend des 2. Mai im Berner GenerationenHaus organisiert. Rund 80 Gäste sind der Einladung zu Referaten und Podiumsdiskussion gefolgt. Sie hörten zwei spannende Referate und erlebten eine lebhafte Diskussion, souverän moderiert von der SRF-Kulturredaktorin Karin Salm.


Von Dichtestress zu Dichtequalität
Die Soziologin Margrit Hugentobler vom ETH Wohnforum − ETH Case eröffnete die Runde mit einem Inputreferat zu den baulichen, sozial-interaktiven und funktionalen Dichtequalitäten. Sie ging auf die unterschiedlichen Definitionen von Dichte ein. Die Vorstellungen darüber hängen ab von persönlichen Präferenzen, individuellen Lebenserfahrungen, Wohnsituationen und Lebensstilen, aber auch davon, ob jemand in städtischem oder ländlichem Umfeld aufgewachsen ist. Der Dichtestress wird z. B. am grössten in Appenzell empfunden. Meist wird unter Dichte nur die bauliche Dichte verstanden. Dabei geht es um den Ausnutzungsgrad eines Grundstücks: In Paris leben 21 000 Personen pro km2, in Wien 4400, in Zürich 4200, in Bern 2400. Genauso wichtig sind auch gesellschaftlich-raumplanerische Aspekte wie Zersiedelung, Flächenkonsum, Mobilitäts- und Infrastrukturkosten und Aspekte der sozialen und funktionalen Dichte. Unter sozialer Dichte bzw. Interaktionsdichte werden die Intensität und Wechselwirkungen zwischen Bewohnern bzw. Beschäftigten in einem bestimmten Raum verstanden. Unter funktionaler Dichte versteht man die unterschiedlichen Nutzungen wie Wohnen, Gewerbe, Bildungs- und Versorgungseinrichtungen in einem Raum. Der Bezug von baulicher, sozialer und funktionaler Dichte macht Urbanität aus. Im Gegensatz zu der Landflucht der 1970er- und 1980er-Jahre gewinnt heute das urbane Leben zunehmend an Attraktivität. Der Trend geht «zurück in die Stadt». Ihre Ausführungen belegte sie mit zwei Beispielen aus Zürich: dem Neubau Kalkbreite und der Sanierung der denkmalgeschützten ABZ-Siedlung Sihlfeld. Beide zeigen eindrucksvoll, was eine qualitätssteigernde städtische Verdichtung sein kann. Ihr Fazit: Um bauliche, soziale und funktionale Dichtequalitäten zu erreichen, müssen Stadt-/Siedlungsentwicklung und Sozialplanung als Einheit gesehen, bauliche und gestalterische Qualitäten im Kontext eines Quartiers verstanden, öffentliche Räume sorgfältig gestaltet und gemeinschaftliche Infrastrukturen effizient genutzt werden.

Sanierung von Siedlungen: Ersatzneubau als einzige Lösung?
Daniel Kurz, Historiker und Chefredaktor von werk, bauen + wohnen, warf in seinem Referat einen Blick zurück auf die Wohnsiedlungen des 20. Jahrhunderts und fragte nach deren Tauglichkeit für die Zukunft. Der Bedarf an neuem Wohnraum ist in den letzten 15 Jahren gewachsen. Die Stadtbevölkerung in Zürich nahm um 50 000, diejenige in Bern um 14 000 zu. In den 1920er-Jahren ging es darum, die sehr grosse Dichte in den Städten, mit der Raum- und soziale Not einhergingen, zu reduzieren. Als Lösung wurde die Gartenstadt propagiert, die von Baugenossenschaften und öffentlichen Stellen gefördert wurde. Mit ihr kamen Licht, Luft und Hygiene in die Wohnungen, und die Genossenschaftsmitglieder, die nun Mitbesitzer ihrer Siedlungen waren, erlebten einen sozialen Aufstieg. So entstanden die Eisenbahnersiedlungen Weissenstein in Bern oder Geissenstein in Luzern, das Zürcher Sihlfeld- und das Lettenquartier und die Gartenstädte Entlisberg und Friesenberg in Zürich. Die Strassen wurden breiter, es gab öffentliche Grünflächen, aber auf Kosten der Wohnfläche. Wichtiger als Freiräume waren Gleichheit, Ordnung und günstige Wohnungen, oft 3-Zimmer-Wohnungen für eine Familie. Diese in die Jahre gekommenen Siedlungen müssen nun erneuert werden. Welche Strategien kommen zur Anwendung? Sanfte Sanierungen ohne Komfortsteigerung, teure Standardverbesserungen bezüglich Energie, Komfort, Fläche oder Ersatzneubauten? Aus Kosten- und Verdichtungsgründen sowie wegen höheren Ansprüchen der Bewohner wird oft der Ersatzneubau gewählt, vor allem in Zürich, wo zurzeit eine richtiggehende Ersatzneubauwelle im Gange ist. Der Ersatzneubau hat Einfluss auf die Stadtstruktur, die Gartenstadt ist nicht mehr die einzige Leitidee. Nicht vernachlässigt werden darf dabei, wie Daniel Kurz ausführte, die funktionale Dichte. Aber auch Instandsetzungen sieht er als mögliche Strategie, vor allem für denkmalgeschützte Objekte, und als Möglichkeit, günstigen Wohnraum für Junge, WGs und Alleinerziehende zu erhalten.

