Freitag, 9. Oktober 2015

Die Alpen – Grenze, Durchgangsort und Lebensraum

Manuela Cimeli, SAGW, Thomas Scheurer, ICAS

«Die politische Landschaft der Berggebiete und deren Akteure sind im Wandel.» Dieses Fazit zogen wir im Anschluss an das ICAS-Kolloquium 2014 (siehe SAGW-Bulletin 2/2015), anlässlich dessen die Strategien zur Entwicklung des ländlichen Raums und der Berggebiete auf kantonaler, eidgenössischer und europäischer Ebene vorgestellt wurden. Das kürzlich im Reclam-Verlag erschienen, schön gestaltete Buch Die Alpen, Raum–Kultur–Geschichte des Historikers Jon Mathieu präsentiert eine Überblicksdarstellung zur Geschichte der Alpen von Hannibal bis in die Gegenwart. Der Autor macht deutlich, wie die Alpen, die seit dem Mittelalter als trennender Grenzwall zwischen Süd und Nord angesehen wurden, sich im 19. und vor allem im 20. Jh. zum Durchgangsraum wandelten und seit den 1970er Jahren gar als eigenständiger Lebensraum betrachtet werden. Diesem Wandel in der Perzeption der Menschen lagen wissenschaftliche, kulturelle und technische Entwicklungen der Frühen Neuzeit zugrunde. Der Bau von befestigten Passstrassen, das Aufkommen der Eisenbahn und der damit verbundenen Notwendigkeit des Tunnel- und Brückenbaus ermöglichten eine erhöhte Mobilität. Für die Deckung des erhöhten Energiebedarfs wurden die alpinen Gewässer als neue Energielieferanten herangezogen.
Ein wichtiges Element der Vermarktung der Bergregionen stellte das Aufkommen von Film und Fotografie dar. Das neue Phänomen des (Berg-)Tourismus fand immer mehr begeisterte Anhänger, und die Hotellerie erlebte einen gewaltigen Aufschwung. Vom ökonomischen Aufschwung, der in Europa nach dem 2. Weltkrieg folgte, profitierte auch die Landwirtschaft, welche staatliche Förderung erhielt: Aufgrund dieser Förderung wurde auch ein grosser Teil der Alpen weiterhin landwirtschaftlich genutzt – wo dies nicht der Fall war, kehrte der Wald zurück und mit ihm die Wild- und später die Raubtiere.
Das geschichtswissenschaftliche Werk von Jon Mathieu portraitiert den Alpenraum als vielfältigen kulturellen Lebensraum, der in der historischen Vergangenheit Europas wiederholt eine wichtige Rolle gespielt hat. Des Wissens um diese historische Erfahrung, so der Autor, soll man sich bedienen, um den offenen Fragen zur Zukunft der Alpen zu begegnen.


Interview mit Jon Mathieu

Manuela Cimeli: Sie zeigen in Ihrer Publikation die drei historischen Phasen der Alpenperzeption auf: Grenzwall, Durchgangsraum und schliesslich Lebensraum. Wir befinden uns immer noch in der dritten Phase. Der Alpenraum ist heute allen zugänglich und wird (auch) für Freizeitzwecke intensiv genutzt. Wo liegen die Grenzen einer solchen Nutzung aus Sicht eines Historikers?

Jon Mathieu: Historiker sind zurückhaltend beim Postulieren von absoluten Grenzen. Was wir beobachten, ist eine Verlagerung der Nutzung. Einige Flächen, vor allem in den breiten Flusstälern, werden heute sehr viel intensiver genutzt als früher, abgelegene, unwegsame Flächen dagegen wesentlich extensiver. Daher kehrt der bis ins 19. Jahrhundert stark zurückgedrängte Wald in den Alpen auf breiter Front zurück. Dies bildet den Hintergrund für die aktuelle Wildnis-Debatte.

MC:  Sie stellen fest, dass die Alpen von aussen eher als Naturraum und von innen eher als Kultur- und Lebensraum erscheinen. Diese Diskrepanz dürfte sich auch in der momentanen Diskussion um die Rückkehr von Wolf und Bär widerspiegeln. Wie schaffen es beide Seiten, gemeinsame Lösungen zu finden?

JM: Man wird nicht darum kommen, nach gemeinsamen Lösungen zu suchen, denn die neue Akzeptanz wilder Tiere durch die Bevölkerung der Städte und Agglomerationen ist ein weltweiter Trend. Der Wolf ist heute eine ökologische Ikone von grosser symbolischer Ausstrahlung. Es gibt verschiedene Wege zur Entschärfung des Konflikts. Beeindruckend finde ich das Engagement der Vereinigung für ökologische und sichere Alpbewirtschaftung. Die ökologisch interessierten Mitglieder dieser Gruppe gehen den Hirten unentgeltlich zur Hand. Anfänglich waren sie in der Wolfsbewegung aktiv.

MC: Sie schliessen Ihr Buch mit dem Satz «Trotz aller historischen Narben stehen da weiterhin mehr als achtzig Viertausender, die uns von ferne zulächeln.»: Ein Satz voller Achtung, Wehmut, aber auch Hoffnung – ein schöner Satz. Was bedeuten die Alpen Ihnen persönlich?

JM: Jean-François Bergier, der sich sehr für die historische Alpenforschung interessierte und einsetzte, gab seiner Abschiedvorlesung an der ETH Zürich 1999 den Titel: L’éternel sourire de l’histoire – Das ewige Lächeln der Geschichte. Mich hat diese ebenso rätselhafte wie optimistische Formulierung immer berührt. Vielleicht kommt der letzte Satz des Buches auch irgendwie von dort her. Meine persönliche Beziehung zu den Alpen? Ich fühle mich von ihnen angezogen und finde sie spannend. Nach dem Verfassen des Buchs noch mehr als vorher.


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