Freitag, 24. Januar 2014

Die Forschungssteuerung muss überdacht werden

Editorial von Markus Zürcher, Bulletin 1/14

Inspiriert durch die Arbeiten des Deutschen Wissenschaftsrates und das CRUS-Projekt «Performances de la recherche en sciences humaines et sociales» flankierend, setzt sich die SAGW seit geraumer Zeit gemeinsam mit ihren Mitgliedgesellschaften für ihren Fachbereichen angemessene Verfahren der Leistungsbeurteilung ein (www.sagw.ch/quali). Immer deutlicher wird, dass die seit rund 20 Jahren dominierende Leistungsindikatorik und die damit verbundenen Steuerungsmechanismen auch in anderen Wissenschaftsbereichen in Frage gestellt werden und deutlich an Akzeptanz verlieren. Ende letzten Jahres hat der Schweizerische Wissenschafts- und Innovationsrat (SWIR) bemerkenswerte Empfehlungen zur Leistungsmessung und zu der damit eng verzahnten Nachwuchsförderung vorgelegt: Letztere soll durch eine höhere Verlässlichkeit und damit Attraktivität der universitären Laufbahn verbessert werden, indem vermehrt langfristig angelegte Stellen unterhalb der Professur bereitgestellt werden. Die Etablierung von Dauerstellen unterläuft das akademischen Karrieren eingeschriebene Prinzip des «up or out» und löst entsprechend Einspruch aus. Nicht wegzudiskutieren ist jedoch, dass das Angebot an unbefristeten Stellen an Schweizer Universitäten im internationalen Vergleich gering ist und die Zunahme projektorientierter Finanzierung die Unsicherheit erhöht hat. Allzu oft gehen die Akquise und Durchführung von Projekten zulasten der eigenen Qualifikationsarbeiten. Auch der Wettbewerb verursacht Kosten und ist für sich allein kein Garant für einen effizienten Einsatz der Mittel. Dies gilt insbesondere für jene Bereiche, in welchen Wettbewerb und Markt simuliert werden müssen, was in der Regel mittels Indikatoren im Rahmen von Evaluationen und Leistungsmessungen erfolgt. Dies führt zum zweiten vom SWIR problematisierten Themenkreis, der Leistungsmessung und -beurteilung, die gerade auch für die Nachwuchsförderung von grösster Relevanz und Bedeutung ist: Die begrenzte Aussagekraft und Verlässlichkeit von qualitativen und quantitativen Verfahren und die damit verbundenen unerwünschten Effekte werden vom SWIR klar und deutlich herausgearbeitet. Nicht allein in der Schweiz, sondern weltweit stehen die Leistungsindikatorik und die damit verbundenen Steuerungsmechanismen in der Kritik:  Zahlreiche und namhafte Forschende haben bislang die im Dezember 2012 initiierte «San Francisco Declaration on Research Assessment» (www.ascb.org/dora/) unterzeichnet. Gefordert wird ein Verzicht bzw. eine stark eingeschränkte Verwendung von bibliometrischen Verfahren zugunsten von ganzheitlicheren, der Eigenlogik der Forschungsarbeit besser entsprechenden Beurteilungsverfahren. Ein deutliches Zeichen hat der diesjährige Nobelpreisträger für Medizin, Randy Schekman, mit seinem öffentlich deklarierten Boykott von drei führenden Journals (Nature, Cell und Science) gesetzt. Alternativen zu der seit rund 20 Jahren dominierenden Beurteilung und Steuerung über die Leistungsindikatorik bestehen: Stichworte sind eine gründlichere und verbesserte Ex-ante-Auswahl von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, Begleitung, formative Evaluationen, Vertrauen, Gestaltungsfreiheit und die Förderung einer Ermöglichungskultur. Damit könnten insbesondere auch die Entwicklungschancen und -möglichkeiten des Nachwuchses entscheidend verbessert werden.

In welcher Frist und in welchem Umfang die Forschungsförderer bereit sind, den «inszenierten Wettbewerb» und die diesem zugrunde liegenden Steuerungsmechanismen zu überdenken, ist offen. Angesichts der immer deutlicher sichtbaren Kollateralschäden wie auch der mehrheitlich stillen Beerdigung des New Public Management in anderen Bereichen des öffentlichen Sektors scheint die Zeit dazu reif zu sein. Sicher ist, dass Ermöglichung, Kooperation und Gestaltungsfreiheit den Abbau der projektförmigen Finanzierung zugunsten einer erhöhten Grundfinanzierung erfordert. Notwendig ist dies insbesondere mit Blick auf Forschungsinfrastrukturen, die längst eine unverzichtbare Grundlage auch geisteswissenschaftlicher «Normalwissenschaften» geworden sind und wesentlich zu Kooperation und Ermöglichung, gerade auch für den Nachwuchs, beitragen. Dies dokumentiert der Bericht zur Tagung «Digital Humanities» im Bulletin 1/14.

Leistungsbeurteilung, Digital Humanities und Forschungsinfrastrukturen werden im Rahmen des Projektes «Erneuerung der Geisteswissenschaften» auch in diesem Jahr zentrale Themen der Akademie sein. Der Aufbau von grundfinanzierten Strukturen ist umso dringlicher, als die Geisteswissenschaften Nachholbedarf haben und ihre legitimen Anliegen im Rahmen der Nationalen Forschungsschwerpunkte erneut nicht hinreichend berücksichtigt werden konnten. Die allseits geforderte Kooperation gerade auch im Rahmen der europäischen Forschungsrahmenprogramme hat Voraussetzungen und dazu zählen insbesondere Forschungsinfrastrukturen. Die erste öffentliche Tagung in diesem Jahr fragt nach den vielfältigen Erscheinungsformen der Religion in der Moderne. Die vielschichtigen Wechselwirkungen, in denen die Religion mit bedeutenden gesellschaftlichen Teilbereichen steht, werden im Dossier des Bulletins thematisiert.

Download Bulletin 1/2014 (ab Februar 2014): www.sagw.ch/bulletin

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