Podium: Sanft renovieren oder ersetzen?
Das Podium eröffnete Karin Salm mit der Frage ans Publikum: Wofür würden Sie einstehen: eher sanft renovieren oder ersetzen? Nur wenige waren für den Ersatzneubau, aber die Meinungen waren noch nicht gemacht. Für Jean-Daniel Gross, Denkmalpfleger von Bern, ist die Frage der Verdichtung komplex, es gilt Eigentumsrechte, denkmalgeschützte Bauten und Regeln des Landschaftsschutzes zu beachten. «Verdichtet», sagte er, «wird heute oft da, wo es möglich ist, bei Baugenossenschaften, und nicht da, wo es wünschbar wäre, z. B. im periurbanen Raum der Einfamilienhäuser.» Auch werde auf das durchmischte Wohnen, die funktionale Dichte, zu wenig Gewicht gelegt. Die Architektur hat seiner Meinung nach darauf keine Antwort. Michael Hauser, Stadtbaumeister von Winterthur, meint, dass die Bestände aus den 1920er/1930er-Jahren eher erhalten werden. Den Ersatzneubau sieht er bei den Bauten aus den 1940er/1950er-Jahren, da diese eine schlechtere Energiebilanz und unvorteilhaftere Grundrisse aufwiesen. Er plädierte in jedem Fall für ein kooperatives Vorgehen aller Beteiligten. «Es braucht Lockerungsübungen, diese benötigen Zeit, letztlich lohnen sie sich aber für ein gelungenes und breit akzeptiertes Resultat.» Er glaubt auch, dass kleinteilige Nutzungen im Erdgeschoss möglich sind. Margrit Hugentobler betonte, dass schon beim Bauen die sozialen Problematiken berücksichtigt werden sollten. Auch für sie sind Erdgeschoss-Nutzungen für die funktionale Dichte notwendig. Reto Bieli von der Kantonalen Denkmalpflege Basel-Stadt wies auf die zweijährige Studie Mikroinvasive Massnahmen zum verdichteten Umbau von Wohnbauten und –siedlungen hin, die zeigte, dass der Einbezug der Bewohner nur schon für kleinste Eingriffe sehr wichtig ist und sich, obwohl aufwendig, lohnt. Für Maria Lezzi, Direktorin des Bundesamts für Raumentwicklung ARE, ist ein situatives Reagieren entscheidend: «Dort etwas ins Rollen bringen, wo sich schon etwas bewegt, wo ein Treiber ist.» Auch hält sie ein transparentes Vorgehen der Behörden und institutionalisierte Qualitätsverfahren für unabdingbar. Eine Vertreterin aus der Gemeinde Schlieren, die 40 Prozent Neuzuzüger hat, berichtete, dass sie quartierweise Partizipationsanlässe durchgeführt hätten, z. B. für einen Stadtplatz, und dass dieser offene Prozess auf breite Zustimmung der Bevölkerung gestossen sei. Allerdings brauche es Mut, offene Kommunikation und verlässliche Durchführung der beschlossenen Massnahmen. Margrit Hugentobler wies darauf hin, dass Prozesse auf dem Land oft von Personen angestossen werden müssten und dass es Vorstellungsbilder brauche. Aus dem Publikum wurde auch darauf hingewiesen, dass Nachverdichtungen in Einfamilienhausquartieren nicht zu Zufallsstädtebau führen dürften. Die engagierte Diskussion hätte noch weitergeführt werden können, hätte nicht die fortgeschrittene Zeit und der Apéritif gerufen. Cordula Kessler, Geschäftsführerin von NIKE, dankte allen für die engagierten und erhellenden Voten, hielt fest, dass viele Fragen notgedrungen offenblieben, dass die Diskussion gezeigt habe, dass Fragen der Verdichtung am besten aus dem Kontext und unter Einbezug aller Beteiligten entschieden würden und die kulturelle Vielfalt auf jeden Fall erhalten bleiben müsse.

NIKE, 19.5.2016





Keine Kommentare: