Montag, 1. Juni 2015

Sechs Bemerkungen zum Fremdsprachenunterricht in der Schweiz

Beitrag von Dr. Daniel Elmiger, Universität Genf

Über den Fremdsprachenunterricht in der Schweiz lässt sich trefflich streiten. Beinahe alle haben eigene Erfahrungen mit dem schulischen Sprachenlernen gemacht und viele haben auch eine Meinung zu Fragen wie: Ab wann sollen welche Sprachen gelernt werden? In welcher Reihenfolge? Mit welchen Methoden?
Auch ich stütze mich bei der Diskussion um den Sprachenunterricht auf die Erfahrungen ab, die ich in diesem Bereich gemacht habe, sei es als sogenanntes «Frühfranzösischkind» in den Achtzigerjahren, als gelegentlicher Deutsch- und Französischlehrer ab den Neunzigerjahren, als Forscher und Dozent im Bereich Sprachenunterricht seit Beginn des neuen Jahrhunderts – aber auch als Onkel von Jugendlichen, die mit Französisch nicht besonders viel anfangen können.
In den folgenden sechs Punkten sollen einige Thesen kurz zusammengefasst werden, in denen es um Herausforderungen beim Sprachenunterricht geht. Jede einzelne sollte eigentlich eingehend und detailliert besprochen werden; dass dies im Rahmen eines Blogeintrags nicht möglich ist, liegt auf der Hand.
Über die Qualität des Fremdsprachenunterrichts allgemein und die Zufriedenheit der Lehrerinnen, Schüler und Eltern damit schreibe ich nichts, obwohl es hier gewiss viel Erfreuliches und Interessantes zu berichten gäbe.

1. Schlechtes Bild der Landessprachen
Ich bin immer wieder überrascht zu sehen, wie schlecht in der Schweiz die jeweils anderen Sprachregionen bekannt sind und wie über die anderen Landesteile gesprochen wird: Oft kommt es mir vor, wie wenn es um sehr weit entfernte Länder ginge, zu denen man keinen wirklichen Bezug hat und die von der eigenen Lebenswirklichkeit sehr weit entfernt sind. Natürlich denke ich dabei vor allem an jüngere und tendenziell einsprachige Menschen, doch auch bei anderen kann man leicht den Eindruck bekommen, als ob die Schweizer Mehrsprachigkeit in erster Linie etwas Lästiges – und im besten Fall etwas Exotisches – hat, das einen kaum betrifft. Warum sollte man dafür jahrelang in der Schule Fremdsprachen lernen? Das scheint vielen Lernenden völlig unklar zu sein, denn vermeintlich kommt man mit der eigenen Sprache (sowie Englisch) ebenso gut – wenn nicht besser – durchs Leben als mit einer zusätzlichen Landessprache.
Erst als Erwachsene merken viele, dass zusätzliche Sprachen (besonders auch die Landessprachen) ihre Vorteile haben können. Doch dann ist in der Regel schon sehr viel Unterrichtszeit mit nur mässigen Resultaten verbraucht worden. 

2. Mangelnder Kontakt mit anderen Sprachregionen
Frühere Formen des Austausches innerhalb der Schweiz – man denke an das «Welschlandjahr» oder Au-pair-Aufenthalte – gibt es zwar weiterhin noch, doch sind sie wohl heute viel seltener als auch schon; ich sehe derzeit keinen Trend, der in die andere Richtung zeigt, und das finde ich bedauerlich.
Wie steht es mit dem schulischen Austausch? Gemäss Statistik der ch-Stiftung, die sich für den Austausch zwischen den Sprachregionen einsetzt, haben im Schuljahr 2013/201 gerade mal 1.5% der Schülerinnen und Schüler der Volksschule und der Sekundarstufe II an einem landesinternen Austausch teilgenommen. Abgesehen davon, dass hier wohl nicht alle Austauschaktivitäten berücksichtigt worden sind, scheint mir diese Zahl skandalös tief: Meines Erachtens sollte sie mindestens zehn Mal höher sein, damit jede Schülerin und jeder Schüler während der obligatorischen Schulzeit mindestens einmal einen Austausch innerhalb der Schweiz erlebt. 
Warum gibt es derzeit nicht mehr Austausch zwischen Schülerinnen und Schülern – aber auch zwischen Lehrlingen oder AbsolventInnen von Fachschulen? Vielleicht könnte ein geschicktes Anreizsystem dazu führen, dass die Zahl von Austauschprogrammen und -ausbildungen merklich erhöht wird, denn ein längerer Aufenthalt trägt wesentlich dazu bei, das Verständnis für eine neue Sprache und die Gebiete, wo sie gesprochen wird, zu verbessern.

