Donnerstag, 26. März 2015

Zu viele Studierende in den Geistes- und Sozialwissenschaften?

Beitrag von Dr. Markus Zürcher, Generalsekretär der SAGW

Mit der Forderung eines Numerus clausus für Studiengänge wurde die Debatte über den Nutzen der Geistes- und Sozialwissenschaften erneut entfacht. «Viel zu viele Psychologen, Ethnologen, Soziologen, Historiker und Kulturwissenschaftler würden ausgebildet», findet Adrian Amstutz von der SVP. Er will die Zahl der Studierenden in diesen Fächern halbieren um somit Kosten senken. Auch sei es den Studierenden gegenüber unfair, wenn sie nach Abschluss auf dem Arbeitsmarkt nicht gebraucht werden. Postwendend haben führende Stimmen diesen Vorstoss gegen liberale und bewährte Prinzipien scharf kritisiert.

Planwirtschaftlich von Politikern und Experten definierte Eingriffe verstossen nicht nur gegen die freie Studienwahl, sondern führen auch zu Ungleichgewichtung im Arbeitsmarkt (siehe Numerus clausus für die Medizin).

Ebenso peinlich wie bedenklich ist der Vorstoss, weil dieser der in den Fakten in keiner Weise gestützt ist. Wie Studien zur Beschäftigungslage von Absolventen zeigen, liegt die Arbeitslosenrate ein Jahr nach Abschluss bei Geistes- und Sozialwissenschaftlern je nach Wirtschaftslage bei ca. 8.5 Prozent. Bei den Naturwissenschafter sind es 4,7 Prozent und diese Prozentzahl ist auch fünf Jahre später noch aktuell. Nicht so bei den Geistes- und Sozialwissenschaftlern, da sind es nur  noch 2,8 Prozent. Die meisten Führungskräfte rekrutieren sich aus geistes- und sozialwissenschaftlichen Studienrichtungen. Psychologen, Ethnologen, Soziologen, Historiker und Kulturwissenschaftler sind durch ihre Ausbildung flexibel und breit einsetzbar. Die sogenannte höhere Sucharbeitslosigkeit im ersten Jahr nach dem Abschluss ist objektiv betrachtet sinnvoll. Diese sorgt dafür, dass Abgänger sorgfältig die für sie geeignete Stelle finden und damit wie aufgezeigt über eine langfristige gute Perspektive verfügen.

Obwohl der Vorstoss unter keinem Titel begründet ist wird deutlich, dass alle Geistes- und Sozialwissenschaften ihre ökonomische Relevanz wie den durch sie erzeugtem wirtschaftlichen Mehrwert ausweisen müssen. Hier besteht eine Bringschuld, welche die Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften im Rahmen Ihres Projekts «Für eine Erneuerung der Geisteswissenschaften» (www.sagw.ch/geisteswissenschaften) nachkommen will. Für den Moment verweisen wir auf die nachstehenden vier Bereiche:

  • Die Schweiz ist weltweit erfolgreich, was nicht zuletzt breiten Fremdsprachenkenntnissen und damit einem hohen Wissen über fremde Kulturen geschuldet ist.
  • Der Markterfolg eines Produkts hängt in hohem Masse vom Marketing ab, dessen Grundlagen ebenfalls die Geisteswissenschaften bereit stellen.
  • In einer fortgeschrittenen Volkswirtschaft sind ein substantieller Teil der Beschäftigten in unterschiedlichen Formen mit Menschen befasst. Auch hier sind primär geisteswissenschaftliche Kompetenzen notwendig und gefragt.
  • Die sich gegenwärtig stellenden ökonomischen Herausforderungen wie Fachkräftemangel, längere Lebenserwartung, Integration von Frauen und älteren Arbeitnehmenden in den Erwerbsprozess erfordert primär gesellschaftliche Reformen.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Meiner Erfahrung nach sind aktuell neue Tendenzen im Arbeitsmarkt für AbsolventInnen der Geisteswissenschaften bzw. AbsolventInnen der Universitäten generell spürbar. Im Gegensatz zu AbsolventInnen der Fachhochschulen, die nach dem Bachelor aktiv von Arbeitgebern rekrutiert werden, sind AbsolventInnen von Universitätsstudiengängen erstens später auf dem Arbeitsmarkt und haben darum bereits eine lange finanzielle Durststrecke hinter sich und zweitens müssen sie sich daraufhin noch Jahre lang mit Praktika abspeisen lassen, in denen sie wiederum nur rund 2000.- pro Monat verdienen. Die FachhochschulabgängerInnen verdienen bereits im ersten Jahr nach Bachelorabschluss um die 7000.- und steigen rasch auf. UniabgängerInnen verdienen lange Zeit wenig bis gar nichts und später im Durchschnitt nicht mehr als FHlerInnen. Da muss sich die Universität aber dringend etwas einfallen lassen, denn wirtschaftlich geht es nicht auf. UniabsolventInnen können während des Studiums und Jahre nach Abschluss nur dank der Unterstützung ihrer Eltern überleben. In Arbeitslosenstatistiken erscheinen sie nicht, aber das heisst nicht, dass sie angemessene Jobs oder eine angemessene Entlöhnung, d.h. eine Entlöhnung, die auch die vorangehenden lohnlosen Jahre kompensieren würde, erhalten.

Anonym hat gesagt…

Hier wird von einer bestimmten politischen Kraft das Anliegen betrieben, die Produktionsbedingungen für kritisches Wissen an den Hochschulen einzuschränken.
Jegliche AbsolventInnenstudien in der CH und in D sprechen gegen das Stereotyp des 'arbeitslosen, taxifahrenden Soziologiestudierenden'. Insofern muss man sich fragen, was die genauen Absichten der SVP sind.