Mittwoch, 27. März 2013

Wahrnehmung der Geisteswissenschaften in der Gesellschaft


Ein Beitrag von Marlene Iseli, SAGW

Ende Oktober vergangenen Jahres äusserste sich Bundesrat Johann Schneider-Amman, dem seit Anfang 2013 das neu strukturierte Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung unterstellt ist, zur Maturitätsquote und warnte vor zu vielen Maturanden. Dies löste eine heftige Debatte aus, wobei nicht zuletzt die Geisteswissenschaften ins Schussfeld gerieten, seien sie doch letztlich für die Wirtschaft nicht offensichtlich rentabel.

Auch im Zusammenhang mit der Debatte um den Fachkräftemangel bei den MINT-Berufen wurden einige Seitenhiebe gegen die für allzu viele junge Menschen attraktiven Geisteswissenschaften ausgeteilt, Klischees wie taxifahrende Philosophieabgänger und arbeitslose Doctores philosophicae wurden wiederholt bedient. Im Kampf um knapper werdende Ressourcen und zunehmend fehlende Arbeitskräfte infolge des demographischen Wandels wird ein Nährboden geschaffen, um Berufsbildung gegen akademische Bildung, Ingenieurwissenschaften gegen Geisteswissenschaften und Wirtschaftlichkeit gegen kulturellen Reichtum auszuspielen. Es erstaunt nicht, dass im Lichte der medial geführten Debatte auch die Geisteswissenschaften unter Druck geraten.

Relevanz der Geisteswissenschaften sichtbar machen
Dabei präsentiert sich die Lage der Geisteswissenschaften in Zeiten grosser gesellschaftlicher Herausforderungen alles andere als schlecht. In einer kulturell heterogener gewordenen Gesellschaft verstärkt die zunehmende Wahrnehmung grenzüberschreitender Phänomene das gesellschaftliche Interesse nach identitätsbildendem Orientierungswissen. So haben technische Entwicklungsprozesse auch immer eine soziale Komponente, Gesundheitsfragen verlagern sich vermehrt von den medizinischen Befunden zu übergeordneten Fragen nach Lebensqualität und sozialen Dispositionen. Neue Gesellschafts-, Familien-, Lebensformen und -Strukturen dürsten nach Wissen um Religiosität, Tradition und Innovation, transkulturelle Kommunikation und Medialität. Das Positionspapier «Für eine Erneuerung der Geisteswissenschaften» der SAGW setzt sich auf übergeordneter Ebene dafür ein, dass die Relevanz der Geisteswissenschaften gestärkt wird, auch in der gesellschaftlichen Wahrnehmung dieser Disziplinen, die sich mit dem Handeln und Hervorbringungen der Menschen in ihrer ganzen Vielfalt beschäftigen.

«The discussion must go on»
Ob sich stark haltende Vorurteile abbauen lassen...? Dies bleibt zu hoffen, in der veröffentlichten Diskussion um die employability stossen stichfeste Argumente gegen die vielzitierte Arbeitsmarktproblematik der Geisteswissenschafter offenbar immer noch regelmässig auf taube Ohren... Aber man weiss, man kann erst entscheiden, ob man Rosenkohl mag, wenn man ihn mindestens zehn Mal probiert hat.


Hinweis
Am 24. Mai stellt die SAGW das Positionspapier «Für eine Erneuerung der Geisteswissenschaften» zur Diskussion. Auf dem Podium sind Heinz Gutscher (Präsident der SAGW), Markus Zürcher (Generalsekretär der SAGW), Walter Leimgruber (Moderation, Vorstandsmitglied der SAGW), Angelika Kalt (Stellvertretende Direktorin SNF), Mauro Dell’Ambrogio (Staatssekretär des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation), Danielle Chaperon (Prorektorin Lehre, Uni Lausanne), Wolfgang Fuhrmann (Ko-Präsident der Vereinigung akademischer Mittelbau der Universität Zürich VAUZ und Vorstandsmitglied von actionuni).
Beteiligen Sie sich an der Debatte! Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

Im Bulletin 2/13 der SAGW nehmen ausgewählte Persönlichkeiten Stellung zum Positionspapier. Sie finden das Bulletin ab Mitte April unter: www.sagw.ch/bulletin




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