Donnerstag, 13. Juli 2017

Die Berufsmaturität ist männlich

Dr. Franca Siegfried Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften
Warum neigt unser Berufsbildungssystem zur Konformität? Weil der Staat es allen recht machen muss. Um es allen recht zu machen oder auf der Suche für den kleinsten gemeinsamen Nenner, wurde im Jahr 1994 die Berufsmaturität eingeführt – eine inhaltliche wie auch statusorientierte Aufwertung der Berufsbildung. Diese Aufwertung wünschten sich nicht nur Schweizer Unternehmer, sondern auch der linke Flügel der Politik. Seit den 1960er-Jahren setzten sie sich für eine Öffnung des Bildungssystems ein. Alle Kinder sollten in der Schweiz die gleichen Bildungschancen bekommen.

Kehrseiten der Bildungsinnovation
Im Jahr 2015, also 20 Jahre nach der Einführung, haben jedoch erst 13’988 Frauen und Männer eine Berufsmaturität absolviert und 63'366 eine berufliche Grundbildung abgeschlossen. Das Bildungsangebot Berufsmatur ergänzt nicht nur die berufliche Grundbildung mit erweiterter Allgemeinbildung, sondern gewährleistet auch den Wechsel an eine Hochschule. Zwei Wege sind dafür vorgesehen: Der schnellste ist mit einem zusätzlichen Tag Schule während der beruflichen Grundbildung – die sogenannte BM1. Oder man absolviert die Berufsmatur im Anschluss der beruflichen Grundbildung – die BM2. Laut Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation SBFI entscheiden sich 47 Prozent der BerufsmaturandInnen für die BM2 („Berufsbildung in der Schweiz, Fakten und Zahlen 2017“ und „Bildungsabschlüsse 2016“): Das SBFI verlangt jetzt eine Stärkung der BM1. Die Kehrseite von BM1 ist jedoch, dass ein Lernender, der öfter zur Schule geht, dem Betrieb fehlt. Der zusätzliche Schultag hat für kleinere Betriebe organisatorische, wie auch finanzielle Auswirkungen.
https://www.sbfi.admin.ch/sbfi/de/home/dokumentation/publikationen/berufsbildung.html

Neue Studie aus Bern
Einen Input für die Debatte über die Berufsbildung liefert Franziska Jäpel mit ihrer Studie: „Die Berufsmaturität als Ausbildungsalternative“ (prisma, Band 28, Haupt Verlag, Bern). Die Wissenschafterin der Universität Bern erarbeitete eine Standortbestimmung mit Daten aus der DAB-Panelstudie (Jahr 2013): 3000 SekundarschülerInnen aus der Deutschschweiz machten im Panel mit.

Motivation Statuserhaltung
Franziska Jäpel interessierte sich auch dafür, wie sich Jugendliche für ihren eigenen Bildungsweg an der beruflichen Position und an der sozialen Schicht ihrer Eltern orientieren. Das berufliche Ziel der Jugendlichen wirkt als Statuserhaltung. Ferner schneidet die Berufsmaturität bezüglich Bildung, Prestige und Nützlichkeit in den unteren Schichten besser ab als die gymnasiale Maturität. Die meisten Befragten mussten sich in der achten Klasse bzw. im jungen Alter von 14 Jahren für ihre Ausbildung entscheiden.

Die Mitte wird gelichtet und die Spitze bleibt schmal
Der Anteil der Arbeitsstellen für die ein mittleres Qualifikationsniveau erforderlich ist, sank in den letzten Jahren um 9,5 Prozent. Unter den OECD-Ländern führt die Schweiz zusammen mit Österreich und Irland diese Negativentwicklung an. Im gleichen Zeitraum erhöhte sich der Anteil der hochqualifizierten Jobs in der Schweiz so stark wie in keinem anderen OECD-Land (plus 7,6Prozent), die Zahl der Stellen für Niedrigqualifizierte nahm leicht zu (plus 1,9%). Künftig wird eine berufliche Grundbildung keine Arbeitsstelle mehr garantieren können: Die allgemeinbildende Berufsmaturität sorgt im technologischen Wandel der Digitalisierung für Flexibilität und erleichtert eine Weiterbildung bis zum Wechsel an eine Hochschule. Mittelqualifizierte mit nur einer beruflichen Grundbildung werden im Bereich der Routinearbeiten von der Automatisierung zunehmend verdrängt werden. Und es ist ein Tatbestand, dass im Jahr 2015 erst 12,7 Prozent mit einem Berufsmaturitätszeugnis abgeschlossen haben.

Was war vor zehn Jahren
„Alle bisherigen Studien kamen zum Schluss, dass die Bildungsexpansion die Situation der Chancengleichheit verbessert, aber nicht gelöst hat. Kinder aus ‚bildungsfernen Familien’ sowie Ausländer konnten vom Prozess der Expansion nicht profitieren. Statt die Öffnung der Mittelschulen und Universitäten für ihren sozialen Aufstieg zu nutzen, absolvieren sie – wie es ihre Vorväter und Vormütter taten – eine Lehre. Das macht in diesem Zusammenhang die Berufsmatura so spannend, denn sie basiert auf dieser Ebene und verbindet die klassische, praxisnahe Berufsausbildung mit theoretischem, abstraktem Allgemeinwissen“, schrieb die Soziologin Claudia König im Jahr 2004. König & Siegfried (2001) machten im Kanton Zürich eine umfangreiche Befragung von BerufsmaturandInnen, MaturandInnen und BerufschülerInnen. Sie fanden dabei die Situation, dass AusländerInnen in Berufsmaturitätsschulen mit 8 Prozent untervertreten waren.

Bildungschance für alle?
Franziska Jäpel kann jetzt mit ihrer Studie belegen, dass die soziale Schicht nach wie vor mitbestimmt, ob eine weiterführende Schule besucht wird. Die Ausbildung Berufsmaturität hat jedoch in den vergangenen 20 Jahren in den unteren sozialen Schichten an Prestige gewonnen, sogar mehr als die gymnasiale Maturität. Deshalb wählen jetzt zunehmend männliche Jugendliche diesen Bildungsweg: Im Jahr 2015 waren es 7495 Männer und nur 6493 Frauen – der Anteil AusländerInnen 7,2 Prozent. Fakt ist, dass ausländische Jugendliche die Berufsmaturität noch nicht als Bildungschance wahrnehmen.






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