3. Sprachfertigkeiten der Lehrpersonen
Beim Fremdsprachenunterricht herrscht Einigkeit darüber, dass gute Sprachfertigkeiten in der Zielsprache eine wichtige Voraussetzung dafür sind, um sie zu unterrichten. Nicht nur, um die Sprache zu verstehen und erklären zu können, sondern auch, um sie in verschiedenen Kontexten abwechslungsreich zu gebrauchen. Dafür ist es nicht nötig, sie als Erstsprache zu sprechen: Muttersprachlerinnen und Muttersprachler sind nicht zwingend die besseren Vorbilder. Doch eine gewisse Ungezwungenheit beim Sprechen ist schon wichtig. Nur scheint die längst nicht überall vorhanden zu sein: In verschiedenen Kantonen wurde mir immer wieder – teils offen, teils hinter vorgehaltener Hand – von Lehrpersonen berichtet, die sich mit der zu unterrichtenden Sprache schwer tun und sie kaum frei gebrauchen, weil sie sich dabei nicht wohl fühlen.
Ich möchte solche Lehrpersonen nicht an den Pranger stellen, doch es scheint sich um ein Problem zu handeln, das nicht nur Einzelfälle betrifft. Es ist auch nicht leicht, es anzusprechen, ohne gleich Schuldzuweisungen oder Abwehrreaktionen hervorzurufen. Doch es sollte allen Beteiligten klar sein, dass im Sprachenunterricht von Lehrpersonen, die sich in der Zielsprache nicht wohlfühlen, viel Energie verpuffen und einiger Goodwill für die neue Sprache verloren gehen kann.

4. Unbekannte Resultate des Sprachenlernens
Viel wird über die Ziele des Sprachenunterrichts gesagt, und viel wird auch über die Resultate des Sprachenunterrichts spekuliert. Auch die meisten aktuellen Lehrpläne enthalten Zielvorgaben für die Fertigkeiten, die im schulischen Sprachenunterricht erreicht werden sollen. Werden diese auch tatsächlich erreicht? Die ehrliche Antwort ist: Man weiss es nicht. Zwar gibt es hier und da durchaus interessante Einzelergebnisse, doch die Resultate des früheren wie auch des aktuellen Sprachenunterrichts sind im Grossen und Ganzen unbekannt.
Das hat verschiedene Gründe: Zum einen ist es schwierig, Sprachkompetenzen zu messen, da sie sehr unterschiedlich ausgeprägt sein können und da besonders die Beurteilung von mündlichen Fertigkeiten – in den meisten Fällen eines der Hauptziele des Fremdsprachenunterrichts – sehr aufwändig und teuer ist. Es stellt sich auch bei jeder Evaluierung die Frage, wie abhängig bzw. unabhängig eine Leistungsmessung vom Sprachunterricht sein soll: Idealerweise sollte man nicht nur den Grammatik und Wortschatz eines Lehrmittels testen, sondern überprüfen, wie gut die Sprache in tatsächlichen Situationen eingesetzt werden kann. Gut gemachte, in verschiedenen Kontexten einsetzbare Tests stehen derzeit noch aus und auch bisherige, brauchbare Testformate werden nicht grossflächig eingesetzt, um den Sprachenunterricht zu messen. Warum eigentlich nicht?
Mittlerweile ist der neue Sprachunterricht in den meisten Kantonen weitgehend umgesetzt; die letzten Generationen von SchülerInnen besuchen den bisherigen Fremdsprachenunterricht – eigentlich der ideale Zeitpunkt, um die bisher erreichten Lernziele de-tailliert zu testen und sie mit denjenigen des neuen Unterrichts zu vergleichen. Soweit ich es absehen kann, wurde diese Gelegenheit in den meisten Fällen verpasst, sodass niemand mit Sicherheit sagen kann, ob der neue Unterricht nun erfolgreicher ist als der alte – oder umgekehrt.

