Donnerstag, 23. Mai 2013

Klarheit und Geduld

Ein Beitrag von Urs Hafner, Journalist und Historiker

Der Homo scientificus helveticus ist keine Philologin, er ist ein Ingenieur. Er deutet nicht die Welt, er bohrt Tunnels. Kein Wunder also, dass die Geisteswissenschaftler in der Öffentlichkeit einen schweren Stand haben.

Wenn Geisteswissenschaftler in den Massenmedien auftreten, dann oft als Nachlassverwalter einer «Bildung » und «Kultur», die gern in Festagsreden beschworen werden, von denen aber kaum jemand zu sagen vermag, wozu sie eigentlich gut seien. Sobald es um die real things geht, kommt die Geisteswissenschaftlerin nicht mehr zu Wort. Dann statuieren der Naturwissenschaftler und der mit statistischen Wahrheiten operierende Sozialwissenschaftler, was Sache ist.

Sich kurz fassen
Dieser Umstand ist umso paradoxer, als viele Medienschaffende ein geisteswissenschaftliches Studium abgeschlossen oder zumindest angefangen haben. Im brummenden Berufsalltag angekommen, haben sie nur noch Verachtung für das schöngeistige «Geschwurbel» ihrer einstigen Dozenten übrig: Sie produzieren jetzt am Laufmeter Handfestes. Gewiss steckt hinter dieser Haltung viel Ressentiment; für dialektische Gedankengänge hats in der Massenpresse keinen Platz. Manche Geisteswissenschaftler nehmen sich jedoch (wie andere Menschen auch) nicht die Mühe oder sind nicht imstande, in wenigen Worten zu sagen, was sie eigentlich machen – was umso fataler ist, als für sie hinsichtlich der Verständlichkeit besonders strenge Massstäbe gelten, weil sie mit und an der Sprache arbeiten und lebensweltliche Gegenstände untersuchen, von denen alle etwas zu wissen glauben. Sie schieben kulturwissenschaftlichen Jargon vor sich her oder jammern über das sinkende Niveau. Oder verweigern sich der Journaille ganz. Wer die positivistischen Angriffe der verbetrieblichten Welt jedoch nicht pariert, riskiert, in der Requisitenkammer der Geschichte deponiert zu werden.

Sich mehr einmischen
Was tun? Die beschleunigten Massenmedien und die reflektierten Geisteswissenschaften werden nie gute Freunde sein. Aber Letztere könnten versuchen, sich vermehrt in die Kämpfe um die Deutungshoheit über die soziale Wirklichkeit einzumischen. Wer, wenn nicht sie – wohl kaum die Pop-sciences –, besitzt das Rüstzeug, Ideologien zu identifizieren und Dummheiten zu benennen? Allerdings müssten sie bereit sein, sich auf die Logik der Medien einzulassen. Dazu braucht es nicht nur eine um Klarheit und Knappheit bemühte Sprache, sondern auch viel Geduld und Nerven.

Der Artikel erschien im SAGW-Bulletin 2/2013 zum Dossier «Empfehlungen für die Geisteswissenschaften» und analysiert die Wahrnehmung der Geisteswissenschaften in der Gesellschaft. Das SAGW-Bulletin finden Sie hier: http://www.sagw.ch/sagw/oeffentlichkeitsarbeit/bulletin.html

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