Dienstag, 12. März 2013

Brief an den zukünftigen Papst

Erwin Koller, Journalist und Theologe


Lieber demnächst gewählter Bischof von Rom

Wie wenige andere Lebensbereiche hält die Religion Figuren bereit, die sich dem Tagesgeschäft entziehen, überzeitlich sind und manchmal gar von archaischer Kraft. Darunter findet man den stets der nächsten Wiedergeburt entgegen eilenden Dalai Lama und eben auch das Amt, das du übernommen hast, das Papsttum, Prototyp aller Väter, Patriarchen und geistlichen Herren. Nur schon dass du dich Stellvertreter Christi nennen kannst, obwohl jener doch gesagt hat: «Ihr sollt euch nicht Vater nennen, denn einer ist euer Vater, der im Himmel», zeigt ja, dass dein Amt eigentlich viel älter ist als das Christentum, archaischer als jede Prophetie, jenseits jeder Reformation, unzugänglich für jede Kritik und doch mehr bejubelt als alle Stars der Welt. Ein Pontifex eher nach dem Muster des Römischen Kaisers als des Zimmermanns von Nazaret.

Du folgst einem, der vor acht Jahren unter diese Maske geschlüpft ist und dann unerwartet aufgegeben hat. Der kluge Mensch machte damit dieses Amt zum Job, von dem man zurücktreten kann, wenn die Kräfte nicht mehr reichen. So selbstverständlich das erscheint   das war nicht vorgesehen. Von der Hinfälligkeit des Inhabers haben wir zwar immer gewusst. Doch das Amt stand darüber und um auszuscheiden gab es nur einen Grund, den letzten, den Tod. Vater bleibt man ein Leben lang.

Doch alle Vorkehrungen sind nun getroffen, damit das Räderwerk an Ostern wieder seinen gewohnten Gang nimmt. Die archaische Mechanik der römischen Kurie wird sich von dieser Episode nicht aus der Ruhe bringen lassen.

Oder vielleicht doch? Ist ein aufkündbares Amt noch dasselbe? Hat da Benedikt XVI. nicht – ohne es zu wollen – einen Mythos entzaubert und das Amt auf menschliche Masse zurückgenommen? Wird die Grenze, die der Demissionär seiner Amtszeit gesetzt hat, andere Grenzen nach sich ziehen? Schon Johannes Paul II. hat ein Überdenken des Papstamtes gefordert, weil es das grösste Hindernis für die Ökumene ist. Sollte man damit nicht endlich ernst machen?

Darum, lieber Bischof von Rom: Entfordere dich! Mach‘s wie dein Vorgänger vor 50 Jahren: «Giovanni, nimm dich nicht so wichtig!» Teile deine Verantwortung, sonst ist dein Amt unmenschlich. Du hast 200 Kardinäle und über 4000 Bischöfe. Lass sie ihre Kompetenzen, die sie ja nach Recht und Verfassung haben, auch wahrnehmen! Sie sollen deine Verantwortung für die Weltkirche mittragen. Und vor allem: Gib ihnen den Raum, den sie brauchen, um ihre Kirche in ihrer Kultur zu verankern! Freu dich, wenn tausend Blumen blühen! Römischer Eintopf, tagtäglich, bekommt uns nicht. Und bestelle dafür die Fähigsten, nicht die Willfährigsten! Dein Vorgänger ist angetreten mit der Devise: Kampf der Diktatur des Relativismus. Doch Hand aufs Herz: Ist in deinem Amt nicht eine andere Gefahr viel grösser: die Diktatur des Absolutismus?

Und dann entstaube deine Ämter! Man hat in deiner Kurie im Lauf der Zeit viel zu viel für heilig erklärt. Es mag dir doch genügen, wenn es menschlich zu und her geht. Schaffe Transparenz! Wem du Verantwortung gibst, der soll hinstehen für das, was er tut! Und lass dir nicht von Intriganten alles in die Schuhe schieben! Konzentriere dich auf das Wesentliche! Als dein Vorgänger sich bei seinem letzten grossen Gottesdienst Asche aufs Haupt streuen liess, beklagte er die Zerrissenheit der Kirche. Darum höre zu! Schaffe Vertrauen! Baue Brücken! So wirst du glaubwürdig sein.

Und was ist wesentlich? Zuallererst: Du hast ein wunderbares Amt, das dir Weltöffentlichkeit schafft. So kannst du einstehen für die Botschaft der Bibel. Du stehst für die ganze katholische Kirche, und wenn du es klug machst, noch für viele andere Christen. Und Menschen allüberall werden sich mit dir identifizieren, vor allem wenn du sie repräsentierst etwa so wie die Königin von England. Versuch nicht, auch noch Regierungs-Chef zu sein und höchster Gesetzgeber und oberster Richter. Lass das andere tun. Das ist eine Fehlkonstruktion deines Amtes und kann dich nur überfordern. Entschlacke also deinen Dienst! Wirf Ballast ab! Das Raffen nach Macht ist deinem Amt nie gut bekommen. Geistliche Macht lebt vom Wissen, was nicht in der Macht des Menschen liegt.

Schon bald wird dich der Reformstau einholen, den deine Vorgänger dir in einem Dritteljahrhundert hinterlassen haben. Ein Verkehrsstau löst sich häufig auf, wenn alle ein vernünftiges Tempo einschlagen. Also hab ein offenes Ohr für die Reformer und rede vernünftig mit den Ewiggestrigen! Erinnere sie an das, was Jesus sagte, und im Übrigen lege ihnen keine unnötigen Bürden auf. Die Zeit für Verbote ist vorbei, Jesus gab dir doch eine Frohbotschaft mit auf den Weg. Dann werden die Menschen selber den Stau auflösen, und deine Seelsorgerinnen und Seelsorger können sich wieder dem zuwenden, was ihre anspruchsvolle Aufgabe ist: die Sorge für die Menschen.

Und noch etwas, es ist nicht minder archaisch und hat den Menschen seit je Freude, aber auch Qualen bereitet: die Sexualität. Ja, sie ist ambivalent und kann Unheimliches anrichten. Wem sag ich das! Aber ist das denn bei der Religion anders, wenn du an all die Scheusslichkeiten denkst, die in ihrem Namen begangen werden? Also: Entkrampfe das Denken und Verhalten deiner Kirche zur Sexualität. So wirst du auch einen neuen Blick bekommen für die Würde von Mann und Frau. Natürlich musst du da als Patriarch über einige Schatten springen. Aber du wirst es schaffen, denn dir ist ja klar: Die Zerrissenheit der Kirche hat hierin einen massgeblichen Grund.

Lieber Bischof von Rom! Ich weiss, du trägst Hypotheken aus Jahrhunderten. Vieles von dem zu lassen, wird nicht einfach sein. Doch ein Amt, dessen Säulen auf archaischem Gestein ruhen und dessen Väter seit zwei Jahrtausenden um die Wahrheit gerungen haben, darf doch auch die Autorität der Freiheit, die aus Fragen unserer Zeit spricht, zu ihrem Recht kommen lassen. Tu das mit aller Kraft, und du wirst nicht nur bejubelt, sondern auch respektiert werden.

Dieser Brief erschien am 16. Februar im St. Galler Tagblatt. Dr. Erwin Koller ist ein ehemaliges SAGW-Vorstandsmitglied und übernimmt demnächst von Hans Küng das Präsidium der Herbert Haag Stiftung für Freiheit in der Kirche.

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