Montag, 24. September 2018

Islam in der Schweiz

Dr. Manuela Cimeli, SAGW, Schwerpunkt «Sprachen und Kulturen»

© Kara - fotolia.com
Wir leben in einer multikulturellen und multireligiösen Gesellschaft. Religiöse und kulturelle Traditionen können Identität stärken, Menschen verbinden oder aber Ängste schüren und Konflikte hervorrufen. Heute begegnen viele der Religion Islam mit Ablehnung, Skepsis oder zumindest Desinteresse. Wie eine Anfang September veröffentlichte Studie zeigt, gibt es in den Medien immer mehr Berichte, die Distanz gegenüber Muslimen erzeugen. Der Fokus liegt auf Beiträgen zur Radikalisierung und zum Terrorismus. Daraus erwachsen Vorurteile und Pauschalisierungen, welche eine religiöse Minderheit unter ständigen Rechtfertigungsdruck stellen. Besonders betroffen sind junge Musliminnen und Muslime, die im Alltag mit negativen Stereotypen konfrontiert werden und sich für ihre Religionszugehörigkeit rechtfertigen müssen, unabhängig davon, ob sie selbst praktizierend sind oder nicht. Dass der Islam Unbehagen auslöst, zeigte sich gestern wieder: Überaus deutlich hat St. Gallen das Verhüllungsverbot angenommen.

Anerkennung
Es ist wichtig, dass die gesellschaftliche Anerkennung von Musliminnen und Muslimen in der Schweiz verbessert wird, darin sind sich die muslimischen Gemeinschaften einig. Eine Möglichkeit wäre der Weg über eine rechtliche Anerkennung ihrer Religionsgemeinschaften. Aber nicht nur gesellschaftlich, auch juristisch ist das Verfahren schwierig. Auf der Bundesebene gibt es keine Möglichkeit der rechtlichen Anerkennung. Dies liegt in der Verantwortung der Kantone. Um öffentlich-rechtlich anerkannt zu werden, braucht es eine Änderung der Kantonsverfassung. Daher hat beispielsweise der Kanton Basel-Stadt 2006 die Möglichkeit einer kleinen Anerkennung eingeführt. Sie hat grösstenteils symbolischen Charakter, die anerkannte Religionsgemeinschaft bleibt weiterhin privatrechtlich organisiert und kann vom Kanton keine Kirchensteuern erheben. Dass die verschiedenen Kantone unterschiedliche Anerkennungsbegriffe verwenden, erschwert die Diskussion und führt zu Verwirrungen. Dabei kommt es zeitweise zu Vorstellungen, die mit der Realität wenig zu tun haben. So werden beispielsweise nie «Religionen» (z.B. das Christentum oder der Islam) anerkannt, sondern einzelne religiöse Gemeinschaften oder Institutionen (z.B. die Römisch-Katholische Kirche, die Israelitische Gemeinde Basel).

Integration
Bei der Frage, ob die Anerkennung (einzelner) muslimischer Gemeinschaften der richtige Weg sei, teilen sich die Meinung der Musliminnen und Muslimen. Einige wünschen sich zuerst eine Stärkung des innerislamischen Dialogs. Die muslimischen Religionsgemeinschaften sind sehr unterschiedlich organisiert. Es gibt Kantone ohne muslimische Vereinsstrukturen, solche mit rudimentären Strukturen oder dann Kantone mit gut ausgebauten muslimischen Dachverbänden wie der Kanton Waadt. Hilfreich und realistisch können pragmatische Kooperationen sein, wie beispielsweise die Dachverbände stärker in die Gesellschaft zu integrieren.

Diskussion
Eine breite und differenzierte Diskussion rund um die Anerkennungsfrage muss auf nationaler Ebene geführt werden. Die Debatte darum könnte sogar helfen, einen Kulturkampf zu verhindern: Es gilt, die Motive und die Funktionen von Islamfeindlichkeit aufzudecken, die reine Symbolpolitik zu entlarven und die Diskussion um eine Leitkultur diffuser «Werte» zu hinterfragen.


Hintergrundinformationen gibt es in der Online-Publikation «Islam in der Schweiz», welche auf Berichten aus der Veranstaltungsreihe «La Suisse existe – La Suisse n’existe pas» basiert.

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