5. Uneinheitliche Ziele des Sprachenunterrichts
Auf den ersten Blick scheint die Sache klar: Sprachen lernt man, um sie zu sprechen, nicht? Der zweite Blick zeigt jedoch schon, dass das zu einfach ist: Sprachen kann man sprechen, lesen, schreiben, verstehen; mit ihnen kann man Geschäfte machen, Freundschaften schliessen oder auch Texte lesen, interpretieren und übersetzen. Diese Beispiele zeigen leicht auf, das Sprache in so vielen Kontexten eingesetzt wird, dass die Schule sie unmöglich alle berücksichtigen kann: Der schulische Fremdsprachenunterricht kann somit gezwungenermassen nur als eine allgemeine Einführung dienen.
In der Volksschule liegt der Fokus heutzutage eher auf kommunikativen oder handlungsorientieren Unterrichtsformen: Doch wie gut bereiten sie wirklich auf die Kommunikation vor? Weiterführende Schulen setzen andere Schwerpunkte: So legen etwa viele Gymnasien einen Schwerpunkt auf die Vermittlung von literarischen Kenntnissen und scheinen der Kommunikationsfähigkeit weniger Gewicht beizumessen.
Darüber hinaus sollte der Fremdsprachenunterricht noch: die Schülerinnen und Schüler zu mehrsprachigen Individuen erziehen, auf die Bedürfnisse der Wirtschaft zugeschnitten sein und den Zusammenhalt des Landes sichern. Das alles ist natürlich viel zu viel. Doch darüber, was die Schule mit ihren begrenzten Ressourcen tatsächlich leisten kann, besteht bei weitem keine Einigkeit und das ist der ganzen Diskussion um den Fremdsprachenunterricht in der Schweiz abträglich.

6. Hoffnungsträger zweisprachiger Unterricht
Immer wieder werden sehr hohe Erwartungen in den zweisprachigen Unterricht gesteckt, bei dem verschiedene Sachfächer nicht in der Schulsprache, sondern in einer Zielsprache unterrichtet werden. Dieses Unterrichtsmodell ist mittlerweile auf der Sekundarstufe II (vor allem als «zweisprachige Matura») und in der Berufsbildung sehr populär – und auch erfolgreich –, obwohl es die Landessprachen gegenüber dem Englischen schwer haben, genügend Publikum anzuziehen. (Wobei anzumerken ist, dass das Englische in manchen Fällen von den Schulbehörden einseitig favorisiert worden ist.) Wenn dieses Schulmodell demnach erfolgsversprechend ist: Warum sollte es nicht auf die Volksschule ausgedehnt werden?
Der Teufel liegt in diesem Fall bei der Ausgestaltung des Programms und bei vielen Einzeldetails, was in der Vergangenheit dazu geführt hat, dass etliche Versuche mit bilingualem Unterricht nach einer gewissen Zeit wieder eingestellt oder aber drastisch reduziert werden mussten – wobei jeweils viel Enthusiasmus verloren gegangen ist.
Bilingualer Unterricht scheint dann am erfolgreichsten zu sein, wenn er freiwillig gewählt werden kann, wenn nicht nur genügend Lehrpersonal mit Kompetenzen in der Zielsprache vorhanden ist, sondern auch geeignete Lehrmittel dafür zur Verfügung stehen und wenn die Abnehmerschulen ebenfalls zweisprachige Formate zur Verfügung stellen. Dies ist bei Berufsschulen und Gymnasien kein wirkliches Problem, denn die SchülerInnen sind nach Abschluss ihrer Ausbildung weitgehend selbstverantwortlich für ihr weiteres Sprachenlernen. Wie kann man aber sicherstellen, dass ein zweisprachiges Modell auf der Primarstufe oder auf der Sekundarstufe I auch an den Folgeschulen weitergeführt wird? Das scheint bislang in den meisten Fällen ein fast unüberbrückbares Hindernis darzustellen.
Aus diesen Gründen ist der zweisprachige Unterricht sicher ein Königsweg für den Sprachenunterricht, doch es braucht noch viel mühsame Feinarbeit zu leisten, bis er sich weiträumig durchsetzen kann.

Daniel Elmiger ist Dozent an der Universität Genf und war als Mitarbeiter des Neuenburger IRDP für die Evaluierung des neuen Fremdsprachenunterrichts auf der Primarschulebene in zehn deutsch- und/oder französischsprachigen Kantonen tätig.

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